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„Bei erneuerbaren Energien das volle Potenzial nutzen“

© Christian Vorhofer

Barbara Thaler vertritt seit mittlerweile drei Jahren die Interessen Tirols in Brüssel. Die Europaabgeordnete und WK-Vizepräsidentin erklärt, welche Ziele sie in Brüssel in der Verkehrs-, Klima- und Energiepolitik verfolgt.

Eines Ihrer zentralen Themen ist als Verkehrssprecherin der ÖVP die Verkehrspolitik. Um welche Tiroler Positionen kämpfen Sie in Ihrer täglichen Arbeit?

Die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene ist alternativlos. Allerdings bremsen verschiedene technische Systeme, Arbeits- und Sicherheitsvorschriften sowie betriebliche und organisatorische Regeln den zügigen und effektiven Ausbau. Mit meinem Pilotprojekt „Brenner ohne Grenzen“ auf dem Korridor München–Verona möchte ich aufzeigen, dass in der Eisenbahn noch großes Potenzial steckt, das es zu heben gilt. Das bringt für Tirol handfeste Vorteile. Mehr Güterverkehr auf der Schiene bedeutet weniger Lkw auf der Straße und damit auch weniger Schadstoffbelastung und weniger Staus.

Vom Verkehr ist es nicht weit bis zum Klimaschutz. Lassen sich Klimaschutz und Unternehmertum unter einen Hut bringen?

Nachhaltigkeit ist für mich ein Konzept und viel mehr als nur Klimaschutz. Nachhaltigkeit funktioniert nur im Zusammenspiel mit der Wettbewerbsfähigkeit Europas und sozialer Balance.

„Wir müssen dahin kommen, dass die Schiene zur natürlichen ersten Wahl für internationale Frächter wird.“
Barbara Thaler

Alles redet in diesem Zusammenhang vom Green Deal. Welche Grundsätze sind Ihnen dabei wichtig?

Klimapolitik darf nicht nur schwarz oder weiß sein. Ambitionierte Ziele sind gut, aber sie müssen mit Hausverstand und Machbarkeit Hand in Hand gehen. Der Green Deal muss wirklich ein Deal sein. Es ist also darauf Rücksicht zu nehmen, dass die europäische Wirtschaft dadurch keinen Schaden nimmt. Nur so schützen wir das Klima und halten Europa wettbewerbsfähig.

Was braucht es für die Umsetzung des Green Deals konkret?

Wir brauchen sowohl für den Klimaschutz als auch für eine stabile, unabhängige und erschwingliche Energieversorgung Europas so viel erneuerbare Energien wie möglich. Im Verkehrsbereich betrifft das neben batteriebetriebenen Fahrzeugen vor allem grünen Wasserstoff, Biokraftstoffe und synthetische Kraftstoffe. Damit lassen sich Verbrennungsmotoren klimaneutral betreiben und das würde deren sinnvolle weitere Verwendung über 2035 hinaus rechtfertigen. Weiters ist mir wichtig, dass wir damit auch Arbeitsplätze in der Erneuerbaren Energiewirtschaft in Europa schaffen, sogenannte Green Jobs.

Welchen Stellenwert hat für Sie eine Reparaturkultur?

Produkte besser reparierbar zu machen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Wie ein großer Teil der Bevölkerung wünsche auch ich mir in jedem Fall mehr Reparaturkultur. Ein tolles Beispiel ist der derzeit laufende Reparaturbonus. In diese Richtung müssen wir weiterdenken. Einer Reparatur um jeden Preis stehe ich kritisch gegenüber, wenn Materialaufwand, Dauer oder Arbeitskosten in keinem Verhältnis zu einem Neukauf stehen.

Parlamentarische Arbeit auf europäischer Ebene ist ein hartes Ringen um Kompromisse. Konnten Sie für die heimischen KMU auch bereits Erfolge erzielen?

Ein wichtiger Etappenerfolg liegt darin, dass trotz des großen Widerstands der Europäischen Kommission viele Fraktionen im Verkehrsausschuss meinen Vorschlag unterstützten, dass bereits bestehende Wasserkraftwerke auch für die Produktion von grünem Wasserstoff verwendet werden dürfen. Wir müssen unser volles Potenzial nutzen, wenn wir erfolgreich sein wollen. Wir könnten außerdem mit den Gesetzen für digitale Märkte und digitale Diens-te sehr faire und gute Regeln für den Onlinehandel schaffen.

Herausgekommen sind mehr Transparenz für die Großen und mehr Chancen für die Kleinen. Das kommt vor allem der kleinteiligen Tiroler Wirtschaft entgegen. Diese Regelung ist ein Beispiel dafür, dass wir bürgernahe und einfache Regelungen brauchen. Ich begrüße es auch sehr, dass es gelungen ist, einheitliche Ladestecker für Handys, Laptops, Tablets und andere elektronische Alltagsgeräte zu beschließen. Das erleichtert das Leben der Bürgerinnen und Bürger und spart Tonnen an Elektromüll.

Worin sehen Sie die grundlegende Aufgabe der Politik und worin jene der Wirtschaft?

Die grundlegende Aufgabe der Politik ist, Ziele zu setzen und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit im Markt durch Wettbewerb Innovation entstehen kann. Daraus ergeben sich schlussendlich auch im Bereich Klimaneutralität die günstigsten Lösungen, aus denen die Menschen frei wählen können. Aber die Politik hat nicht zu entscheiden, welche Lösung sich durchsetzt, weder in der Verkehrspolitik noch in der Industriepolitik. Das kann der Markt besser. Die Stärke Europas war seit jeher Forschung & Entwicklung. Darauf müssen wir in Zukunft umso mehr setzen.