Autoren der Jugendstudie: Nikolaus Janovsky und Paul Resinger (v.l.) über Jugendliche in der Euregio.
Autoren der Jugendstudie: Nikolaus Janovsky und Paul Resinger (v.l.) über Jugendliche in der Euregio.
Perspektiven

„Die Arbeit muss Sinn machen“

Die Studienautoren Nikolaus Janovsky (Kirchliche Pädagogische Hochschule Edith Stein, l.) und Paul Resinger (Pädagogische Hochschule Tirol, r.) haben die Lebenswelten von Jugendlichen in der Euregio untersucht.
© Bildungsconsulting

Die beiden Studienautoren Paul Resinger und Nikolaus Janovsky stehen im Interview Rede und Antwort zu den Hintergründen und Detailergebnissen der Jugendstudie.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Die Lebensweltenstudie Jugendlicher wurde in der Euregio durchgeführt. Gibt es signifikante Unterschiede zwischen Tirol, Südtirol und dem Trentino?

Paul Resinger: In einigen Bereichen konnten wir tatsächlich ein beachtliches Nord–Süd-Gefälle feststellen. Das betrifft zum Beispiel den Bereich Politik und Demokratie. Hier geben 82 % der Tiroler Jugendlichen an, sehr (17 %) bzw. ziemlich zufrieden (65 %) zu sein mit der Art und Weise, wie Demokratie im eigenen Land funktioniert, in Südtirol sind es 35 % (davon nur 4 % sehr zufrieden) und im Trentino 15 % (davon gar nur 1 % sehr zufrieden). Dieser Befund ist für Nordtirol erfreulich, insgesamt aber ist es sicher eine Aufgabe, die Jugendlichen für die Themen Politik und Demokratie zu gewinnen. Auch die Sichtweise in Hinblick auf die Stabilität des Wirtschaftsstandortes ist in Nordtirol wesentlich optimistischer: In Nordtirol geben 42 % der Jugendlichen an, gar keine Angst zu haben, keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, im Trentino sind das nur rund 25 %.

Bleiben wir gleich beim Thema Beruf. Wie sehen denn die beruflichen Erwartungshaltungen der Jugendlichen aus?

Nikolaus Janovsky: Große Bedeutung hat die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das ist für knapp 90 % der Jugendlichen sehr bzw. eher wichtig. Hier gibt es Differenzen innerhalb des Wohnortes: Familie und Kinder sollen für über 91 % der Jugendlichen aus dem ländlichen Bereich nicht zu kurz kommen, im städtischen Bereich sind dies knapp 87 %. Der Auftrag an die Politik scheint klar: den Ausbau der Kinderbetreuung voranbringen, denn das ist ein wesentliches Kriterium für Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Welchen Stellenwert hat die Sicherheit des Arbeitsplatzes?

Resinger: Auch dieses Kriterium steht auf der Wunschliste der heimischen Jugendlichen ganz oben. Hier spielt zusätzlich noch das Bildungsniveau herein: Ein sicherer Arbeitsplatz ist für 89 % der Jugendlichen mit Matura wichtig, für Jugendliche ohne Matura hat die Sicherheit mit fast 92 % eine noch höhere Bedeutung.

Welches Kriterium ist im Zusammenhang mit der Berufswahl noch bedeutend?

Janovsky: Ein Punkt, bei dem die Jugendlichen unterschätzt werden: es ist Ihnen sehr wichtig, dass ihre Arbeit Sinn macht. Die Sinnhaftigkeit der Arbeit ist für 91 % der Jugendlichen ein wesentliches Kriterium, um zufrieden mit der beruflichen Tätigkeit zu sein. Dieses Ergebnis ist in Hinblick auf das Recruiting von Jugendlichen nicht zu unterschätzen. Es kommt nicht nur darauf an, dass die Arbeitszeit und die Bezahlung ein faires Angebot darstellen, für Jugendliche zählt in sehr hohem Maße der Inhalt ihrer beruflichen Tätigkeit.

Sind die Jugendlichen auch bereit, dafür entsprechend zu investieren?

Resinger: Die Bereitschaft ist da. Das sieht man an zwei Einzelergebnissen der Studie besonders deutlich. Zum einen ist es für 91 % der Jugendlichen sehr bzw. eher wichtig, „fleißig und ehrgeizig“ im Leben zu sein. Das widerspricht ganz klar Aussagen, in denen das Engagement und die Motivation von Jugendlichen angezweifelt werden. Zum anderen besteht eine hohe Bereitschaft, eine gute Ausbildung zu machen. In Nordtirol sind es rund 74 %, die einer guten Ausbildung einen sehr hohen persönlichen Wert einräumen.

In einigen Medien wurde in der letzten Zeit davon berichtet, dass sich die Jugendlichen als „verlorene Generation“ sehen. Teilen Sie diese Ansicht?

Resinger: Ich halte diese Zuspitzung für eine Fehlinterpretation. Die Frage nach den Zukunftserwartungen gibt ein ganz anderes Bild. Unsere Jugendlichen haben eine positive Grundeinstellung und glauben an sich. 89 % sehen ihre Zukunft positiv, 87 % glauben daran, dass sie ihre Ziele erreichen. Und bereits 66 % der Jugendlichen zwischen 14 und 16 haben feste Pläne für die Zukunft. So sieht eine verlorene Generation definitiv nicht aus.

Zusammengefasst – Was bedeuten die Ergebnisse für Arbeitgeber? Welche Rahmenbedingungen kann/soll ein Arbeitgeber gestalten?

Janovsky: Unsere Jugendlichen suchen einen sicheren Arbeitsplatz, der sich mit Familie und Kindern vereinbaren lässt. Neben einem fairen Verdienst und Aufstiegschancen hat die Sinnhaftigkeit der Arbeit eine besonders hohe Bedeutung.

Und was bedeuten die Ergebnisse für die Bildungslandschaft?

Janovsky: Die Jugendlichen wollen sich qualifizieren und sind offen für Aus- und Weiterbildung. Bei eher bildungsfernen Schichten sehe ich hier noch Potenziale. Sie müssen von Seiten der Politik beziehungsweise den Bildungsinstitutionen abgeholt werden.

Mehr zu diesem Thema im Beitrag: So ticken unsere Jugendlichen

Kategorie(n)