Modell Logistik-Hub Reutte
Panorama

Logistik-Hub: Clevere Verkehrsreduktion

In Reutte entsteht direkt an der Schnellstraße ein Logistizentrum mit allen Services und Umschlagsmöglichkeiten.
© Gebrüder Weiss

Mit dem geplanten Logistikzentrum der Gebrüder Weiss in Reutte entsteht ein Musterbeispiel für regionale Logistik-Hubs im Sinne der Klima- und Nachhaltigkeitsstrategie des Landes.

Diese Wege sind schon verrückt. Sie verursachen Verkehr. Und CO2. Und Ärger am Fernpass. „Wenn ein Außerferner Unternehmen etwas importiert – von einem Seehafen im Norden Deutschlands beispielsweise – dann geht der Transport nach Memmingen, von Memmingen über den Fernpass nach Hall und von Hall mit Kleintransportern zurück ins Außerfern“, weiß Günter Salchner.

Salchner ist Bürgermeister der Marktgemeinde Reutte, die nur rund 80 – wegen der Autobahn A7 ziemlich unkomplizierte – Kilometer von diesem wichtigen logistischen Umschlagsort im Süden Deutschlands entfernt liegt. 184 ziemlich mühsame Kilometer trennen Memmingen hingegen von Hall und werden Waren vom Außerfern nach Deutschland exportiert, müssen die Umwege über die Inntalfurche ebenso genommen werden. „Da gehen die Kleintransporte dann nach Hall und von Hall nach Stuttgart oder wo auch immer hin“, so Bürgermeister Salchner.

Logistisches Umdenken

Das Kopfschütteln angesichts dieser logistischen Umwege ist logisch, doch sind diese vorgegebenen Wege Teil der großflächig gedachten und entsprechend organisierten Prozessschienen des internationalen Warenverkehrs. Ähnlich „große“ Systeme sind auch der Grund, warum Pakete, die beispielsweise von Landeck nach Innsbruck geschickt werden, ihre „Reise“ über Linz antreten müssen. „Ja, das ging nicht anders. Es wurde alles in diese Prozesschienen gepresst, doch mittlerweile gibt es ein großes Umdenken“, stellt Hannes Mayr, Obmann der Fachgruppe Spedition und Logistik der WK Tirol, fest.

Das Umdenken, das er anspricht, wird durch die Digitalisierung ermöglicht und durch den Klimawandel beziehungsweise die globalen, internationalen und regionalen Pläne für eine CO2-freie Zukunft befeuert, sodass auch im Logistik- und Speditionsbereich Umwälzungen anstehen. „Es geht darum, Verkehr zu vermeiden, zu verlagern und effizienter zu nutzen“, beschreibt Josef Ölhafen, Leiter der verkehrspolitischen Abteilung der WK Tirol, das Credo der Logistiker, in dem Regionalität großgeschrieben wird.

In dem Zusammenhang wird in allen Masterplänen mit klimarettendem Impetus – wie beispielsweise in der Klima- und Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Tirol – die Errichtung von regionalen Logistik-Hubs gefordert. Diese Dreh- und Angelpunkte ähneln dem Konzept der Citylogistik, nur ist ihr Radius größer, sind es doch Hubs, in denen die regionalen Warenverkehre konzentriert, in kleineren Einheiten abgewickelt und auf ihren letzten Kilometern möglichst CO2-neutral abgewickelt werden.

Hannes Mayr

Logistischer Schulterschluss

Das ist nicht nur ein Hintergrund, sondern ein guter Grund dafür, dass das internationale Transport- und Logistikunternehmen Gebrüder Weiss GmbH in Reutte eine Waren-Drehscheibe für das Außerfern errichtet. „Im Ortsteil Kreckelmoos, direkt an der Schnellstraße, bauen wir ein Logistikzentrum, mit allen Services und Umschlagsmöglichkeiten sowie einem Logistikgebäude, das Lagermöglichkeiten für die Außerferner Unternehmen bietet“, erzählt Fachgruppenobmann Hannes Mayr in seiner Funktion als Regionalleiter West bei Gebrüder Weiss.

Die Idee zum Projekt, das letztlich zu einer erheblichen Verkehrsentlastung am Fernpass führen wird, ist nicht über Nacht entstanden. „Der Besitzer der Spedition Koler, Kuhn & Merk, mit der uns eine langjährige Partnerschaft verband, ging 2019 in Pension und er fragte uns, ob wir Interesse hätten, das Unternehmen zu übernehmen“, erinnert sich Mayr.

Bedarf bestätigt

Da es im Außerfern keine dort ansässige Spedition gibt, die ein Logistikgebäude und Lager- sowie Umschlagsmöglichkeiten bietet, erfolgte die Übernahme der KK+M-Spedition durch die Gebrüder Weiss GmbH mit der Perspektive, eine kleine Anlage zu bauen und damit einen logistischen Lückenschluss für die regionale Wirtschaft zu erschaffen.

Mayr: „Wir haben die wichtigsten Firmen des Bezirkes besucht und nachgefragt, ob Bedarf besteht.“ Einhellig wurde ebendieser Bedarf vonseiten der Außerferner Wirtschaft bestätigt und die Aussicht auf eine diesbezügliche Drehscheibe, mit der die teils komplexen Wege über die Schnittstellen in Memmingen, Kempten oder Hall entflochten werden, mit den Worten „endlich“ und „super“ begrüßt.

Bei zeitgemäßer Logistik geht es vor allem darum, Verkehr zu vermeiden, zu verlagern und effizienter zu nutzen.
Bei zeitgemäßer Logistik geht es vor allem darum, Verkehr zu vermeiden, zu verlagern und effizienter zu nutzen.
© Gebrüder Weiss

Die Corona-Pandemie potenzierte den Bedarf regelrecht, wurden doch im Außerfern wie fast überall in der wirtschaftenden Welt die Lagerkapazitäten so wichtig wie kaum zuvor. Es wurde spürbar, wie unmittelbar negativ sich unterbrochene Lieferketten auswirken und wie essenziell eine fließende Logistik für die Wirtschaft ist. Die im Rahmen der „just in time“-Ökonomie über Jahre verpönte Lagerhaltung wurde plötzlich überlebensnotwendig. „Das hat uns noch einmal bestärkt, dass ein Logistik-Hub im Außerfern notwendig ist“, sagt Mayr.

Logistischer Lückenschluss

Gleichsam am „anderen Ende“ des Landes, in Osttirol, hatte die Firma DB Schenker im Jahr 2010 einen ähnlichen Lückenschluss angestrebt, als sie im Gewerbepark Peggez in Lienz einen Standort errichtete, mit dem der Osttiroler Wirtschaft die gesamte Produktpalette von Schenker – mit dem Schwerpunkt europäische Landverkehre – geboten wird. Zum Portfolio zählen auch jene Lagerlogistikservices, deren Wert seit Beginn der Pandemie so stark gestiegen ist.

„Das ist ein ähnliches Konzept, wie das der Gebrüder Weiss in Reutte. Im Grunde müsste man Zentren wie diese noch viel engmaschiger errichten“, denkt Pepi Ölhafen das Konzept weiter – zu den vielen Tiroler Taleingängen, wo clevere logistische Einrichtungen im Sinne der Verkehrsreduktion und der damit verbundenen CO2-Einsparungen Sinn machen würden.

Klein, regional, nachhaltig und flexibel – wie eben das Logistikzentrum in Reutte, in dessen Rahmen die Gebrüder Weiss auch einen Botendienst einrichten wollen. Zwei Shuttles pro Tag vom Inntal „hinaus“ und vom Außerfern „herein“ sind geplant. „Das bieten wir dann der Wirtschaft und unseren Speditionskollegen an. Wir bündeln damit die Warenströme und vermeiden Verkehr. Ein Wap-Anhänger kann 15 bis 20 Lkw-Fahrten ersetzen“, erklärt Hannes Mayr, der in dem Zusammenhang auf den Grundsatz der Gebrüder Weiss hinweist, stets mit allen Partnern zusammenzuarbeiten, von kleinen über mittlere hin zu großen Speditionen und Unternehmen.

Josef Ölhafen

Eine nicht minder verkehrsmindernde Wirkung wie die Shuttles wird die Partnerschaft mit dem DPD-Paketdienst haben. Mayr: „Derzeit fahren viele kleine Autos ins Außerfern, um die DPD-Pakete zu liefern. Wir haben geplant, alles zu sammeln und dann mit einem Anhänger nach Reutte zu bringen.“

Am Umschlagsmagazin des Zentrums docken die Lkw an, die Waren werden ausgeladen, in der Regel auf kleine Autos verladen und zugestellt. Im Sinne der Nachhaltigkeit sollen diese kleineren Autos batteriebetrieben sein, eine Photovoltaikanlage am Dach auch dieses Gebrüder Weiss-Gebäudes garantiert dann Öko-Strom für die Ladestationen.

„Wir bieten in Reutte alle Dienstleistungen an, die zu einem modernen Logistikzentrum dazu gehören. Die Wertschöpfung bleibt dabei im Außerfern und es werden in der ersten Stufe 30 Arbeitsplätze geschaffen“, sagt Mayr.

Der einstimmige Beschluss zur Änderung des Bebauungsplanes, mit dem der Reuttener Gemeinderat den Weg für das Logistikzentrum ebnete, zeigt, dass die Zeichen der Zeit längst erkannt wurden. Das Bauansuchen ist bereits eingereicht und sobald die Behördenverfahren über die Bühne gegangen sind, kann gebaut werden. „Es macht viel Sinn“, sagt Reuttes Bürgermeister Salchner. Stimmt.