Aktiver Umweltschutz seit 1947

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Ragg GmbH - Umweltschutz seit 1947
© Ragg GmbH

Seit der Gründung wird die Firma Ragg von einem Gedanken befeuert: Umweltschutz. Mit dieser Triebfeder ist der Betrieb gewachsen und zu einem der dynamischsten Recycling-Meister Österreichs geworden.

Es gibt Unternehmens-Geschichten, die gerne erzählt werden. Weil sie irgendwie groß sind, anhaltend spannend und die einzelnen Kapitel immer wieder ein erstauntes „Whow“ entfesseln. Oder weil die Menschen, die diese Geschichte prägen, durch einen Weitblick beeindrucken, der außergewöhnlich ist. Die Geschichte der Ragg GmbH, ist so eine. Unbedingt.

Das Tiroler Recyclingunternehmen, das sich unter anderem darauf konzentriert, schweren, groben Schrott in seine feinsten Teile so zu zerkleinern und zu sortieren, dass er wiederverwertet und -verwendet werden kann, wird 2022 den 75. Geburtstag feiern. Obwohl ein derartiges Jubiläum Anlass bietet, sich stolz zurückzulehnen und mit dem einen oder anderen Gläschen auf die Vergangenheit anzustoßen, wird wohl keine Gemütlichkeit einkehren bei den rund 100 Mitarbeitern in den vier Standorten des Unternehmens – in Hall, Innsbruck, Reutte oder Jochberg.

Denn Gemütlichkeit ist so gar kein Kennzeichen dieser Firma. Dynamik aber schon. Und der Ehrgeiz, noch besser zu werden, noch umweltfreundlicher, noch effizienter und verantwortungsbewusster, ist es auch. Das prägt die DNA der Ragg GmbH und diesen Leitgedanken bleibt sie treu. Ganz im Sinne ihres Gründers.

Der Umweltschutz-Pionier

Als Robert Ragg – ausgerüstet mit einem Schubkarren – im Jahr 1947 daran ging, den Eisen-Abfall der gerade durchstartenden Stubaier Werkzeugindustrie zu sammeln, war das Wort Umweltschutz noch kein alltäglicher Begriff, Recycling war das noch viel weniger und Nachhaltigkeit wurde fast ausschließlich im Zusammenhang mit der Waldwirtschaft verwendet, in der der Begriff ja geboren wurde. In einer Zeit also, in der jeder Abfall schlicht als Müll bezeichnet und auch so behandelt wurde, erkannte Robert Ragg den Wert von Schrott.

Er begann, ihn zu sammeln, in Fulpmes zu sortieren und für die Wiederverwertung in Stahlwerken oder Gießereien vorzubereiten. Damit begründete er nicht nur das Kerngeschäft des zwischenzeitlich in dritter Generation geführten Unternehmens, sondern verdient sich mit seinem erstaunlichen Weitblick posthum die Auszeichnung als Tiroler Umweltschutz-Pionier. Eine Auszeichnung, die bis heute Triebfeder des Unternehmens ist.

Wertschöpfung in der Region

„Wir beziehen ausgediente Materialien, bereiten diese auf und führen die gewonnenen Rohstoffe in den Produktionskreislauf zurück. Dabei legen wir großen Wert darauf, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt,“ wurde Petra Mussmann, Enkelin des Gründers, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Partner Christian Stolz führt, Anfang 2017 zitiert. Die Firma Ragg feierte damals ihren 70. Geburtstag und hatte eben erst wieder ein Beispiel für ihr Können geliefert.

2016 durfte die alte Seilbahn am Stubaier Gletscher Platz für die neue Umlaufbahn machen. Mit gigantischem Aufwand mussten dafür etwa die in die Jahre gekommenen Stützen abgetragen und mit Hubschraubern ins Tal gebracht werden. Rund 1.200 Tonnen Eisenschrott fielen bei der Demontage der Seilbahn an. Sie wurden von der Firma Ragg nach Hall transportiert, wo sich seit 2010 die Firmenzentrale befindet – die Zentrale und der Schrottplatz, wo die massiven Seilbahn-Teile zerkleinert und diese Teile wiederum gekonnt aussortiert wurden, sodass die recht nahe gelegenen Tiroler Rohre das Material direkt wiederverwenden konnten.

Petra Mussman und Christian Stolz leiten gemeinsam das Tiroler Recyclingunternehmen.
Petra Mussman und Christian Stolz leiten gemeinsam das Tiroler Recyclingunternehmen.
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Riesige Herausforderungen

Dieser Kreislauf ist bezeichnend für die Kompetenz des Unternehmens, das nach dem frühen Unfalltod des Gründers ab 1957 von seiner damals erst 17 Jahre alten Tochter Loni Mussmann geleitet wurde. Sie stemmte die Herausforderung. Und wie. Mit der Firma selbst wuchs auch der Platzbedarf und in dieser Wachstumsdynamik wurde 1970 der Standort in der Innsbrucker Valiergasse eröffnet, wo sich heute noch der Stahlhandel des Unternehmens befindet. Und 1974 wurde dann zum nächsten großen Sprung angesetzt. Loni Mussmann war es gelungen, in Hall in Tirol – in der Unteren Lend – das 40.000 Quadratmeter große Areal zu erwerben, wo sich der Schrotthandel entfalten konnte.

Was damals grüne Wiese war, ist heute ein Firmenareal, das auf den ersten Blick durch beeindruckende Schrottberge ins Auge sticht, durch massive Kräne mit gigantischen Krallen oder durch martialisch anmutende Arbeitsprozesse. Auf den zweiten Blick offenbart sich ein so durchdachtes wie feines Räderwerk, an dessen Kreuzungen aus dem vermeintlichen Müll zahlreiche Wertstoffe gewonnen werden. Alles wirkt groß. Alles wirkt schwer.

„Ja, wir hantieren mit Schrott und schweren Teilen und man braucht entsprechende Maschinen und Anlagen, damit man die Sachen verarbeiten kann“, erklärt Robert Krösbacher, auch für Kommunikation zuständiger Mitarbeiter der Firma Ragg, der es versteht, seine Begeisterung zu teilen. „Wir machen aus dem Abfall, der bei uns hereinkommt, ein Produkt. Es ist eine riesige Herausforderung, das zu schaffen, denn die Stahlwerke müssen diese Produkte direkt einsetzen und wiederverwenden können.“

Umweltschutz proaktiv

Die Beschaffenheit der Produkte beziehungsweise der zahlreichen Materialien, die das Unternehmen aus den schwersten und komplexesten Schrott herauszufiltern versteht, wird beispielsweise durch die europäische Schrottliste genau beschrieben. Die gesetzlichen Vorschriften für die Abfallwirtschaft werden in straffem Takt verschärft, und um dabei nicht ins Hintertreffen zu geraten, muss in ebendiesem Takt in neue Anlagen investiert und vorausgedacht werden.

„Die Firma Ragg investiert unglaublich viel in den Umweltschutz. Sie sind immer schon proaktiv unterwegs gewesen und hecheln nicht den Gesetzen hinterher“, stellt dazu etwa die Innsbrucker Unternehmensberaterin Beatrix Frenckell fest, die das Unternehmen seit 1995 begleitet und im Vorfeld der jährlich zu veröffentlichenden Umwelterklärung unterstützt.

Auf 40.000 Quadratmetern werden bei der Firma Ragg in Hall mit modernster Technik Abfälle aus Eisenschrott und Metalle aller Art aufbereitet.
Auf 40.000 Quadratmetern werden bei der Firma Ragg in Hall mit modernster Technik Abfälle aus Eisenschrott und Metalle aller Art aufbereitet.
© Ragg GmbH

Urgedanke hinterfragt

Das anspruchsvolle europäische Umweltmanagementsystem EMAS, das sicherstellt, dass alle Umweltaspekte von Energieverbrauch bis zu Abfall und Emissionen rechtssicher und transparent umgesetzt werden, ist nicht nur ein Qualitätssiegel, das den Empfangsraum ziert. Es ist ein System, in dem der Urgedanke des Unternehmens dauernd hinterfragt, kontrolliert und verbessert wird.

Beatrix Frenckell berät die Firma Ragg auch im Rahmen der Energie- und Umweltberatung der Tiroler Wirtschaftskammer, von der der Anstoß gekommen war, sich für den Trigos, die renommierteste Auszeichnung für verantwortungsvolles Wirtschaften, zu bewerben.

Trigos-Gewinner 2018

„Wir haben von der WK die Ausschreibung zugeschickt bekommen und unsere Nichteisen-Sortieranlage eingereicht, die wir 2017 in Betrieb genommen haben und die zum Teil bei uns im Haus entstanden ist“, erzählt Robert Krösbacher. Wie viele Investitionen des Unternehmens, so wird auch mit dieser NE-Aufbereitungsanlage das Ziel verfolgt, die Sortiertiefen zu erweitern und zu erhöhen. „Wir hatten uns nicht vorstellen können, ein Abfallthema so präsentieren zu können, dass es dem Trigos gerecht wird“, erinnert sich Krösbacher.

Umso größer war die Freude, als die Ragg GmbH von der strengen Trigos-Jury 2018 zum Sieger in der Kategorie „Vorbildliche Projekte“ auserkoren und dabei festgehalten wurde: „Das Unternehmen bereitet Abfälle aus Eisenschrott und Metalle aller Art auf und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Thema Energieeffizienz und Klimarelevanz. Durch die Aufbereitung und Bereitstellung von metallischen Altstoffen werden wertvolle Ressourcen geschont, die Freisetzung vieler schädlicher Substanzen verhindert und die unkontrollierte Ablagerung von Altfahrzeugen und -geräten vermieden.“

Familienunternehmen als Vorreiter

Dass in der Knappheit dieser Zusammenfassung extrem viele Gedanken, Entwicklungsschritte und Investitionen stecken, versteht sich fast von selbst. „Alle zwei, drei bis höchstens vier Jahre wird wieder in ein großes Projekt investiert, damit man am Puls der Zeit ist und bleibt“, erklärt Krösbacher zum Investitionstakt, der erst im vergangenen Jahr mit der neuen hydraulischen Schrottschere ihren jüngsten Höhepunkt erreichte. Krösbacher: „Das ist die modernste Anlage, die es auf diesem Sektor derzeit in Österreich gibt.“

Diese über 300 Tonnen schwere Schere hat eine Schneidkraft von 1.300 Tonnen und kann den anfallenden Schrott nicht nur schneller, sondern vor allem energieeffizienter verarbeiten. Sie war auch der Magnet, der Ende September 2021 erst hochrangige Vertreter der europäischen Stahlrecycling-Branche nach Hall lockte und staunen ließ. Weil das Familienunternehmen weit über die Tiroler Grenzen hinaus Vorreiter für die ökologische Wiederaufbereitung von Altmetallen ist. Seit bald 75 Jahren. Whow.

Mehr Informationen: www.ragg.at