Die beiden Cousins Christoph und Mario Morandell (v.l.).
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Geistreiche Tiroler Erfolgsgeschichte

Die beiden Cousins Christoph und Mario Morandell (v.l.) leiten gemeinsam die Morandell International GmbH.
© Morandell International GmbH

In fünf Jahren feiert die Morandell International GmbH ihren 100. Geburtstag. Wein ist das Lebenselixier des Tiroler Familienunternehmens, das den komplexen Markt der Genüsse perfekt beherrscht.

Schon Konfuzius wusste richtig Kluges über Wein zu sagen. „Am Rausch ist nicht der Wein schuld, sondern der Trinker“, packte der alte Chinese eine ewig junge Weisheit in Worte. Weniger in pädagogischer als vielmehr in weinseliger Laune muss der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky gewesen sein, als er bedauerte: „Schade, dass man Wein nicht streicheln kann.“ Ebenso in dieser Laune, aber mehr pragmatisch hat auch Johann Wolfgang von Goethe gewusst: „Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken.“

Irgendwie scheint die Corona-Pandemie und der mit den Lockdowns erzwungene kleine Biedermeier zur Huldigung des deutschen Dichterfürsten angeregt zu haben. „Die Qualität zu Hause ist gestiegen. Ja, man kann feststellen, dass die Leute, die die Möglichkeit dazu haben, mehr für gutes Essen, gutes Trinken und Genuss auszugeben bereit sind als vorher“, sagt Mario Morandell. Dass er über eine der ganz wenigen schönen Auswirkungen der wirrwilden Zeiten berichten kann, hat einen guten Grund. Zusammen mit seinem Cousin Christoph leitet Mario Morandell die Geschäfte eines der renommiertesten Weinhandels-Häuser Österreichs, Morandell International GmbH in Wörgl.

Nicht nur ein Pionier des Weinversandes

Vor 95 Jahren wurde der Grundstein für den Weingroßhandel gelegt, der mit rund 3.300 nationalen und knapp 1.500 internationalen Weinen zu den besten Adressen für die Gastronomie zählt. Eine breite Palette an Spirituosen, Alkoholfreiem und Bieren rundet dieses Angebot ab, doch mit 20. März 2020 wurde ein anderer Superlativ schlagend. Als die Gastronomie erstmals schließen musste, konnten die Genießer ihre Weinlust auf der Morandell-Online-Plattform Vinorama stillen, deren Geschichte ins Jahr 1988 zurückreicht. Das Gründungsjahr lässt staunen. Seit 33 Jahren arbeiten die Morandell-Mitarbeiter schon an einem Know-how, das nicht zuletzt mit der Pandemie zu einem entscheidenden Schlüssel wurde.

Vinorama ist nicht nur ein Pionier des Weinversandes. Im Falstaff-Ranking der besten Weinhändler Österreichs nimmt Vinorama den zweiten Platz ein und auch dieser Rang verpflichtet. „Der Onlinehandel hat vor allem in den Lockdowns einen Booster bekommen“, sagt Mario Morandell. So ein Booster erledigt sich nicht virtuell. „Wir haben die Strukturen im Haus. Die Mitarbeiter, die wir in der Gastrokommissionierung nicht gebraucht haben, haben wir in das Privatkundengeschäft umgeschifft. Mit ein bissl Willen schafft man das schon“, weiß Mario Morandell. Richtig viel Willen steckt in der DNA der Morandells, die Wörgl zu einem pulsierenden Ausgangs- und Mittelpunkt in Sachen Wein wie anderer genussvoller Getränke gemacht und richtig tiefe Wurzeln geschlagen haben.

Morandell Zentrale in Wörgl
In einem Gasthaus wurde 1926 der Grundstein für den Weingroßhandel Morandell gelegt. Gleich wie das Sortiment wurde auch der Hauptsitz des Unternehmens im Laufe der Zeit erweitert.
© christophascher.at

Die Wurzeln

1926 haben Anna und Alois Morandell die Firma gegründet. Mit einer familiären Südtiroler Weintradition im Gepäck waren sie nach Nordtirol „ausgewandert“ und übernahmen ein Gasthaus – im Wörgler Ortsteil Boden, wo heute noch der Hauptsitz des Unternehmens ist. Es war ein sehr gut gehendes Gasthaus und bald wurde Alois Morandell gebeten, Wein zu verkaufen. Seine Verbindungen zu den Weinproduzenten Südtirols waren lebendig und nebenbei hatte er auch Schnaps gebrannt, weswegen sich der ursprüngliche Name des Unternehmens süffig erklärt: „Alois Morandell Weinkellerei und Branntweinbrennerei in Wörgl“, hieß es.

Von Anna Morandell wird berichtet, dass sie die treibende Kraft gewesen sei, der „Kopf“. Drei Söhne animierte sie mit ihrem zielgerichteten Tatendrang. Der älteste betrieb eine kleine Weinstube in Wörgl, der jüngste übernahm das Gasthaus und Rudolf Morandell die Kellerei. 30 Jahre lang sollte er sie führen und dabei ein außergewöhnliches organisatorisches Geschick an den Tag legen. Networking würde man es heute nennen, was er offenkundig grandios beherrschte.

Der „Volumendenker“

Zugute kam dem 1987 verstorbenen Rudolf Morandell senior, dass die Verbindungen nach Südtirol noch lebendig waren und dass er große Mengen Wein aus Südtirol erstens importieren durfte und zweitens großteils zollfrei. Mit dem Gruber-Degasperi-Abkommen wurde 1946 eine Basis dafür gelegt, dass sich in Tirol ein starker Weinhandel entwickeln konnte und Rudolf Morandell senior wusste, die äußeren Bedingungen genauso gut zu nutzen wie seine visionären Gedanken. Ab 1954 begann das Unternehmen bereits, Bier zu importieren.

Als „Volumendenker“ ist Rudolf Morandell in die Unternehmensgeschichte eingegangen und als seine Söhne Rudolf und Peter Morandell 1979 die Geschäftsführung übernahmen, wurde zum dritten Mal der Beweis erbracht, dass das unternehmerische und kaufmännische Geschick erblich sein muss. Dieses Geschick brauchten sie auch.

Mit dem Weinskandal haben sich ab Mitte der 1980er-Jahre die Rahmen für das Weinhandelshaus gravierend geändert. Zuvor war Morandell sehr stark im Export tätig gewesen und hatte mit einem Weingut in Südtirol auch einen Fußabdruck in der Produktion hinterlassen. Nach dem Weinskandal, als sich eine komplett neue Winzergeneration entwickelte, hat sich Morandell auf den österreichischen Markt und hier besonders auf das Gastronomiegeschäft fokussiert und den Pachtvertrag mit dem Weingut gekündigt.

Alexander Gottardi
©WK Tirol/Die Fotgrafen
Drei Fragen an Alexander Gottardi, Sprecher des Tiroler Weinhandels
Alexander Gottardi
©WK Tirol/Die Fotgrafen

Welche Auswirkungen hatte/hat die Corona-Pandemie auf die Tiroler Weinhändler?

Als tourismusabhängiges Land war Tirol durch die Beschränkungen besonders betroffen. Der Ausfall der Wintersaison 2020/21 betraf die gesamte Zulieferwirtschaft der Gastronomie und damit auch die Tiroler Weinhändler. Dank der staatlichen Unterstützung konnten allerdings große Schäden vorerst verhindert werden.

Wie konnten/können diese Ausfälle kompensiert werden?

Da der Weinhandel zum Lebensmittelhandel zählt, konnte zumindest der Direktverkauf an die Konsumenten aufrechterhalten bleiben, wenn auch mit Einschränkungen und ohne Verkostungen. Der Ausfall in der Gastronomie konnte aber durch die fehlenden internationalen Gäste nicht kompensiert werden.

Welchen Einfluss hat beispielsweise die gestiegene Popularität der Regionalität oder der Lieferdienste auf die Strategien des Weinhandels?

In Tirol haben wir den Vorteil, dass die hohe Händlerdichte eine gute Logistik und dadurch auch Regionalität gewährleistet. Eine regionale Erhaltung und Unterstützung dieser Strukturen erachte ich als eine der wichtigsten Schritte in und nach der Krise. Um für den Endkunden die Regionalität zu gewährleisten, ist meiner Meinung die wichtigste Strategie, den Verkauf über das Internet zu forcieren.

Neue Wege

Der Handel ist ja auch komplex genug und bedarf neben starker persönlicher Präsenz bei Lieferanten und Kunden auch der starken Flexibilität. Jedes Weinjahr ist anders. Seit der Klimawandel zuschlägt, umso mehr. Wenn schwierige Zeiten den Markt durchschütteln, können persönliche Freundschaften und gute Beziehungen zu Geschäftspartnern entscheidend sein. Starke Beziehungen sind es auch, die im Unternehmen mit den rund 250 Mitarbeitern gepflegt werden, und vor diesem Hintergrund kann nicht nur visionär gedacht, sondern auch gehandelt werden.

Wie eben mit der Gründung der Weinversandgesellschaft Vinorama im Jahr 1988 oder 2005 mit dem Start der Initiative „Morandell & More“. Hintergrund für die Initiative war, junge, unbekannte Winzer bekannt zu machen und den Gastronomen tolle neue Weine zu guten Preisen anzubieten. Eine großartige Win-win-win-Idee, die auch großartig funktionierte.

Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein

Als 2018 Christoph und Mario Morandell die Geschäftsführung übernahmen, feierte Vinorama den 30. Geburtstag, das Unternehmen war stark aufgestellt und niemand konnte ahnen, dass auch die vierte Generation bald enorme Herausforderungen meistern musste. Der große Kopfschmerz im Zusammenhang mit der wiederholten Schließung der Gastronomie traf auch das Morandell-Headquarter. Logisch.

„Die Situation ist schwierig. Wir bauen Lager auf und müssen stark in Vorleistung gehen, damit wir liefern können, wenn’s aufgeht. Die Erfahrung aus den ersten Lockdowns hat aber gezeigt, dass die Ware gebraucht wird“, stellt Mario Morandell fest. Diese Form der Krisenroutine ist neu in der an Erfahrungen so reichen Unternehmensgeschichte. Und beruhigend klingt, was er über den ersehnten Alltag zu berichten weiß: „Die Leute sind nach wie vor hungrig und wollen in die Gastronomie gehen.“ Und sie wollen Wein trinken. Guten Wein. Denn schon Goethe wusste, dass das Leben zu kurz ist für schlechten.

Weitere Informationen: Morandell International GmbH