H2-Antrieb für Lkw: Das große Testen

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Wasserstoffmobilität: Im Oktober 2020 waren diese sieben Wasserstoff-Lkw die ersten ihrer Art – in vier Jahren sollen 1.600 auf den Schweizer Straßen unterwegs sein.
Im Oktober 2020 waren diese sieben Wasserstoff-Lkw die ersten ihrer Art – in vier Jahren sollen 1.600 auf den Schweizer Straßen unterwegs sein.
© Förderverein H2 Mobilität/Hyundai

Die Dynamik, mit der Lkw-Hersteller an der emissionsfreien Wasserstoffmobilität basteln, ist erstaunlich. Ein wenig zerknirscht dürften sie dabei in die Schweiz schielen, wo seit 2020 die ersten „Wasserstoff-Lkw“ fahren.

Das Projekt trifft voll ins Schwarze. Mitten hinein in eine Dynamik, die im vergangenen Jahr eine Taktverschärfung erfahren hat, die fast schon unheimlich wirkt. Ende 2020 wurde das Tiroler Wasserstoffprojekt „HydrAlpine“ bei der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) eingereicht.

Potente Projektpartner, wie etwa WK Tirol, Standortagentur Tirol, FEN Research GmbH, Gebrüder Weiss GmbH, Innsbrucker Verkehrsbetriebe, Tiwag, Universität Innsbruck, VVT, Postbus AG oder Zillertaler Verkehrsbetriebe, haben dabei das Ziel definiert, wasserstoffbetriebene Busse und Lkw auf alpinen Routen zu testen, um weltweit erste Daten über die Nutzung von Brennstoffzellenfahrzeugen in gebirgigen Regionen zu liefern und deren Entwicklung zu unterstützen.

Reale Daten zu Fahrverhalten, Wartung oder Energieverbrauch in topografisch wie temperaturtechnisch herausfordernden gebirgigen Bedingungen sollen dabei gesammelt werden, um möglicherweise entscheidende Details für eine Schlüsseltechnologie der emissionsfreien Mobilität zu entschlüsseln: Wasserstoff.

Wasserstoffmobilität spielt gravierende Rolle

Noch ist nicht entschieden, ob das Projekt gefördert wird, die Entscheidung aber, dass die grüne Wasserstofftechnologie eine gravierende Rolle beim Erreichen der Klimaziele und Abschied von der karbonisierten und damit CO2 emittierenden Transportwelt spielen wird, ist gefallen. Es wird an Brennzellen-Antrieben für Frachtschiffe gearbeitet, Ende September 2020 startete im englischen Bedfordshire das erste mit Wasserstoff angetriebene Wasserstoff-Flugzeug der Welt und Airbus hat angekündigt, bis 2035 einen Jet mit Wasserstoffantrieb zu bauen.

Auf dem Meer, in der Luft und auf den Straßen laufen die Entwicklerköpfe heiß. Erst Mitte Mai 2021 machten die Marktführer auf der Straße – Daimler Truck und Volvo Truck – Schlagzeilen mit der Ankündigung, Wasserstoff-Lkw ab 2025 in Großserie produzieren zu wollen. Der Denkschwenk in den Top-Etagen war deswegen so berichtenswert, weil Wasserstoffmobilität dort vor drei Jahren noch mit Desinteresse bestraft wurde.

Schweizer H2-Schritte

Den im Mai 2018 gegründeten Schweizer „Förderverein H2 Mobilität“ hatten sie jedenfalls abblitzen lassen, als der mit dem Wunsch nach Wasserstoff-Lkws an sie herangetreten war. Der zwischenzeitlich stark gewachsene Verein (Gründungsmitglieder: Agrola AG, AVIA Vereinigung, Coop, Coop Mineraloel AG, fenaco Genossenschaft, Migrol AG und Migros-Genossenschaftsverbund) versteht sich als Plattform, um den Aufbau der Wasserstoffmobilität in der Schweiz konkret zu fördern, zu beschleunigen und er verfolgt unter anderem das Ziel, in der Schweiz ein flächendeckendes Netz an Wasserstoff-Tankstellen aufzubauen.

Gut möglich, dass die großen europäischen Hersteller die Zurückweisung der Schweizer zwischenzeitlich arg bereuen, fanden diese doch mit dem koreanischen Autobauer Hyundai recht rasch einen alternativen Partner in Ostasien. Es wurde vereinbart, dass Hyundai sich um die Lkw kümmert und der Verein um die Tankstellen-Infrastruktur. Schlag auf Schlag wurde getüftelt, entwickelt sowie gebaut und am 7. Oktober 2020 blickte die Mobilitäts-Welt nach Luzern, wo die Champagnerkorken knallten. Die Mitglieder des Fördervereins prosteten sich zu und auch den sieben anwesenden Lastkraftwagen, die nagelneu und blitzeblank in Reih und Glied dem Trubel mit der Gelassenheit von Maschinen begegneten.

Jörg Ackermann, Präsident des Schweizer Fördervereins H2 Mobilität
Jörg Ackermann, Präsident des Schweizer Fördervereins H2 Mobilität

Diese fast schon „glorreichen“ sieben sind die allerersten serienmäßig produzierten Wasserstoff-Elektro-Nutzfahrzeuge – 36-Tonner sind‘s – die am 7. Oktober 2020 Einzug in die Fuhrparks von sieben Schweizer Unternehmen fanden. Diese Unternehmen sind damit weltweit die ersten, die sich der Wasserstoff-Technologie für schwere Transporte bedienen. Zu den Unternehmen, die ihre ersten Tonnen CO2-neutral transportieren, zählen Coop, Migros, Fenaco, Galliker Logistics oder Camion Transport.

Sie gehören allesamt zum zwischenzeitlich auf über 20 Mitglieder angewachsenen Verein (darunter übrigens auch die Spedition Gebrüder Weiss, die ihre „Schweizer“ Erfahrungen in das Tiroler Projekt einbringen wird), der in den Brennstoffzellen die Zukunft witterte und mit einem außergewöhnlichen Kraftakt die dafür notwendigen Schritte in die Wege leitete. In Wege, auf denen andere Länder erst noch Fuß fassen müssen.

Henne-Ei-Dilemma gelöst

„Mit dem heutigen Tag beginnt die Dekarbonisierung des Schwerverkehrs in der Schweiz. Die Hyundai Motor Company und die Schweizer Privatwirtschaft schließen mit dem Einsatz der ersten XCIENT Fuel Cell Trucks einen Mobilitätskreislauf, der als ganzheitliches Wasserstoff-Ökosystem funktioniert“, fand Jörg Ackermann, Präsident des Fördervereins, große Worte für einen Tag, den die Vereinsmitglieder nicht bescheiden als „großen Tag für die Schweiz, für die Welt und für die Mobilität“ bezeichneten.

Derart beseelt führte Präsident Ackermann weiter aus: „Damit lösen die Mitglieder und Partner des Fördervereins H2 Mobilität Schweiz als weltweit erstes Land das Henne-Ei-Dilemma der Wasserstoffmobilität. Das wiederum wäre nicht möglich ohne die Entschiedenheit, mit der Hyundai die Entwicklung dieser Technologie vorantreibt. Das verbindende Glied in diesem gesamten Kreislauf heißt Energiewende und die Überzeugung, dass sie sich nicht ohne grünen Wasserstoff umsetzen lässt.“

Mutige Idee

Hintergrund der starken Worte und der überschäumenden Freude waren nicht allein die sieben stattlichen Trucks, die mit aus Wasserstoff erzeugtem Strom fahren und unschuldigen Wasserdampf ausstoßen. Nur einer dieser Lkw hilft, rund 70 bis 80 Tonnen CO2 pro Jahr zu sparen. Bis 2025 sollen 1.600 eidgenössische H2-Lkw unterwegs sein und dass allein die Mitglieder der Wasserstoff-Vereinigung insgesamt mit über 5.000 Nutzfahrzeugen unterwegs sind, zeigt das Ziel.

Eine mutige Idee stand am Anfang. Im großen Schweizer Einzelhandelsunternehmen Coop wurde sie geboren. Die gigantische Herausforderung des Klimawandels und der Dekarbonisierung vor Augen, mit der auch zahlreiche ökonomische Ebenen umgekrempelt werden müssen, beauftragte das Unternehmen ein Ingenieurteam damit, einen Wasserstoff-Lkw zu entwickeln. Mitte 2017 war es so weit. Das Fahrzeug konnte die Anforderungen erfüllen und rund 400 Kilometer mit einer Wasserstofffüllung fahren.

In der Brennstoffzelle wird dabei mittels einer chemischen Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff aus der Umgebungsluft elektrischer Strom erzeugt, der den 350 kW-Elektromotor antreibt. Das war der erste Streich, dem mit der Vereinsgründung der zweite folgte, wobei der gemeinsame Kraftakt darin lag und liegt, die Schweiz mit ausreichend Wasserstoff-Tankstellen auszustatten.

Das ist es, was Ackermann mit dem Henne-Ei-Problem meint. Ohne Tankstelle kein H2-Lkw und ohne H2-Lkw keine Tankstelle. In den flächendeckenden Tankstellen-Ausbau stecken die potenten Vereinsmitglieder jedenfalls viel „Kohle-Kraft“, 2023 schon soll es so weit sein und der klimafreundliche Clou liegt darin, dass der Wasserstoff mit erneuerbaren Energiequellen hergestellt wird. Das ist schließlich der Punkt.

Weitere Informationen: Tiroler Forschungszentrum HyWest verbindet unterschiedliche Wasserstoffprojekte