Symbolbild Containerschiffe: Probleme mit Lieferketten
Symbolbild Containerschiffe: Probleme mit Lieferketten
Panorama

Was tun gegen kaputte Lieferketten?

© iStock/Magnifier

Die Lieferketten sind im Ausnahmezustand: Die Ladungen ganzer Güterschiffsflotten werden mangels Personal in den Häfen nicht gelöscht, Lieferungen stocken auch wegen Energie oder Rohstoffmangel.

Im Grunde sind fast alle Unternehmen auch in Tirol betroffen. Was tun? Erstmals nach vielen Jahren, in denen die Wirtschaft ihre Lager abgebaut hat, raten Experten nun wieder zu höherer Lagerhaltung.

Über Jahrzehnte waren wir es gewohnt, dass Produkte im Überfluss zur Verfügung standen. Das Problem war, Käufer dafür zu finden. Seit der Covid-Krise hat sich dies teilweise umgekehrt. Jetzt gäbe es zwar starkes Kaufinteresse, aber zu wenig Ware. Es gibt Engpässe nicht nur bei Industriemetallen, etwa bei Magnesium. Fast alle Rohstoffe explodierten im Preis.

Goldene Nasen bei den Reedereien

Was waren die Gründe? In der Covid-Krise haben viele Rohstoffunternehmen, aber auch Transportbetriebe ihre Kapazitäten an das zunächst stark abgesackte Geschäft angepasst, sprich: reduziert. Vielfach wechselten Beschäftigte in diesen Sektoren die Branche. Die rasche wirtschaftliche Erholung nach dem ersten Covid-Krisenschock überforderte dann viele Unternehmen. Die Kapazitäten konnten nicht gleich wieder hochgefahren werden, die Preise für viele Rohstoffe begannen kräftig zu klettern, und das wieder veranlasste industrielle Abnehmer diese Rohstoffe zu hamstern. Dies wiederum machte die Knappheit auf den Märkten noch dramatischer, desgleichen die Preissteigerung, berichtet Klaus Hermetter vom Logistikriesen DB Schenker.

Dazu kam noch, dass etwa China, um seine Umweltziele zu erreichen, ganze Industrien zusperrte und die weltweiten Abnehmer dieser China-Firmen plötzlich auf dem Trockenen saßen. Und die anhaltenden Corona-Beschränkungen führten zu zusätzlichen Engpässen beim Warentransport und zu stark steigenden Preisen. Statt 2000 Dollar kostete ein Containertransport von China nach Europa plötzlich 14.000 Dollar. Die weltgrößten Reedereien verdienten sich eine goldene Nase, berichtet Hermetter: Manche Großreedereien erzielten EBIT-Margen (Gewinne vor Steuern) von mehr als 50 Prozent – dies, obwohl die Pünktlichkeitsraten infolge der Knappheiten rasant nach unten abfielen.

Konstantin Bekos
Konstantin Bekos

Andere Transportmöglichkeiten, wie der Flugverkehr, waren zum Teil keine wirklichen Alternativen, weil auch dort Personal fehlte für die Abfertigung – weil viele Lkw-Fahrer wegen coronabedingter Sperren von Autobahnraststätten den Beruf wechselten, weil Matrosen im Schiffsverkehr zum Teil sechs Impfungen brauchten, weil nicht alle Impfungen überall anerkannt werden. Folge: Es fehlte an allen Ecken und Enden Personal.

Ausfälle bei jedem dritten Unternehmen

Die Wirtschaftsforscher haben dazu Zahlen: Der Welthandel reduzierte sich in der Corona-Krise im Frühjahr 2020 auf 85 Prozent seines Volumens und holte diesen Einbruch bereits bis Oktober 2020 auf. Bis Frühjahr 2021 gab es Steigerungen im Welthandel, seither registriere man eine aber keine wirklichen Steigerungen mehr.

Die Gründe dafür seien Materialmangel, Personalmangel und Staus im internationalen Frachtverkehr, berichtet Gabriel Felbermayr, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo. Der jüngste Wifo-Konjunkturtest zeigte: Ein Drittel der produzierenden Unternehmen in Österreich musste wegen Materialmangel Produktionsausfälle hinnehmen Frachtschiffe stauen sich vor den großen Häfen etwa in Long Beach (Los Angeles), an der US-Ostküste oder an den großen chinesischen Häfen: „In Summe stehen derzeit zwölf Prozent der globalen Containerschiffskapazität einfach untätig vor den Häfen herum“, sagt Felbermayr. Das hat natürlich die Frachtraten nach oben schnellen lassen.

Gabriel Felbermayr
Gabriel Felbermayer

Dazu trug auch der gestiegene Ölpreis bei. Die Massivität dieser Entwicklung war überraschend: „Dass es so brutal kam, ist schon ungewöhnlich“, kommentiert Felbermayr. Auch viele Industrieunternehmen wurden überrascht, sowohl vom starken Einbruch im Frühjahr 2020 als auch von der raschen anschließenden Erholung. Jetzt wird viel diskutiert: Haben wir das „Justin-time“ übertrieben? Hätten wir stärker auf eigene Lagerhaltung setzen sollen?

Das hat einiges für sich, denn die niedrigen Zinsen machen die Lagerhaltung derzeit vergleichsweise günstiger als in Zeiten normaler Zinsen, sagt Felbermayr. Andererseits bedeutet mehr Lagerhaltung auch mehr Lagerfläche: „Wenn wir aus Umweltschutzgründen aber keine Flächen versiegeln dürfen, müssen wir in die Höhe bauen. Und da gibt es dann neue politische Barrieren“, appelliert Felbermayr an die Politik, sich Gedanken zu machen.

Klaus Hermetter
Klaus Hermetter

Nahe gelegene Kooperationspartner

Logistiker Hermetter rät: Früher bestellen, auf Lager nehmen und „Nearshoring“, also die Verlagerung betrieblicher Aktivitäten ins nahe gelegene Ausland (statt etwa nach China) – etwa Lieferungen aus China zu ersetzen durch Einkäufe in Polen, wie Konstantin Bekos, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Warschau, sagt. Das Land habe seine Infrastruktur erfolgreich modernisiert, profitiert von 73 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds und stelle mit seinen 40 Millionen Einwohnern einen riesigen Markt dar.

Entspannung erst im zweiten Halbjahr 2022

Wie lange wird uns die Lieferketten-Problematik noch belasten? „Ich hätte nicht gedacht, dass es sich derart lange hinzieht“, gibt Felbermayr zu. Unmittelbare Erleichterung ist nicht in Sicht: „Jetzt kommt als Belastung für die internationalen Lieferketten einmal Weihnachten, dann das chinesische Neujahrsfest. Die Kapazitäten im Schiffs- und Flugverkehr aufzurüsten, dauert Monate bzw. Jahre“, sagt Hermetter.

Allerdings wird sich die Situation im nächsten Jahr wieder entspannen, denn die Industrie kommt voran bei der Aufrüstung ihrer Kapazitäten und der Konsumentenbedarf wird sich zunehmend sättigen, wie Felbermayr sagt. Aber: „Es gibt nach wie vor gewaltige Auftragsüberschüsse in der europäischen Industrie“, die mangels Material und Personal nicht so rasch abgebaut werden können: „Daher erwarte ich mir eine Entspannung noch nicht im ersten Halbjahr, aber hoffentlich im zweiten Halbjahr 2022.“ Hermetter hat die gleiche Prognose für die Tiroler Unternehmer: „Ich glaube, dass sich die Lage frühestens im zweiten Halbjahr 2022 vielleicht etwas entschärfen kann.

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