Die Burgenwelt Ehrenberg thront seit mehr als 700 Jahren über dem Reuttener Becken - zum Publikumsmagneten hat sie sich mit einer Vielzahl an historischen Exponaten aber erst in der jüngsten Vergangenheit entwickelt.
Die Burgenwelt Ehrenberg thront seit mehr als 700 Jahren über dem Reuttener Becken - zum Publikumsmagneten hat sie sich mit einer Vielzahl an historischen Exponaten aber erst in der jüngsten Vergangenheit entwickelt.
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Burgenwelt Ehrenberg: Gigantische Dynamiken

Die Burgenwelt Ehrenberg thront seit mehr als 700 Jahren über dem Reuttener Becken - zum Publikumsmagneten hat sie sich mit einer Vielzahl an historischen Exponaten aber erst in der jüngsten Vergangenheit entwickelt.
© Isabelle Bacher

Mit der Revitalisierung, Sanierung und Inszenierung der Burgenwelt Ehrenberg bei Reutte wurde eine wirtschaftliche, wissenschaftliche und touristische Dynamik in Gang gesetzt, die außergewöhnlich ist.

Ich besuche Ehrenberg im Halbjahresrhythmus und es gibt immer wieder Neues. Da gibt es keinen Stillstand“, sagt Wolfgang Winkler, Leiter der WK-Bezirksstelle Reutte. Winkler ist Außerferner und damit gleichsam automatisch Zeuge einer Verwandlung, deren Wucht vor allem Bewohner des Bezirkes Reutte nachvollziehen können. Jene jedenfalls, die über 25 Jahre alt sind und sich daran erinnern, wie es in der bergig umrahmten Engstelle am Südrand von Reutte ausgesehen hat. Damals.

Die prominenten und den Verlauf der B179 bestimmenden Felsen waren durchwegs bewaldet. Im Tal standen die Reste eines recht traurig wirkenden, vor sich hin zerfallenden Bauwerks und in den steinernen Überbleibseln der Ruine Ehrenberg schlürften Schülerinnen und Schüler des Bezirkes ab und zu ihr „Dreh und Trink“, weil der den Schulstandorten so nahe Kleinberg sich derart praktisch als Ziel eines Halbtages-Ausflugs angeboten hatte. Das war’s. Fuchs, Hase, gute Nacht. Mehr war da nicht.

Publikumsmagnet

Heute ist das Areal Ziel von rund 350.000 Besuchern jährlich. Und das hat einige ziemlich gute Gründe. Hier kann Geschichte auf einzigartige Weise nachvollzogen werden. Hier kann gestaunt, gefeiert, übernachtet und gegessen werden. Hier können Ritterspiele erlebt, Konzerte genossen und Höhenängste überwunden werden. Aus dem einst unbeachteten Rand von Reutte wurde ein Publikumsmagnet, der über die Bezirksgrenzen hinaus strahlt und zu einer der meist besuchten touristischen Attraktionen in Tirol zählt.

Rund 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dort im Normalbetrieb beschäftigt. Ihre Arbeitsbereiche geben einen recht schönen Einblick in die lebendige Vielfalt des Areals: Verwaltung, Museum mit Shop, Parkraumbewirtschaftung, Hotel und Gastronomie, Facility Management, Dienstleister für die 2014 eröffnete Hängebrücke highline 179 sowie den 2019 in Betrieb genommenen Schrägaufzug Ehrenberg Liner und schließlich die Bauhütte, deren Mitarbeiter für die Sicherung, Sanierung und Rekonstruktion der historischen Bausubstanz verantwortlich sind.

Mit den ca. 60 Gästebetten erzielt das ins Ensemble integrierte Hotel pro Jahr rund 12.000 Übernachtungen und wenn ab Frühsommer 2022 in 20 zusätzlichen Betten geschlafen werden kann, darf auch diese Zahl steigen. Von Stillstand kann echt keine Rede sein und Wolfgang Winkler trifft die beeindruckende Dynamik auf den Punkt, wenn er feststellt: „Das ist sensationell.“

Schritt für Schritt freigelegt

Die wenigen hier herumkraxelnden Schülerinnen und Schüler wurden durch ein perfekt geleitetes und zum Wiederkommen animiertes Besucherheer ersetzt. Denn die einst das Bild bestimmenden Bäume sind nach einem strengen Plan gewichen und haben sukzessive Blicke auf ein über Jahrhunderte verborgenes und Schritt für Schritt freigelegtes, renoviertes und rekonstruiertes Festungsensemble eröffnet, das den strategischen Wert dieser Engstelle mit voller Pracht offenbart.

Über viele Jahrhunderte haben sich so manche Heerscharen, die in Tirol einfallen wollten, hier regelrecht die Zähne ausgebissen. Im Takt der sich wandelnden kriegerischen Strategien wurden immer neue Festungsanlagen gebaut und erst nachdem die stationäre Verteidigung ausgedient hatte, verlor Ehrenberg seinen Daseinszweck. Ab 1782 begann der Zerfall und fast wäre er endgültig gewesen. Fast.

Seit Ende 2014 ist die imposante Stahlkonstruktion, die highline179, Bestandteil der Burgenwelt Ehrenberg und als solcher ein nicht mehr weg zu denkender Teil der „Burgenwelt-Familie“.
Seit Ende 2014 ist die imposante Stahlkonstruktion, die highline179, Bestandteil der Burgenwelt Ehrenberg und als solcher ein nicht mehr weg zu denkender Teil der „Burgenwelt-Familie“.
© Isabelle Bacher

„Es gibt überall schönere Burgen, spektakulärere Ruinen oder Einzelobjekte. Aber ein derartiges Festungsensemble mit unterschiedlichen Typologien – von der mittelalterlichen Hochburg über die Talsperre, eine Fortifikation und eine Festung, die dem Ersten Weltkrieg näher war, als dem Mittelalter – gibt es sonst nicht. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, weiß Armin Walch.

Der gebürtige Reuttener ist nicht nur begeisternder Botschafter, sondern auch Geschäftsführer des Vereins Burgenwelt Ehrenberg, der 2001 mit dem Ziel und Zweck gegründet wurde, das Festungsensemble Ehrenberg für die nächsten Generationen zu erhalten. In den 1990er-Jahren waren Pläne aufgetaucht, die Reste der zunehmend gefährlich vor sich hin bröckelnden Talsperre zu schleifen.

Die Gefahr, dass damit der letzte gebäudeähnliche Teil des größten Verteidigungsensembles im Norden von Tirol für immer verschwunden wäre, war groß, doch war es nur eine Handvoll Menschen, denen die Dimension dieser potenziellen Zerstörung bewusst war. Der damalige Bürgermeister der Marktgemeinde Reutte, Siegfried Singer, war einer davon. Der liebevolle Hüter des Wissens um Ehrenberg, Friedl Schennach, der Zweite. Architekt Armin Walch war der Dritte. Mit viel diplomatischen Geschick, enorm dicker Haut und einer riesigen Portion Vorstellungskraft gelang diesen drei Ehrenberger Musketieren mehr, als den Abbruch zu verhindern. Viel mehr.

Armin Walch
Vordenker Armin Walch freut sich über den wirtschaftlichen Erfolg der Burgenwelt Ehrenberg, die mittlerweile im Normalbetrieb rund 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.
© Isabelle Bacher

Visionärer Masterplan

„Wir haben gleich gemerkt, dass wir größer denken müssen und die Klause nicht ohne Zweck sanieren dürfen“, erinnert sich Walch. 2003 verfasste er den Masterplan für die Burgenwelt. Aus heutiger Sicht wirkt die Strahlkraft der darin festgehaltenen Visionen fast verrückt. Alles, was in der Zwischenzeit entstanden und für die kommenden Jahre fix geplant ist – die Sanierung und Rekonstruktion der Anlagen, die familienfreundliche Inszenierung, die Hängebrücke, der schon bestehende und der noch heuer zu bauende Schräglift, die Arena, das Hotel, das Gasthaus oder das Besucherzentrum – alles steht in diesem Masterplan. Nicht festgehalten wurde darin die unbeirrte Hartnäckigkeit, die seine Realisierung erfordern würde.

Wenn zwischen Planung und Fertigstellung zehn bis 15 Jahre liegen, wird die Vorstellungskraft Außenstehender auf eine fast unmögliche Zerreißprobe gestellt. Bei den dafür notwendigen Wanderpredigten wurde das Trio rasch potent begleitet – etwa von der Marktgemeinde Reutte, dem TVB und der Regionalentwicklung Außerfern (REA) „vor Ort“ und dem Bundesdenkmalamt, der Kulturabteilung des Landes Tirol oder der Landesgedächtnisstiftung jenseits des Fernpasses. Das über die Jahre gewachsene Netzwerk, zu dem auch zahlreiche lokale Unternehmen zählen, war und ist entscheidend für den Erfolg. In den letzten 20 Jahren wurden über 40 Förderanträge bei den unterschiedlichsten Förderstellen gestellt.

Armin Walch

Seit seiner Gründung wurden über den Verein Burgenwelt Ehrenberg Investitionen von rund 16 Millionen Euro netto abgewickelt. Das Prinzip der Drittel-Finanzierung der EU garantierte nicht nur die Bereitstellung der Gelder, sondern auch die tiefe regionale Verwurzelung der Vision. Die privaten Investitionen in die Burgenwelt Ehrenberg beliefen sich Ende 2021 bei ca. acht Millionen Euro und ein satter, ja überwiegender Teil der Gesamt-Investitionssumme wurde und wird an lokale Unternehmen vergeben.

Richtig viele Gewerke der Region sind auf diesem Weg am Erfolg von Ehrenberg beteiligt. Wo gefällt, gegraben, aufgebaut, verputzt, gemalt und installiert wird, sind allerlei Professionen gefragt. Für den laufenden Betrieb gilt das nicht minder, etwa wenn Veranstaltungen stattfinden und regionale Produzenten, Vermarkter oder Händler das Restaurant beliefern.

Der Effekt auf die regionale Wertschöpfung und den lokalen Arbeitsmarkt ist so groß und dynamisch wie die immer neuen Herausforderungen, welche die in straffem Takt freigelegten und restaurierten Schätze des Areals mit sich bringen. Auch in dem Zusammenhang wurde in der Burgenwelt ein Zeichen gesetzt, das auf beeindruckende Weise die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet.

Wissenschaft eingebunden

2020 wurde die Bauhütte gegründet, die in der Form ein Unikat nach dem Vorbild der ins Altertum zurückreichenden baulichen Know-how-Konzentration ist. „Vor Gründung der Bauhütte haben ausschließlich Fremdfirmen die Sanierungs- und Rekonstruktionsarbeiten auf Ehrenberg erledigt. Nach Abzug der Firma wurde auch das vor Ort erworbene Know-how mitgenommen und war für Ehrenberg unwiederbringlich verloren“, erklärt Armin Walch den zündenden Funken für die Initiative, die es Ehrenberg ermöglicht, mit eigenen Mitarbeitern zu arbeiten und viel Wissen zu sammeln.

Seit der Gründung konnte sich durch das clevere Zusammenspiel mit Wissenschaftlern der Universität Innsbruck und dem Bundesdenkmalamt eine handwerkliche Expertise entwickeln, die immer wieder zu überraschen vermag. „Ende September 2021 hatten wir im Rahmen von ‚uni goes reutte‘ eine sehr spannende Veranstaltung, in der es um die Baustoffe des Mittelalters ging“, erzählt Wolfgang Winkler. Die Vortragenden und Podiumsdiskutanten nahmen die rund 150 Interessierten mit auf eine Reise in die Welt der Bindemittel, mit denen die Erbauer der Ehrenberg’schen Anlagen gearbeitet hatten. Auch diesen Geheimnissen wird in der Burgenwelt Ehrenberg auf den Grund gegangen – und auch sie werden im Zuge der Arbeiten wiederbelebt. Es sind gigantische Dynamiken, die rund um Ehrenberg prickeln. Im ganz Großen wie im ganz Kleinen.

Weitere Informationen: Burgenwelt Ehrenberg