Digitalisierung: Keine Frage ist dumm!

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Symbolbild Digitalisierung
© Alexander Limbach - stock.adobe.com

Schon die kleinste Auseinandersetzung mit der Digitalisierung ändert die Ausgangsposition für Unternehmen, um ihre Zukunftschancen zu entdecken.

Wenn sich Dinge rasant verändern, neue Worte, neue Wege, neue Welten die Orientierung erschweren, ist eine gewisse Form der Angst keine überraschende Reaktion. Dieser zurückhaltende Argwohn gegenüber den Entwicklungen wird verstärkt, wenn die Sprache des Neuen und rundum Anderen nicht verstanden wird. Mit ein paar Brocken Italienisch kann eine Pizza bestellt werden, doch angeregte oder gar anregende Unterhaltungen sind kaum möglich.

Bei der Digitalisierung und der viel zitierten digitalen Transformation ist es ganz ähnlich. Der Computer wird jeden Tag verwendet, das Handy natürlich auch und Displays werden in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen problemlos bedient. Doch erschweren die nicht wirklich verstandenen oder in einen „handfesten“ Zusammenhang mit den eigenen Perspektiven zu verknüpfenden „smarten“ Worte, wie Blockchain, Data Analytics, Algorithmus, Künstliche Intelligenz und so weiter und so cyber, eine angeregte oder gar anregende Unterhaltung über das Neue – und was es für einen selbst bedeuten könnte. Dieser Hemmschuh wird auch dadurch erschwert, dass es ein bisschen peinlich ist, die Sprache nicht zu verstehen.

Mario Eckmaier, Digitalisierungsbeauftrager der WK Tirol
Mario Eckmaier, Digitalisierungsbeauftrager der WK Tirol

„Das hat damit zu tun, dass so viel von digitaler Transformation die Rede ist, dass jeder das Gefühl hat, er müsste da schon viel mehr zu sagen haben. Die beruhigende Nachricht ist, dass es ganz viele Leidensgenossen gibt“, weiß Mario Eckmaier, stellvertretender Obmann der Sparte Information und Consulting und Digitalisierungsbeauftrager der WK Tirol. Keine Frage ist „dumm“ und vermeintlich Dummes fragen zu wagen ein entscheidender Schritt, erst den Argwohn, dann die Zurückhaltung und letztlich die Angst vor dem Neuen abzulegen. „Man ist da nie der einzig Dumme auf der Welt. Man darf sich da nichts pfeifen, denn es braucht eine Kombination aus Neugier und Offenheit“, so Eckmaier.

Digitale Begeisterung

An der Urkraft dieser Kombination kann sich der Digitalisierungs-Experte und Head of Digital bei der Agentur Factor auch heuer wieder im Rahmen von Coding4Kids, den Ferienworkshops für Kinder zwischen 10 und 14 Jahren, erfreuen. Bei diesen einwöchigen Kursen tauchen Tiroler und Südtiroler Kinder spielerisch in die digitale Welt ein und es wird ihnen jene digitale Basis gegeben, die sie alle brauchen, schon jetzt und selbstverständlich später – ganz egal in welchem Bereich sie arbeiten werden. Nach diesem Sommer werden knapp 1.600 Kinder die Workshops absolviert haben und das Tiroler Fundament für die digitale Transformation festigen.

Weil die Schulen diese Möglichkeiten leider nicht bieten, übernimmt Coding4Kids das Lehren des kleinen digitalen Einmaleins. Eckmaier: „Einige kommen dabei drauf, dass sie da ein Talent haben, von dem sie nichts wussten und Spaß an Dingen, die sie vorher noch nie ausprobiert haben.“ Er kann selbst vom Effekt der Kurse beziehungsweise einer jungen Frau berichten, die gerade ein Praktikum im Programmierungs-Team von Factor absolvierte: „Sie war vor drei Jahren bei Coding4Kids dabei und hat gemerkt, das ist ihr Ding. Jetzt besucht sie eine höhere Schule mit IT-Schwerpunkt und ist völlig begeistert.“

In den „Coding4Kids“-Ferienworkshops erlernen Kinder zwischen 12 und 14 Jahren wichtige digitale Kompetenzen.
In den „Coding4Kids“-Ferienworkshops erlernen Kinder zwischen 12 und 14 Jahren wichtige digitale Kompetenzen.
© Coding4Kids/Thomas Steinlechner

Perspektive wechseln

Diese Dramaturgie funktioniert nicht nur bei jungen Menschen mit jugendlichem Wagemut und enthemmter Neugier. „Zukunft ist nicht etwas, was passiert. Ich bin davon überzeugt, dass Zukunft das ist, was wir alle zusammen gestalten. Und wenn man sich als Unternehmerin oder Unternehmer mal eine Stunde Zeit nimmt, um die Perspektive zu wechseln und zu sehen, dass die Zukunft in der eigenen Branche oder auf dem eigenen Markt nicht passiert, sondern zu einem kleinen oder großen Teil gestaltet werden kann, dann ändert sich etwas, dann entsteht eine Bewegungsenergie“, regt Eckmaier zum ersten Schritt an.

Für eine Friseuse etwa, die davon überzeugt ist, dass Haare zu schneiden nichts mit Digitalisierung zu tun hat, kann dieser erste Schritt darin bestehen, „Friseurhandwerk und Digitalisierung“ in die Google-Suchmaschine einzugeben. Und zu schauen oder vielleicht zu staunen, was da passiert. Das kann für jedes Handwerk, für jede vermeintlich „undigitale“ Branche ein Funke sein, auf den Zug der digitalen Transformation aufzuspringen, der nicht zu stoppen ist.

„Wenn ich verstanden habe, dass Zukunft gestaltet werden kann, dann kann ich erkennen, dass diese digitale Transformation wie der Zaubertrank bei den Galliern wirkt. Mit dem Zeug bekommt man Superkräfte und hat einen absoluten Vorteil im Wettbewerb“, bedient sich der Asterix-begeisterte Eckmaier eines schönen Bildes aus dem Reich der Gallier, das den Tirolern recht nahe ist, und hält fest: „Die kleinen Gallier kämpfen gegen einen übergroßen Gegner. So fühlen wir uns ja manchmal, wenn es um diese Themen geht.“

Druiden checken

Apropos Asterix und die Gallier. Deren größte Angst war es, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Auch das ist ein prächtiges Bild, um die lähmende Angst vor „dieser digitalen Transformation“ auf den Punkt zu bringen. Mit ein wenig Sachverstand oder Expertise verschwindet sie.

„Um die Angst zu verlieren und mit dem Zaubertrank einen Turbo für die unternehmerische Entwicklung zu zünden, muss man sich zwei Dinge antun. Man muss sich einen Druiden checken beziehungsweise einen Experten, der die Fragen beantworten kann und die Möglichkeiten aufzeigt. Und man muss das Zeug dann auch trinken“, weiß Eckmaier. Sich zwei Stunden Zeit nehmen, um sich damit zu beschäftigen, einen Experten zu Rate ziehen und sich dann vortasten, reintasten in die digitale Welt.

Mario Eckmaier, Digitalisierungsbeauftrager der WK Tirol

„Das müssen keine großen Schritte sein“, lenkt der Profi den Blick beispielsweise auf die Inhaberin einer kleinen Modeboutique, die sich angesichts all der unfassbaren Bestellmöglichkeiten im Netz in einer rundum feindlichen Umgebung wähnen könnte. Eckmaier: „Wenn sie neue Teile bekommt und weiß, dass die für die Kundin X oder Y super wären, fotografiert sie die Kleidungsstücke und schickt der Kundin das Foto beispielsweise mit WhatsApp durch. Damit nutzt sie ihre Stärke, dass sie ihre Kundinnen kennt, perfekt. Dafür braucht sie keine große Technologie und nicht einmal einen externen Druiden.“ Und sie schlägt den Großen ein Schnippchen.

Wirtschaft und Wissenschaft

Egal wie klein, egal wie groß das Unternehmen ist, für alle stecken Vorteile in der Digitalisierung. Sie wollen jedoch mit einer gewissen Lust an der Zukunft entdeckt werden. Die Tiroler Firma Riederbau ist dafür ein Beispiel mit gigantischem Vorbildcharakter. „Anton Rieder beschäftigt sich seit Jahren aus persönlichem Interesse mit diesen Themen und mittlerweile ist Riederbau führend, was Digitalisierung und Bauwirtschaft betrifft. Große Player aus Europa kommen und schauen, wie er das macht“, so Eckmaier zu einer Dynamik mit Strahlkraft, die mit der Neugierde des Unternehmers gezündet wurde.

Wissen zu wollen, welche digitalen Möglichkeiten da im Unternehmen stecken, führt nie in eine Sackgasse, sondern rasch zu den entsprechenden Abteilungen der WK Tirol und zum DIH West (Digital Innovation Hub West), wo jede Frage kleiner und mittlerer Unternehmen willkommen ist. Das DIH West ist eine starke Brücke in die Zukunft, ein wichtiger Link zwischen regionaler Wirtschaft und Wissenschaft, dessen breites Angebotspaket sich sowohl an die Einsteiger als auch die Profis unter den „KMU-Digitalisierern“ richtet. Mit dem Know-how aus einem umfangreich vernetzten Expertenteam werden alle Unternehmen genau dort abholt, wo sie stehen (Interview mit der wissenschaftlichen Leiterin des DIH West, Ruth Breu).

„Man kann mit wirklich jeder Frage hingehen, es gibt keine Einschränkung. Und auch wenn man thematisch beim DIH West nicht gut aufgehoben ist, dann sagen sie, wo man besser aufgehoben wäre. Das heißt, jeder kommt weiter“, weiß Mario Eckmaier über die Kraft des ersten Schrittes. Des ersten Schrittes hin zum Zaubertrank, der nicht nur ein herrliches Mittel ist, um scheinbar übermächtige Gegner zu besiegen, sondern auch die Angst zu verlieren und die Neugier zu entfesseln. „Es ist für jeden etwas dabei“, weiß Mario Eckmaier. Egal wie klein, egal wie groß, egal welche Branche.

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