Nachhaltigkeits-Management: Mit voller Kraft in die Zukunft

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17 nachhaltige Entwicklungszeile haben die Vereinten Nationen auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene festgelegt.
17 nachhaltige Entwicklungszeile haben die Vereinten Nationen auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene festgelegt.
17 nachhaltige Entwicklungszeile haben die Vereinten Nationen auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene festgelegt.
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Das Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften steigt. Nachhaltigkeits-Manager unterstützen die großen, das breite Angebot der WK Tirol die kleineren Unternehmen bei der großen Transformation.

Der Takt wirkt atemlos. Unter dem riesigen Dach des dabei fast schon inflationär verwendeten Wortes Nachhaltigkeit ist ein Transformations-Marathon im Gange, dessen Hürden diffizil sind. Auf dem Weg zum Ziel einer ökologisch, ökonomisch und sozial verantwortungsvoll belebten Welt müssen sie von allen genommen werden und allein das Angebot der WK Tirol zeigt, wie intensiv die dafür nötigen „Trainingseinheiten“ für heimische Unternehmen sind.

Am 20. September 2022 startet beispielsweise des Projekt „Innsbruck.Nachhaltig“, ein von der Bezirksstelle Innsbruck-Stadt organisierter Basisworkshop, mit dem die Unternehmen dabei unterstützt werden, selbst die ersten Schritte zu gehen und bei der Erarbeitung einer Nachhaltigkeitscharta dabei zu sein. Schon neun Tage später, am 29. September 2022, findet der nächste SDG-Talk, dieses mal zum Thema „Soziale Nachhaltigkeit – nicht ohne meine Mitarbeiter:innen!“ statt. Bei den SDG-Talks, einer den 17 Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Developement Goals – SDGs) der UN gewidmeten Webinarreihe der WK Tirol, wird die Bedeutung dieser Ziele nicht nur erklärt, sondern für die Tiroler Unternehmen Schritt für Schritt in die Praxis „übersetzt“ und nicht minder praktisch ist, dass die SDG-Talks online und stets abrufbar bleiben.

Am 14. Oktober 2022 laden die Expert:innen der WK Tirol dann zusammen mit jenen von RespACT, Österreichs führender Unternehmensplattform für Wirtschaft mit Verantwortung, zum 3. Nachhaltigkeits-Frühstück ein. Themen bei diesem Frühstück sind mit den Lieferketten so essenzielle wie existenzielle Knackpunkte des nachhaltigen Wirtschaftens.

Marlene Hopfgartner
Marlene Hopfgartner

Im Herbst 2022 starten am Tiroler WIFI die zwei Lehrgänge „Sustainable Innovation Manager“ und „zertifizierter Nachhaltigkeitsexperte“. Und nach der ersten, erfolgreichen Nachhaltigkeits-Reise, die interessierte Vertreter von Tiroler Unternehmen im Herbst 2019 zu den Vereinten Nationen nach Genf geführt hatte, ist im Frühjahr 2023 eine zweite Nachhaltigkeits-Reise nach Stockholm geplant.

„Nicht zuletzt auch mit der Tiroler Beratungsförderung, über die Beratungsleistungen bis zu 80 Prozent gefördert werden, ist unser Angebot extrem breit aufgestellt und unser Ziel ist klar: Wir bemühen uns, den Tiroler KMU das nötige Handwerkszeug mit auf den Weg zu geben und sie beim komplexen Transformationsprozess zu unterstützen“, sagt Marlene Hopfgartner, Nachhaltigkeitsbeauftragte der WK Tirol.

Die von Hopfgartner erwähnten, neuen WIFI-Lehrgänge richten sich beispielsweise auch direkt an Mitarbeiter:innen oder Chef:innen von Unternehmen, die so intensiv wie professionell in das Thema einsteigen wollen, um die Chancen wahrnehmen und das Unternehmen auf Vorgaben und Berichtspflichten vorbereiten zu können. „Kleine oder mittlere Unternehmen können es sich nicht leisten, eigene Nachhaltigkeitsmanager:innen einzustellen“, weiß Hopfgartner. Größere oder große Unternehmen leisten sich derart spezialisierte Mitarbeiter:innen jedoch aus gutem Grund. Hopfgartner: „Ja, Nachhalhaltigkeitsmanager sind gefragt.“

Michael Metzler

Nachhaltige Tourismus-Chancen

Diese Nachfrage kann Michael Metzler nur bestätigen. „Ich habe eine App, die mich über Job-Angebote für Nachhaltigkeitsmanager informiert beziehungsweise alarmiert. In den letzten sechs bis zwölf Monaten ist das regelrecht explodiert“, sagt er.

Seit kurzem arbeitet Metzler als Nachhaltigkeitsmanager für die Leitner AG in Sterzing. Das weltweit tätige Seilbahnunternehmen, dessen Österreich-Standort in Telfs beheimatet ist, bereitet sich unter Federführung Metzlers beispielsweise auf die Berichtspflicht vor, die 2024 schlagend wird. Durch die Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (Corporate Sustainability Reporting Directive, kurz CSRD) werden die betroffenen Firmen dazu verpflichtet, ihre Auswirkungen auf die Umwelt, die Menschenrechte, die Sozialstandards und die Arbeitsethik (ESG) offenzulegen. Die neuen EU-Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung gelten für alle großen Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten und einem Umsatz ab 40 Millionen Euro. Doch schon jetzt ist klar, dass diese Dynamik allein aufgrund ihrer Schlüsselpositionen in Lieferketten auch die kleineren Unternehmen erfassen wird.

Leitner beschäftigt fast 4.000 Mitarbeiter:innen an weltweit sechs Standorten und ist nicht nur wegen des Stahlverbrauchs ein spannendes Feld, etwa um CO2-Fußabdrücke zu identifizieren und zu verkleinern. Allein all die relevanten Daten strukturiert zu erheben, um eine Basis für Veränderungen zu bekommen, ist eine hochkomplexe Aufgabe. „Wir beginnen bei den großen Sachen, doch das geht vom ganz Großen bis zum ganz Kleinen, also bis in die Büros hinein. Wir versuchen, schon nächstes Jahr einen Bericht zu erstellen“, nennt Metzler das ambitionierte Ziel.

Pionierposition

Nicht minder ambitioniert waren die Ziele in seinem letzten Job. Metzler war als erster Nachhaltigkeitskoordinator eines Tiroler Tourismusverbandes gleichsam in einer Pionierposition. Bis Ende Juni 2022 hat er für den TVB Pitztal gearbeitet und in 20 Monaten erstaunlich viel erreicht. „Wir haben sieben Betriebe plus den TVB Pitztal zum Klimabündnis gebracht. Ein Unternehmen hat das Umweltgütesiegel bekommen und wir hätten gerne das Umweltzeichen der Destinationen – da sind alle Stakeholder gefordert“, stellt Gerhard Gstettner, Geschäftsführer des TVB Pitztal fest.

Der TVB Pitztal hatte schon geplant, das Thema Nachhaltigkeit in der Tourismusregion zu verankern und dafür einen Mitarbeiter anzustellen. Das im Zusammenspiel mit der EU geförderte und von der Lebensraum Tirol Holding in die Wege geleitete CLAR-Projekt (Clean Alpine Region) kam da gerade zur rechten Zeit, sodass die ersten 20 Pitztaler Nachhaltigkeits-Monate leicht zu stemmen waren.

"In Zukunft wird es Gäste bringen, wenn man achtsam mit den Ressourcen umgeht."
Gerhard Gstettner

Multiplikatorwirkungen

Aber auch ohne diese animierenden Projekte hätte der TVB Pitztal erste Schritte gesetzt, um Nachhaltigkeit zum Thema und bestenfalls sogar zum USP der Tourismusregion zu machen. „Der Nachhaltigkeitsgedanke wird uns im Tourismus bestimmen, weil es die Gäste verlangen und es in Zukunft auch Gäste bringen wird, wenn man achtsam mit den Ressourcen umgeht“, so Gstettner. Bei zahlreichen dieser Zukunftsfragen wird der TVB Pitztal zunehmend zur Koordinations-Plattform. So auch für das Kreislaufwirtschaftsprojekt, im Zuge dessen beispielsweise daran gearbeitet wird, dass das Wild aus der Tiroler Landesjagd wieder im Pitztal zur Verfügung steht.

Angesichts dieser Regionalentwicklungs-Aufgaben ist klar, dass Nachhaltigkeitsmanagement in einer Region etwas anderes ist, als in einem großen Unternehmen. „Der neue Manager wird sich nicht nur der regionalen Kreislaufwirtschaft und der Qualifizierung der Betriebe, sondern auch des Themas Arbeitsmarktpolitik annehmen. Diese soziale Achse der Nachhaltigkeit ist als Säule dazugekommen“, beleuchtet Gstettner das große Spielfeld, auf dem sich der Nachfolger Michael Metzlers beweisen darf. Im Oktober 2022 soll der Posten neu besetzt werden. Zeitgleich wird auch der Nachhaltigkeitskoordinator im Ötztal zu arbeiten beginnen.

Die Herausforderungen in Tirols Tourismusregionen sind so groß wie die Möglichkeiten. Nicht zuletzt der TVB Wilder Kaiser, der dieses Jahr den renommierten CSR-Preis Trigos in der Kategorie „Vorbildliche Projekte“ gewonnen hat, hat das unter Beweis gestellt. Die in der Region lebende und arbeitende Bevölkerung derart achtungsvoll in die Entwicklung künftiger Strategien und Standortfragen einzubinden, unterstreicht jedenfalls die Multiplikatorfunktion beziehungsweise Hebelwirkung, die ein ernsthaft nachhaltig orientierter Tourismusverband haben kann.

Reinhard Mayr

Drehscheibe Bank

Apropos nachhaltige Hebelwirkung. Sie ist es, derer sich die Raiffeisenlandesbank Tirol vollumfänglich bewusst ist. „Der EU Green Deal verankert aufeinander abgestimmte Maßnahmen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und macht die Finanzbranche zur Drehscheibe der Transformation. Denn Banken sollen den Betrieben die Finanzmittel für grüne und digitale Investitionen zur Verfügung stellen und das Kapital der Anleger:innen vermehrt in Unternehmen lenken, die nachhaltig und mit Rücksicht auf soziale Faktoren wirtschaften“, erklärte Reinhard Mayr, Vorstandsvorsitzernder der RLB Tirol AG in ihrer ersten Nachhaltigkeitsinformation 2021. Im Kreislauf, den er beschreibt, bildet die Bank einen Mittelpunkt. 2019 hatte die intensive Auseinandersetzung der RLB mit dem Thema Nachhaltigkeit begonnen, 2020 wurden Themenfelder mit höchstmöglichem Impact auf die Stakeholder und die Region erarbeitet und im selben Jahr wurden mit Charlotte Dewilde und Martin Stolz zwei Nachhaltigkeitsmanager gefunden, die an der komplizierten Transformation der Bank arbeiten.

„Wir glauben, dass wir bei der nachhaltigen Transformation eine große Hebelwirkung haben. Wir sind ein gutes Team, doch ist Nachhaltigkeit nicht etwas für das Teams sondern für alle. Wir sind die Drehscheibe und koordinieren diese Zusammenarbeit“, sagt Charlotte Dewilde. Die gebürtige Belgierin ist vor zwei Jahren aus Liebe zu den Bergen nach Tirol gezogen und der Umstand, begeisterte Sportlerin zu sein, hilft ihr auch in ihrem Job: „Ich liebe Herausforderungen.“ Das ist nicht die schlechteste Voraussetzung, füllen sie und ihr Kollege doch die RLB-Handlungsfelder Infrastruktur, Produkte, Personal und Kommunikation mit nachhaltigem Leben, erheben Kennzahlen, setzen sich mit der Regulatorien der EU auseinander, tauschen sich in den Netzwerken aus und arbeiten daran, die große Bank fit zu machen – auch im Hinblick auf die nichtfinanzielle Berichterstattung, die auf sie zukommt. Noch fehlen die detaillierte Rahmen und Vorgaben der EU, doch rüstet sich das Institut frühzeitig.

Dieses frühe Rüsten und das Durchforsten des Unternehmensgerüstes unter nachhaltigen Gesichtspunkten ist ein immer wichtigeres Gebot der Stunde. „Unternehmen, die wie wir in einer Lieferkette stehen, kommen unweigerlich in eine Berichtspflicht. Die Basis dafür zu erarbeiten ist ein irrsinnig komplexer Prozess“, weiß Alexander Steger, Nachhaltigkeitsmanager beim Kramsacher Digitaldruck-Pionier Aeoon Technologies. Umweltschutz ist für das Unternehmen nicht neu und Nachhaltigkeit ist es ebenso wenig. „Das Schöne bei Aeoon ist, dass der Unternehmenszweck an sich schon im Kern nachhaltig ist“, betont Steger.

"Der Prozess ist ein guter Weg, den Tunnelblick oder Betriebsblindheit im Unternehmen abzuschütteln."
Alexander Steger

Ganzheitliche Betrachtungen

Die weltweit gehandelten Drucker ermöglichen es den Kunden beispielsweise, nur auf Anfrage zu drucken, die Drucker können repariert und ihr Lebenszyklus damit verlängert werden. „Beeindruckend ist auch, dass über 70 Prozent der Komponenten von Lieferanten aus der unmittelbaren Umgebung kommen“, betont Steger.

Aeoon hat bereits viele SDGs „eingearbeitet“, doch ist dieser positive unternehmerische Aktionismus nie in eine Strategie umgesetzt beziehungsweise in die Strategie integriert worden. Auch dafür ist Alexander Steger zuständig. „Wir sind dabei, die Daten auf verschiedenste Methoden zu erheben und sind immer an internationalen Standards orientiert. Die Ermittlung der Daten ermöglicht uns, transparent zu berichten. Das ist glaubwürdig und kann zertifiziert werden. Was man messen kann, kann man verändern“, sagt Steger, wobei er nicht müde wird, zu betonen, dass es sich dabei nicht nur um Umweltschutz handelt, sondern dieser Prozess ein Unternehmen stärken kann. „Es ist ein guter Weg, das Unternehmen ganzheitlich zu sehen und den Tunnelblick oder die Betriebsblindheit abzuschütteln“, beschreibt Steger die positiven Folgen des Paradigmenwechsels, der Geld sparen, Innovationen ankicken und die Mitarbeiter:innen auf intensivere Weise ins Unternehmensboot holen kann.

Für das Land Tirol und die Standortagentur Tirol beobachtet er die Hürden und Probleme genau, die sich auf dem für ihn recht offenen Weg ergeben. „Aus dem heraus schaffe ich ein Best Practice Modell, am dem sich andere Unternehmen orientieren können“, kündigt Steger an. Landauf, landab, auf allen Ebenen und in allen Branchen werden wichtige, teils erste Schritte gesetzt. Der Takt wirkt atemlos. Doch das Ziel ist es wert.

Gefördertes CSR- und Nachhaltigkeitsberatungen

Gefördertes CSR- und Nachhaltigkeitsberatungen können Sie im Rahmen der Tiroler Beratungsförderung in Anspruch nehmen.

Kontakt:
Mag. Marlene Hopfgartner
Nachhaltigkeitsbeauftragte der WK Tirol
T 05 90 90 5 1264
E marlene.hopfgartner@wktirol.at

www.WKO.at/tirol/nachhaltigkeit

Dieses und 159 weitere praktische Services der WK Tirol finden Sie online unter www.servicepaket.at

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