Kinderbetreuung
Panorama

Frühkindliche Bildung: Vernachlässigte Chancen

Während beispielsweise in Dänemark bereits 66 Prozent der unter Dreijährigen in entsprechenden Einrichtungen betreut werden, liegt diese Betreuungsquote bei lediglich 23 Prozent.
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Laut einer aktuellen Studie der Julius Raab Stiftung hinkt Österreich in puncto Kinderbetreuung und Elementarpädagogik im Vergleich zu den EU-27, der Schweiz und Norwegen gefährlich hinterher.

Der Vergleich macht sie sicher. Noch sicherer, um genau zu sein. „Frühkindliche Bildung legt den Grundstein für Chancengerechtigkeit und den späteren Erfolg von Kindern. Die Studie bestätigt den enormen Aufholbedarf Österreichs in diesem Gebiet. Deshalb fordern wir einen Rechtsanspruch für Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr“, sagt Martha Schultz, WKO-Vizepräsidentin und Präsidentin der Julius Raab Stiftung.

Die Stiftung, die sich nicht nur als Think-Tank, sondern als „Do-Tank“ versteht, hat Mitte August 2021 eine Studie veröffentlicht, die für Österreich kein Ruhmesblatt im Sinne der Chancengerechtigkeit für Kinder oder im weiteren Sinn für Familien ist. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut EcoAustria wurde der frühkindlichen Betreuung und Bildung, der Beschäftigungsquote von Frauen sowie dem Frauenbild in der Gesellschaft auf den Zahn gefühlt – und das nicht nur in Österreich, sondern in den Reihen der EU-27 sowie der Schweiz und Norwegen. Der Vergleich ergab ein ziemlich tristes Bild Österreichs, wenn es um die Weichenstellungen für Kinder geht und ihre Sprungbretter in ein erfolgreiches Leben.

„Ich wusste natürlich, dass wir beim Thema Kinderbetreuung und frühkindliche Bildung hinterherhinken, doch wusste ich nicht, dass es so gravierend ist“, sagt Martina Entner, Vizepräsidentin der WK Tirol sowie Landesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft (FiW), und hält fest: „Obwohl in der Vergangenheit schon viel passiert ist, hat es mich überrascht, dass es immer noch so weit fehlt.“

Martha Schultz
Martha Schultz

Großer Aufholbedarf

Ein Gap beziehungsweise eine Vergleichszahl aus der Studie macht auf eindrückliche Weise deutlich, was sie meint. In Dänemark werden bereits 66 Prozent der unter Dreijährigen in entsprechenden Einrichtungen betreut und kommen so in den Genuss einer frühkindlichen Bildung, die für ihre Entwicklung entscheidend sein kann. In Österreich liegt diese Betreuungsquote bei lediglich 23 Prozent.

43 Prozentpunkte. Soweit „fehlt es“. Damit lässt sich der Aufholbedarf Österreichs erschreckend gut darstellen. Entner: „Das muss sich ändern. Und das wird sich nur ändern, wenn es einen Rechtsanspruch auf Betreuung für Kinder ab dem ersten Lebensjahr gibt. Dann muss das Angebot geschaffen werden und dann kann der gesellschaftliche Wandel endlich einsetzen.“ Das flächendeckende, ganztägige, ganzjährige und qualitativ hochwertige Angebot, das gefordert wird, ist nicht nur ein Sprungbrett für die Kinder, sondern letztlich für die gesamte Volkswirtschaft.

Mentalitätsfrage

Martina Entner vermutet hinter der Zurückhaltung der österreichischen Familien gegenüber der frühkindlichen Betreuung eine Mentalitätsfrage. „Vor allem in ländlichen Regionen schickt es sich offensichtlich noch nicht ganz, Kinder früh in die Betreuung zu geben. Das spielt sicher hinein.“ Das veraltete Rollenbild, das Entner anspricht, wird in der Studie, für die besonders die Situationen und Angebote in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Dänemark und Österreich unter die Lupe genommen wurden, bestätigt.

Der Anteil der Befragten, die angeben, dass ein Kind leidet, wenn die Mutter berufstätig ist, liegt in Österreich mit knapp 46 Prozent extrem hoch und an der Spitze dieser Länder. In Deutschland und Frankreich sind knapp ein Drittel der Befragten dieser Meinung, in den Niederlanden sind es rund 20 Prozent und in Dänemark wird diese Meinung von nicht einmal zehn Prozent geteilt.

Martina Entner
Martina Entner

Frühkindliche Bildungsoffensive

Das Thema Kinderbetreuung begleitet Martha Schultz und Martina Entner schon seit vielen Jahren. In ihren WK-Funktionen setzen sie sich regelmäßig dafür ein, dass das Angebot verbessert wird und damit konsequenterweise auch die Situation der Frauen, die mit langer Abwesenheit vom Arbeitsmarkt und wegen „der Teilzeit“ in eine Falle geraten, die nicht erst in der Pension ihre negativen Auswirkungen zeigt.

„Im europäischen Vergleich herrschen in Österreich weniger Angebote zur Kinderbetreuung, weshalb die Verantwortung oft bei den Müttern bleibt. Die Herausforderungen der Betreuung und von Homeschooling aufgrund der Corona-Pandemie haben das wieder deutlich aufgezeigt“, lenkt Martha Schultz den Blick auf die enorme Verantwortungslast, mit der österreichische Frauen in weiten Teilen konfrontiert sind.

Die WKO-Vizepräsidentin skizziert die Konsequenzen: „Die Folgen sind Einbußen bezüglich Karriere, Gehalt und Pension. Um diese Benachteiligungen aufzubrechen, müssen wir eine bundesweite frühkindliche Bildungsoffensive starten. Nur so werden wir es schaffen, Familie und Beruf besser zu vereinbaren und jedem Kind die gleichen Chancen zu geben.“

Chancengerechtigkeit

Chancengerechtigkeit ist ein entscheidendes Wort im Zusammenhang mit dem so notwendigen Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen. „Die Studienergebnisse zeigen deutlich, dass besonders sozial benachteiligte Bevölkerungsschichten von frühkindlicher Bildung profitieren. Kinder, die von klein auf Kinderbetreuungsangebote genießen, haben in der Zukunft ein besseres Bildungsniveau, Einkommen und Gesundheit. Auch die soziale Mobilität wird so vorangetrieben“, weiß Monika Köppl-Turyna, Direktorin von EcoAustria, die in der Komplexität der Kinderbetreuungs-Organisation und -Finanzierung einen Hauptgrund für die Ineffizienzen des österreichischen Systems ortet.

Dänemark ist und bleibt in dem Zusammenhang ein spannendes Land, das nicht nur auf beeindruckende Zahlen, sondern auch beeindruckende Systeme verweisen kann. So sind in Dänemark alle Betreuungsangebote in einem einheitlichen institutionalisierten Rahmen eingebunden, der mittels Evaluierung sicherstellt, dass vorgegebene Standards erfüllt werden. Obwohl grundsätzlich keine Besuchs- und Teilnahmepflicht an Elementarpädagogik besteht, ist die Betreuungsquote hoch und einzig in sozial schwierigen Gebieten, wie beispielsweise jenen mit hohem Migrantenanteil, können Besuchs- und Teilnahmepflichten eingeführt werden.

Grundstein für späteren Erfolg

Die positiven Effekte der frühkindlichen Bildung sind längst erforscht und wissenschaftlich belegt. „Frühkindliche Bildung stellt entscheidende Weichen für das gesamte Leben. Kinder die von klein auf in den Genuss qualitativer Elementarpädagogik kommen, erhalten wertvolle Fertigkeiten, die den Grundstein für späteren Erfolg im Leben setzen können“, heißt es in der Studie. Dass das, „was Hänschen nicht lernt“, später nimmer- mehr oder zumindest arg schwer nachzuholen ist, ist keine brandneue Erkenntnis.

In den „Barcelona-Zielen“ hat die EU schon im Jahr 2002 einen massiven Ausbau von frühkindlicher Bildung für Kleinkinder bis zum Schuleintritt forciert und bemerkenswert ist auch die Erkenntnis, dass sich die Qualität des Eltern-Kind-Verhältnisses in einer Konstellation mit formeller Kinderbetreuung verbessert, etwa weil die gemeinsame Zeit ergiebiger genutzt wird.

„Kinderbetreuung ist nicht nur ein Frauenthema, das ist ein Familienthema, es ist ein Bildungsthema und es ist ein volkswirtschaftliches Thema“, betont Martina Entner. Es gibt viele gute Gründe dafür, hartnäckig weiterzukämpfen. Zu viele.

Vollgas gefordert: Empfehlungen der Julius Raab Stiftung

Die Studienergebnisse, die Österreich im Zusammenhang mit dem bestehenden Angebot an Kinderbetreuung und Elementarpädagogik im Vergleich zu den EU-27, der Schweiz und Norwegen ein erstaunlich schlechtes Zeugnis ausstellen, veranlassen die Julius Raab Stiftung dazu, der Bundesregierung folgende Empfehlungen nahezulegen – um aufzuholen:

1. Bundesweite frühkindliche Bildungsoffensive starten:

  • Rechtsanspruch auf qualitätsvolle frühkindliche Bildung ab dem 1. Geburtstag schaffen.
  • Mehr Anreize für betriebliche frühkindliche Bildung schaffen -> Lohnsteuerfreiheit, auch wenn „Nichtbetriebsangehörige“ Kinder in der Kinderbetreuung sind.
  • Frühkindliche Bildungsstiftung ins Leben rufen oder bei der Innovationsstiftung für Bildung auch einen Schwerpunkt für dieses Thema einrichten (z.B. Unterstützung von
    Pilotprojekten).

2. Finanzierung und Verantwortlichkeit auf neue, klarere und stärkere Beine stellen:

  • Finanzierungs- und Verantwortungskomplexität reduzieren.
  • „Frühkindliche Bildungsagentur“ des Bundes schaffen und Good Practice Gemeinden nützen.
  • Direkte Anreize für Gemeinden in institutionellen Rahmenbedingungen der Finanzierung und Bereitstellung schaffen.

3. Treffsicherheit der frühkindlichen Bildungsinvestitionen gewährleisten

  • Sozial gestaffelte frühkindliche Bildungszuschüsse stärken.
  • Bundesweit einheitliche Qualitätskriterien und Kostenstruktur umsetzen.
  • Flächendeckende, flexibel (ganztägig, stundenweise) nutzbare Kinderbetreuung anbieten (auch in der Ferienzeit).

Weitere Infos und die Studie selbst finden Sie unter www.juliusraabstiftung.at

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