Metaverse werden dreidimensionale Erlebnisse bieten, in die wir sprichwörtliche eintauchen können.
Metaverse werden dreidimensionale Erlebnisse bieten, in die wir sprichwörtliche eintauchen können.
Panorama

Metaverse & Co: Die Zukunft hat längst begonnen

Metaverse werden dreidimensionale Erlebnisse bieten, in die wir sprichwörtliche eintauchen können.
© stock.adobe.com/JustSupe

Thomas Metzler, Professor für Entrepreneurship, Marketing & Innovation, erläuterte in einem Gespräch, wie bedeutsam er die Entwicklungen im Bereich Web3, NFTs und des Metaverse einschätzt.

INTERVIEW

Tiroler Wirtschaft: Sie sprechen angesichts von Web3, NFTs und Metaverse von einem Inflection Point. Was ist damit gemeint?

Thomas Metzler: Inflection Points sind Wendepunkte, die weitreichende Veränderungen in verschiedenen Wirtschafts- und Lebensbereichen einläuten. Meist werden sie erst im Nachhinein erkannt. So wurde beispielsweise zum Start von Facebook im Jahr 2004 noch von kaum jemanden wahrgenommen, welche massiven Auswirkungen soziale Netzwerke auf unser Leben haben werden. Und nach der Vorstellung des iPhones im Jahr 2007 kommentierte der Chef von Microsoft, Steve Ballmer, dass das iPhone viel zu teuer sei und den Kunden die Tasten abgehen würden.

Dass die Smartphone-Nutzung sich dermaßen stark auf unser Leben auswirken wird, erkannten zu diesem Zeitpunkt nur die Wenigsten. Meines Erachtens besteht nun erneut die Möglichkeit, dass wir mit Web3, NFTs und dem Metaverse einen dieser Wendepunkte durchlaufen.

Thomas Metzler

Aber nach kurzfristigen ersten Erfolgen schwächeln derzeit zum Beispiel gerade Kryptowährungen oder NFTs und das Interesse am Metaverse ist etwas abgeflaut. Also doch nur ein Hype?

Viele Kryptowährungen oder NFTs waren stark gehyped und aktuell erfolgt eine Marktbereinigung. Und die Erwartungshaltung in Bezug auf das Metaverse war riesig, kurzfristig musste eine Enttäuschung durch die Differenz von Erwartung und eingetroffener Realität eintreten. Obwohl es atemberaubende Fortschritte in diesem Bereich gibt, benötigt die Entwicklung von grundlegenden Technologien Zeit. Marc Zuckerberg sprach kürzlich in einer Investoren-Konferenz davon, dass die Verwirklichung einer Metaverse-Vision noch den Rest dieses Jahrzehnts in Anspruch nehmen wird. Kurzfristig werden wir insofern vielleicht noch die eine oder andere Enttäuschung erleben, mittel- bis langfristig bin ich aber fest davon überzeugt, dass diese Entwicklungen einen starken Einfluss auf unser Leben und Arbeiten haben werden.

Sie sprechen von Web3. Was waren Web1 und Web2?

Unter Web1 wird das statische Web verstanden. Im Web1 konnten Userinnen und User beispielsweise Websites von Unternehmen besuchen und die bereitgestellten Informationen lesen. Während die Rolle der Userin/des Users im Web1 sehr passiv ist, ist es im Web2 möglich, auch selbst Inhalte zu verfassen und eigene Beiträge zu leisten, z.B. auf sozialen Netzwerken. Die Nutzer von sozialen Netzwerken zahlen jedoch mit ihren Daten für die Nutzung derselben und sind nicht am finanziellen Erfolg dieser Unternehmen beteiligt, zu denen sie mit ihren Inhalten einen kritischen Beitrag leisten.

Web3 ist die nächste Stufe. Im Web3 werden die User selbst zu Eigentümern, verfügen über Stimmrechte und können Entwicklungen aktiv mitbeeinflussen. User wären bei einem sozialen Netzwerk, das der Web3 Logik folgt, somit am finanziellen Erfolg beteiligt. Auch könnten die User mitbestimmen, was mit ihren Daten passiert, beispielsweise ob diese für Werbezwecke verwendet werden dürfen oder nicht.

Thomas Metzler (l.) und Mario Eckmaier
Thomas Metzler (l.) erklärte im Factor-Studiogespräch, wie sich Web3 und Metaverse sowie NFTs und Kryptowährungen auf unser zukünftiges Leben und Arbeiten auswirken werden.
© Factor | Thomas Steinlechner

Was sind NFTs?

NFT ist die Abkürzung für Non-Fungible Token, zu Deutsch: Nicht austauschbarer Token. Ein Token ist die digitalisierte Form eines Wertes. Theoretisch kann jeder Wert digitalisiert und zum NFT werden: Zeichnungen, digitale Kunstwerke, Videoclips oder auch echte Besitztümer, wie beispielsweise eine Wohnung. Die technologische Grundlage für NFTs ist die Blockchain, über welche Eigentumsverhältnisse sicher und transparent abgebildet werden. NFTs können dann über Marktplätze, wie beispielsweise OpenSea, weltweit gehandelt werden.

Können NFTs mehr sein als Spekulationsobjekte?

Ja, NFTs werden inzwischen zunehmend als Zugangsschlüssel eingesetzt. Sie können beispielsweise den Zugang zu einer Community, den Eintritt zu einem exklusiven Event oder den Erhalt eines besonderen Goodies ermöglichen. NFTs nehmen häufig eine ähnliche Funktion wie die Mitgliedschaft in einem Klub ein. Die Mitgliedschaft in einem NFT-Klub muss aber nur einmalig bezahlt werden, da NFTs wiederkehrende Einnahmen für das dahinterstehende Unternehmen generieren. Der Herausgeber der NFTs erhält nämlich nicht nur den Kaufpreis beim erstmaligen Verkauf, sondern auch einen prozentuellen Anteil des Verkaufspreises bei jedem Wiederverkauf des NFTs.

Dies eröffnet eine neue, interessante Finanzierungsquelle für Projekte. Es ist jedoch zu beachten, dass NFT-Projekte häufig anders geführt werden als klassische Unternehmungen. Über NFTs kann oft ein Stimmrecht auf die Entwicklung des dazugehörigen Projekts ausgeübt werden. Es erfolgt eine Demokratisierung des Managements, was eine komplette Änderung der derzeitig üblichen Unternehmenskultur darstellt. Die Besitzer der NFTs bestimmen dann beispielsweise, wofür Einnahmen investiert werden. Die Einbeziehung der Userinnen und User in die Entwicklung von Unternehmen ist herausfordernd, bietet aber auch große Chancen. Betroffene werden zu Beteiligten gemacht. Die Kundinnen und Kunden bestimmen den Kurs des Unternehmens mit. Das verändert die Dynamik der Kundenbeziehung völlig und wird zu großen Veränderungen in der Wirtschaftswelt führen.

Welche Rolle spielt dabei die Blockchain-Technologie?

Die Blockchain ist die technologische Grundlage von NFTs oder Kryptowährungen. Die Blockchain stellt sicher, dass NFTs oder Kryptowährungen nicht mehrfach verkauft werden können und löst somit das Double Spending Problem. Die Blockchain stellt sicher, dass beispielsweise ein Bitcoin nicht kopiert und mehrfach ausgegeben wird. Die Blockchain ermöglicht es somit, Kryptowährungen oder NFTs ohne eine zentrale Instanz zu besitzen und zu handeln. Das Vertrauen zwischen Marktteilnehmerinnen und -teilnehmern wird über die Blockchain, sprich über die Technologie, hergestellt.

Thomas Metzler

Ist die Blockchain-Technologie nicht berüchtigt dafür, extrem viel Energie zu verbrauchen?

Hier kommt es auf die betrachtete Blockchain an. Bei Bitcoin trifft dies tatsächlich zu. Der jährliche Stromverbrauch von Bitcoin ist immens, in etwa eineinhalb bis zwei Mal so hoch wie der jährliche Energieverbrauch in Gesamtösterreich. Neben Bitcoin gibt es aber auch andere Blockchains, wie beispielsweise Solana, die weitaus energieeffizienter sind und nach eigenen Angaben bereits CO2-Neutralität erreicht haben.

Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen bei Kryptowährungen ein?

Aktuell erfolgt eine starke Marktbereinigung. Die gesamte Marktkapitalisierung des Krypto-Marktes hat sich in den vergangenen Monaten von knapp 2 Billionen (= 2.000 Milliarden) auf ca. eine Billion (= 1.000 Milliarden) halbiert. Es sei daher an dieser Stelle angemerkt, dass Kryptowährungen und NFTs hoch spekulative Assetklassen sind. Persönlich bin ich an der Innovation in diesem Themenfeld interessiert und weniger an der Spekulation, insofern beschäftige ich mich nicht intensiv mit den Kursentwicklungen. Nach dem letzten großen Kryptowährungs-Crash Anfang 2018 gab es den sogenannten „Krypto-Winter“, welcher mehrere Jahre andauert. Insofern könnte es bis zu einer Erholung des Krypto-Marktes durchaus etwas dauern.

Was genau erwartet uns beim Begriff Metaverse?

Während wir aktuell im Web Inhalte hauptsächlich über Laptop- oder Smartphone-Bildschirme zweidimensional konsumieren, wird das Metaverse dreidimensionale Erlebnisse bieten, in die wir sprichwörtlich eintauchen können, beispielsweise in virtuelle Welten, in die wir uns mittels Virtual-Reality Brillen bewegen. Auch können digitale Elemente unsere Realität erweitern, beispielsweise könnte der Yoga-Lehrer für seinen Unterricht auch in das eigene Wohnzimmer projiziert werden.

Was davon wird sich auf die Geschäftswelt von Klein- und Mittelbetrieben auswirken?

Wenn diese Entwicklungen wie eingangs erwähnt wirklich Wendepunkte sind, werden sie uns alle erfassen, ob Klein- oder Großbetrieb. Betrachten wir vergangene Wendepunkte, wie etwa Soziale Netzwerke oder Smartphones, dann stellt sich heraus, dass diejenigen Unternehmen von diesen Entwicklungen profitiert haben, die sich frühzeitig damit auseinandergesetzt haben. Mein Appell an Unternehmen wäre daher, sich frühzeitig mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen, unabhängig von aktuellen Kursentwicklungen oder Schlagzeilen.


Veranstaltungshinweis

Am 28. September 2022, von 17:00 bis 18:30 Uhr, ist Professor Thomas Metzler zu Gast bei einem WK-DIGI.talk zum Thema „Krypto, NFT und Metaverse“. Die Teilnahme an dieser Online-Veranstalung ist kostenlos. Nähere Infos und Anmeldung unter veranstaltung.wktirol.at/19278

Mario Eckmaier, Digitalisierungsbeauftrager der WK Tirol
Der Freak-Faktor
Mario Eckmaier, Digitalisierungsbeauftrager der WK Tirol

Kommentar von Mario Eckmaier, Digitalisierungsbeauftrager der WK Tirol Web3, NFT und Metaverse sind Begriffe, die von vielen als Fantasterei von Computer-Nerds abgetan werden. Das Factor-Studiogespräch mit Professor Metzler zeigte uns doch, dass es sich auszahlt, sich mit diesen Entwicklungen jetzt schon zu befassen. Es ist ganz ähnlich wie bei der kürzlichen Aussage Gerhard Bergers, dass Motorsport den Klimaschutz fördern könne. Erwartungsgemäß war die Empörung auf dieses Statement groß – Motorsport produziere Emissionen, sei gesundheitlich unverantwortlich und nicht mehr zeitgemäß. Wer sich allerdings die Mühe machte, über diesen Satz nachzudenken, kam rasch zum Ergebnis: Natürlich trägt Motorsport zur technischen Entwicklung bei. Dort können neue Motoren, neue Treibstoffe, neue Assistenzsysteme in einer Art geschützten Werkstätte erprobt und zur Serienreife gebracht werden.

Viele Versuche werden sich als Sackgasse herausstellen, aber einige sind für die weitere Entwicklung der Mobilität entscheidend und leisten damit indirekt auch einen Beitrag zum Klimaschutz. Genau dieselbe Funktion erfüllen jene Communities, die sich jetzt mit Web3, NFT und Metaverse beschäftigen. Manches davon fällt vielleicht in die Kategorie „Irrwege“, aber einige Entwicklungen sind wegweisend und werden sich in den nächsten Jahren massiv auf unsere Geschäftsbeziehungen und Geschäftsmodelle auswirken. Noch wirken viele dieser Anwendungen mit ihren bunten Bildchen und ihrer schrillen Community auf den ersten Blick realitätsfremd, doch wie Thomas Metzler in seinem Vortrag darlegte, finden sich bereits jetzt handfeste Ansätze, die in nicht allzu langer Zeit auch unsere Wirtschaftswelt verändern werden. Man darf sich eben nicht vom vermeintlichen Freak-Faktor täuschen lassen, sondern sollte in die Tiefe blicken, welche Mechanismen dahinterstehen.

Die großen Player wie Google oder Microsoft machen das längst und investieren Milliarden – nicht aus Spaß, sondern weil sie die Potenziale sehen. Facebook hat sich gar in Meta umbenannt – deutlicher kann man nicht ausdrücken, wie hoch die Bedeutung von Web3 eingeschätzt wird. Wer sich schon jetzt mit diesem Universum befasst, wird nicht von neuen Entwicklungen überrumpelt und kann diese früher als die Konkurrenz für das eigene Unternehmen nutzen. In unserer komplexen Welt gibt es keine allgemeingültigen Rezepte mehr. Wer aber über mehr Wissen verfügt, verfügt auch über mehr Chancen und ist seinen Mitbewerberinnen und Mitwerbern den entscheidenden Schritt voraus.

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