Konjunkturtalk mit Minister Martin Kocher
Konjunkturtalk mit Minister Martin Kocher
Panorama

Konjunktur-Talk mit Minister Martin Kocher

WK-Volkswirt Stefan Garbislander (r.) beim online Konjunkturtalk mit Arbeitsminister Martin Kocher (am Bildschirm) und Moderator Peter Sidon (l.).
© WK Tirol

Die Erholung der Wirtschaft schreitet zügig voran. Damit der Restart nach Corona gelingt, müssen langjährige Baustellen beseitigt werden. Doch Minister Kocher bot einen optimistischen Ausblick.

Wie schon vor einem Jahr war Arbeitsminister Martin Kocher zu Gast bei der Tiroler Wirtschaftskammer und sprach gemeinsam mit WK-Volkswirt Stefan Garbislander über die aktuelle Konjunkturlage und die Aussichten für den Standort. Der heurige Konjunktur-Talk unterschied sich grundlegend vom Vorjahr. Denn 2021 gab es nur drei Themen: Corona. Corona. Und nochmals Corona. Das hat sich nun schlagartig geändert. Es sieht tatsächlich so aus, als ob das vielzitierte Licht am Ende des Tunnels jetzt wirklich zu leuchten beginnt.

Das wurde schon beim Einstieg klar: „Die Erholung verläuft überraschend schnell und hat schon im letzten Sommer eingesetzt, wenngleich es große Unterschiede zwischen den Branchen gibt“, erklärte der Minister und bot damit einen optimistischen Ausblick. Selbst während der Deltawelle im Herbst sei die Wirtschaft nicht mehr so stark betroffen gewesen, mit Ausnahme von Branchen mit massiven Einschränkungen wie dem Tourismus oder den Körpernahen Dienstleistern. Der Arbeitsminister gab sich optimistisch, sollten keine neuen Virusvarianten auftauchen. Was die Arbeitslosigkeit betrifft, so befindet sich diese auf dem tiefsten Stand seit zehn Jahren, Tendenz weiter sinkend. Für heuer erwartet Kocher ein Wachstum zwischen 4,5 und 5 Prozent. 2021 und 2022 dürften somit Jahre mit starkem Wachstum werden, auch für 2023 erwartet Kocher noch Werte über dem langjährigen Schnitt.

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Konjunktur-Talk mit Minister Kocher und WK-Volkswirt Garbislander

Schauplatz Inflation

Allerdings konstatierte der Arbeitsminister, dass die intensive Beschäftigung mit der Pandemie von langjährigen Problemzonen abgelenkt habe. „Jetzt müssen wir uns um die strukturellen Probleme kümmern“, so Kocher. Dazu gehören unter anderem die demographische Entwicklung, die massiven Herausforderungen im Zuge der Dekarbonisierung und die aktuell auf einem Höchststand befindliche Inflationsrate. „Die Inflation wird in den kommenden Jahren wohl dauerhaft auf mindestens zwei bis drei, vielleicht auch 3,5 Prozent liegen“, erklärte Kocher. Selbst bei Wegfall temporärer Inflationseffekte wie den aktuellen Lieferengpässen und den massiven Energiepreissteigerungen werde das immer knapper werdende Arbeitskräfteangebot zu mehr Druck auf die Löhne führen. Eine Lohn-Preis-Spirale sei nicht ganz auszuschließen.

Auch Stefan Garbislander teilt diese Einschätzung: Umfragen der Wirtschaftskammer Tirol zeigen, dass die Unternehmen auch in den kommenden Monaten mit höheren Beschaffungskosten rechnen und diese zumindest teilweise an die Konsumenten weitergeben müssen. Der WK-Volkswirt ortet zunehmenden Optimismus, der jedoch von Energiepreisniveau und dem Fachkräftemangel limitiert wird. „Was die aktuelle Auftragslage betrifft, so laufen insbesondere Industrie und Gewerbe gut, im Tourismus besteht noch Aufholbedarf, wenngleich die Buchungen für den Februar die Erwartungen durchaus übertroffen haben“, so Garbislander.

Arbeitsmarkt-Reform

Die Entwicklung am Arbeitsmarkt wurde im Detail beleuchtet. Auch wenn sich die Zahlen in die richtige Richtung bewegen, stellte Kocher Handlungsbedarf fest: „Wir befinden uns bei der Langzeit-Arbeitslosigkeit zwar fast auf Vorkrisenniveau, aber auch das ist auf Dauer nicht akzeptabel. Daher müssen wir gerade in diesem Bereich Impulse setzen, um die Entwicklung weiter zu verbessern.“ Tirol verzeichnet aktuell mit 5,1 Prozent die zweitniedrigste Arbeitslosenquote in Österreich und nähert sich bereits wieder der Vollbeschäftigung.

Eine zentrale Herausforderung liegt für Kocher darin, Menschen aus Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit in Regionen mit vielen offenen Stellen zu bringen. Er ist zuversichtlich, dass sich die Verwerfungen zwischen den Branchen, die sich in der Pandemie ergeben haben, wieder einpendeln werden. „In Tirol betrifft das vor allem den Tourismus, der bei einer Normalisierung wieder zunehmend als sicherer Arbeitgeber betrachtet werden wird“, so Kocher. Wie der Arbeitsminister setzt auch Stefan Garbislander auf intensive Qualifizierung. Für den WK-Volkswirt ist der Fachkräftemangel ohne gezielte Zuwanderung nicht zu schaffen, daher fordert er Erleichterungen und Vereinfachungen bei der Rot-Weiß-Rot-Card.

WK-Volkswirt Stefan Garbislander

Kocher betonte, dass diese Fragen im Rahmen einer großen Enquete zum Arbeitsmarkt am 7. März behandelt werden. Auf der Tagesordnung stehen sämtliche relevante Bereiche wie Förderungen, die Vermittlungseffizienz, Zuverdienstgrenzen sowie Höhe und Form des Arbeitslosengeldes. Auch ein degressives Arbeitslosengeld ist für den Minister eine der Optionen, wobei aufzupassen sei, dass ein derartiges Modell nicht Saison- anstatt Ganzjahresbeschäftigungen attraktiv mache. „Das Arbeitslosengeld muss auf die Zeit nach Corona zugeschnitten sein und einen Rahmen für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre bilden“, nannte Kocher die engagierte Vorgabe. „Das Ziel ist jedenfalls, die Arbeitslosigkeit möglichst kurz zu halten oder für gezielte Qualifikationsmaßnahmen zu nutzen“, so Kocher.

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