Raum 13 Innsbruck
Raum 13 Innsbruck
Panorama

Coworking: Gekommen, um zu bleiben

In Tirol öffnen immer mehr Coworking-Spaces ihre Türen. Kein Wunder, denn der Bedarf ist groß, wie Herwig Zöttl (r.) vom „Raum 13“ in Innsbruck betont.
In Tirol öffnen immer mehr Coworking-Spaces ihre Türen. Kein Wunder, denn der Bedarf ist groß, wie Herwig Zöttl (r.) vom „Raum 13“ in Innsbruck betont.
© Raum 13

Coworking-Spaces verringern nicht nur den ökologische Abdruck eines Unternehmens, sondern beleben auch Leerstände. „Da wird sich noch viel tun“, ist Herwig Zöttl überzeugt.

Wann wird ein Trend zur fixen Größe? Die Frage lädt durchaus zum Philosophieren ein. Das darf sie in vielen Fällen auch, doch im Zusammenhang mit Coworking Spaces, diesen dynamischen Zentren der neuen Arbeitswelt, muss sie das längst nicht mehr. „In Innsbruck schießt das durch die Decke. Wir werden im Frühjahr auf eine doppelt so große Fläche übersiedeln“, stellt Herwig Zöttl fest. Zöttl ist Mitgründer des Coworking Space „Raum13“ in Innsbruck, einem der ersten dieser Spaces in Tirol – einem, der zwischenzeitlich aus allen Nähten platzt. „Die Nachfrage ist so groß, dass ich viele wegschicken muss“, sagt der Tiroler Coworking Pionier. Um das nicht mehr tun zu müssen, finalisiert er gerade die Pläne für den neuen, größeren Raum.

Vor knapp zehn Jahren war die Idee, sonst allein arbeitenden Menschen mit verschiedensten Berufen und Berufungen einen gemeinsam genutzten Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen, ziemlich neu. Mit vielfach kreativ arbeitenden Gleichgesinnten einen Raum, den Drucker, schnelles Internet, die Kaffeemaschine und die Geschäftsadresse zu teilen, wurde bald zum Trend. Digitale Nomaden – Menschen also, deren Arbeitsrahmen und Denkweisen flexibel sind, gaben dem Trend einen spacigen Touch.

Digitaler Abstand

Doch seit die Corona-Pandemie so gut wie jeder Firma einen Crashkurs in digitalem Abstand erteilte und sie feststellen ließ, dass firmenfernes Arbeiten nicht nur möglich ist, sondern für alle Beteiligten meist gut funktioniert, werden Coworking Spaces zunehmend zu fixen Größen. Auch, weil das ebenso nicht mehr wegzudenkende Homeoffice so seine Tücken hat. „Zu Hause haben viele festgestellt, dass zwar das entfernte Arbeiten funktioniert, aber halt das zu Hause arbeiten nicht“, lenkt Zöttl den Blick auf den zu Hause stark herausgeforderten Konzentrationsaufwand, etwa wenn die Kinder lustig werden oder die Wohn-Arbeits-Situation zu eng.

Aus dem anfänglichen Wirrwarr der pandemiebedingten Zwänge sind längst starke Wegweiser in neue Richtungen gewachsen. „Corona hat schon bewirkt, dass die Arbeitswelten überdacht werden. Viele Unternehmer:innen wissen, wie viel Geld sie sparen, wenn sie kein großes Firmengebäude erhalten müssen“, so Zöttl.

Herwig Zöttl

Gekommen, um zu bleiben

Heike Ode kann dem nur zustimmen. Sie ist verantwortlich für die Coworking-Plätze am Innsbrucker WIFI-Campus, die jene im Inncubator ergänzen (lesen Sie dazu das Interview mit Inncubator-Chef Robert Schimpf auf Seite 28). Auch Ode ist mit vielen Anfragen konfrontiert und stellt fest: „Am Anfang haben Coworkig Spaces ein anderes Portfolio geboten, weil die Gründe für Coworking andere waren. Dann hat uns das Leben mit neuen Geschichten überrascht und so kommt es heute eben immer öfter vor, dass Firmen Plätze für ihre Mitarbeiter:innen mieten.“

Ein Unternehmen ist schon seit einiger Zeit mit zwischenzeitlich 12 Arbeitsplätzen am WIFI „stationiert“. Ab Jänner 2023 sind 10 weitere WIFI-Coworking-Plätze dauerhaft für ein anderes Unternehmen reserviert. Sie kommen, um zu bleiben. „Waren die Plätze früher oft Übergangslösungen für kurze Zeiten, so entwickelt es sich immer mehr zu fixen Geschichten“, weiß Ode. Das trifft nicht nur auf Coworker:innen zu, die beispielsweise mit einer 10er-Karte begonnen haben und nach ein paar Monaten zu einem festen Arbeitsplatz im Space wechselten, sondern vor allem eben auf Unternehmen, die physisch zu erreichen Zeit und Geld kostet.

Unternehmer-Räume

Für Arbeitnehmer:innen stellt das tägliche Pendeln oft ein lästiges Übel dar. Wird mit dem Kfz gependelt, ist es für die Umwelt nie gut und wird der ökologische Fußabdruck betrachtet, so liefern Coworking-Spaces mit all dem dort Geteilten viele Möglichkeiten, ihn zu verringern. Nicht minder vielfältig sind die Spielarten, mit denen gemeinsam genutzte Unternehmens-Räume belebt werden können.

Das WIFI zelebriert den Varianten-Reichtum jedenfalls mit viel Gespür für die Notwendigkeiten und bietet frei nach dem Coworking-Prinzip auch Arbeitsplätze an, die weniger durch gemeinsamen Büroequipment-Zugang gekennzeichnet sind. „Beispielsweise können Friseur:innen, Kosmetiker:innen oder Fußpfleger:innen einen voll ausgestatteten Stuhl mieten, etwa um zu testen, wie die Selbstständigkeit läuft“, erklärt Heike Ode. Nicht nur WIFI-Kursteilnehmer:innen sondern auch mit dem jeweiligen Gewerbeschein ausgerüstete Externe können dieses Angebot nutzen, das eine sehr angenehme Rutsche ins selbstständige Arbeitsleben sein kann, oder eine Chance, sich für längere Zeit kein teures Rundherum leisten zu müssen.

Boomende Zoom-Gemeinde

Das teure Rundherum ist bei allen CoworkingVarianten ein Thema, das so elegant wie lebendig umschifft werden kann und extrem spannend sind die Exoten der so ortsunabhängig gewordenen Arbeitswelt. Santa Fiora, ein 110 Kilometer südlich von Florenz und recht abgelegenes Dorf in der Toskana, hat sich in den letzten drei Jahren zu einem gern zitierten Beispiel gemausert. Der junge Bürgermeister des im Durchschnitt relativ „alten“ und von Abwanderung gezeichneten Dorfes hat schon 2019 darauf gesetzt, dass quarantäne-müde und naturhungrig im Homeoffice arbeitende Menschen seine Heimatstadt als Sehnsuchtsort empfinden könnten.

Der Staat Italien hat Santa Fiora großzügig mit Breitbandanschlüssen versorgt, die Kommune versorgte ansiedlungswillige Fernarbeiter:innen mit höchst günstigem Wohnraum und warb weitum für das Programm „Smart Working in Santa Fiora“. Rund 2.000 Menschen bewarben sich, doch nur 60 fanden anfangs Platz in der boomenden „ZoomGemeinde“, in der bald auch Private auf den Zug aufsprangen und begannen, ihre Häuser zu renovieren. Vergangenes Jahr noch beschloss die Kommune, in einem Nachbardorf ein altes Hotel zu kaufen und zu einem Coworking-Space umzubauen.

Heike Ode

Vorbild

„Wir wollen ein Vorbild für andere Orte sein und zeigen, dass es möglich ist, den Trend der Abwanderung umzukehren. Und das haben wir geschafft. Das Schicksal Santa Fioras hat sich gewendet. Die Menschen spüren, dass eine Zukunft bevorsteht“, wurde der Bürgermeister des Dorfes in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ zitiert.

Die Geschichte Santa Fioras klingt wie ein modernes Raumplanungsmärchen mit digitalen Feen sowie einem Schuss italienischem Dolce Vita und sie wirkt wie ein Abbild der freiheitsliebender gewordenen Menschen, die flexible Arbeitsbedingungen fordern und auch selbst flexibler geworden sind. Santa Fiora zeigt auch, dass Coworking keine urbane Geschichte ist – weder in der Toskana noch in Tirol, wo die Coworking Spaces fast wie Schwammerln aus dem Boden schießen.

Knapp 30 sind es zwischenzeitlich. Erst Ende November 2022 öffnete beispielsweise der Coworking-Raum im Gemeindehaus im Bergsteigerdorf Obertilliach seine Türen. In fast schwindelnden Höhen können Auspendler wie Gäste den voll ausgestatteten Raum nutzen, sich ein Plätzchen mieten und arbeiten. Obertilliach ist nicht der erste Osttiroler Ort mit Coworking-Angebot. In Lienz gibt es mehrere, auch das Defereggental hat eins und im Villgratental ist Coworking ebenso möglich, wie im Hochpustertal.

Kreative Hotspots

Werden Orte derart stark mit Tourismus in Verbindung gebracht, liegt ein weiterer Anglizismus nahe. Workation oder Coworkation, das für Working und Vacation, also Arbeiten und Urlauben steht. Weil Tirol geradezu prädestiniert dafür ist, den Naturgenuss mit Arbeit zu verbinden – oder umgekehrt – und weil hier die Sehnsucht nach dem Bergen ähnlich gestillt werden kann, wie in Santa Fiora die Sehnsucht nach dem Dolce Vita, entwickelt sich Coworkation zu einem vielversprechenden Zweiglein im touristischen Angebotsbaum des Landes.

Der zwischen Bayern, Tirol und Südtirol die Grenzen fein ignorierende Verein CoworkationALPS widmet sich diesen Chancen. „In Zukunft werden viele kreative Hotspots im Alpenraum entstehen, an denen sogenannte Coworkationists einen Ort zum Arbeiten UND Urlaub machen finden“, heißt es in der Vision & Mission des Vereins – und: „Gleichzeitig ergeben sich dadurch auch neue Chancen für die Regionen. Die Lebensqualität wird erhöht und neuer Wohlstand für alle Beteiligten kreiert. Besonders die bisher peripheren Gebiete können ihr Potenzial nutzen und durch das Angebot von CoworkationALPS ihren vermeintlichen Standortnachteil in einen Standortvorteil verwandeln.“

Rolemodel

Ende November 2022 hat der Verein ein Gütesiegel für Coworkation-Betriebe präsentiert. „Mister Coworking“ Herwig Zöttl ist beim Verein, war bei der Erarbeitung und auch bei der Präsentation des Gütesiegels dabei. Er erklärt: „Da geht es nicht um ein Qualitätszertifikat, sondern in erster Linie darum, aufzuzeigen was Coworking ist und was es braucht. Ein Hotel mit WLAN ist noch nicht Coworkation.“ Dafür braucht es mehr und viele blicken in dem Zusammenhang nach Steinberg am Rofan, wo der vier Jahrhunderte alte Mesnerhof  so etwas wie ein Rolemodel für Coworkation ist und beispielsweise Mitarbeiter:innen von Unternehmen wie Adidas, BMW oder Google bereits die perfekte Basis für Arbeiten und Urlauben geboten hat.

Dass mit einem gut organisierten Coworking Space neues Leben in Regionen oder von Leerständen gezeichnete Dörfer gebracht werden kann, ist ein Hoffnungsschimmer, der auch in Tirol mit all seinen leerstehenden Polizeistationen, Postgebäuden oder Bankfilialen wirken kann. Lans, die dem Patscherkofel wie der Landeshauptstadt nahe Gemeinde im südöstlichen Mittelgebirge, setzt seit rund einem Jahr auf diese Karte. Die alte Volksschule wurde ab Herbst 2020 in ein multifunktionales Gebäude umgewandelt, wo auch Coworker:innen Platz finden. „Gerade die Kombination Arbeiten und Leben direkt in der Natur bringt Lebensqualität“, stellte WK-Bezirksobmann Patrick Weber im September 2021 fest, als der Coworking Space nigelnagelneu war.

Weber betonte auch: „Durch die kurzen Wege zwischen Wohnort und Arbeitsplatz profitieren alle. Besonders für berufstätige Eltern ist dies ein Vorteil.“ Wieder ein win-win-Argument dafür, Leerstände ins Auge zu fassen und die Dynamik gezielt laufen zu lassen. Herwig Zöttl trifft den Nagel wohl auf den Kopf, wenn er prophezeit: „Da wird sich noch viel tun, davon bin ich überzeugt.“

Robert Schimpf, Leiter des InnCubators
WK Tirol/Die Fotografen
„Eine Alternative zum Zuhausesitzen“
Robert Schimpf, Leiter des InnCubators
WK Tirol/Die Fotografen

Robert Schimpf ist Leiter des Inncubator – des Innovationszentrums von  Universität Innsbruck und WK Tirol, wo die Coworker:innen den Austausch suchen – und finden.

Wie hat sich das Coworking-Angebot des Inncubator in den letzten drei Jahren entwickelt?

Während Covid hatten wir nur eingeschränkten Betrieb. Das Angebot im Rahmen des INNC Programmes, das Coworking kostenfrei zu nutzen, wurde während der Pandemie nicht angeboten. Die Coworker, die Plätze gemietet hatten, konnten die Räumlichkeiten jedoch einschränkt beziehungsweise mit entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen nutzen.

Seit die „Normalität“ ein wenig zurückgekehrt ist, freuen wir uns, dass auch das Leben im Coworking wieder von Austausch, Lebendigkeit und regem Besuch geprägt ist. Seit dem Ende der Pandemie haben wir eine gute und steigende Auslastung.

Welche Trends und „Bedürfnisse“ stellen Sie dabei fest?

Wir konnten nach der Pandemie feststellen, dass uns einige Anfragen erreichten, die den Satz „Decke auf dem Kopf in der eigenen Wohnung“ beinhalteten. Anders gesagt, viele Selbstständige oder Remote Worker wollten eine Alternative zum Zuhausesitzen. Sie wollten Austausch mit anderen, oder auch nur den Arbeitsweg als Trennung zwischen Arbeit und Privat. Ansonsten sind die Anfragen recht einfach: Einen Platz zum Arbeiten, Kaffee, einen Rückzugsort zum Zoomen und der Austausch mit der Community.

Mit den Coworking-Spaces hat die Arbeitswelt eine neue, sehr dynamische Säule bekommen. Ist diese Dynamik – speziell im Inncubator – befruchtend in dem Sinn, dass durch den Austausch der Coworker:innen Innovationen angekickt werden?

Ja, der Austausch, der als das große Potenzial des Coworking gilt, funktioniert bei uns. Es geht um Tipps, Fragen, Feedback, die man auf kurzem und ehrlichem Wege erhält. Wir essen auch zum Beispiel fast jeden Tag gemeinsam zu Mittag. Dort kommen philosophische Themen auf und es wird über die Technologie der Zukunft diskutiert. Was sich für Freelancer als schwieriger beziehungsweise zufälliger als gedacht herausgestellt hat, ist das Generieren von Leads im Coworking. Hier muss ein Zufall eines Matches von Angebot, Nachfrage und Zeitpunkt passieren.

Kategorie(n)