Symbolbild Sommerfrische in Tirol
Symbolbild Sommerfrische in Tirol
Aktuelles

„Sommerfrische hat wieder ihren Reiz“

Das Chaos bei Flugreisen und rekordverdächtige Hitzewellen im Süden Europas steigern die Attraktivität von Ferien in den Alpen.
© Robert Pupeter/Tirol Werbung

Vizepräsidentin Martina Entner spricht über Chancen und Risiken der heimischen Tourismusbetriebe und setzt auf die Kraft der Regionalität denn die „Sommerfrische“ ist für sie aktuell wie nie zuvor.

INTERVIEW

Tiroler Wirtschaft: Sie kommen selbst aus dem Tourismus und betreiben einen Tiroler Leitbetrieb am Achensee. Wo liegen aktuell die größten Probleme der Branche?

Vizepräsidentin Martina Entner: Die größte Belastung für die Betriebe ist derzeit sicherlich der akute Arbeits- und Fachkräftemangel. Sämtliche Branchenkollegen berichten mir, dass es enorme Anstrengungen benötigt, um zumindest einen Teil des notwendigen Personals zu bekommen. In manchen Häusern bleibt gar nichts anderes übrig, als Stockwerke zu schließen, damit die Qualität aufrechterhalten bleibt. Damit stimmt jedoch die ganze Kalkulation nicht mehr. Der Personalmangel wird besonders in der in Tirol traditionell stärkeren Wintersaison noch eine extreme Herausforderung.

Was lässt sich gegen den akuten Fachkräftemangel unternehmen?

Es kann nur eine Kombination aus sämtlichen verfügbaren Maßnahmen sein. Das beginnt bei der Qualifizierung, geht über die stärkere Einbindung von Frauen und Älteren in den Arbeitsprozess über die weitere Erhöhung der Saisonnierskontingente bis hin zur qualifizierten Zuwanderung. Die Befürchtung, dass ausländische Arbeitskräfte Tirolerinnen und Tirolern den Arbeitsplatz wegnehmen könnten, ist völlig unberechtigt. Wir nehmen mit Handkuss jeden Einheimischen, aber am Arbeitsmarkt herrscht gähnende Leere.

Wird die Teuerung ein Problem für die Betriebe und Gäste?

Die Betriebe versuchen abzufedern, was möglich ist. Aber ein gewisser Teil der Preissteigerungen muss zwangsläufig an den Gast weitergegeben werden. Hier gibt es vor allem für Familien natürlich Schmerzgrenzen. Speziell bei den Energiepreisen wird es ohne Unterstützungen seitens der Politik nicht gehen.

Sehen Sie abseits dieser Problemzonen auch Chancen für den Tourismus durch die aktuelle Lage?

Die große Unsicherheit bei Flugreisen und die enorme Hitze im Süden kommen dem Alpenraum natürlich entgegen. Aufgrund dieser Situation bekommt der traditionelle Begriff der „Sommerfrische“ wieder einen besonderen Reiz. Wir haben zum Glück in den letzten Jahren in Angebote für alle Altersschichten investiert, das zahlt sich jetzt aus.

Martina Entner
WK-Vizepräsidentin Martina Entner

Sie sind als Schwazer Bezirksobfrau eine Verfechterin regionaler Wirtschaftskreisläufe. Ist Regionalisierung ein Konzept in unsicheren Zeiten wie diesen?

Für mich liegt darin die Antwort auf die aktuellen Probleme der Globalisierung. Lieferkettenprobleme, Unverlässlichkeiten und Abhängigkeiten sind bei regionalen Geschäftsbeziehungen kein Thema. Hier dominieren Termintreue, Kompetenz und Handschlagqualität. Diese Werte sind in der jetzigen Lage gar nicht hoch genug einzuschätzen. Dazu kommen natürlich volkswirtschaftliche Effekte. Regionale Wirtschaftskreisläufe bringen heimische Wertschöpfung, Arbeitsplätze vor Ort und Steuerleistung im eigenen Land. Nicht zu vergessen sind auch die kurzen Transportwege. Das ist gelebte Nachhaltigkeit, die wir derzeit mehr brauchen denn je.

Liegen darin auch die Gründe, warum sich die Wirtschaftskammer Tirol Bezirksstellen „leistet“?

Ja, natürlich. Dieses Geld ist gut und richtig investiert. Wer A zur Regionalisierung der Wirtschaft sagt, muss auch B in der eigenen Organisation sagen. Unsere Bezirksstellen garantieren Kundennähe und die direkte Betreuung vor Ort. Wir unterstützen die Entwicklung von Ortszentren, forcieren Gewerbeparks und sorgen mit Pilotprojekten für neue Impulse.

Sie sind die Landesvorsitzende von „Frau in der Wirtschaft“. Wie lauten hier Ihre zentralen Botschaften?

Die wichtigste Botschaft lautet Gleichstellung. Ein Bericht des Weltwirtschaftsforums stellte kürzlich fest, dass es noch 132 Jahre braucht, um den Gen-der Gap zu schließen, wenn die Entwicklung in der gleichen Geschwindigkeit weitergeht wie derzeit. Das ist natürlich völlig inakzeptabel. Frauen haben längst bewiesen, dass sie im Arbeitsleben unverzichtbar sind. Das muss sich auch bei den Rahmenbedingungen niederschlagen. Die gänzliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist überfällig. Wir haben hier noch Aufholbedarf: Eine Studie der Julius-Raab-Stiftung belegt, dass nur 23 % der unter Dreijährigen in Österreich betreut sind. Jede Frau soll die Möglichkeit für eine qualitativ hochwertige, flexible, ganztägige und ganzjährige leistbare Kinderbetreuung haben. Dann wird sich auch ein Teil des derzeitigen Fachkräftemangels lösen lassen, weil mehr Frauen die Chance erhalten, arbeiten zu gehen.