Den Prototyp seiner SATS-Platte hat Manfred Singer in der Axamer Lizum bereits hundertfach erfolgreich getestet.
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Lawinenauslösung: lautlos und nachhaltig

Den Prototyp seiner SATS-Platte hat Manfred Singer in der Axamer Lizum bereits hundertfach erfolgreich getestet.
© SATS

Singer Alpine Technologies kurz SATS: Diese Erfindung hat das Zeug, den Lawinenschutz nachhaltig zu revolutionieren. Manfred Singer, der Tüftler aus Axams, kommt dabei ohne Sprengstoff aus.

Diese Schutzmaßnahme kann im Tiroler Winter zu einem durchaus bösen Erwachen führen. Wenn Frau Holle über Nacht fleißig war und die Berge in ein Winterwunderland verwandelt hat, findet der Genuss der alle Geräusche eigentlich dämpfenden Schneedecke oft ein ziemlich jähes Ende. Mit einem satten „Krawumm“. Und noch einem. Und noch einem. Wer noch nicht wach war, steht spätestens nach der Sprengung der ersten Lawine habacht im Bett. Nur Hartgesottene, schwer Hörende, arg Müde oder mit Ohrstöpseln ausgestattete Kluge können danach weiterträumen. „In Tirol und vor allem auch in Innsbruck kennt das jeder. Wenn die Schneemengen groß sind, begleitet dieser Lärm die Menschen durch den ganzen Winter“, weiß der Axamer Manfred Singer. Stimmt.

Singer liebt den Winter. Er ist begeisterter Wintersportler, gelernter Flugzeugtechniker, Fluglehrer und Berufspilot. Auch ist er ein Tüftler. Nur vor dem Hintergrund dieser „Zutaten“ konnte ein spezielles Erlebnis zu einem Geistesblitz führen und bald zur Gründung des Unternehmens Singer Alpine Technologies – SATS. „Ich war zu Besuch bei einem Bekannten in Hötting. Nach dem Knall einer Lawinensprengung auf der Nordkette hat sich sein Hund total verängstigt und zitternd unter der Kuchl-
bank versteckt und ist nicht mehr rausgekommen“, erinnert sich Singer.

Manfred Singer
Manfred Singer

Für Haus- wie Wildtiere können die Sprengungen von Lawinen und die damit einhergehende Druckwelle eine angsteinflößende Belastung sein. Kontrollierte Lawinenauslösungen sind in gewissen Situationen „am Hang“ jedoch unbedingt notwendig. Beispielsweise verhindert die künstlich herbeigeführte Lawine einen unkontrollierten Abgang der Schneemassen, die für Menschen wie Gebäude oder Infrastruktureinrichtungen gefährlich werden – ja, töten oder zerstören – können. Wo dauerhafte Lawinenschutzmaßnahmen nicht möglich oder nicht finanzierbar sind, müssen die Gefahren durch kontrollierte Lawinenabgänge eingedämmt oder eben aus dem Weg geräumt werden.

Die Bewohner der in weiten Teilen hochgebirgigen Tiroler Regionen wissen das und haben sich daran gewöhnt, doch Manfred Singer fragte sich, warum das nicht leiser geht und schonender für die Umwelt: „Ich habe ziemlich viel recherchiert. Es gibt verschiedene Systeme aber letztlich wird immer gesprengt. Da dachte ich, es muss doch eine Alternative geben.“ Gab es aber nicht. Und darum machte er sich daran, eine Alternative zu erfinden. Eine geniale Alternative, die rein mechanisch arbeitet. Ohne Sprengstoff, ohne Lärm, ohne Sprengmittelrückstände, ohne Gefahr und ganz simpel zu bedienen. Das sind die Clous.

Erfolgreiche Testreihe

„Ich habe den Prototypen gebaut und letzten Winter in der Axamer Lizum getestet“, erzählt Singer und hält fest: „Ich habe 200 Auslösungen gemacht und es hat tadellos funktioniert.“ So tadel- wie geräuschlos und zum großen Einsatz bereit.
Das Prinzip seiner Erfindung basiert auf einer Platte mit einer feuerverzinkten Stahloberfläche, die im Lawinenhang montiert wird und mit einer hydraulischen Hebevorrichtung blitzartig angehoben werden kann, um die Lawine auszulösen. „Der Hubzylinder wird mittels Fernsteuerung ausgefahren. Links und rechts an der Platte werden Stahlseile montiert, die sich im Ruhezustand in Bodennähe befinden und beim Heben der Platte eine Abrisskante auslösen“, erklärt der Erfinder.

Einmal montiert – in der schneefreien Zeit versteht sich – benötigt diese Technik kaum noch Aufmerksamkeit. „Die Befüllung des Betriebsmittelbehälters kann mit nur einem einzigen Hubschrauberflug erfolgen, wahlweise aber auch mit einem Pistenfahrzeug oder sogar mit Tourenski erledigt werden“, macht Singer auf die unkomplizierte Wartung aufmerksam. Der Aufwand, der für herkömmliche Sprengungen betrieben werden muss, ist vergleichsweise riesengroß. Es müssen Sprengbeauftragte ausgebildet werden, oft werden Bunker gebaut, um die Sprengladungen sicher unterzubringen und werden Sprengladungen im Gelände – aus welchem Grund auch immer – nicht ausgelöst, müssen sie gesucht werden.

Im alpinen Gelände stellen Lawinen oft eine tödliche Gefahr dar.
Im alpinen Gelände stellen Lawinen oft eine tödliche Gefahr dar.
© SATS

Autonom und dauerhaft

Die SATS-Platte arbeitet hingegen total autonom und der benötigte Strom wird über eine Brennstoffzelle produziert, die mit Methanol gefüllt ist und lediglich Wärme und reines Wasser erzeugt. Singer: „Es gibt keine Rückstände, keine Abgase, gar nichts. Mein Ziel war es ja, einen optimalen Lawinenschutz mit dem Fokus auf Umwelt und Natur zu schaffen. Durch die Verwendung von hochwertigen Materialien, eine einmalige Montage und die geringe Wartungsarbeit, arbeitet SATS rundum nachhaltig. Es werden Hubschrauberflüge sowie laute Sprengungen vermieden und die Lawinenauslösung geschieht kontrolliert, ruhig und leise. Man muss sich nur auf der Homepage einloggen und auf der Plattform einen Knopf drücken, das war’s.“

Die durchdachte Robustheit der Anlage macht es möglich, die Platte fast unendlich oft hochfahren und im Sinne der Sicherheit arbeiten zu lassen, wobei vor und nach der Lawinenauslösung die Schneehöhe gemessen und das Gelände mittels Webcam beobachtet wird. Skitourengeher werden durch ein Signal und rote Rundumleuchten vorgewarnt.

Manfred Singer wurde das Patent für die mechanische Lawinenauslösung bereits erteilt, die Erteilung des Europapatentes ist in Vorbereitung und er macht sich gerade „an den Vertrieb“ seiner Erfindung, die das Zeug hat, den Lawinenschutz zu revolutionieren. Und damit ein Stück weit auch die Lebensqualität der menschlichen und tierischen alpinen Anwohner zu verbessern. Hunde, wie der von Singers Bekanntem in Hötting, müssen sich dann nicht mehr unter der Kuchlbank verstecken und das böse Erwachen durch das erste „Krawumm“ kann damit der Vergangenheit angehören. Eine schöne Vorstellung.

Weitere Informationen: www.sats-avalanche.com