Gerd Jonak und Georg Schuler
Gerd Jonak und Georg Schuler
Aktuelles

Prekäre Situation für Lebensmittelgewerbe in Tirol

Gerd Jonak, Sprecher der Tiroler Bäcker und Georg Schuler, Innungsmeister-Stv. Lebensmittelgewerbe fordern zeitnahe, unbürokratische Hilfe für die heimischen Lebensmittelproduzent:innen.
Gerd Jonak und Georg Schuler fordern zeitnahe, unbürokratische Hilfe für die heimischen Lebensmittelproduzent:innen.
© WK Tirol

Die erhöhten Energie- sowie Rohstoffpreise setzen die Tiroler Lebensmittelgewerbe massiv unter Druck. Besonders betroffen sind die Tiroler Bäckereien, gefolgt von den Konditoreien und Metzgereien.

Die Innung fordert vom Land Tirol einen „starken Energiekostenzuschuss“. Ansonsten werden innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Betriebe von den insgesamt 360 Produktionsstätten in allen neun Bezirken zusperren müssen. Ein Horrorszenario für Kund:innen, Mitarbeiter:innen und die betroffenen Gemeinden.

„Durch die derzeitigen Entwicklungen am Energiemarkt ist die Lage für viele unserer Mitgliedsbetriebe katastrophal“, erklärt WK-Innungsgeschäftsführer Simon Franzoi. Innerhalb weniger Monate explodierten alle relevanten Produktionskosten für die traditionellen Handwerksbetriebe. So sind Heiz- und Kühlkosten, der Gas- bzw. Strompreis für die Produktionsanlagen sowie auch der Spritpreis für die notwendigen Auslieferungen um ein Vielfaches gestiegen. Eine Abwälzung auf die Produkte betrachtet Tirols Bäckersprecher Gerd Jonak als unmöglich: „Geben wir die Erhöhungen 1:1 an unsere KundInnen weiter, würden sich die Verkaufspreise mindestens verdoppeln. Grundnahrungsmittel wären nicht mehr zu vernünftigen, leistbaren Preisen zu erwerben.“ So würde künftig ein Kilo Schwarzbrot um acht Euro und ein Stück Kuchen um zehn Euro verkauft.

Massive Energie- und Rohstoffpreise samt notwendigen Lohnerhöhungen

Die Kosten für zugekaufte Rohstoffe der Lebensmittelproduktion sind schon vor einiger Zeit kontinuierlich gestiegen. Milchprodukte erhöhten sich um ca. 70 Prozent, Mehl um etwa 80 Prozent und der Butter- und Hefepreis verdoppelte sich im Vergleich zum Vorjahr. Diese Entwicklung kombiniert mit den exorbitant gestiegenen Energiekosten und dem Fachkräftemangel sind ein explosiver Mix für die Zukunft. Zudem stehen die Kollektivvertragsverhandlungen an.

„Unsere Mitarbeiter:innen haben sich eine Erhöhung zwischen sechs und sieben Prozent verdient. Sie benötigen diese zusätzlichen Mittel, um ihr tägliches Leben zu bestreiten. Das ist uns bewusst. Außerdem sind sie die Stütze zahlreicher Betriebe im Land. Diese höheren Lohnausgaben müssten unsere Mitgliedsbetriebe im nächsten Jahr eigentlich erwirtschaften, um überleben zu können. Die Realität sieht leider anders aus“, erklärt Gerd Jonak. „Die Situation ist prekär und sensibel. Wegen unseres Grundsatzes der sozialverträglichen Preisgestaltung sehen wir keine Möglichkeit, die entstehenden Mehrkosten an die Kund:innen weiterzugeben“, beschreibt Gerd Jonak die gegenwärtige Lage der Tiroler Lebensmittelproduzent:innen

Gerd Jonak, Sprecher der Tiroler Bäcker

Praxisbeispiel: Strompreiserhöhung bei Betrieb um das Zehnfache

Mit dem Rücken zur Wand stehen auch die Konditor:innen und Metzger:innen im Land. Würden die Metzger:innen alle Preiserhöhungen an die Endkonsument:innen weitergeben, verteuert sich laut Innungsmeister Stv. Georg Schuler die beliebte Extrawurst geschnitten pro Kilo um etwa fünf Euro. Schuler sieht eine gewisse Ruhe vor dem Sturm: „Aktuell haben wir die erhöhten Kosten noch mit aller Kraft abfedern können.

Mit den jetzt eingehenden Stromrechnungen ist dies aber nicht mehr möglich. Zahlreiche Mitgliedsbetriebe berichten über eine noch nie dagewesene existenzbedrohende Situation.“ Ein traditioneller Tiroler Lebensmittelproduzent berichtet etwa von einer Strompreissteigerung seines Energieanbieters von momentan 5,156 Cent/KWh auf 59,973 Cent/KWh für 2023. Das ist eine exorbitante Erhöhung um mehr als das Zehnfache. „Dieser und viele andere Betriebe in Tirol sind akut vom Zusperren bedroht. Die KundInnen frequentieren bereits jetzt vermehrt die Diskonter. Wenn nicht umgehend Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden, dann stirbt das traditionelle Lebensmittelhandwerk aus. Das wäre auch für viele Gemeinden und die Entwicklung ihrer Ortskerne fatal“, äußert sich Georg Schuler besorgt. „In vielen Gemeinden sind die ansässigen Bäckereien und Metzgereien die letzten verbliebenen Nahversorger und zudem ein Treffpunkt für das soziale Leben im Ort“, berichtet der Innungsmeister Stv. weiter.

Georg Schuler
Georg Schuler, Innungsmeister-Stv. Lebensmittelgewerbe

Ohne Hilfe gehen die Lichter aus

Die Innung der Lebensmittelgewerbe fordert Planungssicherheit für ihre Mitgliedsbetriebe und vor allem spürbare Unterstützungsmaßnahmen. „Wir brauchen eine schnelle und unbürokratische Hilfe seitens des Landes Tirol und des Bundes. Klare Angaben zur Orientierung sind notwendig. Wenn wir jetzt nicht gemeinsam an einer Lösung arbeiten, dann gibt es im nächsten Jahr nahezu keine Bäcker:innen, Konditor:innen und Metzger:innen mehr in unserem Land. Das muss den verantwortlichen Personen klar sein“, appellieren die WK-Funktionäre Georg Schuler und Gerd Jonak unisono.

Traditionelle Lehrberufe bedroht

Diese Entwicklung hätte auch spürbare Auswirkungen auf das Lehrlingswesen in Tirol. Aktuell sind mehr als 200 Lehrlinge im Tiroler Lebensmittelgewerbe im Einsatz. Die Bäcker:innen, Metzger:innen und Konditor:innen investieren viel Kraft in die Attraktivierung der Lehre. „Sollte das Worst-Case-Szenario eintreffen, wären alle Bemühungen umsonst gewesen. Die durch die Teuerungswelle stark betroffenen Betriebe könnten keine neuen Lehrlinge mehr ausbilden. So würden wichtige Lehrstellen in traditionellen Handwerksberufen für junge Menschen nicht mehr zur Verfügung stehen und aussterben“, erklärt Georg Schuler.

Starker Energiekostenzuschuss gefordert

Obwohl in vielen Betrieben die Geschäftsentwicklung der letzten Jahre positiv verlief und der Trend bis dato klar zu regionalen Produkten vor Ort ging, könnte die Teuerungswelle unzählige Tiroler Lebensmittelproduzent:innen in den Ruin treiben. „Wenn die Tiroler Landesregierung sowie die Bundesregierung auch in Zukunft original regionale Produkte im Land haben will, müssen jetzt ohne Zeitverzögerung Schritte gesetzt werden. Wir fordern konkret einen starken Energiekostenzuschuss, der die aktuellen Erhöhungen ausgleicht. Fließt diese Hilfe nicht zeitnah, dann wird es sehr schnell düster bei den heimischen Lebensmittelproduzent:innen“, warnen die WK-Branchenvertreter.

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