Wenn der Handel zusperrt, sterben auch die Ortskerne

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Symbolbild Altstadt Hall in Tirol - Handel fordert Energiekostenzuschuss damit Ortskerne überleben
Symbolbild Altstadt Hall in Tirol - Handel fordert Energiekostenzuschuss damit Ortskerne überleben
Buntes Treiben wie hier in der Haller Altstadt freut nicht nur den Bürgermeister, sondern auch die Kundinnen und Kunden. Handelsgeschäfte spielen für die Attraktivität von Ortskernen eine besondere Rolle.
© B. Watzek - Bild & Werk

Wenn die Politik Leben in den heimischen Ortszentren erhalten will, dürfen die Handelsbetriebe nicht von wichtigen Unterstützungen wie dem Energiekostenzuschuss ausgeschlossen werden.

Es gibt kaum eine Gelegenheit, bei der sich die Politik nicht zur Belebung von Stadt- und Ortskernen bekennt. Doch diese feurigen Ansagen passen nicht mit der Realität zusammen. Nach wie vor fehlt das Bewusstsein dafür, dass sich Ortskerne nicht mit einzelnen Aktionen oder isolierten Fördermaßnahmen beleben lassen, sondern nur mit einem ganzheitlichen Blick auf die Thematik.

Dass dieser nicht gegeben ist, belegen die Rahmenbedingungen für den Energiekostenzuschuss: „Handelsbetriebe sind de facto von diesem wichtigen Förderinstrument ausgeschlossen. Dabei leben viele Stadtzentren und Dorfkerne von lokalen Handelsstrukturen. Gehen bei den Handelsbetrieben die Lichter aus, gehen sie auch in den Tiroler Ortszentren aus, da mit ihnen wichtige Orte der Begegnung verschwinden“, warnt Handels-Spartenobmann Dieter Unterberger.

Eine reihe von Hürden

Der Hauptkritikpunkt liegt darin, dass der Energiekostenzuschuss erst dann zusteht, wenn die Strom- und Energiebeschaffungskosten 3 % des Produktionswertes übersteigen. „Dieses Kriterium wird von den meisten Handelsbetrieben nicht erreicht und ist daher für unsere Branche nicht geeignet“, erklärt Dieter Unterberger. Und selbst Betriebe, welche diese Grenze überschreiten, stehen vor einer Reihe von Hürden: Diese reichen von der Deckelung der Zuschusshöhe über ausufernd bürokratische Berechnungen bis hin zu knappen Antragsfristen.

Auch die Beschränkung des Förderzeitraumes von Februar bis September 2022 ist zu kurz gedacht: „Der kommende Winter wird zu einer großen Herausforderung für die Betriebe, daher muss die Förderung bis 2023 verlängert werden“, fordert Unterberger, „aber unter Bedingungen, die auch Handelsbetrieben eine Antragstellung ermöglichen. Derzeit schafft der Energiekostenzuschuss eine Zweiklassen-Gesellschaft innerhalb der heimischen Wirtschaft, die den Handel grob benachteiligt.“

Spartenobmann Dieter Unterberger
Handels-Spartenobmann Dieter Unterberger

Dauerhaft nicht zu verkraften

Am Beispiel eines Tiroler Handelsbetriebes zeigt sich die Dramatik der Situation: Der Energiepreis ist von 0,05 Euro auf aktuell 0,50 Euro pro kWh gestiegen. Dieser Betrieb mit mehreren Standorten hatte bisher jährliche Stromkosten von rund 100.000 Euro zu finanzieren, diese steigen nun auf über eine 1 Million Euro. Die Annahme, dass Handelsbetriebe derartige Preissteigerungen an die Kundinnen und Kunden weitergeben können, ist aufgrund des immer stärkeren Kaufkraftverlustes und der Konkurrenz durch den internationalen Onlinehandel unrealistisch. Mit anderen Worten: Sie müssen einen Großteil dieser Kosten selbst tragen, was betriebswirtschaftlich dauerhaft nicht zu verkraften ist.

Für viele Handelsbetriebe ist der Zugang zum Energiekostenzuschuss somit eine Existenzfrage. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand: Zu der unfairen Konkurrenz durch Online-Riesen und den durch Corona verursachten Einbußen kommt nun noch die hohe Inflation und der damit zusammenhängende Konsumrückgang. Eine soeben veröffentlichte Studie des Instituts für Handel, Absatz und Marketing der Johannes Kepler Universität Linz belegt ein „katastrophales Konsumklima“, das speziell den österreichischen Einzelhandel mit seinen geringen Renditen betrifft. Die steigende Inflation hat die Konsumentinnen und Konsumenten in eine Art „Schockstarre“ versetzt, die im Zeitablauf nicht nachlässt.

Zahlreiche Insolvenzen drohen

30 % der erwachsenen Bevölkerung kauft seit einem halben Jahr weniger Waren ein als vorher. Mit Jahreswechsel rollt eine weitere toxische Mischung aus drei Komponenten auf die Unternehmen zu: Neben den Belastungen durch erhöhte Energiepreise müssen die Betriebe zusätzliche Kosten durch kollektivvertragliche Erhöhungen und Indexanpassungen bei den Mieten verkraften. In Summe bringen diese Kostenexplosionen den Handel schlagartig in existenzielle Schwierigkeiten. Es drohen zahlreiche Insolvenzen und ein Verwaisen der Innenstädte und Ortskerne.

„Wenn die Politik ständig von der Bedeutung lokaler Wirtschaftskreisläufe, regionaler Produkte und belebter Ortskerne spricht, dann muss sie auch in der Praxis so handeln. Die heimischen Handelsbetriebe mit ihrer wichtigen Funktion als Nahversorger, Drehscheibe des gesellschaftlichen Lebens und Arbeitgeber brauchen Unterstützungen – und keinen Ausschluss von Förderungen wie dem Energiekostenzuschuss“, fordert Dieter Unterberger.

Drei Fragen an Lukas Kocher, Technologieservice der WK Tirol

Wie bewerten Sie grundsätzlich den Energiekostenzuschuss?

Angesichts der bis zu zehnfach höheren Stromkosten sind Unterstützungen für die Betriebe dringend notwendig – und zwar nicht nur für die nun beschlossene Periode von Februar bis September 2022, sondern darüber hinaus. Die Preissteigerungen und die Heizsaison kommen erst.

Was sollte sich verbessern?

In einem ersten Schritt wäre es schon hilfreich, wenn die Förderrichtlinie frühzeitig bekannt wäre und nicht im letzten Moment nachgereicht werden würde. Das schafft künstlich Unsicherheit bei den Betrieben – und das ist das letzte, was sie jetzt brauchen. Soweit es jetzt schon bekannt ist, wird die Abwicklung sehr kompliziert und bürokratisch. Das ließe sich auch anders regeln.

Ist das Förderinstrument für Handelsbetriebe geeignet?

Die Drei-Prozent-Hürde beim Energiekostenzuschuss ist für den Handel aufgrund der hohen Umsätze – bei meist geringen Gewinnmargen – kaum als Kriterium geeignet. Hier muss ein praxistauglicher Ansatz gefunden werden, damit Handelsbetriebe nicht von dieser wichtigen Unterstützung ausgeschlossen werden.

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