Kaffeebohnen in der unbound-Rösterei
Kaffeebohnen in der unbound-Rösterei
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Gewachsen in Peru, geröstet in Tirol

In rohem Zustand könnte man Kaffeebohnen fast mit Erdnüssen verwechseln. Sind sie geröstet, erkennt man jedoch schnell, woher die Farbe Kaffeebraun ihren Namen hat.
© WK Tirol

Kaffee „Made in Wattens“ – Dieses Konzept ging für Florian Mayrhofer voll auf: Inzwischen hat seine Kaffeerösterei Unbound 18 verschiedene Mischungen im Angebot.

Darf’s ein El Mexicano sein oder lieber ein Choc n‘ Brew? Wie wär’s mit einer Fruity Beauty, oder doch einer Wilden Alpenrös-tung? Als Espresso oder Verlängerter? – So klingt es in Wattens, wenn man bei der Rösterei von Unbound vorbeischaut. Seit inzwischen viereinhalb Jahren hat sich das Unternehmen im Gründerviertel „Werkstätte Wattens“ der Kaffeebohne als Genussmittel verschrieben. „Der Kaffee, den die meisten kennen, ist nur ein kleiner Aspekt der großen Kaffeevielfalt. Anbau, Sorte und Röstung der Bohnen beeinflussen den Geschmack stark. Bei den Konsumenten kommt oft nur wenig von dieser Bandbreite an“, sagt Florian Mayrhofer, der das Unternehmen 2017 gründete.

Unbound versteht sich als Kaffeeproduzent der „dritten Welle“ und möchte sich damit von altbekannten Herstellern abgrenzen: Die erste Welle machte Kaffee in Europa zum erschwinglichen Gut, das möglichst günstig und uniform schmecken sollte – die Blütezeit von Filter- und Sofortkaffee. Die zweite Welle sorgte ab den 1970ern für den Boom verschiedenster Kreationen, wie Cappuccino oder Eiskaffee. In dieser Zeit etablierten sich große internationale Kaffeeketten und auch der Kaffee „to go“ trat seinen Siegeszug an. Diese Bewegungen – Kaffee als Massenware und gemischt mit zahlreichen Zusatzprodukten – sind für Mayrhofer nicht per se schlecht, er vergleicht sie aber mit dem Weinkonsum: „Wenn ich Wein aus dem Karton trinke, weiß ich, dass er nicht die beste Qualität hat, beim Kaffee fehlt dieses Bewusstsein aber. Viele wissenn nicht, welchen Geschmack hochqualitativer Kaffee haben kann.“

Viele Wege führen nach Wattens

Um diesen hochwertigen Geschmack zu garantieren, hat sich Mayrhofer kurzerhand entschlossen, selbst Kaffee zu rösten. Nach seinem Wirtschaftsstudium bereiste er die Welt und bemerkte den Unterschied zwischen großen Kaffeeplantagen und kleinen Farmen, die er mit familiären Weingütern in der Steiermark vergleicht. Während die großen Monokulturen das Flachland dominieren, liegen kleine Farmen im Hügelland, was für die Qualität des Kaffee deutlich günstiger ist. Zusätzlich wachsen dort Papayas, Bananen und andere Nutzpflanzen, die den schattenliebenden Bohnen beim Wachstum helfen und zusätzlich einen Nebenverdienst für die Familien bringen. Die kleinen Farmen produzieren also in der Regel nachhaltiger und mit besserer Qualität, ihre geringeren Produktionsmengen sind aber den Preisen an den internationalen Börsen ausgeliefert.

Hier kommt die Firma Unbound ins Spiel: Das Unternehmen bezieht seine Bohnen von 13 Farmen aus insgesamt neun verschiedenen Ländern, darunter Brasilien, Peru und Indien. Die Bauern vor Ort erhalten für die abgenommene Menge einen Preis, der ein Vielfaches über jenem des Weltmarktes liegt – vorausgesetzt, die Qualität stimmt. Die rohen und bereits fermentierten Bohnen finden dann in großen Jutesäcken ihren Weg nach Tirol. Dort kreieren Mayrhofer und sein Team insgesamt 18 verschiedene Kaffeevariationen.

Die Bohnen wandern dann in den Ofen der Schaurösterei – ob die unterschiedlichen Parameter für die perfekte Röstung eingehalten werden, überwacht ein Computer. Denn ideale Temperatur und Röstdauer hängen stark von der Kaffeesorte und dem gewünschten Geschmack ab. Erst nach dem Rösten erhalten die Bohnen ihre gewohnte kaffeebraune Farbe. Zum Abschluss drehen sie ein paar Runden auf einem Sieb, das letzte Verunreinigungen entfernt, bevor der Kaffee „Made in Tirol“ genussfertig abgepackt wird.

In Unbounds Schau-rösterei in der „Werkstätte Wattens“ wird nicht nur geröstet. An einem umgebauten mobilen Fahrradstand wird auch Kaffee serviert – manchmal sogar von Firmengründer Florian Mayrhofer persönlich.
In Unbounds Schau-rösterei in der „Werkstätte Wattens“ wird nicht nur geröstet. An einem umgebauten mobilen Fahrradstand wird auch Kaffee serviert – manchmal sogar von Firmengründer Florian Mayrhofer persönlich.
© WK Tirol

Regional oder nicht?

Dass die Ausgangsware für seine Produktion – die Kaffeebohne – weite Transportwege zurücklegt, ist dem Firmengründer klar. Er meint aber, dass wir auch – abgesehen von Kaffee – „viele Produkte konsumieren, die von weit herkommen. Unser Unternehmen röstet regional, stellt aber kein regionales Produkt per se her, auch wenn es in den Dörfern vor Ort für regionalen Aufschwung sorgt. Wir achten dafür bei jedem unserer Arbeitsschritte auf Nachhaltigkeit. Und: Kaffee wird ohnehin in Massen getrunken, unsere Produkte stellen eine hochwertige und bewusstere Alternative dar.“ Diesen Sommer soll sogar erstmals Kaffee in Wattens ankommen, der nach Europa gesegelt wurde, um die CO2-Emmissionen des Transports noch weiter zu verringern.

Nachhaltigkeit spielt auch bei der Verpackung der einzelnen Sorten eine Rolle, denn sie verzichtet gänzlich auf Aluminium und besteht „nur“ aus einem Papier-Plastik-Verbund. „Ohne Plastik geht es leider noch nicht, denn mit Papier allein verlieren unsere Produkte ihr Aroma. Vermeintliche Alternativen aus Bioplastik hielten bisher auch nicht das, was sie versprachen.“

Gastronomie, Hotelbetriebe und Büros machen den Großteil der Kundschaft von Unbound aus, diese bestellen Kaffee durchaus in rauen Mengen. Deshalb haben sich bereits verpackungsfreie Kooperationen ergeben, indem manche Betriebe den Wachmacher in Metalleimern zugestellt bekommen, die bei der nächsten Lieferung wieder abgeholt werden. „An einer ähnlichen Lösung im kleinen Stil für Private sind wir schon dran“, meint Mayrhofer. So können Kundinnen und Kunden bald auch in Unbounds eigenem Cafè namens „FLOS Coffee & Bagels“ in Hall ihren Kaffee unverpackt beziehen.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Mayrhofer bekam die Leidenschaft zum braunen Heißgetränk in die Wiege gelegt: Schon sein Vater hat für einen großen italienischen Hersteller Kaffee verkauft. Ausgerechnet dieser war am Anfang skeptisch gegenüber der Idee seines Sohnes, in das Geschäft einzusteigen. „Er kannte nur die harte Konkurrenz zwischen den großen Platzhirschen, die den Markt dominiert haben – deshalb sah er für einen jungen Betrieb keine Zukunft. Bei unserer Eröffnung hat er aber gesehen, dass wir unseren eigenen Weg abseits der Masse gehen wollen, seitdem steht er vollkommen hinter uns.“

Mit „uns“ meint Mayrhofer die insgesamt acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Unbound, darunter zwei Klienten der Lebenshilfe Tirol. Dass das Unbound einen eigenen Weg geht, hat es in der Pandemie gezeigt. Obwohl viele Kunden ausgefallen sind, hat das Unternehmen in dieser Zeit versucht, neue Kundschaft anzusprechen und weitere Konzepte auf die Beine zu stellen. „Wir haben in dieser Zeit zwar Schulden gemacht, aber wir wollten nicht einfach stillsitzen. Ob dieser Weg gut war, wird sich in einigen Monaten zeigen. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass wir damit das Richtige getan haben“, zeigt sich Mayrhofer optimistisch.

Weitere Informationen: Unbound – Kaffeerösterei