Fachkräfte bei der Arbeit - Symbolbild Interview Walser Zukunft mit Corona
Fachkräfte bei der Arbeit - Symbolbild Interview Walser Zukunft mit Corona
Panorama

Die Wirtschaft braucht Berechenbarkeit

Die Bauwirtschaft und der produzierende Sektor haben sich als stabilisierende Faktoren in der Pandemie erwiesen. Die Basis dafür sind top ausgebildete Fachkräfte.
© Christian Vorhofer

WK-Präsident Christoph Walser erklärt im Interview, warum die Wirtschaftskammer die verschärften Corona-Maßnahmen mitträgt und welche Lehren aus der Krise gezogen werden können.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Die aktuellen Corona-Regelungen bringen für die Betriebe spürbare Einschränkungen beziehungsweise einen erheblichen Mehraufwand mit sich. Warum trägt die Kammer diese Maßnahmen mit?

WK-Präsident Christoph Walser: Mir ist vollkommen klar, dass beispielsweise die Kontrollpflichten speziell für kleinere Handelsbetriebe eine Belastung darstellen. Wir unterstützen diese Maßnahmen deswegen, weil das die einzige Möglichkeit ist, weitere Lockdowns zu verhindern. Was jedoch nicht passieren darf, ist ein Chaos rund um die (Frei-)Testungen.

Gibt es Berechnungen, welche Folgen ein weiterer Lockdown hätte?

Im Zuge unseres Top Tirol Konjunkturbarometers haben wir zwei Modellvarianten berechnet, wie sich die Tiroler Wirtschaft 2022 mit beziehungsweise ohne Lockdown entwickeln würde. Mit Lockdown wird die Tiroler Wirtschaftsleistung im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 3 bis 4 Prozent steigen, ohne Lockdown erreichen wir ein wesentlich höheres Wachstum in der Höhe von fünf bis sechs Prozent.

Worauf sollte in diesem Jahr der Fokus gelegt werden?

Wir müssen davon wegkommen, nur mehr von Corona zu reden und dabei alle anderen Themen zu vernachlässigen. Die großen Herausforderungen der Zukunft wie der Fachkräftemangel, der Klimaschutz und die Digitalisierung dürfen nicht übersehen werden. Es braucht dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen seitens der Politik. Unsere Umfragen bestätigen uns, dass wir damit auch den Nerv der Betriebe treffen. Die aktuell größten Probleme der heimischen Firmen sind der Fachkräftemangel, gefolgt von steigenden Energiepreise und Lieferengpässen.

WK-Präsident Christoph Walser

Bleiben wir gleich beim Fachkräftemangel. Wie kann es sein, dass dieser bereits jetzt wieder ein Thema wird, obwohl die Wirtschaft Corona-bedingt in zahlreichen Branchen noch nicht auf Volllast läuft?

Der Mitarbeitermangel speziell im Dienstleistungssektor war eigentlich immer präsent und wird jetzt in Zeiten des Aufschwungs wieder akut. Das Thema lässt sich nicht mit isolierten Maßnahmen kurzfristig verbessern. Aber wir müssen jetzt anfangen und einen wirksamen Maßnahmenmix gegen den Fachkräftemangel schnüren. Dazu gehört die Aktivierung verfügbarer Potenziale bei Frauen, Migranten und älteren Personen. Darüber hinaus benötigt unser Standort dringend qualifizierte Zuwanderung. Dafür müssen unter anderem die formalistischen Kriterien der Rot-Weiß-Rot-Card gelockert werden. Außerdem brauchen wir im Zuge der Neustrukturierung der Arbeitsmarktpolitik echte Arbeitsanreize.

Gibt es einen gemeinsamen Nenner, der sich durch diese verschiedenen Ansätze der Bekämpfung des Fachkräftemangels zieht?

Quer über alle Branchen und Altersgruppen zeigt sich immer wieder, dass in der Qualifikation ein zentraler Schlüssel in dieser Frage liegt. Die duale Ausbildung spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Qualifikation ist auch der richtige Ansatz, um die steigende Langzeit-Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Neben dem seit Herbst letzten Jahres bestehenden Beihilfenprogramm „Sprungbrett“ muss auch die innerbetriebliche Ausbildung, also die so genannte „Qualifikation nach Maß“, verstärkt werden.

WK-Präsident Christoph Walser
WK-Präsident Christoph Walser betont die enorme Bedeutung der Themen Digitalisierung, Fachkräftemangel und Klimaschutz für eine erfolgreiche Zukunft des Wirtschaftsstandorts Tirol.
© WK Tirol/Die Fotografen

Wie dringend bewerten Sie die zweite Herausforderung für die Betriebe, die Berücksichtigung des Klimaschutzes?

Die Herausforderung mag theoretisch klingen, aber sie ist für die Tiroler Betriebe sehr real und praxisnah. Auf der einen Seite berücksichtigen mehr und mehr Betriebe wie auch wir als WK die Grundsätze der Nachhaltigkeit in ihren Geschäftsprozessen. Auf der anderen Seite wird energiebewusstes Wirtschaften nicht nur durch die CO2-Bepreisung ab Mitte 2022 ein Thema für die Betriebe. Die Tiroler Unternehmen sind bereits jetzt von exorbitanten Preissteigerungen bei Energie betroffen.

Langfristig gibt es hier nur eine Lösung: den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Die Wirtschaftskammer bietet den Mitgliedsbetrieben Unterstützung, um auf alternative Energien umzusteigen und die Energieeffizienz zu verbessern. Zudem haben wir dem Land die Eckpunkte für eine „Tiroler Dekarbonisierungsförderung“ vorgeschlagen und fordern für Betriebe und Private einen „Tirol Bonus“ seitens der TIWAG in den Sommermonaten, in denen der Landesversorger einen Stromüberschuss erzeugt.

Ist das Zukunftsthema Nummer 3, die Digitalisierung, nicht nur für technische Unternehmen wichtig?

Digitalisierung betrifft sämtliche Branchen, nicht nur Technologiefirmen oder IT-Unternehmen. So ist es etwa gerade für kleine Handelsbetriebe absolut notwendig, dass sie neben ihrem stationären Geschäft auch einen Onlineshop anbieten. Das hilft, die Abwanderung zu großen Internetriesen wie Amazon einzudämmen und die Wertschöpfung im Land zu halten

WK-Präsident Christoph Walser

Die Tiroler Landesregierung hat ihre Wirtschafts- und Innovationsstrategie vorgelegt. Wie bewerten Sie diese?

Es ist wichtig und richtig, dass die Landespolitik nach vorne denkt und Zukunftsherausforderungen strategisch ausrichtet. In den kommenden Monaten und Jahren wird es darauf ankommen, dass diesen Worten nun auch die entsprechenden Taten folgen.

Was fällt aus Ihrer Sicht in der Strategie besonders positiv auf?

Das Land legt zu Recht einen starken Fokus auf den Bereich Nachhaltigkeit und Ökologisierung. Diese wird aus unserer Sicht aber nur erreichbar sein, wenn die politischen Vorgaben technologieoffen formuliert sind, also beispielsweise auch Wasserstoff und synthetische Treibstoffe als Option möglich sind.

Wo sehen Sie in der Wirtschafts- und Innovationsstrategie noch Verbesserungsbedarf?

Bei der dualen Ausbildung gibt es definitiv noch Luft nach oben. Wir erwarten von der Politik spürbare Maßnahmen zur weiteren Aufwertung der Lehre. In der Strategie wird zudem zu wenig auf die Bedeutung der Verkehrsinfrastruktur eingegangen. Auch wenn das politisch heikles Terrain ist, kommt das Land an Maßnahmen zur Optimierung der Verkehrspolitik nicht vorbei. Und um die Umsetzung der Strategie messbar zu machen, ist es aus unserer Sicht notwendig, Leistungskennzahlen zu definieren und diese laufend zu evaluieren.

Lassen sich nach fast zwei Jahren Pandemie Lehren aus dieser Krisensituation ziehen?

Erstens: Die Wirtschaft braucht Verlässlichkeit und Berechenbarkeit anstatt ständiger Ho-ruck-Maßnahmen. Zweitens: Wir müssen das Verhältnis zwischen dem in Tirol überproportionalen Dienstleistungssektor und dem Produktionssektor verbessern. Das bedeutet, dass wir besonders im Inntal die Rahmenbedingungen für den produzierenden Bereich verbessern müssen. Das betrifft die Bereiche Genehmigungsverfahren, Raumordnung und Wirtschaftsförderung. Und drittens: Im Sommer entstehen für Tirol neue Chancen als Corona-sichere Destination. Wir sollten diese Möglichkeit nutzen und unsere Bewerbung sowie das Angebot stärker als bisher darauf ausrichten.

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