Mobilitätswende: Technologieoffenheit ist entscheidend

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Symbolbild Mobilität
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Anstrengungen sind notwendig, um alternative Antriebe ohne fossilen Beitrag „auf die Straßen“ zu bringen. Ob eFuels, Wasserstoff oder E-Mobilität, die Technologieoffenheit muss gegeben sein.

Es herrscht extremer Stress, Entwicklungsstress – und das ist in dem Zusammenhang nicht die schlechteste Ausgangsposition. „Die Mobilitätswende ist ein notwendiges Resultat aus dem Ziel, die Treibhausgase zu reduzieren und die Klimaziele zu erreichen“, stellt Josef Ölhafen, Leiter der verkehrspolitischen Abteilung der WK Tirol fest. Das Ziel, die Erwärmung der Erde durch eine massive Reduktion des CO2-Ausstoßes zu stoppen und damit die Welt zu retten, ist alles andere als leicht zu erreichen.

„Wenn wir nur den Funken einer Chance haben wollen, müssen wir alle Technologien, die uns derzeit zur Verfügung stehen, nutzen. Und wir müssen in allen diesen Bereichen massive technologische Anstrengungen unternehmen“, weiß Ölhafen. Unternehmen ist ein treffliches Stichwort, beschreibt es doch nicht nur dynamische Aktivität sondern auch jene, die die Klima- und Mobilitätswende in allen Bereichen herausfordert. Von der Entwicklung der neuen Möglichkeiten hin zur Umsetzung derselben im unternehmerischen Alltag.

Kooperation

Dieser gigantischen Herausforderung stellen sich beispielsweise jene rund 700 Unternehmen, deren Vertreter sich am 9. November 2021 in Schwaz trafen, um im Vorfeld der österreichischen Leitmesse für Elektromobilität, „BieM4Future“, einen Kooperationsvertrag zu unterzeichnen, der Basis für einen länderübergreifenden Turbo sein soll. Mit dabei: Die Elektromobilitäts-Verbände aus Deutschland (BEM), Österreich (BieM) und der Schweiz (Swiss eMobility).

„Wir wollen Maßnahmen in Richtung Entscheidungsträger, Regierungen, Ministerien und selbstverständlich in Richtung EU bündeln und die Unternehmen miteinander vernetzen, damit wir im Bereich der Transformation schneller weiter kommen“, erklärt Gerald Windisch, Vorstand der Bundesinitiative eMobility Austria (BieM), Mitglied der ARGE New Mobility Tirol (Lebensraum Tirol Holding/Standortagentur Tirol) und Tiroler e-Mobilitätsexperte mit Pioniercharakter.

Den hat auch die in Schwaz zelebrierte Elektromobilitäts-Initiative „eDACH-2030“, zu der Kurt Sigl, Präsident der deutschen BEM, die rund 600 Mitgliedsbetriebe vertritt, festhält: „Vor dem Hintergrund des steigenden Bedarfs an koordinierter Mobilitäts- und Klimapolitik ist es mehr als sinnvoll, Kompetenzen der e-Mobilitäts-Experten zusammenzubringen und Synergien zu entwickeln. Im Kreis der gemeinsamen Sprache liegt ein wunderbarer Ausgangspunkt.“

Brachten in Schwaz die Elektromobilitäts-Initiative „eDACH-2030“ auf den Weg (v.l.): Kurt Sigl (BEM, Deutschland), Helmut-Klaus Schimany (BieM, Österreich), Krispin Romang (Swiss eMobility, Schweiz).
Brachten in Schwaz die Elektromobilitäts-Initiative „eDACH-2030“ auf den Weg (v.l.): Kurt Sigl (BEM, Deutschland), Helmut-Klaus Schimany (BieM, Österreich), Krispin Romang (Swiss eMobility, Schweiz).
© BieM/Gerald Windisch

Wirtschaftsfaktor

Stimmt. Die gemeinsame Sprache erleichtert das Netzwerken im Herzen Europas, das in Punkto Mobilitätswende am 9. und 10. November 2021 in Tirol schlug, wo nicht nur der Kooperationsvertrag unterzeichnet sondern auch ein spannender Diskurs zu den Technologien und den Chancen geführt wurde. Ein Panel der Leitmesse war der Mobilitätstransformation als Wirtschaftsfaktor gewidmet und der Frage, wie sich in diesem Bereich der Arbeitsmarkt entwickeln wird.

In diesem, um die fossilen Energieträger werkelnden Sektor, zu dem vor allem der Autozuliefererbereich gehört, zählt Österreich derzeit etwa 35.000 Arbeitsplätze. Davon werden im großen Transformationsprozess einige verloren gehen, doch gibt es eben auch die andere Seite. Jene, in der unter anderem die Tatsache abgebildet wird, dass individuelle Mobilität vor allem in ländlichen Regionen noch keine realistische Alternative hat, die Antriebe der Fahrzeuge aber schon.

„Wenn du im Lechtal wohnst, brauchst du ein Auto. Es geht darum, welches“, spricht Gerald Windisch den weiterhin bestehenden Bedarf an Fahrzeugen an, die nicht nur hergestellt, sondern auch „betreut“ werden wollen. „Der Klima- und Energiefonds hat in dem Zusammenhang eine Studie bei Fraunhofer Research Austria in Auftrag gegeben, laut der wir in diesem Sektor bis 2030 eine Steigerung um 11 Prozent auf 41.000 Arbeitsplätze haben werden.“, sagt Windisch und betont, dass in der Transformation der Mobilität durchaus ein Wirtschafts- und Jobmotor stecken kann. Dafür müssen auch auf Ebene der Fachkräfte und der Ausbildung derselben noch große Schritte genommen und aus Theorie muss Praxis werden.

Vernetzung

Das ist es auch, was Windisch mit einem aktuellen Projekt verfolgt, das zudem ein schönes Beispiel für die Vernetzung darstellt, die mit der e-Mobilitätsinitiative angekickt werden soll: „Ich bin gerade dabei, drei Firmen zu vernetzen. Die eine baut LKW und Busse um, indem sie ein altes Fahrzeug nimmt, den fossilen Antriebsstrang herausreißt und durch einen elektrischen ersetzt. Die andere Firma ist hier in Tirol und daran interessiert, diese Umbauten in Lizenz in Österreich anzubieten und eine Entsorgungsfirma interessiert sich dafür, einen Versuch damit zu starten.“ Wenn im nächsten Jahr wahr wird, was derzeit geplant ist, dann könnte diesem Pilotprojekt nicht viel im Wege stehen. Windisch: „2022 soll es eine Unterstützung für Unternehmen für die Umrüstung der Nutzfahrzeuge geben. Möglicherweise wird die bis zu 80 Prozent betragen.“

Mit dieser Förderung soll der alternative Antrieb ohne fossilen Beitrag adressiert werden, nicht nur e-Technologien also, sondern auch Wasserstoff oder klimaneutrale eFuel-Lösungen. Mit derartigem CO2-neutralem synthetischem Treibstoff wird seit kurzem ein Pistengerät am Hintertuxer Gletscher getankt, um im Rahmen eines Pilotversuches diese Technologie zu testen.

Pistenpotenzial

„Im Wettbewerb unterschiedlicher Technologien hoffen wir, dass wir dem Ziel, Skigebiete klimaneutral machen zu können, einen großen Schritt näher kommen“, erklärt dazu Österreichs oberster Seilbahner Nationalrat Franz Hörl. Nachdem es bereits Feldversuche mit Batterie- und Wasserstoffantrieben auf den Pisten gegeben hat, wird nun der eFuel-Versuch mit Spannung beobachtet. Denn das Potenzial ist für diese spezielle Nische ziemlich groß. Österreichweit sind im Winter etwa 2.000 Pistengeräte im Einsatz, rund die Hälfte davon in Tirol. Die schweren Geräte, die in stets schweren hochalpinen Bedingungen die Pisten präparieren, verbrauchen jährlich etwa 30 Millionen Liter Kraftstoff, was einen Ausstoß von 40.000 Tonnen CO2 bedeutet.

Satte Zahlen, die mit dem Ziel der klimaneutral betriebenen Skigebiete vor Augen, zu Neuerungen animieren. Und wieder sind es Vernetzungen und Synergien, die das ermöglichen. Das Projekt wird durch die Forschungsabteilung der AVL List GmbH begleitet, die 2022 die modernste Power-to-Liquid-Anlage Europas in Betrieb nehmen wird. Das Pistengerät, das die Zillertaler Gletscherbahn zur Verfügung stellt, stammt von der Firma Kässbohrer, deren Geschäftsführer Christian Paar feststellt: „Der beim Versuch eingesetzte PAL Kraftstoff ist für die Motoren, die Kässbohrer verbaut, zugelassen. Der Vorteil liegt klar darin, dass keine großartigen Änderungen an den Motoren oder der Kraftstoffinfrastruktur erforderlich ist. Man kann sagen, dass man einfach auftankt und schon ist das Gerät startklar.“

Großes Potenzial: Christian Paar (Geschäftsführer Kässbohrer), Fachgruppenobmann Franz Hörl, Klaus Dengg (Geschäftsführer Zillertaler Gletscherbahn) und Jürgen Roth (eFuel Alliance Österreich, v.l.) präsentierten den Kooperationsvertrag. Damit will man dem Ziel, die heimischen Skigebiete klimaneutral zu machen, einen großen Schritt näher kommen.
Großes Potenzial: Christian Paar (Geschäftsführer Kässbohrer), Fachgruppenobmann Franz Hörl, Klaus Dengg (Geschäftsführer Zillertaler Gletscherbahn) und Jürgen Roth (eFuel Alliance Österreich, v.l.) präsentierten den Kooperationsvertrag. Damit will man dem Ziel, die heimischen Skigebiete klimaneutral zu machen, einen großen Schritt näher kommen.
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Energiehunger

Wenn alte Fahrzeuge oder Geräte unkompliziert umgerüstet oder CO2-neutral betankt werden können, ist das wohl die verlockendste Variante und auch für sie müssen alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Derzeit gehen Experten davon aus, dass eFuels bald vor allem in der Luft- oder Schifffahrt eingesetzt werden, Wasserstoff bei schweren Maschinen und Lkw-Langstrecken und Batterien beim Individualverkehr. Möglich sind in Zukunft aber auch andere Varianten, schlicht, weil die Forschung noch längst nicht zu Ende ist. „Und für alle klimafreundlichen Lösungsansätze brauchen wir erneuerbare Energie, sehr viel erneuerbare Energie“, macht Josef Ölhafen darauf aufmerksam, dass nicht nur die neuen Varianten der Mobilität einen enormen Hunger nach sauberer Energie haben, sondern auch die Industrie, und die Forschung, und der Bau, und, und und.

„Die Technologien sind alle schon da. Wir wissen, wie man Wasserkraftwerke baut oder Photovoltaik nutzt, aber wir müssen sie noch besser machen, effizienter und mehr aus den vorhandenen erneuerbaren Energien herausbringen, damit wir nicht in die Falle tappen, uns wieder vom Ausland abhängig zu machen“, so Ölhafen weiter. Stimmt. Wenn in Wasserstoff gespeicherte Energie aus Libyen oder Windkraftenergie aus Patagonien importiert wird, beißt sich die nachhaltige Katze in den Schwanz.

„Das macht keinen Sinn, darum müssen wir schauen, die Umsetzung effizienter zu machen und eine höhere Energieausbeute zu bekommen“, sagt Ölhafen, der in dem Zusammenhang auch auf die Gefahren hinweist, die im voreiligen Schließen von technologischen Türen stecken: „Werden beispielsweise Flüsse unter Naturschutz gestellt, kann ich dort nie mehr etwas tun, selbst wenn es irgendwann eine effiziente Möglichkeit gibt, aus Fließgewässern Energie zu gewinnen.“ Vieles ist möglich, vieles wird möglich sein müssen. Der extreme Entwicklungsstress ist wichtig und er ist positiv. Auf allen Ebenen.

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