Tauschrausch: Handwerk fordert Hausverstand

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Symbolfoto Heizungstausch / Heizung
Die rund 1,5 Millionen fossilen Heizsysteme in Österreich zu ersetzen, stellt einen extremen Kraftakt für all jene Gewerbetreibenden und Handwerker dar, denen die Aufgabe zukommt, die Systeme auszutauschen.
© WK Tirol/Christian Vorhofer

Im Ziel, ohne fossile Brennstoffe zu heizen und damit nicht nur CO2-neutral sondern auch unabhängiger zu werden, sind sich alle einig. Beim dafür eingeschlagenen Weg scheiden sich jedoch die Geister.

„Bei dem Fachkräftemangel und den Materialengpässen derzeit ist das in dem vorgegebenen Zeitrahmen nicht umsetzbar“, sagt Veronika Opbacher. In der Klarheit, mit der die Innungsmeisterin der Tiroler Sanitär-, Heizungs- und Lüftungstechniker, den ambitionierten „Raus aus Öl und Gas-Plänen“ der Bundesregierung einen praktischen Dämpfer verpassen muss, steckt das Know-how einer Frau, die tief in der ganz realen Wirtschaftswelt verankert ist.

Diese ganz reale Wirtschaftswelt all jener Professionisten, die mit Heizungsanlagen arbeiten, steht aktuell vor irren Herausforderungen. Und sie steht bis zu einem gewissen Grad auch Kopf, weil ihr an Arbeitskräften und Material so knapp gewordenes Potenzial bei der Erstellung der politischen Vorgaben nicht berücksichtigt wurde. „Um die Möglichkeiten klar einzuschätzen, müsste die Politik uns Wirtschaftstreibende mehr bei Gesetzen und Entscheidungen miteinbeziehen“, sagt Opbacher.

Straffer Takt

Vor knapp einem Jahr wurde die Einigung des Umwelt- und des Finanzministeriums mit den Bundesländern zum schrittweisen Verbot von Kohle-, Öl- und Gasheizungen öffentlich. Ein straffer Takt wurde dabei vorgegeben, hieß es doch, dass zum Heizen der österreichischen Wohnräume nur noch bis 2035 Kohle und Öl verbrannt verwendet und ab 2022 keine neu Kohle- und Ölheizung mehr eingebaut werden dürfen. Das endgültige Aus für Gas als Energielieferant wurde bis 2040 angestrebt, wobei das Einbauverbot von Gasheizsystemen bei Neubauten ab 2025 schlagend werden sollte.

Im April 2021 war Europa noch nicht vom russischen Angriffskrieg erschüttert und Österreich auch noch nicht vom Stress getrieben gewesen, Ersatz für das zu 80 Prozent aus russischen Quellen stammende Gas zu finden. Der Krieg beziehungsweise seine energiepolitischen Folgen könnte die Fristen für neue Gasheizungen jedenfalls verkürzt haben, sieht doch der jüngst „geleakte“, in der Krone zitierte und noch nicht ganz ausverhandelte Gesetzesentwurf dazu einen Einbaustopp ab 1. Jänner 2023 vor.

Veronika Opbacher
Veronika Opbacher

Im Tauschrausch

In Österreich sind aktuell noch über 900.000 Gas- sowie mehr als 600.000 Ölheizungen in Betrieb und hinter dem Ziel, die rund 1,5 Millionen fossilen Heizsysteme durch erneuerbare zu ersetzen, steckt nicht nur ein Kraftakt zur relativ spät in die Wege geleiteten Rettung des Klimas. Dahinter steckt auch ein extremer Kraftakt für all jene Gewerbetreibenden und Handwerker, denen die Aufgabe zukommt, die Systeme auszutauschen.

Daumen mal Pi und abhängig von der Alternative dauert der Tausch beziehungsweise Umbau eines Heizungssystems bis zu vier Tage. Demnach stecken in der politischen Vorgabe sechs Millionen Arbeitstage von Fachkräften mit entsprechendem Know-how. „Dafür wäre eine wahre Heerschar an Handwerkern notwendig und diese Heerschar haben wir nicht. Wir werden sie auch nicht in den nächsten drei bis sechs Jahren haben, denn um eine Heizung einzubauen, muss man sich auskennen und die entsprechende Erfahrung mitbringen“, sagt Franz Jirka, WK Tirol-Spartenobmann Gewerbe und Handwerk.

Zugespitzte Erwartungshaltung

Jirka hat die Erfahrung, ist sein Unternehmen doch auf Heiztechnologien, Öfen und Kamine spezialisiert und täglich damit konfrontiert, den Kunden reinen Wein einschenken und sagen zu müssen: „Es tut mir leid, wir sind voll bis Herbst und können keinen Auftrag mehr annehmen.“

Dass die Kundinnen und Kunden nicht erfreut sind, wenn sie das hören, ist nicht nur vor dem Hintergrund der in den letzten Jahren zugespitzten Erwartungshaltung des „heute bestellen, morgen bekommen“ nachvollziehbar. „Hinzu kommt, dass die Leute Angst haben, keine Förderungen für den Tausch ihrer Heizungsanlage mehr zu bekommen“, bestätigt Veronika Opbacher den unangenehmen Druck auf die Branche, deren Vertreter direkte Ansprechpartner sind und den Frust der Menschen auffangen müssen.

Franz Jirka

Der Tausch-Rausch wird durch die knappen Förderfristen ausgelöst. In der aktuellen, die Jahre 2021 und 2022 umfassenden Sanierungs-Periode waren beispielsweise 650 Millionen Förder-Euro für die thermische Sanierung von Gebäuden und den Heizungstausch verkündet worden. „Da glauben die Leute schnell, dass es im nächsten Jahr keine Förderungen mehr gibt“, kennt auch Franz Jirka den finanziellen Stress der Heizenden, der dann in Windeseile auf die Handwerker übertragen wird, die weder die Arbeitskraft für den gewünschten Umbau haben noch das dafür benötigte Material.

„Nur wenn die Förderungen längerfristig zugesagt werden – bis zum Ende der Sanierungsfrist beispielsweise – kann der große Run verhindert werden“, schlägt Jirka die Verlängerung der Förderfristen vor, um den Menschen und den Handwerksbetrieben ein wenig Luft zu verschaffen und auch die massiven Lieferengpässe der Materialien zu berücksichtigen, deren gestiegene Preise manchem Handwerksunternehmen die Gewinne aufzufressen drohen.

Tickende Uhren

Die Situation jener Unternehmen, die den Energiewandel ganz praktisch und faktisch stemmen müssen, wirkt irrwitzig und noch ist keine Entspannung in Sicht. Im Juni 2021 beantwortete Umweltministerin Leonore Gewessler beispielsweise eine parlamentarische Anfrage im Zusammenhang mit den Plänen zum Heizen ohne fossile Brennstoffe. Dabei wurde sie beispielsweise gefragt, ab welchem Alter Kohle- und Ölkessel im Bestand ausgetauscht werden müssen.

„Das Regierungsprogramm 2020 bis 2024 erwähnt eine Altersgrenze der zu tauschenden Öl- und Kohlekessel im Bestand ab 2025 von 25 Jahren. […] Die Altersgrenze soll auf wirtschaftliche, technische und ökologische Aspekte Rücksicht nehmen und den dafür notwendigen Fachkräftebedarf berücksichtigen“, antwortete Gewessler. Überaus vage ist die Antwort im Hinblick auf die tickenden Uhren in Kohle- und Ölkessel, doch ist in der Erwähnung des Fachkräftebedarfs zumindest eine klitzekleine Anerkennung der Herausforderungen für die reale Wirtschaftswelt zu erkennen.

Exorbitante Kosten für radikalen Umstieg

Eine Anerkennung grüner Alternativen für Öl ist in Österreich jedoch nicht in Sicht. Öl könnte durch eFuels (wirtschaft.tirol berichtet: eFuels: Synthetisch statt fossil) ersetzt und Ölheizungen damit CO2-neutral betrieben werden, doch weckt diese klimafreundliche Möglichkeit kein entsprechend erleichtertes Lächeln bei den Verantwortlichen. Und das, obwohl der Umstieg vom Öl- auf ein anderes Heizungssystem, der laut Gewessler durchschnittlich 22.000 Euro kostet, damit hinfällig wäre.

Wird die Kostenschätzung der Ministerin mit der Zahl der österreichischen Ölkessel multipliziert, um zumindest grob die Kosten zu beziffern, die da auf die österreichische Gesellschaft warten und teils privat, teils staatlich finanziert werden müssen, darf gestaunt werden. 13.200.000.000 Euro würde der Abschied von den Ölheizungen kosten, sollte er radikal umgesetzt werden. „Aktuell gibt es aber nur das Gesetz, keine Ölkessel in Neubauten einzubauen. Der Bestand ist nur in Strategien andiskutiert, da gibt es noch keine Gesetze“, stellt Alexander Gutmann, Fachgruppenobmann Energiehandel der WK Tirol, klar.

Gesamthafte Betrachtung fehlt

Noch wurde auch keine gesamthafte Rechnung zum ökologischen Fußabdruck angestellt, in die der Ausbau einer funktionierenden Anlage, ihr Transport und ihre Aufbereitung, sowie die Produktion einer neuen Anlage mit allem Drum und Dran berücksichtigt werden. Eine Anlage, die im Falle der Ölkessel eben nicht ausgetauscht werden müsste, wenn die CO2-Emissionen im Mittelpunkt stehen und eFuels als Ölersatz zugelassen werden würden.

„Diese Gesamtrechnungen werden ganz allgemein viel zu selten bis nie angestellt. Ein Elektroauto wird als CO2-neutral bewertet, selbst wenn es mit Kohlestrom fährt. Ein Verbrennungsmotor, der mit eFuel betankt wird, aber nicht. Das Problem ist nicht die CO2-Emission, sondern der Verbrennungsmotor an sich. Das Problem ist der Auspuff“, erklärt Alexander Gutmann den ideologischen Hintergrund dafür, dass eFuels noch nicht den Stellenwert in der Energiewende haben, den sie haben könnten oder müssten.

Starker Mix am realistischsten

„Ich glaube, dass die derzeitige Situation und die energiewirtschaftlichen Entwicklungen derartige Produkte unabdingbar machen werden. Wir als Branche glauben stark an den Mix. Um die Energiewende zu schaffen, wird es alles geben und jede nachhaltige Energieform eingesetzt werden müssen“, ist Gutmann überzeugt und sagt: „Der Druck, realistische Sachen umzusetzen, steigt.“ Da ist sie wieder, die reale Wirtschaftswelt. Wie schon Veronika Opbacher betonte, sollte sie echt gehört und eingebunden werden, wenn die Zukunft geplant wird.

Drei Fragen an Lukas Kocher, Technologieservice der WK Tirol

Tiroler Wirtschaft: Photovoltaik spielt eine große Rolle bei den Energiewendeplänen, doch stößt die Umsetzung in der Praxis auf massive Probleme. Warum?

Lukas Kocher: Mit 21. April wurde das Fördersystem völlig umgekrempelt und es stellt die PV-Errichter teils vor unüberwindbare Hürden. Tagesaktuelle Preise für Montagesysteme oder lange Wartezeiten für den Netzzugang (bis zu 8 Wochen) kollidieren mit den Vorgaben des Fördergebers, da die Anträge im Vorhinein gestellt werden müssen. Hinzu kommt, dass man den Förderbetrag selbst bestimmen muss – je kleiner der Beitrag, desto größer die Chance, eine Förderung zu erhalten. Die Branche bezeichnet das neue Fördersystem als „Fördercasino“.

Können die Ziele so überhaupt erreicht werden?

Auf alle Fälle findet durch das neue System eine Entschleunigung statt. Viele Unternehmer sind verärgert und nicht bereit, bei einer unkalkulierbaren Unterstützung des Fördergebers zu investieren.

Wie könnte das Problem gelöst werden?

Jede zusätzliche Anlage trägt zur Energiewende bei. Eine Mehrwertsteuer-Senkung im Privaten oder Steuererleichterungen für Unternehmen, die sich dem Erneuerbare-Energien-Ausbau widmen, wäre wohl ein einfaches Werkzeug dafür.

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