Ausbildung an der SOWI Innsbruck
Ausbildung an der SOWI Innsbruck
Perspektiven

Ausbildung mit Mehrwert gefragt

Der Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik mit dem Schwerpunkt Berufsbildungsforschung ist an der Innsbrucker SOWI angesiedelt.
© Universität Innsbruck

Professor Bernd Gössling vom Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik mit dem Schwerpunkt Berufsbildungsforschung an der Universität Innsbruck im Interview.

INTERVIEW

Tiroler Wirtschaft: Warum braucht es eine eigene Berufsbildungsforschung?

Professor Bernd Gössling: Berufliche Bildung weist wichtige Besonderheiten auf. Im Zentrum steht, Menschen dazu zu befähigen, ihr Potenzial zu entfalten, ihrem Leben Ziel und Richtung zu geben. Diesen Anspruch teilt Berufsbildung mit Allgemeinbildung. Während jedoch die Allgemeinbildung vor allem auf die Auseinandersetzung mit schulischen Fächern setzt, macht die Berufsbildung Arbeitsaufgaben aus der Praxis zum Thema. Dadurch wird die Transferierbarkeit des Gelernten in die Arbeitswelt erhöht. Berufsbildung verfolgt also sowohl ökonomische als auch pädagogische Ziele. Für die Untersuchung dieses komplexen – und keineswegs immer harmonischen Verhältnisses – braucht es einen eigenen Forschungsansatz.

Wie ist die berufliche Bildung in Österreich international einzuordnen?

Das Besondere ist, dass Österreich aus historisch-kulturellen Gründen über ein voll ausgebautes Berufsbildungssystem verfügt. Im internationalen Vergleich ist der Standardfall außerhalb des deutschen Sprachraums eher eine flächendeckende Allgemeinbildung bis zur 12. beziehungsweise 13. Schulstufe. Berufliche Bildung wird im Ausland häufig als Weg für die Unterprivilegierten angesehen. In Österreich, Deutschland und in der Schweiz findet sich hingegen die Vorstellung, dass beruflicher Aufstieg auch auf Basis einer Berufsausbildung möglich sein soll. Die aktuellen Vorhaben rund um die Entwicklung einer höheren Berufsbildung in Österreich weisen in die gleiche Richtung. Das heißt konkret, dass Weiterbildung nicht nur über Matura und Studium möglich sein soll, sondern auch über Berufsbildung und Arbeitserfahrung.

Wo sehen Sie die großen Vorteile beruflicher Bildung?

Sind Lernort und Arbeitsplatz getrennt, kommt es häufig zu Transferproblemen. Die Wissensanwendung klappt nicht immer und es droht der Aufbau von „trägem Wissen“. Sind Wissensaufbau und Kompetenzentwicklung hingegen unmittelbar mit der Arbeitswelt verbunden, gelingt die Anwendung besser. Das gilt auch für den Aufbau personaler und sozialen Kompetenzen, die im Arbeitsleben einerseits immer häufiger benötigt werden und andererseits „mitten im Leben“ besser entwickelt werden können als in formalen-schulischen Bildungssettings.

Bernd Gössling
Bernd Gössling

Welche Frage(n) sollten sich Ausbildner stellen?

Die Ausbildung sollte davon geleitet sein, wie man sich die Fachkraft der Zukunft vorstellt. Da es bei der Ausbildung immer auch auf die einzelne Ausbilderin und den einzelnen Ausbilder persönlich ankommt, finde ich es wichtig, sich mit der eigenen Lehrzeit auseinanderzusetzen. Wer selbst noch erlebt hat, dass in der Ausbildung kein Widerspruch geduldet wurde, sollte sich fragen, ob sich das heute noch mit der Ausbildung eines Fachkräftenachwuchs vereinbaren lässt, von dem häufig Selbstständigkeit, Lösungsorientierung, Risikobereitschaft und Innovationsfreude erwartet wird.

Die Frage würde dann lauten, was möchte ich anders machen, als meine eigenen Vorbilder aus der Ausbildung? Was möchte ich selbst beim nächsten Ausbildungsjahrgang anders machen? Wie stelle ich fest, ob ich meinem Anspruch zukunftsfähige Fachkräfte auszubilden näherkomme? Das ist keine einfache Aufgabe, denn diese Fragen zielen auf den Ausbau von Ausbildungskapazitäten. Genau darauf kommt es meiner Ansicht nach jedoch an, wenn man auch einer zunehmend heterogenen Gruppe von Lernenden ein attraktives und individualisiertes Ausbildungsangebot machen möchte.

Welche aktuellen Herausforderungen stellen sich derzeit für die Ausbildungsbetriebe?

Eine der derzeit größten Herausforderungen für viele Betriebe ist es, überhaupt offene Lehrstellen zu besetzen. Hier gilt es zunächst die Sichtbarkeit zu erhöhen, Kommunikationskanäle zu bedienen, mit denen Jugendliche heute zu erreichen sind. Dazu braucht es die Präsenz auf Ausbildungsmessen, die Aufnahme von Praktikanten und die Nutzung sozialer Medien, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Die Voraussetzung für den Erfolg liegt jedoch darin, dass das Image der Lehre den gebührenden Stellenwert erhält. Das allein wird jedoch nicht reichen.

Meiner Einschätzung nach greifen auch die Bemühungen zu kurz, die eigene Attraktivität dadurch zu steigern, dass man mit dem unterschriebenen Lehrvertrag ein Moped, eine Prämie oder die Finanzierung eines Pkw-Führerscheins anbietet. Es kommt darauf an, jungen Menschen mit der Lehre einen Mehrwert zu bieten, eine hochwertige Ausbildung, ein Umfeld, das auch bei persönlichen Krisen unterstützt, Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln, Übergänge in attraktive Arbeitsverhältnisse und schließlich auch ein wettbewerbsfähiges Einkommen. Um auf diesem Weg weiterzukommen, sind für die Ausbildungsbetriebe vielleicht die von mir angeregten Fragen hilfreich. Für das Berufsbildungssystem insgesamt spielt meiner Einschätzung nach auch die Umsetzung der „Höheren Berufsbildung“ eine wichtige Rolle. In dem dazu angestoßenen Stakeholderprozess ist übrigens auch die Stiftungsprofessur beteiligt.

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