Symbolbild Energiepreise
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Panorama

So lassen sich die Energiepreise einbremsen

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Der massive Anstieg der Energiepreise macht vielen Betrieben zu schaffen. Ein „Tirol-Bonus“ könnte Druck nehmen. Langfristig helfen nur höhere Effizienz und der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen.

Noch vor einem Jahr waren die Energiepreise bloß eine Randnotiz für die Tiroler Betriebe: Nur zwölf Prozent gaben im Winter 2020 an, dass die Kosten für Energie ein nennenswertes Problem darstellen. Ein Jahr später ist alles anders. Die Energiepreise haben sich nach dem Dauerbrenner Fachkräftemangel mit 64 Prozent an die zweite Stelle der größten betrieblichen Herausforderungen katapultiert. Diese Entwicklung lässt sich anhand von Fakten anschaulich untermauern: Innerhalb eines Jahres stieg der österreichische Strompreisindex von 80 Punkten im Jänner 2021 auf 165 Punkte im Jänner 2022. Das ist eine Zunahme um über 100 Prozent. Der österreichische Gaspreisindex stieg im selben Zeitraum von 65 Punkten auf 454 Punkte. Das entspricht einem Anstieg um sage und schreibe 600 Prozent.

„Der Grund für diese massive Verteuerung liegt in der der gleichzeitigen Kombination mehrerer Ursachen“, erklärt Stefan Garbislander, Standortanwalt und Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik, Innovation und Strategie. Zum einen hat die starke Konjunkturbelebung im produzierenden Sektor einen Nachfrageanstieg bei Energie bewirkt. Zum anderen hat der Ausstieg aus Kohle im Zuge der Energiewende einen erhöhten Bedarf vor allem im Bereich Gas ausgelöst. Diese gestiegene Nachfrage trifft hier auf ein beschränktes Angebot an Erdgas.

WK-Präsident Christoph Walser

Die aktuellen geopolitischen Spannungen in der Ukraine sorgen in Bezug auf die russischen Gaslieferungen nach Europa für Nervosität und treiben die Energiepreise weiter nach oben. Darüber hinaus verläuft der Ausbau erneuerbarer Energieträger wie Fotovoltaik, Windenergie und Wasserkraft aufgrund der langwierigen Genehmigungsverfahren nur schleppend. Schließlich hat auch die Trennung des deutsch-österreichischen Strommarktes seit 2018 den Stromhandel zwischen diesen Ländern eingeschränkt und damit das Angebot an günstigem Strom reduziert. Auch mittelfristig ist mit keiner Entspannung bei den Energiepreisen zu rechnen: Die Einführung der CO2-Bepreisung zur Jahresmitte 2022 wird die Kosten für Energie weiter nach oben treiben.

WK fordert „Tirol-Bonus“

Also Augen zu und durch? „Nein“, erklärt WK-Präsident Christoph Walser, „wir haben zwei große Hebel in der Hand, mit denen wir dieser Entwicklung gegensteuern können. Zum einen müssen vor allem im Strom-Bereich Unternehmen einen möglichst großen Teil ihres Bedarfes zum Beispiel durch Fotovoltaik selbst decken und damit individuelle Stromautonomie erreichen. Zudem lässt sich der Bedarf durch Steigerung der Energieeffizienz senken. „Hier hilft die Wirtschaftskammer Tirol mit ihrer neu aufgesetzten Energie- und Klimaschutzberatung“, betont Walser.

Zum anderen sollte die Energie-Preisexplosion kurzfristig seitens des Landes durch einen „Tirol-Bonus“ abgefedert werden. In den Monaten Mai bis September wird in Tirol regelmäßig mehr Strom aus Wasserkraft erzeugt als nachgefragt. So werden beispielsweise im Monat Juli rund 2.800 Terajoule (TJ) Strom aus Wasserkraft erzeugt – und das bei einem Strombedarf von rund 2.000 TJ. In diesen Monaten übertreffen somit die Stromexporte deutlich die Stromimporte. „Wir schlagen daher seitens der Wirtschaftskammer vor, in den Monaten des „Strom-Überschusses“ im Jahr 2022 einen Strompreis-Bonus allen Unternehmen und Haushalten, die Kunden des Landes-Energieversorgers Tiwag sind, zukommen zu lassen“, fordert der WK-Präsident.

Zwei Fallbeispiele aus der Praxis

Beispiel 1:

Ein Tiroler Industriebetrieb mit einem Jahres-Strombedarf von rund 2,7 Millionen kWh. Bisherige Strompreiskosten: 250.000 Euro; erwartete Stromkosten ab Jänner 2022: rund 870.000 Euro. Das entspricht einer Zunahme der Stromkosten um fast 250 Prozent.

Beispiel 2:

Ein mittelständischer Handelsbetrieb mit einem Jahresverbrauch von rund 380.000 kWh. Bisheriger Strompreis: 5,3 Cent je Kilowattstunde. Neuer Strompreis ab Jänner 2022: 11,345 Cent je Kilowattstunde. Das

Standortfaktor Energieautonomie

Die Strompreise werden auch in den kommenden Jahren einen wesentlichen Standortfaktor darstellen. „Daher ist der weitere Ausbau der Wasserkraft und das Erreichen der regionalen Stromautonomie für Tirol alternativlos“, betont Walser. Anders ist die Energiewende aus der Sicht der Wirtschaftskammer nicht zu schaffen. Wind und Sonnenenergie reichen für die Deckung des Strombedarfs nicht aus, Atomstrom ist für Österreich keine Option. Bleibt einzig und allein der Ausbau der sauberen heimischen Wasserkraft.

Auch für die Industrie stellt eine Tiroler Energieautonomie einen zentralen Standortfaktor dar: „Die Produktion eigenen Stroms aus Wasserkraft und damit ein gewisses Maß an Kontrolle über die Preisgestaltung sind entscheidend für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe und die Sicherung von Arbeitsplätzen“, erklärt Industrie-Spartenobmann Max Kloger. Nur so lässt sich auch der steigende Bedarf für den weiteren Ausbau der Elektromobilität decken und eine Preisexplosion für die Konsumenten verhindern. „Tirol braucht diese Unabhängigkeit, die nur mit einem glasklaren politischen Bekenntnis zu Wasserkraftwerken erreichbar ist“, betonen Walser und Kloger. Und: Die Verfahren sind so zu gestalten, dass es nicht eine halbe Generation braucht, bis ein Wasserkraftwerk genehmigt, geschweige denn gebaut ist.

Industrie-Spartenobmann Max Kloger

Wasserkraft für den Klimaschutz

Konkret fordert die Wirtschaftskammer daher die zügige Realisierung des Kraftwerks Kaunertal sowie die Nutzung des Unteren Inns für die Wasserkraft. Der Inn ist eines der österreichischen Gewässer mit dem höchsten energiewirtschaftlichen Potenzial. Es ist bereits die Fließstrecke zwischen Haiming und Jenbach als hochwertige Gewässerstrecke ausgewiesen, jetzt dürfen nicht zusätzlich auch noch am Unteren Inn saubere Wasserkraftwerke verhindert werden.

„Um die Zielsetzungen des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes zu erreichen, müssen bis zum Jahr 2030 zusätzlich fünf Terawattstunden aus Wasserkraft gewonnen werden. Es ist daher wenig sinnvoll, von vornherein eine ökologisch nur wenig wertvolle Fließstrecke einer energiewirtschaftlichen Nutzung zu entziehen“, unterstreicht Standortanwalt Stefan Garbislander. Schlussendlich fällt bei der Abwägung der ökonomischen und der ökologischen Interessen die zukünftige Nutzung des betreffenden Flussabschnitts deutlich im Sinne der Energiewirtschaft und des Klimaschutzes aus. Kurz gesagt: „Wir können nicht ständig auf der einen Seite von der Notwendigkeit des Klimaschutzes sprechen, aber auf der anderen Seite jedes einzelne Wasserkraftwerk bekämpfen. Diese Rechnung geht sich nicht aus“, betont Christoph Walser.

Von Mai bis September erzeugt Tirol mehr Strom aus Wasserkraft als im Land selbst verbraucht wird. Daher fordert die Tiroler Wirtschaftskammer, den heimischen Betrieben und Privaten in den Sommermonaten einen Preisnachlass in Form eines „Tirol-Bonus“ zukommen zu lassen.
Von Mai bis September erzeugt Tirol mehr Strom aus Wasserkraft als im Land selbst verbraucht wird. Daher fordert die Tiroler Wirtschaftskammer, den heimischen Betrieben und Privaten in den Sommermonaten einen Preisnachlass in Form eines „Tirol-Bonus“ zukommen zu lassen.
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