New Work: Neue Ansprüche, neue Flexibilität

Lesezeit 0 Minuten
New Work.- Neue Ansprüche, neue Flexibilität
New Work.- Neue Ansprüche, neue Flexibilität
New Work: gesetzliche Rahmenbedingungen und Unternehmensorganisation müssen angepasst werden
New Work: gesetzliche Rahmenbedingungen und Unternehmensorganisation müssen angepasst werden
© peshkova - stock.adobe.com

Zwischen dem, was Unternehmen brauchen und dem, was die arbeitenden Jungen fordern, klaffen teils große Lücken. Rasch müssen Führungsstile, gesetzliche Rahmenbedingungen und Unternehmensorganisationen angepasst werden.

In extrem flottem Takt tanzt dieses Wortpaar durch die Bildungsprogramme und Terminkalender, die Fachbeiträge und Zukunftsszenarien. New Work. Zu schnell gelesen, schleicht sich New York in den Kopf. Das Y ist hier zwar fehl am Platz und doch begleitet der Buchstabe so gut wie alle Diskussionen im Zusammenhang mit der neuen Welt, der neuen Arbeitswelt, in der es noch schwer ist, sich zurecht zu finden. Die Generation Y bezeichnet jene Generation, die in den 1980-er und den 1990-er Jahren auf die Welt gekommen ist. Diese Generation ist zwischenzeitlich erwachsen und teils längst am Arbeitsmarkt integriert, den sie mit ihren neuen Forderungen und Bedürfnissen auch ein großes Stück weit dirigiert. „Sie sind sehr herausfordernd. Unternehmer kommen jedenfalls nicht darum herum, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt Bernhard Achatz.

Bernhard_Achatz
Bernhard Achatz, Leiter der Abteilung Arbeits- und Sozialrecht der WK Tirol

Achatz ist Leiter der Abteilung Arbeits- und Sozialrecht der WK Tirol und er beobachtet die Veränderungen aufmerksam, teils auch alarmiert. Weil es tiefgreifende Umbrüche sind, auf die sich der Wirtschaftsstandort vorbereiten muss. „Es muss in den nächsten fünf Jahren wahnsinnig viel passieren. Mit den Babyboomern fallen einige tausend Arbeitskräfte weg“, sagt er. Sind diese Arbeitskräfte erst einmal weggefallen, ist schon wieder eine neue Generation „am Start“. Die Generation Z, jene dann tonangebenden großen Kinder der 2000-er Jahre, deren Ansprüche noch schärfer werden, sodass die Generation Y als sanfte Einstimmung betrachtet werden darf. „Sie haben andere, spezielle Bedürfnisse – und sie haben die Möglichkeit, es sich auszusuchen“, sagt Achatz mit Blick auf die Zahlen und die grundsätzliche Arbeitseinstellung der Z-Generation, die mehr eine Lebenseinstellung ist.

Weil Z der letzte Buchstabe im Alphabet ist, mutet dieser Reihe schon etwas Fatalistisches an. Für die Generation danach existiert noch keine knackige Bezeichnung, doch von der Generation Z weiß Bernhard Achatz zu berichten: „Sie wollen nicht mehr so arbeiten, nicht mehr so viel und auch nicht viel über die Normalarbeitszeit hinaus. Es geht in Richtung weniger ist mehr.“ Was früher „nice to have“ war, wurde zum Standard und der Umstand, dass die jungen Individualisten ihre Arbeitgeber zunehmend als Lebensabschnittspartner sehen, macht die neuen ökonomischen Beziehungswelten nicht einfacher.

Selbstbestimmt und erfüllt

In dem Zusammenhang betrachtet Achatz das, was vor fünf Jahren durchaus auch wie ein Teufel an die Wand gemalt wurde, als Glück und Segen für die Wirtschaft: „Industrie 4.0, Digitalisierung und Automatisierung wurden als böse angesehen. Ich bin kein Digitalisierungsexperte, doch wir brauchen sie, um mit dem weniger an Arbeitskräftepotenzial die Arbeit erledigen zu können. In dem Zusammenhang ist das viel mehr eine Chance, als ein Problem.“

Industrie 4.0 als Bezeichnung für das neue System wurde zwischenzeitlich durch Arbeit 4.0 ersetzt und wie bei der Automatisierung der Arbeitsschritte steckt auch in der Veränderung der Arbeitsweisen ein Prozess, der nicht von heute auf morgen passieren kann, selbst wenn die Zeit drängt.

Zukunftsfähiges Gegenmodell

New Work ist für all diese Herausforderungen der Überbegriff und der ist vergleichsweise überraschend alt. Im Mai 2021 ist der Begründer des New Work-Konzeptes, der 1930 geborene Sozialphilosoph Friethjof Bergmann, gestorben. Ende der 1970-er Jahre hatte er Ostblock-Länder besucht, dabei erkannt, dass der Sozialismus keine Zukunft hat und höchst politisch motiviert einen Versuch gestartet, ein zukunftsfähiges Gegenmodell zu entwickeln – weg von der unterdrückten Lohnarbeit im Sozialismus hin zu einer selbstbestimmten und erfüllenden Arbeitsform, durch welche die Teilhabe an der Gesellschaft und die Handlungsfähigkeit ermöglicht wird.

Bizarrer Weise wurde Bergmanns Sterbejahr zu jenem, in dem sein Modell auf allen Ebenen feste Wurzeln schlug, sich endgültig von der philosophischen Stufe löste und im ganz realen Alltag landete, wo handfeste Handlungsanleitungen gesucht werden. Und gefunden werden können.

Abschied von der Pyramide

Intensiv beschäftigt sich das Bildungsconsulting der Tiroler Wirtschaftskammer mit den New Work-Themen und bietet Führungskräften beispielsweise mit dem Coaching Loop (auf wirtschaft.tirol steht ein ausführlicher Artikel darüber allzeit online zur Verfügung) Instrumente, um den dynamischen Sprung weg von der Spitze des überkommenen pyramidenartigen Organigramms der Unternehmen hinein in das atmosphärische Arbeits-Netzwerk zu schaffen. In diesem Netzwerk geht es für Führungskräfte darum, durch Kommunikation und neue Führungskompetenzen die Fäden in der Hand zu halten und die Lösungsschritte zu koordinieren.

„Bislang wurde Coaching mit therapeutischen Ansätzen in Verbindung gebracht und hat daher in der Geschäftswelt nur bedingt Fuß fassen können. Das Bildungsconsulting hat Coaching auf Praxistauglichkeit getrimmt und ein Modell entwickelt, das punktgenau zu den aktuellen Anforderungen der Betriebe passt“, erklärt der Leiter des Bildungsconsultings, Wolfgang Sparer, den Zugang, mit dem aus Leitern Begleiter werden. Damit wird, was junge Mitarbeiter fordern, praktisch übersetzt und entspricht auch dem, was Frithjof Bergmann mit der Ermöglichung von Teilhabe und Handlungsfähigkeit beschrieben hat.

Wolfgang Sparer, Leiter des Bildungsconsultings
Wolfgang Sparer, Leiter des Bildungsconsultings

Ende Mai 2021 hatte der Digital Innovation Hub West (DIH West), in dem Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Standortagenturen und Interessensvertretungen ihre Expertise in der Digitalisierung bündeln, damit KMU unkompliziert auf sie zugreifen können, zu einer Online-Veranstaltung geladen. „New Work und Faktor Mensch im digitalen Informationszeitalter“ war das Thema, dem beispielsweise mit Antworten auf Fragen begegnet wurde, die gerade in allen Führungsebenen gestellt werden: Wie lassen sich in (Post-)Coronazeiten hybride Arbeitswelten sinnvoll gestalten? Wie kann man den digitalen Belastungen und Risiken begegnen? Welche Strategien empfehlen sich für den Einzelnen, das Team, die Organisation?

Komplexes Jonglieren

Mitte Juli 2021 wurde von der Standortagentur Tirol unter dem Überbegriff „New Work – Neue Arbeitswelten gestalten“ ein Schulungsprogramm für touristische Betriebe im Rahmen des Interreg-Projekts Attraktiver Tourismus angeboten, in dem es um wieder einen anderen, nicht minder aktuellen Fragenkatalog ging: Wie verändert sich die Arbeitswelt im Zeitalter der Digitalisierung? Wie verändern sich damit Strukturen, Prozesse und Kultur im Unternehmen? Wieviel Agilität und VUCA-Kompetenzen braucht es (Anm.: VUCA beschreibt schwierige Rahmenbedingungen der Unternehmensführung)? Was macht der Wandel mit uns als Mensch? Und wie können wir im Tourismus menschlich und ökonomisch erfolgreich bleiben?

Ja wie? Im Tourismus schlagen alle Veränderungen wie mit dem Vorschlaghammer auf. „Die Unternehmer probieren wirklich alles und sie zahlen auch gutes Geld, doch sind die Arbeitszeiten ein großes Problem“, sagt Bernhard Achatz. Und Alois Rainer, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der WK Tirol, hält fest: „Die Öffnungszeiten in der Gastronomie werden sich in Zukunft auch nach den Mitarbeitern richten. Es gibt schon jetzt Betriebe, die nicht mehr einen, sondern zwei oder drei Ruhetage haben, um der Situation Herr zu werden.“

Im familieneigenen Gasthof Hotel Post in Strass im Zillertal hat Rainer schon vor über fünf Jahren begonnen, die Arbeitszeiten und Dienste der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so flexibel wie möglich zu gestalten – selbstverständlich auch, um sie zu halten. „Wir haben den Vorteil, kein Saison- sondern ein Ganzjahresbetrieb zu sein. Man kann viel machen, wenn man will. Es sind viele Kleinigkeiten, bei denen man aufpassen muss und der Aufwand, den die Planung mit sich bringt, ist brutal“, sagt er. Sechs Tage á acht Stunden war früher die Standardzeit. Früher ist schon lange her. Heute spiegeln die Dienstpläne ein kompliziertes Jonglieren mit den Möglichkeiten wider. Es gilt, viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Auch das ist New Work.

Alois Rainer, Fachgruppenobmann Gastronomie
Alois Rainer, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der WK Tirol

Wahlmöglichkeit und Verantwortung

Ende September 2021 war es die Innovationsplattform Kufstein Tirol – i.ku – die den Tiroler New Work-Reigen fortsetzte und zu einem Vortragsabend lud, den Lydia Sedlmayr, Head People & Organization bei Novartis Austria, als eine der Vortragenden mit folgenden Worten reizvoll machte und gleichzeitig die umfangreichen Herausforderungen in ein paar knappe Sätze packte: „Die Pandemie hat unsere Arbeitsweise und Arbeitskultur von einem auf den anderen Tag komplett verändert: an unserem Novartis Standort Kundl/Schaftenau haben wir innerhalb eines Tages mehr als 1.500 Mitarbeitende ins Home Office geschickt. Mitarbeitende und Führungskräfte mussten sich innerhalb kürzester Zeit auf eine komplett neue Arbeitsweise und Führungskultur einstellen und lernen, mit virtuellen Tools zu arbeiten. Und diese flexible Art des Arbeitens wird uns auch in Zukunft erhalten bleiben: unter dem Motto ‚Choice with Responsibility‘ haben Mitarbeitende künftig die Wahlmöglichkeit, wo und wie sie arbeiten und gleichzeitig die Verantwortung, sich in ihren Teams abzustimmen. Das bringt viele Vorteile mit sich – wie die Möglichkeit, Berufs- und Privatleben bestmöglich zu vereinen – aber auch die Aufgabe herauszufinden, wie Zusammenarbeit im Team am besten funktioniert.“

Die Pandemie hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt, ziemlich intensiv in ihr umgerührt und sie auch kräftig geschüttelt. Die Gemengenlage findet in den bestehenden rechtlichen Rahmen nur mühsam Platz. Auf die Homeoffice-Realitäten reagierte der Gesetzgeber relativ rasch. Was Lydia Sedlmayr für Novartis feststellt, kann getrost in die Breite dekliniert werden und Bernhard Achatz weiß: „Nach den letzten eineinhalb Jahren können Mitarbeiter, in Branchen, in denen das grundsätzlich möglich ist, nicht mehr bei Laune gehalten werden, ohne Homeoffice zu ermöglichen.“

Hemmschuh Kollektivvertrag

Das Homeoffice-Gesetz, mit dem diese Erfordernisse eingefangen werden sollten, hält der Experte jedoch für unzureichend. „Der Gesetzgeber hat beispielsweise keine Änderung bei der Arbeitszeit vorgenommen. Die Mitarbeiter können nicht einfach irgendwo oder zu irgendeiner Zeit arbeiten“, sagt er. Die Krux dieser Enge zeigt scharfe Zähne, weil der Arbeitgeber für die gleiche, im Homeoffice erbrachte Leistung mehr zahlen muss, wenn sie beispielsweise drei Stunden nach „offiziellem Dienstschluss“ erbracht wird. „In den Kollektivverträgen ist festgehalten, dass dafür Zuschläge bezahlt werden müssen“, so Achatz.

Die bestehenden Kollektivverträge sind es auch, die einer Flexibilisierung der Arbeitszeiten teils massiv entgegenstehen. Und das, obwohl der Gesetzgeber größere Freiheiten für Unternehmer wie Arbeitnehmer erlaubt. Bei den Jahresdurchrechnungszeiten ist das beispielsweise so, aber auch bei der Umsetzung der seit 2018 bestehenden Möglichkeit, bei gleitender Arbeitszeit 12 Stunden pro Tag/60 Stunden pro Woche zu arbeiten, um unternehmerische Spitzen abzufedern.

„Da hinken einige Kollektivverträge hinterher. Die Betriebe müssen immer flexibler werden und dem müssen der Gesetzgeber aber auch die Kollektivverträge Rechnung tragen“, so Achatz. Das Risiko, dass der Wirtschaftsstandort nachhaltigen Schaden durch bestehende Unmöglichkeiten nimmt, ist nicht zu unterschätzen. Schließlich gilt es, die Generationen Y und Z in die Arbeitswelt zu integrieren und Bernhard Achatz weiß: „Es ist eine herausfordernde Zeit.“