Mario Eckmaier (Digitalisierungsbeauftragter der WK Tirol), WK-Präsident Christoph Walser und WK-Vizepräsident Manfred Pletzer (v.l.) fordern von der Politik Rahmenbedingungen für die Herausforderungen der Zukunft.
Mario Eckmaier (Digitalisierungsbeauftragter der WK Tirol), WK-Präsident Christoph Walser und WK-Vizepräsident Manfred Pletzer (v.l.) fordern von der Politik Rahmenbedingungen für die Herausforderungen der Zukunft.
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So wird Tirol zukunftsfit

Mario Eckmaier (Digitalisierungsbeauftragter der WK Tirol), WK-Präsident Christoph Walser und WK-Vizepräsident Manfred Pletzer (v.l.) fordern von der Politik Rahmenbedingungen für die Herausforderungen der Zukunft.
© WK Tirol/Die Fotografen

Die Coronakrise bündelt derzeit die öffentliche Aufmerksamkeit. Doch die großen Herausforderungen wie der Fachkräftemangel, der Klimaschutz und die Digitalisierung dürfen nicht übersehen werden.

Corona hat in den vergangenen 21 Monaten die gesamte Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Diese Erfahrungen und eine gewisse Routine im Umgang mit dem Virus müssen nun in Kombination sämtlicher verfügbarer Maßnahmen dazu führen, die Inzidenzen auf einem vertretbaren Niveau zu halten und damit auch weitere Schließungen zu verhindern. „Der vierte Lockdown war für die Wirtschaft gedanklich der letzte. Wir müssen es in Zukunft schaffen, die vorhandenen Maßnahmen derart professionell anzuwenden, dass die Betriebe geöffnet bleiben können“, so WK-Präsident Christoph Walser. Für den Präsidenten ist es nun höchste Zeit, sich wieder Zukunftsthemen zu widmen und unseren Standort zukunftsfit zu machen. Der Blickwinkel müsse sich von 3G auf 3D ändern: D wie Demografie und damit Fachkräftemangel, D wie Dekarbonisierung und damit Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und D wie Digitalisierung.

Wirksamer Maßnahmenmix gegen den Fachkräftemangel

Der Arbeits- und Fachkräftemangel ist nach wie vor die zentrale Herausforderung für die heimischen Betriebe. Ein Hauptgrund dafür liegt in der Demografie. Bis zum Jahr 2040 werden in Tirol 30.000 Personen im erwerbsfähigen Alter fehlen. Im Alter von 20 bis 65 Jahren wird ein Rückgang von 472.000 Personen heute auf 442.000 im Jahr 2040 prognostiziert. Diese Entwicklung wirft bereits jetzt ihre Schatten voraus. „Das Thema lässt sich nicht mit isolierten Maßnahmen verbessern. Und auch nicht von heute auf morgen. Aber wir müssen jetzt anfangen und einen wirksamen Maßnahmenmix gegen den Fachkräftemangel schnüren“, betont Walser.

Dazu gehört die Aktivierung verfügbarer Potenziale, etwa bei Frauen, Migranten und älteren Personen. Die OECD bestätigt in ihrem jüngsten Bericht diesen Befund und weist auf die unterdurchschnittliche Beschäftigungsquote bei Frauen hin (Österreich: 50 %, OECD-Schnitt: 65 %). Diese Situation kann beispielsweise mit einer Verbesserung der Kinderbetreuung entschärft werden. Darüber hinaus benötigt unser Standort dringend qualifizierte Zuwanderung. „Dafür müssen unter anderem die harten Kriterien der Rot-Weiß-Rot-Karte gelockert werden. So sollten neben einer einschlägig abgeschlossenen Berufsausbildung auch ein Praxistest und langjährige Berufserfahrung anerkannt werden“, so der Präsident.

WK-Präsident Christoph Walser

Zudem fordert Walser im Zuge der Neustrukturierung der Arbeitsmarktpolitik echte Arbeitsanreize. Dazu gehören eine degressive Staffelung des Arbeitslosengeldes, die Abschaffung von Zuverdienstmöglichkeiten und der Ausbau der Arbeitserprobungen seitens des AMS. Im Bereich der Jugendlichen braucht es eine weitere Aufwertung des berufspraktischen Systems, flächendeckende Potenzialanalysen und eine verstärkte Berufsorientierung, unter anderem in Form von virtuellen Betriebsbesichtigungen. Der Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden erteilt der Präsident eine Absage: Zum einen, da das den bestehenden Arbeitskräftemangel weiter verschärfen würde, zum anderen, weil ein geforderter voller Lohnausgleich von den Betrieben gerade in der jetzigen Situation nicht finanzierbar ist.

Wer CO2 spart, spart bares Geld

Die zweite große Herausforderung für den Standort liegt im D wie Dekarbonisierung. „Der Klimawandel ist eine der größten Aufgaben der kommenden Jahre. Er ist gekommen, um zu bleiben und wird unsere Art zu reisen, zu essen, zu arbeiten, somit unser gesamtes Leben betreffen“, erklärt Manfred Pletzer. Der WK-Vizepräsident betont, dass die WK Tirol Nachhaltigkeit zu einem strategischen Ziel erklärt hat und bis zum Jahr 2035 CO2-neutral sein will. Pletzer weist darauf hin, dass energiebewusstes Wirtschaften nicht nur durch die CO2-Bepreisung ab Mitte 2022 ein Thema für die Betriebe werden wird, sondern die Unternehmen von exorbitanten Preissteigerungen bei Energie bereits ab Jahresbeginn betroffen sein werden. „Dieser Effekt ist nicht mit dem Ölpreisschock der Siebzigerjahre zu vergleichen, sondern ist um Zehnerpotenzen höher“, betont Pletzer.

WK-Vizepräsident Manfred Pletzer

Sowohl bei Strom als auch bei Gas stehen Verdoppelungen bis Verdreifachungen der Kosten für viele Betriebe an. „Langfristig gibt es hier nur eine Lösung: den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen“, hebt der Vizepräsident hervor. Die Wirtschaftskammer bietet den Mitgliedsbetrieben Unterstützung in diesem Transformationsprozess. So wurde letzte Woche dem Land Tirol der gemeinsam mit der Industriellenvereinigung erarbeitete Vorschlag für eine „Tiroler Dekarbonisierungsförderung“ übergeben. Der Entwurf sieht vor, Tiroler Unternehmen bei der Einführung von erneuerbaren Energien inklusive der Systemintegration und Schulungsmaßnahmen mit bis zu 150.000 Euro pro Projekt zu unterstützen. „Wer CO2 einspart, hilft nicht nur der Umwelt, sondern spart bares Geld. Die WK Tirol hilft den heimischen Betrieben dabei, die Einsparungspotenziale zu nutzen und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern“, so Pletzer.

Digitale Betriebe sind erfolgreicher

Das dritte Zukunftsthema liegt in der Digitalisierung. „Digitalisierung wirkt. Das hat uns Covid ganz deutlich gezeigt“, betont Mario Eckmaier. Der Digitalisierungsbeauftragte der WK Tirol nennt fünf Gründe, um in diesen Bereich zu investieren: Digitalisierung macht widerstandsfähiger; schafft volkswirtschaftlich um bis zu 1,9 Prozent zusätzliches Wachstum; beschleunigt das betriebliche Wachstum bis zum Doppelten; schafft Arbeitsplätze und birgt gerade für die in Tirol zahlreich vertretenen KMU maximale Potenziale. „Kurz gesagt: Digitalisierte Betriebe sind nachweislich erfolgreicher. Daher müssen wir diese neue Gründer- und Pionierzeit für die Tiroler Wirtschaft nutzen und die Betriebe bestmöglich unterstützen“, so Eckmaier.

Mario Eckmaier, Digitalisierungsbeauftrager der WK Tirol

Neugier und Ausbildung sind für Eckmaier die Schlüssel zum Erfolg, auf Unternehmer- und Mitarbeiterebene gleichermaßen. Für den Standort Tirol sieht Eckmaier konkret folgenden Handlungsbedarf: Universitäten und FHs als Flaggschiffe für digitale Transformation nutzen; Höhere Schulen mit Digitalschwerpunkt gezielt ausbauen, wie dies vorbildhaft etwa in der Digi-Hak in Imst umgesetzt wird; die Lehre weiter digitalisieren, wie dies im Baubereich bereits geschieht; digitale Pionierunternehmen fördern und damit die besten Köpfe im Land halten; die österreichweite Vorreiterrolle in der digitalen Grundbildung für Kinder weiter ausbauen, wie das bei Coding4Kids erfolgreich praktiziert wird. „Die Digitalisierung kann der Zaubertrank der Tiroler Unternehmen sein. Er ist da. Er ist verfügbar. Wir müssen ihn aber auch nutzen“, fasst der bekennende Asterix-Fan die Chancen für die Tiroler Wirtschaft zusammen.