Ein belebter Straßenzug in der Innenstadt von Lienz
Ein belebter Straßenzug in der Innenstadt von Lienz
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Das Potenzial der Regionalität aktivieren

Stadt- und Ortsmarketings können wie hier in Lienz einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, den Angebotsmix für Konsumentinnen und Konsumenten attraktiv zu gestalten. Das Einkaufserlebnis bringt neues Leben in den Ortskern.
Stadt- und Ortsmarketings können wie hier in Lienz einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, den Angebotsmix für Konsumentinnen und Konsumenten attraktiv zu gestalten. Das Einkaufserlebnis bringt neues Leben in den Ortskern.
© Stadt Lienz

WK-Vizepräsident Martin Wetscher erläutert, welche Chancen gerade jetzt in der Stadt- und Regionalentwicklung liegen und wie auch kleine Gemeinden ein professionelles Ortsmanagement aufbauen können.

Tiroler Wirtschaft: Sie setzen auf regionale Wirtschaftskreisläufe. Liegt darin ein Rezept zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen?

Martin Wetscher: In den letzten Jahren hat Europa sehr viel in andere Länder ausgelagert – wir erleben jetzt die Schattenseiten dieses Prozesses. Die Wiederentdeckung der Regionalität kann dieser Entwicklung gegensteuern. Regional ist in jeder Hinsicht um so vieles besser als die bisherige ungehemmte Globalisierung.  Denn regional bedeutet: hohe Qualität, verlässliche Partner, kurze Transportwege sowie Arbeitsplätze und Steuerleistung im eigenen Land.

„Passieren“ regionale Wirtschaftskreisläufe von alleine oder braucht es Impulse dafür?

Es braucht erstens Bewusstseinsbildung bei den Konsumenten. Unsere WK-Kampagne „Ja zu Tirol“ zielt auf die Sensibilisierung der Tirolerinnen und Tiroler für regionale Erzeugnisse ab. Zweitens müssen Innenstädte und Ortskerne gemanagt werden. Der größte Fehler besteht darin, nichts zu tun und anzunehmen, die Dinge würden sich von alleine regeln.

Gibt es in der Praxis bereits Beispiele, wo dies gelungen ist?

Ja, wir haben in Tirol beispielsweise die Stadt- und Ortsmanagements in Hall, in St. Johann und in Lienz. Dort kann besichtigt werden, was sich mit Professionalität erreichen lässt.

Porträtfoto WK-Vizepräsident Martin Wetscher
WK-Vizepräsident Martin Wetscher

Ist dieser Weg auch für kleine Gemeinden denkbar?

Durchaus. Es braucht nicht die letzte Perfektion und jede Menge Geld, sondern vor allem den Willen, diesen Weg zu gehen. In der Anfangsphase stellen sich recht schnell erste Erfolgserlebnisse ein.

Gibt es von der WK Tirol dafür Hilfestellungen?

Ja, wir leisten kompetente Beratung und stellen Kontakte her. Wir kennen die wesentlichen Erfolgsfaktoren und bieten ganz pragmatische Leitfäden, die beim Einstieg in dieses Thema helfen. Aus meiner Sicht sind es fünf Punkte, die es zu beachten gibt: eine klar definierte Verantwortlichkeit; eine solide Bestandsaufnahme; ein professioneller Markenprozess; bauliche Maßnahmen; und schließlich ein ausbalanciertes Eigentümerkonzept.

Bleiben wir gleich bei der Frage der Verantwortlichkeit. Wie ist das zu verstehen?

Es muss definiert sein, wer in der Gemeinde für die Ortsentwicklung verantwortlich ist. Wenn die Zuständigkeit nicht fixiert ist, wird dieses Thema hin- und hergeschoben. Der Verantwortliche kann entweder eine geeignete Person aus den Reihen der Gemeindepolitik oder -verwaltung sein oder ein bestellter Ortsmanager. Die Person muss auf jeden Fall über Fachwissen verfügen und einen eigenen Entscheidungsspielraum haben. Die Sparte Handel ist behilflich dabei, die Ausschreibung für eine entsprechende Stelle professionell zu formulieren.

Und der Betreffende ist gleich für Schritt 2, die Bestandsaufnahme, zuständig?

Genau. Bevor man losgeht, muss man wissen, wo der eigene Standpunkt ist. Wo liegen die Stärken? Wo die Schwächen? Was erwarten die Kunden? Welche Voraussetzungen gibt es bereits in der Gemeinde? Wenn die Ausgangslage klar ist, gilt es zu definieren, wo die Gemeinde hinwill. Zur Erstellung derartiger Entwicklungskonzepte gibt es erfahrene Berater, bei deren Suche die Wirtschaftskammer ebenfalls behilflich sein kann.

Grafik In fünf Schritten zum Ortsmarketing
Die Belebung der Ortskerne gelingt, wenn die Gemeinde die Thematik aktiv angeht. Das Ziel lässt sich in fünf klar definierten SChritten erreichen. Bei der Umsetzung hilft die Sparte Handel der WK Tirol.
© WK Tirol

Was muss Schritt 3, die Definition der Marke, leisten?

Was bisher geschah, ist klar: Es gibt einen Verantwortlichen, es gibt eine Bestandsaufnahme und es gibt ein Entwicklungskonzept. Jetzt muss definiert werden, wie sich die Gemeinde als Marke sieht. Nur dann können authentische Angebote entwickelt werden, die genau zum jeweiligen Ort passen und von den Kunden als „echt“ wahrgenommen werden. Ohne Markenbildung könnte das Ortsmarketing nur uniforme, sterile Angebote entwickeln, die keine Zugkraft entwickeln.

Bei Schritt 4 wird’s konkret – jetzt wird gebaut.

Auch wenn bis zum jetzigen Punkt viel Vorarbeit geleistet wurde, bislang gibt es das meiste nur am Papier. Jetzt geht es um Punkte wie die Gestaltung von Erdgeschosszonen, um Plätze, um Erholungszonen, Parkmöglichkeiten und die Verfügbarkeit von WLAN.

Das Finale bildet das Eigentümerkonzept. Was ist damit gemeint?

Ein Ort braucht ein Management wie ein Einkaufszentrum. Dazu muss mit den einzelnen Eigentümern geredet werden. Und es braucht Förderungen, etwa für Investitionen oder Mieten. So lässt sich der Angebotsmix lenken und auf die Bedürfnisse der Kunden hin optimieren. Es kann und wird nicht alles gelingen – aber jeder Schritt macht den Ort attraktiver und bringt regionale Wirtschaftskreisläufe in Schwung.

Ihre Ansprechpartner finden Sie unter: WKO.at/tirol/handel