Pressekonferenz Fachkräftemangel
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Fachkräftemangel! Und jetzt?

Fordern Lösungen für die Wirtschaft: Manfred Hautz (Bezirksobmann Kufstein), Peter Seiwald (BO Kitzbühel), Christoph Walser, Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer, Josef Huber (BO Imst) und Franz Jirka (BO Innsbruck-Stadt) (v.l.).
© WK Tirol/ Die Fotografen

Der Arbeits- und Fachkräftemangel nimmt dramatische Ausmaße an. Es braucht eine dringende Anpassung der Rahmenbedingungen auf allen Ebenen, zeigen Wirtschaftsvertreter auf.

Die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt hat zwei Seiten: Auf der einen Seite der Medaille dokumentieren die Zahlen eine starke Erholung nach dem Einbruch durch die Corona-Krise. Ende September gab es 13.500 vorgemerkte Arbeitslose in Tirol (minus 31 Prozent zu 2020), das entspricht fast dem Vorkrisenniveau. Die Arbeitslosenquote ging um 1,7 Prozent auf 3,8 Prozent zurück und nähert sich der Vollbeschäftigung. Monatlich melden die Betriebe 8.000 offene Stellen – das sind so viele wie noch nie.

Ähnlich sieht es bei den Lehrlingen aus: Rund 1.700 offene Lehrstellen stehen 470 Lehrstellensuchende gegenüber. Dazu kommt eine beachtliche Dunkelziffer von nicht beim AMS gemeldeten Stellen. Die andere Seite der Medaille: „Die Betriebe finden kaum Arbeitsplätze. Das ist für viele existenzbedrohend. Denn: Betriebe sind immer Wertschöpfungsketten. Kann eine Stelle nicht besetzt werden, wirkt sich das auf den ganzen Betrieb aus“, warnt WK-Präsident Christoph Walser.

Herausforderungen für Betriebe

Das aktuelle Konjunkturbarometer hat die größten Herausforderungen für die Betriebe abgefragt: Mit Abstand auf Platz 1 liegt der Arbeits- und Fachkräftemangel (mit einer Steigerung von 53 Prozent im Jänner 2021 auf 70 Prozent im Sommer 2021). „Speziell jetzt zu Beginn der Wintersaison spitzt sich die Lage zu“, erklärt Walser, „wir brauchen schnelle Lösungen.“ Sofort umsetzbar wäre beispielsweise die Erhöhung des Saisonnierskontingents. Dieses liegt derzeit für ganz Tirol bei 300 Personen – ein Tropfen auf den heißen Stein.

Um Schließungen und Qualitätseinbußen im Tiroler Tourismus (und damit verbundenen Branchen) zu verhindern, fordert Walser eine Anhebung des Kontingents auf mindestens 3.000 Personen. „Ohne eine gewisse Öffnung des Arbeitsmarktes können Betriebe ihre Leistungen nicht mehr erbringen – das bringt auch bestehende einheimische Arbeitsplätze in Gefahr“, so der WK-Präsident.

Wichtige Stellschrauben

Für Walser gibt es drei große Stellschrauben, an denen nachjustiert werden muss. Das Können – das betrifft beispielsweise Aus- und Weiterbildung oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das Dürfen – wie etwa die Beschäftigung von Nicht-EU-Bürgern, Stichworte Rot-Weiß-Rot-Card und Saisonniers. Und das Wollen – hier geht es um Nachschärfungen bei den Zumutbarkeitsbestimmungen und eine ausreichende Differenz zwischen Arbeits- und Transfereinkommen. Was diesen letzten Punkt betrifft, verweist Walser auf laufende Gespräche der Wirtschaftskammer mit Arbeitsminister Kocher über eine Arbeitsmarktreform.

Wichtige Potenziale für den Bezirk Lienz

Um die Situation zu verdeutlichen, zeichneten fünf Bezirksobleute der WK Tirol in der heutigen Pressekonferenz ein aktuelles Bild aus der Praxis in ihrem Bezirk und ihrer Branche und stellten jeweils einen Lösungsansatz vor. Den Beginn machte die Lienzer Bezirksobfrau Michaela Hysek-Unterweger. Die Unternehmerin ortetete innerhalb der Gruppe der Frauen noch ungenutzte Potenziale. „Einen wesentlichen Faktor stellt die Kinderbetreuung dar. Diese muss verfügbar sein, wenn sie benötigt wird – ganztägig, leistbar und qualitätsvoll, in ganz Tirol“, so Hysek-Unterweger.

Die Bezirksobfrau verwies in diesem Zusammenhang auf die notwendige Steigerung des Angebots an Kinderbetreuung, vor allem bei der durchgehenden Betreuung von Kleinkindern in den Gemeinden und der Nachmittagsbetreuung in den Schulen. „Nur dann können Frauen früher und mit höherem Stundenausmaß wieder in eine Beschäftigung zurückkehren. Das ist auch zur Bekämpfung der drohenden Pensionslücke wichtig“, erklärte Hysek-Unterweger.

Bezirk Kufstein kämpft mit Situation im Tourismus

Der Kufsteiner Bezirksobmann Manfred Hautz schilderte eine katastrophale Situation im Tourismus. „Es fehlt an allen Stellen“, so Hautz, „wir laufen trotz guter Buchungslage in Gefahr, unser Angebot weder quantitativ noch qualitativ halten zu können.“ Hautz unterstrich die Forderung des Präsidenten nach einer raschen Verzehnfachung des Saisonnierskontingents.

Er machte den Vorschlag, dass Betriebe ein freies Kontingent zur Verfügung stehen sollte, wenn eine Stelle nicht innerhalb von 14 Tagen besetzt werden kann. Auch für langjährige Saisonniers brauche es einen leichteren Zugang. Zudem sollten ausbildungswillige junge Menschen aus der ganzen Welt bei entsprechenden Voraussetzungen (Sprachkenntnisse, Leumund, Mindestalter 18, Impfung) eine Lehre machen können. Hautz drängte auch darauf, sowohl für ausländische Mitarbeiter als auch für Gäste eine Impfung mit Sputnik in Österreich anzuerkennen.

Bezirk Kitzbühel beschreibt den Mangel an IT-Spezialisten

Der Bezirksobmann aus Kitzbühel, Peter Seiwald, beschrieb die massiven Probleme, Fachkräfte im IT-Bereich zu besetzen. Konkret fehlt in seiner Firma zur Abwicklung eines zwei bis drei Jahre dauernden Großprojekts ein Projektleiter. Eine geeignete Fachkraft wäre verfügbar – aber der 42jährige Brite scheitert an den hohen Anforderungen der Rot-Weiß-Rot-Card: zu alt, zu wenig Deutschkenntnisse, falsches Grundstudium. Obwohl der Programmierer hochqualifiziert ist und das Projekt bestens abwickeln könnte, gibt es keine Chance, ihn nach Österreich zu bekommen.

Das führt dazu, dass der Auftrag für das Projekt nicht angenommen werden kann, was auch einheimische Arbeitsplätze kostet. „Österreich kommt ohne qualifizierte Zuwanderung nicht aus. Bei der Rot-Weiß-Rot-Card braucht es schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und Erleichterungen etwa bei den strengen Ausbildungsnachweisen. Mit anderen Worten: Die Card muss die neue Arbeitswelt berücksichtigen. So ist dringend eine Aufenthaltstitel für Spezialisten für die zeitlich begrenzte Projektabwicklung notwendig“, so Seiwald.

Bezirk Innsbruck-Stadt fordert Aufwertung für Lehrlinge

Der Innsbrucker Bezirksobmann Franz Jirka gab einen Einblick in die Situation von Handwerk und Gewerbe: Lange Wartezeiten für die Kunden, überlastete Mitarbeiter, verlorene Umsätze. Mittelfristig ist für Jirka unumgänglich, die Lehrausbildung aufzuwerten. „Die Lehrlinge sind unsere Fachkräfte der Zukunft. Wenn wir sie jetzt nicht ausbilden, wird die Lage in drei, vier Jahren noch dramatischer.“

Der Bezirksobmann forderte eine Intensivierung der Berufsorientierung inklusive lückenloser Talentcard-Tests, der Potenzialanalyse für Jugendliche. Und er verlangte eine weitere Aufwertung der dualen Ausbildung mit völliger Gleichwertigkeit zwischen schulisch-akademischem und berufsbildendem System. „Da hat sich in den letzten Jahren einiges verbessert, aber es gibt noch Luft nach oben. Die Lehrausbildung ist auch immer noch finanziell benachteiligt. So wurden aktuell die Lehrlinge beim Klimaticket im Gegensatz zu Studenten „vergessen“. Das macht deutlich, dass die Wertigkeit der Lehre noch nicht da ist, wo sie sein sollte“, so Jirka.

Bezirks Imst steht für frühe Integrationsmaßnahmen

Der Imster Bezirksobmann Josef Huber zeigte die schwierige Lage im Bauhaupt- und -nebengewerbe auf. Zu spät fertiggestellte Hotels, Seilbahnen und Wohnungen sind derzeit an der Tagesordnung – mit weitreichenden Folgeschäden für alle Beteiligten. Huber betonte, dass es in der Gruppe der Migranten noch verfügbare Potenziale gebe.

Dazu seien frühe Integrationsmaßnahmen nach dem Motto „Fordern und Fördern“ notwendig, wie etwa die Erhöhung der Kindergartenbesuchsquoten für Kinder mit Migrationshintergrund oder die Förderung von Mehrsprachigkeit ab dem Kindergarten. Weiters müsse der Zugang zur Lehre für Asylwerber erleichtert und der Abschluss zugelassen werden. In der Folge brauche es die Einbindung gut Ausgebildeter über die Rot-Weiß-Rot-Card.

Für Christoph Walser zeigen diese Beispiele, dass es zahlreiche vielversprechende Möglichkeiten gibt, um die akute Lage kurzfristig zu entspannen. „Der ‚War of Talents‘ ist in vollem Gang. Wenn wir nicht bei den Verlierern enden wollen, müssen wir jetzt handeln“, so Walser, „die neue Arbeitswelt ist in ständigem Wandel – die Politik muss mit dem Tempo der Wirtschaft mithalten! Ansonsten fahren wir sehenden Auges an die Wand.“