Energie-Unabhängigkeit: Tiroler Möglichkeiten

Lesezeit 9 Minuten
In der "Brotschmiede" von Philipp Schweiß (l.)und Alexander Katsch (r.) in Hall kommt die Energie für die Reinigung des Getreides und für die Steinöfen von der Sonne.
© Brotschmiede

Dass den Unternehmen, die von der Energiekostenlast erdrückt werden, kurzfristig geholfen werden muss, ist das erste Gebot. Unabhängiger von geopolitischen Risiken zu werden, das zweite.

Sein Lächeln ist in Zeiten wie diesen so ungewöhnlich wie die Position, von der aus das kleine Unternehmen den negativen Auswirkungen der geopolitischen Hiobsbotschaften trotzen kann. „Ja, bei den ganzen Preiserhöhungen stehen wir gerade außen vor, weil wir unsere eigenen Rohstoffe haben und nicht so abhängig sind“, sagt Alexander Katsch. Zusammen mit Philipp Schweiß steht Katsch an der Spitze einer kleinen, familiären Backtruppe, die unter dem Namen „Brotschmiede“ firmiert und ein ganz spezielles Konzept zelebriert. Auf besondere Weise nachhaltig ist es, weil die Tiroler ihr Getreide selbst anbauen. Ur-Dinkel und Ur-Emmer werden täglich zu gebackenen Köstlichkeiten verarbeitet – Getreidesorten also, mit denen vor über 2.100 Jahren auch in Tirol die Grundlage für ein Lebensmittel gelegt wurde, das den Überlebensplan der Menschheit entscheidend bestimmt. Mit großer Leidenschaft und Begeisterung ehren „die Brotschmiede“ das Erbe der Ahnen – und halten die traditionelle Handwerkskunst mit viel Einsatz am Leben.

„Von unserem kleinen Bergbauernhof in Westendorf kommen die Milch, die Eier und der Käse, die wir verarbeiten“, so Katsch weiter. Dass sich der verarbeitete Teig bis zu 60 Stunden lang selbst entwickelt und ohne Hefe auskommt, ist eine weitere Besonderheit. Dass die Bäckerei nicht angesichts der Preisexplosionen am Energiemarkt verzweifelt, eine nächste. „Sowohl die Getreide-Reinigungsanlagen als auch unsere Steinöfen werden mittels Sonnenenergie versorgt. Wir sind in der glücklichen Position, von der Energieautarkie des Gemüselands Hall profitieren zu können“, so Katsch.

Spannende Kombination

Seit rund fünf Jahren ist die Brotschmiede an einem Standort angesiedelt, der in vielerlei Hinsicht hervorsticht. Viele Jahrzehnte passierte in der Straubkaserne in Hall das, was in Kasernen eben so passiert. 2009 war die militärische Nutzung aber auf Grundlage eines Beschlusses der Bundesheer-Reformkommission eingestellt worden und das verkehrstechnisch bestens zwischen dem Haller Westen und dem Thaurer Süden gelegene Gelände lag für recht lange Zeit brach. Bis 2013, um genau zu sein, als es fünf großen Gemüsebauern gelang, das neun Hektar große Areal zu erwerben, um es mit neuem Leben zu füllen. Die größte und nachhaltigste Gemüsebaulogistik Westösterreichs zu errichten, war der Plan. Er wurde mit vielen Finessen umgesetzt und seit 2017 erinnert nur noch die Adresse – Kasernenweg – an die ursprüngliche Nutzung.

Heute darf das Areal durchaus als Smart City bezeichnet werden – mit Strom aus eigener Fotovoltaik, Kühlung mit Grundwasser, Heizung durch Restwärme, einer eigenen Rapsöl-Tankstelle und einer cleveren IT-Infrastruktur im Hintergrund. „Mittlerweile sind fast 40 Unternehmen im Gemüseland angesiedelt – von der Brotschmiede über klassische Gemüseverarbeitungsbetriebe hin zum Beispiel zu den AlpPine Spirits oder den Alpengarnelen“, sagt Andreas Giner. Giner ist mit dem gleichnamigen Thaurer Gemüseunternehmen einer der fünf Initiatoren des „5er Gemüselandes“. Gemeinsam ist ihnen allen, dass ihre Geschäftsgrundlage ressourcenintensiv ist und gemeinsam ist ihnen auch, dass sie in ein Projekt investieren wollten, das Ressourcen schont – und damit auch die Kosten. „Bis jetzt können wir mit der Fotovoltaikanlage 1,75 Megawattstunden Strom produzieren. Das wird jetzt auf zwei Megawattstunden erweitert“, blickt Giner auf die kraftstrotzenden Dächer des Areals, um dann auf den Clou aus dem Boden hinzuweisen: „Wir haben eigene Tiefenbrunnen, mit denen wir aus der zweiten Talsohle Wasser heben, das wir für die Kühlanlagen verwenden. Das heißt, wir kühlen nicht mit Strom, sondern mit kaltem Grundwasser.“

Die beim Kühlen entstehende Prozesswärme wird dann mithilfe einer Wärmepumpe für das Warmwasser und das Heizen der Hallen genutzt. Giner: „Die Kombination ist es, die das Ganze so spannend macht.“ Spannend ist auch, dass das Konzept nicht stillsteht und immer weiterentwickelt wird. Beispielsweise wird der Energieverbrauch stets und überall gemessen. Gibt es Spitzen, wird versucht, diese wenn möglich zu unterbinden. Auch die Kühlanlagen werden permanent beobachtet, sind die Abtauphasen doch die heikelsten beziehungsweise energieintensivsten Zeiten. „Wir versuchen, das breit zu streuen“, so Giner. Weil das Kühlwasser durch geschlitzte Rohrsysteme in einer Tiefe von 2,5 Metern breitflächig versickert, darf es wärmer sein und allein das wirkt sich insofern günstig aus, als dass der Kühlbedarf mit nur der Hälfte des sonst üblichen Wasserverbrauchs erledigt werden kann. „Was wir beeinflussen können, beeinflussen wir“, sagt Andreas Giner. Die Eigenversorgungsquote des 5er Gemüselandes ist extrem hoch. „Natürlich müssen wir, wenn’s draußen minus 15 Grad hat, dazuheizen und da brauchen wir auch Gas“, sagt Giner. Sie brauchen es aber nicht automatisch und auch nicht sowieso.

Andreas Giner
Andreas Giner

Rentables Investment

Die von Giner erwähnte Wärmepumpe ist ein Rädchen im ziemlich autarken Gemüseland-Triebwerk. „Wärmepumpen nutzen in erster Linie die in der Natur gespeicherte Energie – wie Sonnenenergie – um sie dann auf ein höheres Temperaturniveau zu bringen. Bis zu einem Temperaturniveau von 70 bis 80 Grad Celsius ist das technologisch relativ einfach möglich“, erklärt WK-Vizepräsident Manfred Pletzer die Technologie, auf die nicht nur Haushalte setzen, sondern auch zunehmend Unternehmen, die ihre Gebäudetechnik auf nachhaltigere und planbarere Beine stellen wollen. Zur familiengeführten Unternehmensgruppe, der Manfred Pletzer vorsteht, zählt auch das iDM Wärmepumpen-Werk in Osttirol, wo eine erhöhte Nachfrage von gewerblichen Interessenten registriert wird.

„Im Zusammenhang mit der Gebäudetechnik gibt es gerade aus dem Bereich Industrie, Gewerbe und speziell aus der Hotellerie und Gastronomie vermehrt Anfragen“, sagt er. Der Wärme- und Warmwasserbedarf eines Hotels wird in weiten Teilen – noch – mit Gas gedeckt. Der Gasverbrauch des zur Pletzer-Gruppe zählenden Hotels Hohe Salve in Hopfgarten beträgt beispielsweise 1,2 Millionen Kilowattstunden pro Jahr, mit Wärmepumpen werden bereits 50 Prozent des Bedarfs gedeckt. „Nächsten April, also nach der Heizsaison, werden wir zu 100 Prozent auf Wärmepumpentechnologie umstellen. Das Investment von rund 500.000 Euro rechnet sich, wir haben eine Amortisation nach fünf Jahren“, sagt Pletzer. In der nachhaltigen Formel steckt auch die Eigenerzeugung von Sonnenstrom, den Pletzer mit 20 Prozent des Bedarfes angibt.

"Es gibt Möglichkeiten und es gibt Licht am Ende des langen Tunnels", sagt WK-Vizepräsident Manfred Pletzer. Es gibt auch Beispiele, wir Tiroler Unternehmen dieses Licht ansteuern.
© Brotschmiede

Unabhängiger vom Gas werden

„Strom ist mittelfristig sicher ein unabhängigerer Energieträger als Gas und die Stromversorgung soll in Zukunft auch immer unabhängiger vom Gas werden“, lenkt Pletzer den Blick zu den Entkoppelungsszenarien, die auf den Agenden der nationalen Regierungen genauso stehen, wie jenen der Europäischen Union. Dass all diese Bemühungen den Unternehmen aktuell keine Hilfe sind, ist bekannt. „Darum ist es so wichtig, energieintensive Unternehmen, die von den Preissteigerungen stark betroffen sind, kurzfristig abzusichern, aber mittel- und langfristig müssen Investitionen getätigt werden. Die Konsequenzen des Klimawandels sind wesentlich weitreichender und kostspieliger als es die aktuelle geopolitische Krise ist“, so Pletzer.

Bis zu einem gewissen Grad eignen sich Wärmepumpen auch um energieintensivere Fragen nachhaltig zu beantworten. Die Fernwärme Wien setzt beispielsweise auf Wärmepumpentechnologie, um die Wärme in das Netz einzuspeisen. Und ein namhaftes Tiroler Unternehmen, das diese Pläne aber erst nach Abschluss beziehungsweise Fixierung derselben öffentlich machen will, arbeitet intensiv am Einsatz einer Wärmepumpe mit großen Dimensionen. „Auch in der Prozesstechnik kann diese Technologie eingesetzt werden, doch das sind dann individuelle Lösungen“, sagt Manfred Pletzer und hält fest: „Es gibt Alternativen auch für energieintensive Produktionen und es gibt gute Unternehmen und Anlagenbauer in Tirol, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen.“

Hocheffiziente Energiewerke

Über eine dieser Kombinationen – aus einem Kunden mit energieintensiver Produktion und einem Tiroler Unternehmen, das sich mit diesem Thema auseinandersetzt – wurde Anfang Oktober 2022 von ORF Tirol berichtet. Demnach hat die Friedrich Deutsch Metallwerk GmbH jüngst zwei große Blockheizkraftwerke bei INNIO in Jenbach bestellt, mit denen das Unternehmen ab kommendem Frühjahr den exorbitant gestiegenen Energiepreisen entgegentreten will. Die Firma Deutsch, deren Expertise sowohl im Bereich der Skikanten-Herstellung wie auch bei Automobilherstellern wie BMW oder Mercedes Weltruf genießt, muss damit rechnen, dass die Energiekosten im Jahr 2023 bei 24 Millionen Euro liegen werden – statt wie bisher bei drei Millionen Euro. Das Schmelzen von Metall und die Fertigung sind extrem energieaufwändig und mit den Blockheizkraftwerken sollen die
Kosten reduziert werden.

WK-Vizepräsident Manfred Pletzer
Manfred Pletzer

„Die Jenbacher Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, auch Blockheizkraftwerk genannt, von Innio werden in den unterschiedlichsten Branchen zur effizienten Strom- und Wärmeerzeugung genutzt“, sagt Susanne Reichelt, Senior Media Relations Manager bei Innio, und erklärt: „Das beginnt bei einem Leistungsspektrum von weniger als 1 MW in öffentlichen Einrichtungen, Krankenhäusern, Hotels, Einkaufszentren und der Lebensmittel- oder der weiterverarbeitenden Industrie – und reicht bis zu 100-MW-Anlagen in großindustriellen Anwendungen oder bei Energieversorgungsunternehmen wie dem Küstenkraftwerk Kiel in Deutschland.“
Rund 50 Prozent der Jenbacher Energielösungen werden bereits heute mit erneuerbaren Gasen betrieben. Dazu zählen neben Biogas und Klärgas unter anderem auch Deponiegas oder Holzgas. „Zudem bieten wir mit unserem digitalen Energiemanagement und der Wasserstoff-Tauglichkeit
unserer Jenbacher Motoren zentrale Technologien für eine grünere Energiezukunft“, so Reichelt.

Ausgezeichnete Pionierrolle

Neben Fotovoltaik-Anlagen, Wärmepumpen und Blockheizkraftwerken ist das von Reichelt genannte chemische Element Wasserstoff eine Energiequelle, die in Tirol pionierhaft zum Tragen kommt. Und auch die Wasserstofftechnologie ist eine, deren Entwicklung vor allem in den letzten Jahren große Sprünge machte. Etwa in Völs, wo der Tiroler Lebensmittelhändler MPreis im Juni 2022 die erste Wasserstoff-Tankstelle für Lkw in Betrieb nehmen konnte. Die Tragweite der innovativen Großinves-tition wird weit über die Landesgrenzen hinaus anerkannt. So wurde MPreis Ende September 2022 dafür mit dem VCÖ-Mobilitätspreis ausgezeichnet und kurz darauf wurde bekannt, dass sich das Unternehmen auch den Energy Globe Award Tirol 2022 „verdiente“. Dieser „Energy Globe World Award for Sustainability“ gilt als weltweit bedeutendster und renommiertester Energiepreis, mit dem Projekte ausgezeichnet werden, die Ressourcen sparsam, nachhaltig und schonend verwenden sowie erneuerbare Energien vorbildlich nutzen. Das tut die MPreis-Elektrolyseanlage, indem sie die energieintensive Zerlegung von Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff mit Wasserkraft schafft. Im Prozess wird nicht nur Wasserstoff zum Betanken der Lkw-Flotte erzeugt, sondern die dabei entstehende Abwärme auch genutzt, um in den Produktionsbetrieben für Warmwasser und

Gebäudeheizung zu sorgen.

Wie die Wasserstofftechnologie lagen zahlreiche Technologien so lange in den Schubladen, so lange der Energiepreis zu niedrig war, um sie wirtschaftlich effektiv einsetzen zu können. Mit den gestiegenen Preisen und den globalen Unsicherheiten aber, finden vormals theoretische Möglichkeiten zunehmend Eingang in die unternehmerische Praxis. „Diese Innovationskraft ist das Positive an der ganzen Entwicklung. Negativ ist, dass die Preissteigerungen so schlagartig passiert sind, dass einem kurzfristig nicht geholfen ist“, betont Manfred Pletzer noch einmal die Notwendigkeit rascher Unterstützungshilfen für Unternehmen und hält fest: „Es gibt alternative Möglichkeiten zu Gas und damit zur Abhängigkeit von einem Despoten. Diese Möglichkeiten sind das Licht am Ende eines langen Tunnels und weil wir das Rad nicht zurückdrehen können, müssen wir das weit entfernte Licht ansteuern.“

Kategorie(n)