Symboldbild Frachtschiff - Import/Export China
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Panorama

Shanghai öffnet, doch es bleibt turbulent

Millionen von Frachtcontainern werden über Shanghai (China) abgewickelt. Auch Tiroler Unternehmen sind von Handelsunterbrechungen dort betroffen.
© SHUTTER DIN - stock.adobe.com

Der brutale Lockdown in Shanghai (China) hat die Weltmärkte belastet. Per 1. Juni fielen die Lockdown-Schranken, doch die Wiederankurbelung des Geschäfts wird zu Knappheiten im Transport führen.

Die Zero-Covid-Politik der chinesischen Regierung hat es in sich: Zehn Tage nach Aufhebung des Lockdowns schloss die Regierung wieder einige Stadtbezirke, um umfangreiche Covid-Tests durchzuführen. Generell aber ist die brutale Ausgangsperre in der 26-Millionen-Einwohner-Stadt Shanghai aber vorerst beendet.„Die Leute haben hier getanzt“, berichtet die Innsbruckerin Christina Schösser, Wirtschaftsdelegierte im AußenwirtschaftsCenter Shanghai, von den Tagen, als der Lockdown in Shanghai nach zwei Monaten radikaler Einsperr-Maßnahmen zu Ende ging und die Wirtschaft von einem Tag auf den anderen versuchte, wieder auf Volllast zu gehen.

Die Aufhebung des Lockdowns war von Schösser nicht derart plötzlich erwartet worden. Und auch die Mehrheit der in China tätigen österreichischen Unternehmer war in einer Umfrage im Mai noch sehr skeptisch und rechnete mit einem rückläufigen China-Geschäft im heurigen Jahr, wie Schösser in einem Webinar des Bundesverbands Materialwirtschaft gemeinsam mit der Wirtschaftskammer berichtete.

Bedeutung Chinas für Österreich wuchs

Nachdem der Lockdown überraschend schnell aufgehoben wurde, atmeten die österreichischen Unternehmen spürbar auf. Immerhin gibt es in China und Hongkong rund 1000 Niederlassungen österreichischer Firmen, ein Drittel davon ist nicht nur im Handel tätig, sondern auch in der Produktion.

China wird für Österreich immer wichtiger, wie sich auch in der Pandemie zeigte. Trotz aller Unkenrufe, dass die Wirtschaft als Reaktion auf pandemiegestörte Lieferketten wieder verstärkt im europäischen Nahbereich einkaufen werden, wuchs die Bedeutung Chinas für Österreich zuletzt. Während der Pandemie stieg China zum neuntwichtigsten Exportmarkt für österreichische Unternehmen auf und zum zweitwichtigsten Importmarkt.

Wie haben die in China tätigen österreichischen Unternehmer die diversen chinesischen Lockdowns verkraftet? Sie haben, etwa in Shanghai, die Methode des „Closed-loop“ (geschlossener Regelkreis) angewendet, bedeutet: Sie haben ihren chinesischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern saftige Lohnerhöhungen geboten, wenn diese übergangsmäßig ihren Wohnort in die Fabrik oder in nahe gelegene Hotels verlegen. Damit war das Arbeiten auch im Lockdown möglich, abgesichert durch viele Covid-Tests.

Heimische Unternehmen im Lockdown

Etliche europäische Unternehmen bauten neue Zelt- oder Containerunterkünfte auf, sorgten für Wasser, Strom und Essensversorgung. Diese Maßnahmen wurden nach Aufhebung der Lockdowns wieder rückgängig gemacht. Dennoch hat der Lockdown die Usancen und Regeln im China-Geschäft grundlegend geändert, sagt Schösser. „Viele Unternehmen haben nach der Devise reagiert: Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter. Man hat Erfahrungen gesammelt, die nachhaltig sein werden“, kommentiert Seoul Min, Mittelstandsberater bei der NxtAsia Consulting. Viele Niederlassungen haben jetzt Übernachtungsmöglichkeiten, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine Ausbildung, mit der sie PCR-Tests vornehmen können. Min: „Wir gehen nicht davon aus, das es noch einmal eine so harte Bremsung geben wird, aber man sollte auf künftige Einschränkungen vorbereitet sein.“

Die Frage ist nicht, ob wieder Störungen der Lieferketten auftreten werden. Min: „Solche Störungen können überall auftauchen, wir leben in einer ziemlich disruptiven Welt. Die Frage ist vielmehr: Wie können sich die Unternehmen besser vorbreiten und vorbeugend agieren.“

Benjamin Schatzl

Wie haben Österreichs Unternehmen agiert? Sie haben zum Teil ihre Fertigungstiefe am Heimmarkt erhöht, zum anderen haben sie zusehends begonnen, sich alternative Lieferanten zu suchen, aus anderen Regionen Chinas oder anderen Ländern in Asien, etwa Thailand oder Vietnam, wie Min berichtet. Die europäischen Unternehmen haben sich also Sicherheitspuffer eingebaut, sprich: Lieferanten, die man in Notzeiten aktivieren kann, die zwar höhere Preise verlangen, aber einen Stopp der Lieferungen verhindern können.

Zum Teil setzen die Unternehmen im Export auch verstärkt auf die Eisenbahn, was aber neue Schwierigkeiten erzeugte, denn Teile der Seidenstraße-Eisenbahnen sind infolge des Ukrainekriegs nicht befahrbar, weil die Transportversicherer diese Transporte nicht absichern.

„Buy-local“-Bewegung

Etliche Unternehmen verfolgen jetzt „Friendshoring“, sie kaufen also vorwiegend in Ländern ein, in denen die politischen Risiken klein sind. Hintergrund: „Das internationale Geschäft hat sich stark verpolitisiert“, wie Schösser sagt. Dazu beigetragen haben in den letzten Monaten auch die geänderten Konsumentenbedürfnisse, berichtet Schösser: „Die Endkunden nehmen die Unternehmer immer stärker in die Pflicht, sicherzustellen, das ihre Produkte umweltschonend und sozial gerecht erzeugt wurden.“

Auch China selbst sorgt für mehr Politisierung: Es gibt eine neue „Buy-local“-Bewegung, und das bedeutet: Wer in China Geschäfte machen will, tut gut daran, mit einer eigenen Niederlassung vor Ort vertreten zu sein: „Der Chief Sourcing Officer (Anm.: der Einkaufschef) hat deutlich an Bedeutung gewonnen“, fasst Schösser zusammen.

Engpässe zu erwarten

Was bringt die unmittelbare Zukunft für Tiroler Unternehmen, die in China Handel treiben? Benjamin Schatzl (Seefrachtmanager beim Logistikunternehmen Gebrüder Weiss) rechnet damit, dass nach den Lockdowns die erstarkte Nachfrage nach Transportleistungen auf nach wie vor zu knappe Transportkapazitäten trifft.

Zunächst wird sich das in China bemerkbar machen. Nach ein, zwei Monaten Seetransport wird das dann nach dem „Ketchup-Effekt“ in einem spürbaren Schwall in den europäischen Frachthäfen Koper, Rotterdam, Hamburg zu Engpassphänomenen führen. Schatzl: „Wir gehen schwer davon aus, dass die Störungen der Lieferketten anhalten werden.“ Er rät österreichischen Unternehmen, sich in China breiter aufzustellen: „Man muss nicht in der Region Shanghai präsent sein. Bisher zumindest waren noch nie alle chinesischen Häfen gleichzeitig im Lockdown. Aber die Dinge können sich hier schnell ändern…“

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Fakten: Lieferkettenstörungen und Lockdowns

1. Quartal 2020: Der Lockdown in Wuhan startet und dauert fast 80 Tage
2. Quartal 2020: Lockdowns in Amerika und in Europa, doch die Weltwirtschaft, vor allem die Industrie, erholt sich rasch.
3. Quartal 2020: Starke Nachfrage nach China-Produkten führt zu ersten Lieferengpässen, weil Reeder und Airlines ihre Kapazitäten gedrosselt haben.
1. Quartal 2021: Der Frachter Evergiven blockiert den Suez-Kanal. 200 große Frachtschiffe müssen tagelang auf die Weiterfahrt warten.
2. Quartal 2021: Kapitale Staus vor den Häfen. Container sind zur falschen Zeit am falschen Ort, können nicht rasch genug abgefertigt werden und dann wegen fehlender Lkw-Kapazitäten nicht weitertransportiert werden.
4. Quartal 2021: Lockdown im Hafen Shenzhen in China.
2. Quartal 2022: Shanghai geht in den vollen Lockdown, betroffen ist nicht nur der Hafen, sondern auch die Zufuhr zum Hafen, die Fabriken, Transportunternehmen.

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