Stationärer Handel im Wandel: Neustart auf vielen Ebenen

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Stationärer Handel Innsbruck
Die Kundenfrequenz ist einer der entscheidenden Faktoren im stationären Handel. Top-Lagen, wie die Innsbruck-Altstadt, haben diesbezüglich bereits beste Voraussetzungen.
© Innsbruck Tourismus/Christof Lackner

Die Corona-Pandemie macht dem stationären Handel Feuer unterm Hintern und fordert die Politiker heraus. „Der Einzelhandel braucht den Nährboden, um wachsen zu können“, weiß WK-Vizepräsident Martin Wetscher.

Dass die Pandemie die Vorzeichen für unzählige Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftslagen durcheinanderwirbelt und nachhaltig verändert, ist keine neue oder allzu kluge Erkenntnis. Auf vielen Ebenen lassen sich die Folgen dieser Dynamik weder absehen, noch in ihren Dimensionen einschätzen. Nur in den Städten und Dörfern des Landes ermöglichten die Lockdowns den Blick in eine gigantische Glaskugel, die zum Weissagen ebenso anregt, wie zum Schwarzmalen.

„Diese Pandemie war nicht nur ein Brandbeschleuniger für den digitalen Einkauf. Weil die Möglichkeit zum Einkauf im stationären Handel gar nicht bestand, haben die Innenstädte und Dorfkerne gesehen, dass sie ein Problem haben, wenn die Geschäfte pleite gehen und zusperren“, belebt Martin Wetscher, Vizepräsident der WK Tirol, den düsteren Blick in die leblosen Stadt- wie Dorfkerne und sagt: „Was bis jetzt theoretische Anschauung war, hat man brandheiß am Tisch serviert bekommen. Genau jetzt muss gehandelt werden. Genau jetzt ist der beste Zeitpunkt.“

Mikro- und Makroebene

Während die Einzelhändler selbst knallhart dazu animiert werden, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken, möglicherweise gemütliche Gewohnheiten über Bord zu werfen und den Kunden auf eine Art in den Mittelpunkt ihres Händler-Handelns zu stellen, der den Kunden die sprichwörtliche Krone aufsetzt, gilt das für die Verantwortlichen in den Städten und Dörfern nicht weniger. Durch ihre Brille müssen die kleinen Händler, Gastronomen, Gewerbe- und Handwerksbetriebe die Könige sein. Sie bilden die Mikroebene jedes urbanen Kräfteparallelogramms. Und der Rahmen, in dem sie arbeiten, stellt die Makroebene dar. Beide müssen funktionieren, ineinandergreifen und nach draußen strahlen.

„Das ist kein Stadtproblem“, stellt Wetscher zudem klar, „das betrifft jede Form von Urbanität oder Dörflichkeit. Die Makroebene betrifft die Umgebung, in der die Betriebe die Chance haben zu leben oder eben zu überleben. Erst wenn diese Kerne eine Anziehung haben, die Leute gerne dorthin fahren und verweilen wollen, hat der Einzelhandel den Nährboden, den er braucht, um zu wachsen.“

Großer Leidensdruck

Über diesen Nährboden wurde in den vergangenen Jahren schon viel diskutiert und theoretisiert. Nicht zuletzt befeuert durch die WK Tirol war auch der zunehmende Digitalisierungsdruck thematisiert und dem stationären Handel waren die Gefahren des Status quo vor Augen geführt worden. Doch scheint auf den teils durch Touristen gedüngten, vermeintlich „g’mahten“ Tiroler Händlerwiesen der Leidensdruck nur punktuell spürbar geworden zu sein.

„Mit vollen Hosen ist leicht stinken, heißt es. Vor Corona waren die Touristen da. Nehmen Sie allein den Weihnachtsmarkt in Innsbruck. Da brauchst du nicht viel, das funktioniert von alleine. Nur, wenn die Gäste ausbleiben, hast du ein Problem“, entlarvt Siegfried Keusch die trügerische Situation. Mag es auch unsinnig sein, Tirol ohne Touristen zu denken, so ist es genauso unsinnig oder gar gefährlich, sie als Basis für das urbane Leben zu sehen.

Endstation stationärer Handel?

Siegfried Keusch ist Experte für stationären Handel und Autor etwa des Ende 2020 erschienenen Buches „Endstation stationärer Handel? Warum Dienstleistung nach der Corona-Krise radikal neu gedacht werden muss“. In diesem Buch packt er die stationären Händler auf konstruktive Art „am Krawattl“, entlarvt dabei die Ausrede, dass der Online-Handel ihr Geschäft zerstören würde, und gibt ihnen Tipps beziehungsweise Handlungsanleitungen, um den Veränderungen positiv zu begegnen.

„Die Stadt ist gefordert, ein Umfeld zu schaffen, wo ein stationärer Händler die Frequenz bekommt. Das wird meiner Meinung nach massiv vernachlässigt, da muss man ganz aktiv daran arbeiten“, weiß auch Keusch um den Wert des „großen Ganzen“, das schon vor Corona wackelte, mit der Pandemie aber ins Wanken gerät. Bis in die letzten der vielen schönen Winkel in den Städten und Dörfern ist klar, wie schwer es ist, sie wiederzubeleben, wenn sie erst gestorben sind, weil der Einzelhandel Arm in Arm mit Gastronomie und Gewerbetreibenden verschwunden ist.

Porträtfoto Siegfried Keusch
Siegfried Keusch

„Aktiv daran arbeiten“ ist für alle Beteiligten die Zauberformel. „Das Bewusstsein für die Stellhebel – zu denen etwa Architektur, Infrastruktur, öffentlicher und privater Verkehr, Mietermix, Veranstaltungskonzept oder gemeinsame Werbung gehören – fehlt noch genauso wie das Wissen darüber, wer wofür zuständig ist. Wir bemühen uns, das zu klären, bis zu einem gewissen Grad zu organisieren und jedenfalls das Bewusstsein zu schärfen“, erklärt WK-Vizepräsident Wetscher die krisenfeste Beharrlichkeit, mit welcher er und die WK-Sparte Handel der komplexen Thematik begegnen.

„Es nicht als Problem zu sehen, ist das Problem. Wenn der Stadtteil nicht entwickelt wird, kannst du als Händler tun was du willst“, lenkt Wetscher den Blick vom Geschäft aus in die Straße, den Stadtteil, das Grätzel – den öffentlichen Raum, dessen Qualität und Attraktivität für die weitere Entwicklung entscheidend ist.

Urbaner Raum als Freizeitraum

Vor dem Hintergrund, dass dem Sterben entgegengewirkt und auch Unattraktives attraktiviert werden kann, hat Wetscher lange vor der Pandemie schon Kontakte geknüpft. Zum Wiener Team von „stadtluft“ beispielsweise, das sich auf die Gestaltung von Lebensräumen spezialisiert hat. Landschaftsplanerin und Stadtteilmanagerin Angela Salchegger gehört dazu und sie stellte Anfang 2020 gegenüber der Tiroler Wirtschaft fest: „Es hat in den letzten zehn bis 20 Jahren einen großen Wandel gegeben. Der urbane Raum wird viel mehr als Freizeitraum wahrgenommen. Vor 20 Jahren war noch ganz klar, dass man aus der Stadt hinausfahren muss, um diese Qualität zu erleben.“

Auch dieser Wandel betrifft den Handel, hat sich mit der Eroberung der Stadt als Freizeitraum doch die Erwartungshaltung der Menschen an die Stadtteile, Straßenzüge und Geschäftstreibenden grundlegend geändert. Die Erwartungshaltung wird auch von Bildern geprägt, die beispielsweise via Fernseher in die Köpfe gelangten und Lust auf pulsierende Urbanität machen. „Da ist eine hohe Anspruchshaltung entstanden, die oft im Widerspruch zu dem steht, wie Stadt funktioniert. Die subjektive und objektive Wahrnehmung von Stadtraum driften da manchmal auseinander. Es kann eben nicht an jeder Ecke Prenzlauer Berg sein“, so Salchegger.

WK-Vizepräsident Martin Wetscher

Es gibt viele Knackpunkte, die entscheiden, ob ein Straßenzug als attraktiv wahrgenommen oder ob er so schnell wie möglich durchquert wird. Diese Knackpunkte zu entlarven und gegebenenfalls mit neuen Vorzeichen zu versehen, bedarf eines gemeinsamen Kraftaktes und viel Verständnis für Entwicklungsprozesse. Die Strahlkraft einer lebendigen Straße, die dazu einlädt, länger als geplant zu verweilen, zu bummeln, zu schauen, zwischendurch einen Kaffee zu trinken und gerne wiederzukommen, ist auch in per se attraktiven Altstädten kein Zufall oder Selbstläufer. „Man kann das gestalten. Das ist wichtig zu wissen“, stellt Martin Wetscher klar. Das ist wichtig zu wissen. Und das ist der Ansporn dafür, Gas zu geben. Genau jetzt. Gerade jetzt.