Symbolbild Gasversorgung in Tirol
Symbolbild Gasversorgung in Tirol
Panorama

Gasversorgung aus verlässlichen Quellen

© Maksym Yemelyanov - stock.adobe.com

In den letzten Monaten wurden wichtige Schritte zur Sicherung der Gasversorgung in Tirol unternommen. Nur mehr 30 % der Gasmenge im deutschen Netz und damit im Netz der Tigas kommt aus Russland.

Gas war in den vergangenen Jahren kein besonderes Thema – es war einfach „da“. Die Ukraine-Krise und die Unverlässlichkeit Russlands haben die Situation völlig verändert. Gas ist knapp – und damit zu einem begehrten Gut geworden. Doch die Gasversorger waren in den letzten Monaten nicht untätig und haben massive Vorbereitungen zur Entschärfung der Situation getroffen. Die Wirtschaftskammer Tirol hat im Rahmen des Veranstaltungsformats „Zammredn“ den Technischen Geschäftsführer der Tigas, Georg Tollinger, um seine Einschätzung der aktuellen Situation gebeten. Moderiert wurde das Gespräch vom Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik, Innovation und Nachhaltigkeit, Stefan Garbislander.

Das Wichtigste vorab: Tirol und Vorarlberg hängen nicht am gesamtösterreichischen Gasnetz, sondern am deutschen Netz. Hier ist in den letzten Monaten eine massive Substituierung gelungen: Noch vor einem Jahr war der Anteil von russischem Gas bei 60 %, jetzt liegt er nur mehr bei 30 %. Das bedeutet, dass immerhin 70 % des Gasbedarfs aus verlässlichen Quellen kommen und damit gesichert sind. Was in den kommenden Monaten auf die betrieblichen und privaten Verbraucher zukommen kann, erläutern Georg Tollinger und Stefan Garbislander im Interview.

Tiroler Wirtschaft: Gibt es für den Westen Österreichs eine spezielle Situation?

Tollinger: Ja, Tirol und Vorarlberg hängen am deutschen Gasnetz, haben aber Zugriff zu den österreichischen Gasspeichern. Während im Osten Österreichs die Abhängigkeit von russischem Gas bei rund 80 % liegt, beträgt diese wie oben ausgeführt bei uns inzwischen nur mehr 30 %. Das erhöht für den Westen Österreichs die Versorgungssicherheit wesentlich. Durch die Zusatzvereinbarung Österreichs mit Deutschland wurde ergänzend zum EU-Recht zudem der Zugriff Westösterreichs auf die Speicher in Oberösterreich und Niederösterreich sichergestellt.

Wie verteilt sich der aktuelle Gasverbrauch in Österreich?

Garbislander: Wir verbrauchen insgesamt ca. 90 Terawattstunden (TWh) in Österreich. Davon werden 40 % von der Industrie, 30 % für die Stromerzeugung und 20 % von den Haushalten
genutzt.

Gas spielt also auch bei der Stromerzeugung eine große Rolle?

Tollinger: Rund ein Drittel des österreichischen Gases wird für die Stromerzeugung und Kombikraftwerke (Strom-Wärme) verwendet. Das leistet einen wesentlichen Beitrag zur Versorgungssicherheit, da auf diese Weise Schwankungen im Stromnetz ausgeglichen werden. Unter den zehn größten Kunden der Tigas befinden sich vier Energieversorger, die auch Abwärme aus Prozessen bereitstellen.

Georg Tollinger
Georg Tollinger

Was passiert, wenn Russland über North Stream 1 nicht mehr liefert?

Tollinger: In diesem Fall fehlt dann in etwa 20 % bis 30 % der Gasmenge. Es wird also eine gewisse Grundversorgung aufrechterhalten werden können, aber es werden Einschränkungen notwendig sein. Hier hilft uns auch die neue gesetzlich angeordnete Österreichische Strategische Gasreserve in der Höhe von 20 TWh.

Was passiert im Worst Case, wenn die Mengen nicht mehr für alle ausreichen?

Tollinger: Dann wird es zwangsläufig zu Einschränkungen bei den Verbrauchern kommen. Haushalte und soziale Dienste wie Krankenhäuser oder Seniorenheime genießen jedoch einen besonderen Versorgungsschutz. Wenn dieser Fall eintreten sollte, wird das genaue Ausmaß des Eingriffs über die so genannte Erdgas-Lenkungsmaßnahmen-Verordnung seitens des Klimaministeriums definiert.

Warum ist die Erdgas-Lenkungsmaßnahmen-Verordnung noch nicht erlassen?

Garbislander: Energielenkung ist ein planwirtschaftlicher Eingriff. Damit legt der Staat fest, wer zu welchem Zeitpunkt Gas bekommt und wer nicht. Da das Ausmaß und die Art der Lenkung von der jeweiligen Notsituation abhängen, kann diese Verordnung nur relativ kurzfristig erlassen werden. Ich hoffe, dass die getroffenen Vorbereitungen ausreichen, damit dieses Instrument nicht genutzt werden muss.

Wie teuer kann Gas werden, wo wird es sich mittelfristig einpendeln?

Tollinger: Es ist viel Angst in der Preiskurve eingepreist. Der Preis kann wohl kurzfristig noch einmal wesentlich ansteigen, aber dann wird der Handel nur noch sehr eingeschränkt funktionieren. Der Preisanstieg hat übrigens schon letztes Jahr mit der Wirtschaftserholung begonnen. Die Ukraine-Krise hat ab der Jahreswende für massive Ausschläge gesorgt. Das wird wohl in den kommenden Monaten so bleiben.

Wie groß sind die österreichischen Gasspeicher?

Tollinger: Das Speichervolumen beträgt rund 90 TWh, das entspricht in etwa dem österreichischen Gesamtgasverbrauch eines Jahres.

Gibt es große Unterschiede zwischen dem Gasverbrauch im Sommer und im Winter?

Garbislander: Der Verbrauch im Winter ist in etwa vier- bis fünfmal höher als im Sommer. Deshalb wird der Sommer intensiv dafür genutzt, um die Speicher aufzufüllen.

Welche Maßnahmen wurden in den letzten Monaten getroffen?

Tollinger: Mittels EU-Verordnung ist fixiert, dass 80 % der verfügbaren Speicherkapazität befüllt werden soll. Zudem sollen Speicherkapazitäten länderübergreifend genutzt werden. Die neue Strategische Gasreserve von 20 TWh wird ebenfalls für eine gewisse Stabilisierung sorgen. Darüber hinaus hat die Tiwag/Tigas eine Speicherscheibe in der Höhe von 500 GWh für die Tiroler Haushalte und die Industrie angemietet.

Garbislander, Stefan, WK Tirol Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik, Innovation und Strategie
Stefan Garbislander

Können Verbraucher einen Beitrag zur eigenen Versorgungssicherheit leisten?

Tollinger: Ja, es gibt die Möglichkeit, bis zu 50 % des eigenen Jahresverbrauchs geschützt wie eine Art Zusatzversicherung einzuspeichern. Das verursacht natürlich Kosten, aber sorgt eben für eine gewisse Verlässlichkeit. Auf diesen eingespeicherten Anteil könnte seitens des Energieministeriums jedoch auch im äußersten Notfall zugegriffen werden, sämtliche entstandene Kosten würden aber dann refundiert werden.

Wäre es unter den gegebenen Voraussetzungen sinnvoll, heimische Gasvorkommen auszubauen?

Tollinger: Die Gasvorkommen in Ostösterreich würden für vermutlich rund 30 Jahre reichen. Zudem gibt es mittlerweile umweltschonende Methoden zur Förderung dieser Reserven.

Garbislander: Aus meiner Sicht wäre die Nutzung heimischer Gasvorkommen durchaus sinnvoll, schon allein um den Übergang zur Nutzung nachhaltiger Energiequellen in den kommenden Jahren zu gewährleisten. Unter der derzeitigen politischen Konstellation halte ich eine derartige Entscheidung allerdings für nicht realistisch. Gerade im Bereich Energie wird die Diskussion nicht immer mit rational nachvollziehbaren, sondern mit ideologischen Argumenten geführt. Das gilt auch für den Ausbau der Wasserkraft, die von Umweltgruppierungen bei jeder Gelegenheit blockiert wird.

Der Entwurf des Erneuerbaren-Wärme-Gesetzes sieht ja vor, dass Ölkessel bis 2035 ausnahmslos ausgebaut werden müssen. Wie bewerten Sie das?

Tollinger: Wir hoffen, dass der Gesetzgeber hier aufgrund der prekären Situation umdenkt. Es kann auch in Zukunft zu massiven Energieengpässen oder kurzfristigen technischen Störungen kommen. Hier können funktionierende Öl- oder Flüssiggasheizungen einen Kollaps verhindern, sicher nicht als Dauer-, aber eben als Notlösung.

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