Digitalisierung: „Wir sollten lernen, das Neue zu lieben“

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Die Digitalisierung ist allgegenwärtig. Wer künftig am Markt mithalten will, muss die Chancen nützen.
Die Digitalisierung ist allgegenwärtig. Wer künftig am Markt mithalten will, muss die Chancen nützen.
© Vitte Yevhen/ stock.adobe.com

Viele Unternehmen haben sich in den letzten Monaten dem digitalen Wandel angepasst. So ist auch die Ausbildung des E-Commerce-Lehrlings ein wichtiger Schritt zur Digitalisierung des Handels.

Als viele Betriebe die Mitarbeiter ins Homeoffice schickten und Lokale schließen mussten, waren sie plötzlich überall: die Videokonferenzen. „Bitte das Mikro ausmachen“ ist mittlerweile ein Running Gag, die virtuelle Morgenrunde Routine und Schulungen per Webinar selbstverständlich. Die Corona Pandemie hat in vielen Tiroler Unternehmen für einen regelrechten Digitalisierungsschub gesorgt. Doch was bleibt nach Corona von der Digitalisierung?

Für Mario Eckmaier, Digitalisierungsbeauftragter der Tiroler Wirtschaftskammer, war Corona ein Verstärker für digitale Innovationen, die vorher schon existiert haben: „Dinge, von denen wir als Zukunftsmusik reden, waren bereits lange vorher da. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass die Digitalisierung in der heimischen Wirtschaft stark an Bedeutung gewonnen hat. Corona hat digitale Abläufe jetzt beschleunigt, intensiviert und sichtbar gemacht – und die Digitalisierung hat uns vor weit schlimmeren Schäden bewahrt.“

Nutzung neuer Technologien

Zugleich wurden vielen Unternehmen auch die eigenen Defizite bei den bisherigen Digitalisierungsbemühungen vor Augen geführt. „Es besteht die Gefahr, dass die digitale Spaltung in der Wirtschaft weiter zunimmt, da nicht alle Unternehmen gleichermaßen ihre Digitalisierungsanstrengungen intensivieren – dabei gibt es hier echte Chancen für alle Unternehmen.“ In den vergangenen Monaten hat sich nicht nur gezeigt, dass ganze Organisationen aus dem Homeoffice heraus funktionieren, sondern auch, dass gerade Betriebe mit digitalem Geschäftsmodellen, wie auch Online-Shops, gut durch die Krise gekommen sind. Entscheidet künftig die Digitalisierung über Wohl und Erfolg der Unternehmen?

„Hier geht es um die intelligente Nutzung neuer Technologien, aber nicht nur“, so der Digitalisierungsbeauftragte und fügt hinzu: „Wir sollten vor allem wieder lernen, das Neue zu lieben. Tirol war in der Geschichte schon öfter Vorreiter von Neuerungen. Zum Beispiel in der Industrie oder dem Tourismus hat es mutige Vorväter gegeben, die chancenorientiert agiert haben. Da sollten wir wieder hin. Uns darauf zu fokussieren wieder mehr Pionier zu sein ist der Schlüssel für den Erfolg in der digitalen Transformation.“

Mario Eckmaier

Digitalisierung, wozu?

„Manchmal hört man bei Unternehmern die Hoffnung raus, dass die digitalen Abläufe wieder weniger werden oder ganz verschwinden“, so der Digitalisierungsexperte nachdenklich. „Aber das wird nicht passieren. Die Welt da draußen ändert sich, ob wir das wollen oder nicht – und wird noch viel digitaler werden, ob wir das wollen oder nicht.“

Tirols Wirtschaft steht trotz des Digitalisierungsschubs nach wie vor am digitalen Scheideweg. Die Lücke zwischen großen und kleineren Unternehmen hat sich noch immer nicht merklich verringert: „Wir beobachten bereits seit mehreren Jahren eine digitale Zweiklassengesellschaft. Während große Unternehmen voll auf Digitalisierung setzen, sind kleinere Betriebe oft zögerlich. Wir fokussieren uns zu oft auf die Risiken und Gefahren. Das größte Hemmnis ist immer unsere Skepsis gegenüber dem Neuen“, erklärt Eckmaier und unterstreicht die aktuelle Situation: „In Folge der Corona-Pandemie sehen wir, wie gefährlich es für Unternehmen und die gesamte Wirtschaft ist, wenn der digitale Wandel als eine Frage der Unternehmensgröße gesehen wird. Kleinere Unternehmen dürfen nicht auf der Strecke bleiben und müssen den digitalen Sprung wagen, bevor die großen Konkurrenten so weit davonziehen, dass ein Mithalten nur schwer möglich wird. Unternehmer müssen lernen, die Chancen zu sehen.“

Maßnahmen

Konkret ergreifen die Unternehmen in drei Bereichen Digitalisierungsmaßnahmen: Bei der Technologie, bei Geschäftsprozessen und bei den Mitarbeitern. „Neugierig zu sein, sich hinzustzen und zu recherchieren, hilft den Unternehmern auf neue Ideen zu kommen“, motiviert der Digitalisierungsexperte und gibt ein Beispiel aus der Frisörbranche. „Auch hier merkt man die Chancen: Online-Terminbuchung, Typberatung per digitalem Spiegel oder Fortbildung mit Virtual Reality. Mut zur Neugier, Lust auf Erfolg – das hat jeder Unternehmer in sich.“

So sieht Eckmaier auch eine große Verantwortung in der Schulbildung früh genug mit einer digitalen Basisausbildung zu starten. „Die digitale Ausbildung von Kindern gewinnt stetig an Bedeutung und diese digitalen Kompetenzen werden in den Schulen viel zu wenig vermittelt. Digitale Kompetenzen sollten noch mehr in den Lehrplänen verankert werden.“ Allerdings braucht die zunehmende digitale Vernetzung von Menschen und Maschinen eine laufende Weiterentwicklung des Netzes, insbesondere durch den Glasfaserausbau und das Forcieren von 5G. Für Mario Eckmaier ist 5G die Grundlage für zahlreiche technologische Weiterentwicklungen: „Wie beispielsweise in den Bereichen Internet of Things, da hängt die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs maßgeblich davon ab, diese Pläne konsequent weiterzuverfolgen und umzusetzen. Nach der Coronakriese mehr denn je.“

Online-Handel

Es gibt mittlerweile fast keine Ware mehr, die nicht auch online verkauft wird. Von Lebensmitteln über Autos bis hin zu Pflanzen oder Bauzubehör, alles ist erhältlich. „Diese Tatsache haben viele Menschen schon vor der Krise wahrgenommen, aber erst mit der Corona-Krise wurde vielen Konsumenten bewusst, dass sie tatsächlich „alles“ online kaufen können. Der E-Commerce bietet für Händler also gute Zukunftsperspektiven, selbst wenn der stationäre Handel sich langsam wieder erholt, bleibt diese wichtige, ergänzende Option“, bestätigt Mario Eckmaier.

„Die ganze Welt ist als Markt direkt vor meiner Haustür. Jeder der sich heute mit dem Online-Handel beschäftig, wird morgen einen wichtigen Vorsprung haben.“  So ist der Lehrberuf des E-Commerce-Kaufmann ein Job mit Zukunft. „Aus Unternehmenssicht werden viele im Mitbewerb sehen, dass es solche Lehrlinge braucht. Deshalb sollten viele mehr Unternehmen sich mit diesem neuen Lehrberuf vertraut machen und ausbilden.“

Harald Mair

E-Commerce-Kaufmann: Beruf mit Zukunft

Dass die Digitalisierung den Handel wie kaum eine andere Branche verändert, eröffnet den Onlinehändlern große Chancen. Wer erfolgreich sein will, muss möglichst überall Zuhause sein – in der Fußgängerzone wie im virtuellen Raum. Multichannel-Experten sind gefragt. So gibt es seit 2018 die Lehre zum E-Commerce-Kaufmann/ -frau. 27 Lehrlinge stehen in Tirol aktuell in Ausbildung. „Für so einen frischen Lehrberuf ist das sehr gut. Solche neuen Lehrberufe benötigen gewöhnlich Jahre um entsprechend bekannt und etabliert zu werden“, so Helmut Wittmer von der Bildungsabteilung der Tiroler Wirtschaftskammer. Doch es könnten noch mehr Lehrlinge im E-Commerce ausgebildet werden.

Es gibt derzeit mehr Lehrstellensuchende als Ausbildungsbetriebe. Harald Mair von Fair Rescue International in Götzens bildet selber E-Commerce-Kaufleute aus: „Für uns Unternehmer bietet dieser Lehrberuf die Chance, innerbetrieblich einen „Experten“ heranzubilden, der für alle Belange des Onlinehandels zuständig sein wird. Sozusagen ein zentraler Ansprechpartner rund um das Thema Webshop & Social Media, auch die Weiterentwicklung in diesem doch sich rasch verändernden digitalen Zeitalter betreffend.“

Für ihn bleibt der Aufwand einen Bürokaufmann-Lehrling oder gleich einen E-Commerce-Kaufmann auszubilden merklich gering. Außer, dass der Onlinehandel enorme Zukunftschancen hat: „Hier sehen wir an sich nur Vorteile. Im Bereich des E-Commerce kommt der Kunde zwar nicht „durch die Vordertür“ in unser Geschäft, sondern über den Webshop, aber unabhängig davon unterscheiden sich weitere logistische Aufgaben sowie die Auftragsabwicklung dann kaum vom herkömmlichen Geschäftsalltag.“ Wer künftig am Markt mithalten will, muss die Chancen nützen. E-Commerce-Kaufleute auszubilden bringt für jedes Unternehmen nur Vorteile.

Den Trend erkennen

Im Frühjahr 2022 bietet das WIFI Tirol diesbezüglich auch eine Ausbildung zum E-Commerce-Experten. Harald Mair ist sich sicher, dass Unternehmen den Trend erkennen werden und prophezeit diesem noch so jungen Lehrberuf schon mittelfristig einen absoluten Durchbruch: „Ich denke, es ist einzig eine Frage der Zeit, das unglaubliche Potential dieses Lehrberufes zu erkennen. Vor Jahren wurden wir als heimischer Kleinbetrieb noch belächelt, weil wir parallel zum Ladengeschäft einen Onlineshop gestartet hatten. Der Wandel vom stationären Handel zum Onlinehandel ist gegenwärtig erkennbar und wird in den kommenden Jahren noch rasant an Fahrt aufnehmen. Der Lehrberuf des E-Commerce-Kaufmanns/ -frau ist ein zukunftsträchtiger Beruf mit brillanten Chancen für alle Beteiligten.“

Die Ausbildung zum Qualifizierten E-Commerce Experten

Der Titel Qualifizierter E-Commerce-Experte ist die höchste berufliche Qualifikation im E-Commerce-Segment. Der Online-Handel boomt, Profis im Bereich E-Commerce werden daher immer dringender und händeringend gesucht. Das WIFI Tirol bietet im Frühling 2022 eine Ausbildung zum E-Commerce-Spezialisten. Hier erfahren Sie, welche Optionen es im Online-Handel gibt, was sie kosten und was die Vor- und Nachteile sind. In diesem Lehrgang werden alle Aspekte des E-Commerce vermittelt. Die notwendigen Qualifikationen um einen Onlinehandel ganzheitlich zu planen, umzusetzen und erfolgreich zu führen werden erarbeitet.

Mehr Informationen zur Ausbildung zum E-Commerce-Experten unter www.tirol.wifi.at

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