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„Die Betriebe kommen an ihre Grenzen!“

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© adobe.stock.com/Farknot Architect

Die beiden Energieberater der Wirtschaftskammer Tirol, Oliver Katzian und Lukas Kocher, erklären, auf welche Beratungsleistungen die Mitgliedsbetriebe zurückgreifen können.

Auf welche Beratungsleistungen in den Bereichen Energie und Umwelt können die Wirtschaftskammer-Mitglieder zugreifen?

Lukas Kocher: Wir bieten ein breites Spektrum an. Das betrifft zum Beispiel Zertifizierungen etwa im Rahmen des österreichischen Umweltzeichens. Oder sämtliche Fragen rund um Regulatorien wie die Nachhaltigkeits–Berichterstattung. Unser Aufgabenbereich umfasst auch Beratungen im Bereich Elektromobilität. Umweltförderungen stellen einen großen Bereich dar. Derzeit gibt es viele gut geförderte Bereiche wie „Raus aus Öl“ oder den Ausstieg aus fossiler Prozessenergie. Weniger gelungen ist der Energiekostenzuschuss, zu dem aktuell viele Anfragen bei uns einlangen.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie beim Energiekostenzuschuss von den Betrieben?

Oliver Katzian: Wir erleben hier leider eine ähnliche Situation wie es bei einigen anderen Förderinstrumenten bereits in der Vergangenheit zu beobachten war: Über die Förderung wurde zwar bereits intensiv in den Medien berichtet, die Richtlinien sind aber noch nicht da. Zum Beispiel hat sich jetzt gerade kurzfristig herausgestellt, dass die ursprünglich kolportierte Einreichfrist mit 17. Oktober nicht halten wird. Diese Ungewissheit ist nicht nur für uns, sondern besonders für die Betriebe extrem unbefriedigend.

Wie sehen Ihre Erfahrungen mit Fotovoltaik–Förderungen aus?

Katzian: Das ist leider auch ein Bereich, der unseres Erachtens nach nicht professionell gelöst ist. Wir orten eine hohe Bereitschaft seitens der Unternehmen, in Fotovoltaikanlagen zu investieren. Leider ist die Fotovoltaik-Förderung extrem kompliziert und im Hinblick auf die Berechnungen und die Zeitachse derart praxisfern, dass sie für viele, die eigentlich für dieses Thema aufgeschlossen sind, eher abschreckend als motivierend wirkt. Das kann nicht der Sinn derartiger Förderungen sein. Wir versuchen laufend, im Zusammenspiel mit der WKÖ und dem Bundesministerium die Rahmenbedingungen für die Fotovoltaik-Förderung zu verbessern, sehen hier aber leider nur wenig Bewegung.

Lukas Kocher, Energieberater der WK Tirol

Kommen Sie für Beratungen auch in die Betriebe vor Ort?

Kocher: Wir schauen uns bei Betriebsbesuchen die konkrete Situation vor Ort an. Erst dann lassen sich konkrete Antworten auf folgende Fragen geben: Welchen Handlungsbedarf gibt es im Bereich Gebäudesanierung? Welche Heizsysteme kommen in Frage? Welche Förderungen stehen dafür zur Verfügung? Diese Erstevaluierung wird von uns beiden vorgenommen. Bei komplexen Projekten legen wir die Schienen für Beratungsleistungen durch gelistete Ingenieurbüros. Dafür stehen attraktive Unterstützungen im Rahmen der Tiroler Beratungsförderung zur Verfügung.

Wie bewerten Sie generell die Bereitschaft der Betriebe, in umweltfreundliche Technologien zu investieren?

Katzian: Wir sehen immer wieder eine sehr hohe Motivation der Unternehmer, Geld dafür in die Hand zu nehmen. Dabei geht es vielen nicht nur um die Reduktion der Kosten, sondern um echtes Interesse für den Klimaschutz. Sie erleben aufgrund ihrer Beratungen und der Betriebsbesuche vor Ort hautnah ein Stimmungsbild in den heimischen Unternehmen.

Wie geht es den Betrieben in der aktuellen Energiekrise?

Kocher: Die Energiepreise stellen eine enorme Herausforderung für die Betriebe dar. Es ist auch nicht hilfreich, dass ständig vom Energiesparen gesprochen wird, das ist für die Unternehmen der falsche Zugang. Betriebe können ihren Energieeinsatz effizienter gestalten, einsparen hieße in den meisten Fällen jedoch, dass Produktionen schlicht und einfach stillgelegt werden und damit auch Arbeitsplätze verloren gehen. Das kann nicht tatsächlich gewollt sein.

Oliver Katzian, Energieberater der WK Tirol

Welche Betriebe sind derzeit besonders betroffen?

Katzian: Es sind quer über alle Branchen Betriebe, die einen nennenswerten Energiebedarf haben. Sie sind derzeit bei den Strompreisen de facto mit einer Verzehnfachung der Kosten konfrontiert. Das bedeutet etwa für eine Bäckerei oder eine Metzgerei, dass die Stromkosten schlagartig von 30.000 auf 300.000 Euro steigen. Dazu kommt noch die Einführung der CO2-Steuer, die zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich kontraproduktiv ist und einen zusätzlichen Kostenschub verursacht.

Welche Betriebsgrößen sind am stärksten betroffen?

Kocher: In den Medien werden vor allem große Industriebetriebe genannt. Der Kreis der Betroffenen geht aber weit darüber hinaus: Wir beobachten, dass vor allem bei den zahlreichen Tiroler Kleinstbetrieben das Verhältnis zwischen Umsatz und dem Einsatz von Energie derart gelagert ist, dass sie unter der aktuellen Situation besonders leiden und an ihre betriebswirtschaftlichen Grenzen kommen. Das betrifft zahlreiche Gewerbebetriebe und viele Tourismus- unternehmen, an denen wieder zahlreiche Zulieferer hängen. Es ist ohnehin erstaunlich, dass viele mittelständische Betriebe über genügend Reserven verfügten, die Coronazeit zu überstehen, aber diese Krisenresistenz hat ihre Grenzen. Insbesondere, wenn man in Betracht zieht, dass die großen Preisschübe ja erst kommen. Auch kleinere Betriebe müssen ab 2023 den Strom auf der Strombörse erwerben. Deswegen ist es ja so wichtig, dass Unterstützungen wie der Energiekostenzuschuss ohne bürokratische Hürden rasch allen Unternehmen zur Verfügung stehen, die diese benötigen.

Welche kurz- beziehungsweise langfristigen Maßnahmen im Energie-bereich raten Sie den Unternehmen?

Katzian: Kurzfristig ist eindeutig ein konsequentes Monitoring wichtig. Jeder Betrieb muss zuerst wissen, wo die Energieströme fließen, wo die Hauptverbraucher liegen, damit in der Folge die richtigen Maßnahmen gesetzt werden können. Mittel- und langfristig ist der nächste Schritt die Sanierung der Gebäudehülle, falls es sich nicht um einen Neubau am Stand der Technik handelt. In der thermischen Sanierung liegen Potenziale, die oft unterschätzt werden. Ein typischer Bau aus den Siebzigerjahren hat im Vergleich zu einem modernen Niedrigstenergiehaus den zehnfach höheren Heizbedarf. Erst wenn ein Gebäude thermisch auf einem zufriedenstellenden Stand ist, kann mit der Planung eines modernen Heizsystems begonnen werden.

Welchen Stellenwert sehen Sie in der Tiroler Wasserkraft?

Kocher: Der über Jahre verschleppte Ausbau der Tiroler Wasserkraft muss nun endlich beschleunigt werden. Natürlich braucht es parallel dazu etwa auch Fotovoltaik, aber das große Volumen kommt aus der Wasserkraft. Zur Veranschaulichung: In Tirol stehen theoretisch 150.000 Dächer zu Verfügung, auf denen Fotovoltaikanlagen errichtet werden können. Allein die Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz produziert im Regeljahr mehr Strom als mit Fotovoltaik erzeugt werden könnte, wenn sämtliche dieser Dachflächen genutzt werden würden. Selbst kleinere Anlagen wie Trinkwasserkraftwerke können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Tirol den Schritt zur Energieautonomie tatsächlich schafft. Außerdem sind Pumpspeicher-Kraftwerke ein wichtiges Regelinstrument in der Energiewirtschaft.

Servicepaket

Die optimale Energieversorgung ist ein großer Umwelt- und Kostenfaktor für den Betrieb. Die Energieberater der Tiroler Wirtschaftskammer beraten über Energieträger, erneuerbre Energiequellen und Förderungen in diesem Bereich.

Kontakte:
Lukas Kocher
T +43 5 90 905 1374
E: lukas.kocher@wktirol.at

Oliver Katzian
T +43 5 90 905 1395
E: oliver.katzian@wktirol.at

Dieses und 159 weitere praktische Services der WK Tirol finden Sie online unter www.servicepaket.at

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