„Auch Mädchen können das.“

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Mädchen trauen sich immer öfter in typische Männerberufe. Sabrina Ilgenstein absolviert nach der Matura eine Lehre zur Elektrotechnikerin.
Mädchen trauen sich immer öfter in typische Männerberufe. Sabrina Ilgenstein absolviert nach der Matura eine Lehre zur Elektrotechnikerin.
Sabrina Ilgenstein absolviert nach der Matura eine Lehre zur Elektrotechnikerin.
© WK Tirol

Mädchen trauen sich immer öfter in typische Männerberufe. Sabrina Ilgenstein absolviert derzeit eine Lehre zur Elektrotechnikerin in Mieming. Und das mit Erfolg.

Den richtigen Beruf zu finden, ist keine leichte Entscheidung. Passt das? Kann ich das? Will ich das überhaupt? Wenn es um die Wahl der Lehrberufe bei Mädchen geht, dann sind es immer noch typische Frauenberufe wie Frisörin oder Einzelhandelskauffrau, die ganz oben auf der Wunschliste stehen. Nicht so bei Sabrina Ilgenstein.

Die 19-Jährige hat bereits Matura und sich danach für einen Lehrberuf entschieden: „Die Leidenschaft fürs Handwerk habe ich schon von Kindheit an miterleben dürfen. Mein Papa kann einfach alles selber machen, mein Bruder ist Zimmerer, meine Schwester arbeitet als Spenglerin-Lackiererin. Da war es nur eine Frage der Zeit, dass ich auch diesen Weg einschlage“, lacht die fröhliche Rietzerin.

„Elektro Falch“ ist mittlerweile zu einem Familienbetrieb in Mieming gewachsen. Bei Daniela (l.) und Stefan Falch fühlt sich Sabrina sehr wohl.
© WK Tirol

Weiblicher Lehrling

Im September 2020 hat Ilgenstein ihren Lehrberuf bei Elektro Falch in Mieming gestartet. Lehrlinge werden hier seit Ende der 70er-Jahre ausgebildet. Für den Betrieb ist Sabrina der zweite weibliche Lehrling. „Sabrina hat sich von Anfang an Gehör verschafft und sich sehr gut im Team positioniert. Es herrscht ein sehr freundlicher und respektvoller Umgang unter den Kollegen und auch auf der Baustelle“, ist Firmenchef Stefan Falch überzeugt. „Bei Sabrina haben wir von Anfang an gespürt, dass sie mehr Know-how mitbringt und in ihrem Alter einfach schon weiß, was sie will. Für uns ist ganz klar: Auch Mädchen können Elektrotechniker werden.“

„Peng gemacht“

Elektro Falch beschäftigt rund 20 Mitarbeiter. Im Umkreis von Innsbruck bis Imst werden Fernseher montiert, Servicearbeiten absolviert, auf den Baustellen gearbeitet. „Das Spektrum eines Elektrotechnikers ist sehr vielseitig und wird mit entsprechenden Fortbildungen auch laufend größer“, so Firmenchef Stefan Falch. Sabrina hat in einige Lehrberufe hineingeschnuppert, die für sie in Frage gekommen wären. Bei Elektro Falch hat es „Peng“ gemacht und sie hat sich von der ersten Minute an wohl gefühlt.

Sabrina arbeitet gerade an einem Hauptverteiler eines Mehrparteienhauses. Der Anschluss eines elektrischen Zählers wird überprüft.
© WK Tirol

Als AHS-Maturantin hat sie auch eine verkürzte Lehrzeit und steuert bereits auf der Zielgeraden der Lehrabschlussprüfung entgegen. Der Arbeitstag beginnt für Sabrina um achtUhr. „Ich werde dort eingeteilt, wo gerade Arbeit ansteht, und arbeite dem Gesellen zu.“ Derzeit ist der Lehrling auf einer Baustelle in Mils beschäftigt. Hier wird eine Altbauwohnung komplett umgebaut. „Zu meinen Aufgaben zählen hier unter anderem Dosen ausbohren, Schremmen, Fräsen und Dosen wieder setzen. Manchmal ist es zwar körperlich anstrengend, aber da wächst man hinein. Und wenn man dann die gesamte Entwicklung des Projektes miterleben darf, ist das ein richtig tolles Gefühl.“ Die Berufsschule besucht Sabrina in Innsbruck mit drei anderen weiblichen Berufskolleginnen.

In ihrem Freundeskreis ist die leidenschaftliche Fußballerin die einzige junge Frau, die einen männertypischen Beruf erlernt. „Aber gewundert hat es eigentlich niemanden“, lacht die Rietzerin und fügt hinzu: „Im Gegenteil, es haben sich alle über meine Entscheidung gefreut.“ Kompetenz und gesundes Selbstbewusstsein mit einer großen Prise Stärke, das muss Frauen in Männerberufen auszeichnen.

Zukunft

In Zukunft möchte Sabrina eventuell die Meisterprüfung absolvieren. Doch wo es genau hingehen wird, bleibt offen. Die Möglichkeiten sind vielfältig, spannend bleibt es auf jeden Fall. „Man sollte das Berufsverhalten generell aufbrechen“, so die Elektrotechnikerin. „Es braucht nicht nur in der Gesellschaft einen gewissen Meinungswandel, auch bei jungen Frauen und bei den Eltern.“

Sie rät jungen Frauen, nicht davor zurückzuschrecken, einen Berufsweg in den Bereichen Handwerk oder Technik einzuschlagen. Im Gegenteil: Öfter mal auf den Bauch und das Herz hören. „Wenn es Spaß macht, sich mit Elektronik und technischem Verständnis auseinanderzusetzen, dann ist dieser Berufsweg auf jeden Fall der richtige“, fügt auch Chef Stefan Falch an. „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels würde ich mich freuen, wenn mehr Mädchen den Schritt in einen Männerberuf in Betracht ziehen würden. Hier ist auch das Umdenken der Eltern gefragt. Eine Lehre hat goldenen Boden. Die Lehrlinge werden selbstständig, wachsen mit den Aufgaben und das Lehrlingsentgelt, das man bereits als Jugendlicher bezieht, ist nicht außer Acht zu lassen.“

Der Blick der Männer auf Frauen in atypischen Berufen habe sich schon geändert, auch wenn es in der älteren Generation noch teilweise Vorbehalte gibt.

Weitere Informationen: www.elektrofalch.at

Tipp: Förderungen und Infos!

Es gibt auch Förderungen!

Das Arbeitsmarktservice fördert die Aufnahme von Mädchen in Lehrberufen mit geringem Frauenanteil (z. B. Kfz-Techniker, Elektriker, Tischler). Diese Beihilfe für Lehrbetriebe ist allerdings nur dann möglich, wenn vor Aufnahme des weiblichen Lehrlings ein Beratungsgespräch mit dem zuständigen Berater des AMS erfolgte.
Übrigens: Interessierte Betriebe haben am jährlichen Girls Day die Möglichkeit, Mädchen in ihren Betrieb zum „Schnuppern“ einzuladen.

Infos für Betriebe

Immer wieder scheuen Lehrbetriebe die Aufnahme von Mädchen in technische Lehrberufe, weil sie befürchten sich damit zu aufwändigen Umbauten zu verpflichten. So herrscht vielerorts die Meinung vor, bei Einstellung eines weiblichen Lehrlings sind eigene Toiletten, Wasch- und Umkleideräume zu errichten. Diese Sorge ist aber in den meisten Fällen unbegründet. Das ist erst ab der fünften weiblichen Arbeitnehmerin der Fall.