Symbolbild: Gender Mainstreaming & Diversity
Perspektiven

Gender Mainstreaming & Diversity: Sind wir nicht alle anders?

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Kerstin Hazibar, Trainerin für „Gender Mainstreaming und Diversity“ am WIFI Tirol, setzt sich seit vielen Jahren mit der Thematik auseinander und schildert ihre Sichtweise.

Warum beschäftigen Sie sich mit diesem komplexen Thema?

Wir alle kommen aus Familien mit mehr oder weniger finanziellen Möglichkeiten, wir sind jung oder alt, gelten als einheimisch oder ausländisch, sind als Frauen oder Männer oder trans*Personen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert. Aber nicht alle von uns haben den gleichen Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen.

Je nach Geschlecht, Hautfarbe, sozioökonomischem oder aufenthaltsrechtlichem Status, je nach Ort, an dem wir geboren werden, Behinderung, sexueller Orientierung sind manche vom Zugang zu wesentlichen gesellschaftlichen Gütern, wie Bildung, politischer Mitbestimmung, einer angemessenen Unterkunft oder einem sicheren Arbeitsplatz ausgeschlossen. Eine Auseinandersetzung mit diesen Themen kann dazu beitragen, gesellschaftliche Diskriminierungs- und Benachteiligungsformen zu erkennen und Handlungsweisen zu suchen, die für soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit für alle Menschen einstehen. Eine Auseinandersetzung mit Gender und Diversität macht die vielfältigen Perspektiven einer Gesellschaft hörbar.

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit dem Kurs an?

Das Angebot richtet sich an Personen, die ein persönliches und/oder berufliches Interesse an Fragen zu kultureller und sozialer Vielfalt, Antidiskriminierung und Chancengleichheit haben, an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Unternehmen sowie an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Bildungsbereich. Das heißt, grundsätzlich an alle, die daran interessiert sind, ihre personalen, sozialen, fachlichen und methodischen Kompetenzen zu erweitern und geschlechter- und diversitätssensible Handlungsstrategien und Angebote in ihrem professionellen beruflichen Kontext umzusetzen.

Wie stehen Sie zur Gendersprache?

Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Wir verständigen uns über Sprache, wir verstehen einander über Sprache. Wir nehmen über Sprache die Welt wahr. Wir hören oft, „Ja, aber die Frauen sind im generischen Maskulin mitgemeint“. Aber viele Gedankenübungen, die ich auch immer im Kurs mache, zeigen, dass mitgemeint nicht automatisch mitgedacht bedeutet. Wir schließen einen Teil der Bevölkerung aus. Dieser Teil wird nicht sichtbar. Frauen und andere Geschlechtsidentitäten werden durch das generische Maskulinum nicht repräsentiert und Studien haben bewiesen, dass sie durch diese Sprachform auch seltener gedanklich mit einbezogen werden.

Oft hören wir auch: „Es sind ja nur Worte. Viel wichtiger sind doch die Taten.“ Aber Sprechen ist Handeln. Über Sprache werden Menschen kategorisiert. Sprache kann verletzen. Wenn wir uns zum Beispiel ansehen, woher bestimmte Begriffe kommen und wofür sie eingesetzt werden, dann werden wir schnell feststellen, dass sie dem Erhalt der Macht einer Gruppe gegenüber einer anderen dienen können. Denken wir an rassistische Bezeichnungen für Schwarze, die ihren Ursprung im Kolonialismus und der Sklaverei haben, aber noch heute verwendet werden.

Kerstin Hazibar

Was sind die größten Herausforderungen bezüglich Gender Mainstreaming und Diversity in der heutigen Berufswelt?

Ich würde sagen, dass die Einsicht in die Notwendigkeit von Diversityorientierung in der Arbeitswelt auch von den jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Welchen Werten sieht sich eine Gesellschaft verpflichtet? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen sind geschaffen, um die Prinzipien der Gleichbehandlung und Anti-Diskriminierung in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen, z.B. den öffentlichen Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und Unternehmen zu verankern? Welches Bewusstsein gibt es für Benachteiligungsstrukturen in der Gesellschaft, in den jeweiligen Organisationskulturen, etc.?

Beispielsweise haben die Black-Lives-Matter-Demonstrationen Erfahrungen von Rassismus in unserer Gesellschaft verstärkt thematisiert und für eine breite Öffentlichkeit sichtbarer gemacht. Aus den Erfahrungen der betroffenen Menschen und der Forschung wissen wir, dass Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund am Arbeitsmarkt nach wie vor benachteiligt sind. Hier braucht es also einen Hebel, an dem angesetzt werden kann, um das zu verändern. Und eine Voraussetzung hierfür ist, Rassismus als solches zu erkennen und zu benennen.

Gibt es im Jahr 2021 genügend Akzeptanz und die Sensibilität für Diversität in unserer Gesellschaft?

Ich glaube, es ist eine ambivalente Entwicklung. Zum einen sehe ich viel gesellschaftliches Engagement für diese bedeutenden gesellschaftlichen Themen, die ja letztlich alle auf ein gutes Leben für alle Menschen abzielen: seien es Gender & Diversity Themen oder ganz aktuell die Klimaproteste. Andererseits zeigt sich gerade auch in Hinblick auf Geschlechter- und Migrationsthemen eine Art Rückwärtsbewegung.

Aktuell besonders deutlich in unseren Nachbarländern Ungarn und Polen, in Brasilien, aber auch in Österreich gibt es gesellschaftliche Kämpfe um dieses Thema. Etwa wenn ein Verein an österreichischen Schulen Sexualpädagogik anbietet, der in seinen internen Schulungsunterlagen Homosexualität als heilbares Identitätsproblem anführt. Oder wenn wie aktuell in Ungarn alle Inhalte, die die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt thematisieren aus Online-Diensten, Filmen, Schulbüchern oder dem Unterricht verbannt werden. In einem solchen Regime würde ein Seminar wie dieses vermutlich nur unter erschwerten Bedingungen stattfinden können.

Haben Sie Tipps, wie man sich selbst für dieses Thema sensibilisieren kann?

Ich denke, ein guter Ausgangspunkt kann sein, sich zu fragen: wie möchte ich behandelt werden? Wir alle wollen respektiert, gehört und anerkannt werden; uns zugehörig fühlen. Als Bildungswissenschaftlerin, glaube ich natürlich ganz fest an Bildung. Aber mir ist klar, dass nicht alle Menschen gleichermaßen einen privilegierten Zugang zu Bildung haben.

Hier können wir aber vielleicht als MultiplikatorInnen ansetzen, indem wir unseren Freunden, unseren Familien, den KollegInnen den Zugang zu diesen Themen öffnen, sie hierfür sensibilisieren. Zuhören und mit den Menschen sprechen, um zu verstehen, was es bedeutet, aufgrund von Hautfarbe, Geschlechtszugehörigkeit, Behinderung etc. diskriminiert zu werden. Und mutig sein, Diskriminierungen zu benennen, wenn man sie sieht. Das ist nicht immer ganz einfach. Aber nichts zu sagen, bedeutet zustimmen.

Aktuelle Angebote des WIFI Tirol zu diesem Thema

Gender Mainstreaming und Diversity
12.11.2021 – 27.11.2021, WIFI Innsbruck
Mehr Infos online unter
tirol.wifi.at/gender-mainstreaming

Gender und Diversity Management
17.03.2022, WIFI Innsbruck
Mehr Infos online unter
tirol.wifi.at/gender

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