Fö N Festival: Kreativ-Summit in Innsbruck
Fö N Festival: Kreativ-Summit in Innsbruck
Panorama

Attraktive Erlebnisse formen

© Kreativland Tirol

Der 9. September 2022 ist dem kreativen Denken gewidmet. Im Rahmen des FÖ N Festivals, des Kreativ-Summits gegen die Schwerkraft, wird die Bühne im Innsbrucker Haus der Musik inspirierend funken.

INTERVIEW

Sonja Zant und Matthias Pöll von brainds regen im TW-Interview den kreativen Appetit an.

Tiroler Wirtschaft: Sie werden beim FÖ N Festival über kreative Systeme und den Zusammenhang zwischen Beziehungen und Kreativität sprechen. Wieso lohnt sich der genauere Blick auf Beziehungen für Sie?

Sonja Zant: Als Unternehmensberatung und Designagentur verstehen wir unsere Arbeit grundsätzlich als Beziehungsarbeit. Wir arbeiten an den Beziehungen einer Organisation zu ihrem Markt und Umfeld, wenn wir Strategien für Marken oder Arbeitgebermarken und Positionierungen entwickeln. Und wir gestalten Beziehungen zu und zwischen Menschen, wenn wir diese Strategien dann in die Umsetzung bringen und attraktive Erlebnisse daraus formen.

Wenn Sie feststellen, dass Beziehungen Systeme formen, regt das große Gedanken an, weil es für viele, wenn nicht alle „Rahmen“ zutrifft, in denen sich Menschen bewegen. Wie kann dieses recht quirlige Wechselspiel gefasst beziehungsweise entschlüsselt werden?

Matthias Pöll: Wir sehen Beziehungen als die kleinsten Einheiten eines Systems. Sie halten es zusammen, lassen es überhaupt existieren und entscheiden über dessen Entwicklung und Veränderungsfähigkeit. Nehmen Sie etwa die aktuell so viel diskutierte Frage, wie wir in Zukunft arbeiten werden, oder die noch viel größere Frage, wie wir der Klimakrise begegnen können, beides sind systemische Herausforderungen, die letztlich darauf hinauslaufen, wie wir unsere Beziehungen gestalten, sprich wie wir uns aufeinander beziehen oder eben nicht: als Menschen, aber auch auf unsere Umwelt, Ressourcen, Produktivität, Wohlstand usw. Und sie sind noch in einem zweiten Sinn Beziehungsfragen, denn es braucht qualitätsvolle Beziehungen, um überhaupt funktionierende Antworten auf so komplexe Fragen finden zu können oder in anderen Worten: das notwendige Maß Kreativität aufzubringen. Das wird im flüchtigen, unverbindlichen Small Talk nicht gelingen, wie auch nicht in stark hierarchischen Konstellationen, die durch einseitige Machtausübung geprägt sind, oder im Kontext festgefahrener Beziehungskonflikte.

Wie funktioniert die Entschlüsselung?

Matthias Pöll: Aus der Summe der Beziehungen in einem System, ihren konkreten Formen und Qualitäten, emergiert so etwas wie eine gemeinsame Beziehungspraxis, die Kultur des Systems. Das kennen wir alle aus den Organisationen, in denen wir arbeiten. Manche Kulturelemente verstehen wir unbewusst schon beim allerersten Betreten des Gebäudes, sie sind einfach implizit da. Deshalb ist Kultur ein träges Phänomen und meistens so schwer und langsam als Ganzes zu verändern. Entschlüsseln können wir dieses Wechselspiel zwischen dem System und den einzelnen Beziehungen darin, indem wir die Beziehungsmuster identifizieren.

Dabei können uns Analyse-Werkzeuge helfen. Und zwar solche, die den großen Rahmen, der durch Purpose, Strategie und Strukturen gesetzt wird, mit dem Funktionieren der Organisation im „Kleinen“, also im Alltag, in Beziehung bringen. Wie sehen Meetings aus? Auf welchen Wegen wird Information geteilt? Welche Beziehungen sind besonders bedeutsam bzw. mächtig für das Ganze? Die Operating System Canvas von Aaron Dignan ist so ein Werkzeug, das wir momentan inspirierend und hilfreich finden, um ein konkretes Beispiel zu nennen.

Ist die Entschlüsselung oder das Bewusstsein gegenüber den entscheidenden Faktoren eines Systems wichtig – damit es nicht zusammenbricht oder eben damit es sich gut weiterentwickeln kann?

Sonja Zant: Je mehr Bewusstsein ein System darüber ausbildet, wie es Beziehungen lebt, desto zukunftsfähiger ist das System, denn desto eher wird es diese Beziehungen erfolgreich gestalten und verändern können. Entwicklung findet immer statt, weil Beziehungen und Systeme nie stillstehen, aber eine intendierte, aktive und dadurch mit höherer Wahrscheinlichkeit erfolgreiche Entwicklung und Wandlungsfähigkeit hängt davon ab, wie gut wir uns selbst verstehen und auch in Frage stellen können. Das ist in Unternehmen nicht anders als in Paarbeziehungen.

Veränderungen machen vielen Menschen erst einmal Angst. „Angst fressen Seele auf“, wissen wir von Rainer Werner Fassbinder. Knabbert oder nagt diese Angst auch an der Kreativität?

Matthias Pöll: Psychologische Sicherheit ist eine wichtige Voraussetzung für Kreativität – das heißt, wie sicher ich mich als Mitglied eines Teams fühle, auch unangenehme Wahrheiten anzusprechen, Fehler zu machen und damit offen umzugehen, mich einfach frei mitzuteilen. Genau deshalb betonen wir die Bedeutung von Beziehungsqualität so sehr. Wenn wir uns in Teams und generell in Beziehungen sicher fühlen, erweitert sich unser gemeinsamer Handlungsspielraum. Dann können wir besser auf Veränderungen in unserer Umwelt reagieren, uns dem Neuen aussetzen, was immer eine kleine innere und gemeinsame „Krise“ bedeutet, und uns kreativ anpassen.

Sonja Zant
Sonja Zant

Sind Sie als Unternehmensberater:innen mit diesen Ängsten oder dieser Skepsis konfrontiert – wenn ja, wie überwinden Sie diese Mauern oder Mäuerchen?

Sonja Zant: Ganz definitiv ja. Das Wichtigste im Umgang damit ist zunächst, die Mauern ernst zu nehmen und zu versuchen, die guten Gründe für deren Bau zu verstehen. Die gibt es nämlich immer. Warum steht die Mauer genau dort? Was leistet sie für die Gruppe? Woraus ist sie gebaut? Auch das geht nur im Gespräch, also in Beziehung miteinander.  Als Berater:in geht es aus unserer Erfahrung darum, diese Ängste und Ambivalenzen auszuhalten und im praktischen Tun die Erfahrung zu ermöglichen, dass Angst in Experimentierfreude sowie Lernen und Erneuern überführt werden kann. Unsicherheit ist notwendig, um überhaupt in ein Neues aufbrechen zu können. Wir verlassen dann die Zone, in der wir uns sicher fühlen und brauchen etwas anderes, an dem wir uns festhalten können, vor allem aber die positive Erfahrung, dass es sich lohnt, aufzubrechen.

Matthias Pöll: Wirklich qualitätsvolle Beziehungen sind dabei elastischer, also veränderungsfähiger und resilienter. Sie sind geübt darin, gemeinsam kreative Wege um Hindernisse herum zu finden oder auch auszuhalten, dass diese Mauern zumindest vorerst stehen bleiben. Das sind dann reife Beziehungen. Oder reife Organisationen, wenn man so will.

Beziehungen – in welcher Form auch immer – sind oder bleiben nur mit Bewegung spannend und kreativ. Zu wenig Bewegung führt zu unangenehmem Stillstand. Zu viel Bewegung zur möglicherweise verunsichernden Atemlosigkeit. Wie können Unternehmer:innen die richtige Balance finden? Gibt es da so etwas wie drei oder zehn Gebote?

Sonja Zant: Wir sind aktuell sowohl mit rasendem Stillstand konfrontiert – bedenkt man, dass Greta Thunbergs Botschaft noch vor Kurzem für viele als übertrieben bis hysterisch gegolten hat, oder wenn man sich das aktuelle EY Mixed Leadership Barometer ansieht und feststellt, dass nach wie vor in 40 von 55 österreichischen börsennotierten Unternehmen keine Frau im Vorstand vertreten ist – als auch mit der Atemlosigkeit aufgrund von Pandemie-Geschehen und multiplen Krisen. All diesen System-Krisen ist eines sicher, wir werden sie nur in veränderten Öko-Systemen bewältigen, die den Menschen eine zumutbare Balance zwischen Stabilität und Agilität bieten. In kreativen Öko-Systemen, die aufgrund einer veränderten Beziehungspraxis Perspektivenvielfalt zulassen, Neues denkbar machen, Selbstermächtigung und Experimentierfreude erlebbar machen und gemeinsam in Spannungsfeldern ins Tun und Handeln kommen.

Matthias Pöll: Zehn Gebote gibt es dafür nicht, aber sicherlich Werkzeuge und Prinzipien, die dabei helfen. Im Kern geht es immer darum, Vertrauen aufzubauen, so banal das vielleicht klingt. Wenn ich jemanden kenne und einschätzen kann, fühle ich mich sicher und kann kreativer sein. Und wenn ich den Prozess der Lösungsfindung kenne und verstehe, kann das auch mit Menschen gelingen, zu denen ich noch wenig Beziehung habe. Das ist es, was der Design Thinking Prozess leistet.

Ist „möglich machen“ ein Schlüssel auch für Unternehmer:innen, um eine kreative Dynamik zu fördern?

Matthias Pöll: Ja, ganz bestimmt. Wobei dieses „möglich machen“ immer auch einen guten und klaren Rahmen braucht. Wenn alles möglich ist, ist nichts wirklich möglich. Das gilt für Beziehungen und kreative Prozesse gleichermaßen.

Matthias Pöll
Matthias Pöll

Wie definieren Sie Kreativität?

Matthias Pöll: Im Begriff steckt das Schöpferische. Etwas Realität werden zu lassen und zu gestalten, das zuvor noch nicht da war. Dafür ist divergentes Denken nötig, das Abweichen vom Gekannten, im Unterschied zum konvergenten Denken, das einer linear-rationalen Logik folgt. Diese Kompetenz hat etwas Unplanbares, aber es gibt Rahmenbedingungen, die es uns erleichtern, konstruktiv abzuweichen, einen neuen Weg zu denken und diesen dann konsequent zu entwickeln. Der Kreativprozess erfordert ein laufendes Wechselspiel von Improvisation und Perfektion, von Emotion und Rationalität, von Scheitern und Gelingen. Nur in diesen Spannungsfeldern entwickeln wir Neues.

Wie beschreiben Sie einen genialen Prozess?

Sonja Zant: Ein genialer Prozess kombiniert Haltung und Methodik. Respektieren von unterschiedlichen Meinungen und Gedankenspielen, Mut für Nichtwissen und Scheitern, Mitgefühl für sich und die Vielfalt anderer. Er erfordert daher, sehr viel „nicht Kontrollierbares“ über große Zeitspannen halten und aushalten zu können, was uns sehr fordert, manchmal auch überfordert. Neben diesem Mindset braucht ein genialer Prozess einen guten Werkzeugkoffer mit agilen Arbeitsmethoden und Kreativtechniken sowie ein iteratives Vorgehen, das Lern- und Übungsschleifen möglich macht, und so aus Ideen neue Lösungen werden lässt.

Der Design Thinking Prozess ist so ein Prozess. In der Praxis angewandt, ist er für alle am Prozess Beteiligten die Bühne für Kollaboration und Veränderung. Die Herausforderungen in unseren Systemen sind so komplex, dass nicht das geniale Individuum Antworten finden kann, sondern geniale Prozesse das Zusammenspiel aus Unterschieden in Menschen, Talenten, Teams, Organisationen und Systemen ermöglichen und so kreative Lösungen für die Zukunft hervorbringen.

Können Sie Beispiele dafür nennen, wie aus kreativen Prozessen kreative Systeme werden?

Sonja Zant: Zu unseren langjährigen Kundinnen und Kunden zählen große österreichische Unternehmen, Institutionen, Familienunternehmen genauso wie Städte oder Universitäten. In unserer Zusammenarbeit mit diesen Systemen und ihren Führungskräften und Mitarbeiter:innen tun wir das auf unterschiedlichsten Ebenen. Beispielhaft können wir das an unserer Arbeit mit der Wiener Stadtwerke-Gruppe erklären: Es geht dort um die Veränderung eines komplexen Gefüges aus diversen Teilunternehmen von Mobilität über Energie bis Bestattung und ihrer nicht weniger komplexen Stakeholder-Landschaft. Dieses System hat nun die gemeinsame Aufgabe, eine Großstadt bis 2040 emissionsfrei zu machen.

Der Auftragsrahmen unserer Zusammenarbeit ist das Finden von Lösungen für einen Arbeitsmarkt im dramatischen Umbruch von Fachkräftemangel, Pensionierungswellen der Babyboomer-Generation, zeitgleich stark wachsenden Berufsfeldern mit Green Jobs, steigendem Recruiting-Wettbewerb im Außen wie neuen Formen der Generationen-Zusammenarbeit im innen. Wir haben die Wiener Stadtwerke-Gruppe mit einen partizipativen, identitäts-basierten Arbeitgebermarken-Strategie- und Umsetzungsprozess begleitet. Arbeitgebermarken mit ihren strategischen Dimensionen Purpose, Werte, Versprechen, Positionierung und Narrative sind in Zeiten wie diesen relevante und hochwirksame Beziehungssysteme, zu denen sich (zukünftige) Talente zugehörig fühlen wollen, das heißt sie möchte sich positiv und identitätsstiftend darauf beziehen können.

Wir erleben dort, dass ein smarter Prozess mit radikaler Nutzer:innen-Orientierung, ausgewogener Partizipation und ergebnisoffener Haltung erfolgreich zum Projekt-Ergebnis führt. Darüber hinaus machen aber Teams in unterschiedlichen Formationen die essentielle Erfahrung sich dank neuer Methoden und Aufgaben immer wieder neu aufeinander zu beziehen, Irritationen zuzulassen, Neues auszuprobieren und ihre Kooperations- und Konfliktfähigkeit weiterzuentwickeln. Aus dieser „Keimzelle“ von rund 200 Prozess-Beteiligten reift ein lernendes System, das aus kreativen Ideen kreative Lösungen für Kolleg:innen erarbeitet und damit multipliziert – wie beispielsweise die Umsetzung von community-basierten Recruiting-Formaten für IT-Fachkräfte, einen standardisierten, gruppenweiten Onboarding-Prozess oder auch ein neues Klima-Traineeship-Programm. Immer größer werdende Beziehungsnetzwerke werden so gemeinsam kreativ, etablieren neue Lösungen und verändern das System.

Matthias Pöll: Wir wollen mit unserem Vortrag die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass es angesichts des heutigen Veränderungsdrucks und der Komplexität der entsprechenden Aufgaben immer wichtiger wird, ganze Systeme kreativ zu befähigen, die Beziehungen in diesen Systemen bewusst zu entwickeln und an kreativen Aufgaben wachsen zu lassen. Dann werden aus kreativen Prozessen kreative Systeme, in denen immer wieder neue Bezüge und Lösungen entstehen und sich Kreativität multiplizieren kann. Dazu kann übrigens jede und jeder von uns sofort einen Beitrag leisten. Wir fühlen uns aufgrund der Weltlage oft ohnmächtig, aber wenn wir an unseren Beziehungen, ob beruflich oder privat, arbeiten, schaffen wir eine wichtige Voraussetzung für die jetzt notwendige Kreativität.

Weitere Informationen und Tickets: www.kreativland.tirol/foen

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