Präsident Christoph Walser setzt gemeinsam mit allen Fraktionen auf Kooperation und stellt die Weichen für den Restart.
Aktuelles

„Wir müssen für den Neustart sämtliche Kräfte bündeln“

Präsident Christoph Walser setzt gemeinsam mit allen Fraktionen auf Kooperation und stellt die Weichen für den Restart.
© WK Tirol/Die Fotografen

WK-Präsident Christoph Walser erläutert, warum es ein Restart-Programm braucht, wie sich die Eigenkapitalquote der Betriebe heben lässt und welche Rezepte es für die Fachkräfteentwicklung gibt.

wirtschaft.tirol: Seit 19. Mai sind die Weichen wieder in Richtung Normalität gestellt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der letzten Wochen?

WK-Präsident Christoph Walser: Es zeichnet sich ab, dass die Wirtschaft mit der Öffnung wieder relativ rasch Fahrt aufnimmt. Die Buchungslage im Tourismus war zu Pfingsten angesichts der immer noch gegebenen Einschränkungen zufriedenstellend. Wir haben jetzt die einmalige Chance, im Tiroler Tourismus einzelne Kurskorrekturen vorzunehmen und die Weichen für die kommenden Jahre zu stellen.

Wie bewerten Sie rückblickend die Corona-Unterstützungen für die Betriebe?

In Österreich gab es im internationalen Vergleich relativ großzügige Unterstützungsprogramme. Seitens der Wirtschaft hätten wir uns allerdings einfachere Abwicklungen, weniger kurzfristige Änderungen und eine raschere Reaktion bei Problemzonen erwartet.

Sie haben im gestrigen Wirtschaftsparlament mit allen wahlwerbenden Gruppen das so genannte „Restart-Programm“ der WK Tirol beschlossen. Worum geht es darin?

Die Corona-Krise brachte aufgrund des starken Tourismus- und Dienstleistungssektors für Tirol einen massiven Einschnitt. Damit unsere Wirtschaft möglichst rasch wieder in Schwung kommt, sind gezielte Maßnahmen auf Bundes- und Landesebene nötig.

Können Sie die Eckpunkte knapp zusammenfassen?

Wir brauchen: ein langsames Ausschleifen der Unterstützungen, weniger Steuern, weniger Bürokratie, klare Schwerpunkte für das erfolgreiche Comeback des Tiroler Tourismus, und Impulse etwa im Bereich Investitionen.

Im Programm wird unter anderem ein Tirol Fonds vorgeschlagen. Welches Ziel hat dieser Fonds?

Das Ziel ist, die heimischen KMU krisensicherer zu machen. Unser Vorschlag lautet, dass das Land mit dem Tirol Fonds befristet – beispielsweise auf fünf Jahre – Garantien für die Eigenkapitalbeteiligung an Tiroler Klein- und Mittelbetrieben gewähren soll. Die Garantiehöhe soll dabei 100 Prozent betragen und seitens des Landes mit 300 Millionen Euro abgesichert sein.

Das Restart-Programm fasst zusammen, was die Wirtschaft jetzt braucht. Gibt es auch Dinge, die es jetzt NICHT braucht?

Was es jetzt sicher nicht braucht, sind neue Belastungen, die den Aufschwung einbremsen. Dazu gehören beispielsweise Vermögenssteuern. Auch ein höheres Arbeitslosengeld wäre ein Signal in die falsche Richtung. Eine vergebene Chance wäre es auch, die wenigen positiven Effekte der Pandemie zu ignorieren – wir haben massive Fortschritte in der Digitalisierung und bei der Regionalität gemacht, die wir auch in Zukunft nutzen sollten.

Sie suchen immer wieder das Einvernehmen mit den Sozialpartnern, zuletzt im Rahmen der Kampagne „Ja zu Tirol“. Was erwarten Sie sich von diesem Schulterschluss?

Wir müssen für den Neustart sämtliche gesellschaftlichen Kräfte bündeln. Ich bin überzeugt, dass durch eine gemeinsame Anstrengung der Unternehmer, der Mitarbeiter, der Sozialpartner und natürlich auch der politischen Entscheidungsträger dieser Aufschwung gelingen wird.

Es herrscht derzeit Rekord-arbeitslosigkeit. Gleichzeitig suchen viele Betriebe verzweifelt Fachkräfte. Wie passt das zusammen?

Häufig entsprechen die Qualifikationen der Bewerber einfach nicht den Anforderungen ausgeschriebener Stellen. Hier müssen wir in Zukunft intensiv auf Aus- und Weiterbildung setzen. Und wir müssen die Arbeitsmarktpolitik anpassen: Die Regelungen hinsichtlich Zumutbarkeit, Berufsschutz, Wegzeiten und Zuverdienstmöglichkeiten dürfen nicht dazu führen, dass Flexibilität und Dynamik am Arbeitsmarkt verloren gehen.

Mit der wieder anspringenden Wirtschaft steigt auch der Verkehr. Welche Antworten braucht es hier in Zukunft?

Wir sollten viel weniger mit einzelnen Ge- und Verboten arbeiten, sondern Mobilität im Gesamten neu denken. Die Wirtschaftskammer befasst sich in ihrer Initiative „Wirtschaft in Bewegung“ intensiv mit innovativen Konzepten und bündelt Experten verschiedenster Gebiete, um die besten Lösungen für Tirol zu finden.

Weitere Informationen: Restart-Programm

Stefan Garbislander, Leiter der Wirtschaftspolitik & Strategie, WK Tirol
Andre Schönherr
Drei Fragen an Stefan Garbislander, Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik, Innovation & Strategie
Stefan Garbislander, Leiter der Wirtschaftspolitik & Strategie, WK Tirol
Andre Schönherr

Warum braucht es ein Restart-Programm?

Tirol hat einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Tourismus, Dienstleistungen und Handel, welche besonders durch die Corona-Krise betroffen waren. 2020 ging die Wertschöpfung um zehn Prozent zurück. Damit wir rasch wieder auf die wirtschaftliche Überholspur kommen, ist ein Restart-Programm erforderlich.

Viele Maßnahmen betreffen die Bundesebene. Welchen Beitrag kann das Land leisten?

Einer unserer Vorschläge lautet, einen Tirol Fonds einzurichten, mit dem die Eigenkapitalquote der Tiroler Klein- und Mittelbetriebe erhöht werden soll. Zudem dürfen die speziellen Maßnahmen des Wirtschaftsförderungsprogramms nicht zu früh auslaufen. Und für die Zukunft müssen wir auch den Produktionsstandort Tirol wieder stärken.

Spielt der Tourismus beim Restart eine besondere Rolle?

Eine wirtschaftliche Erholung Tirols ohne eine starke Wiederbelebung des Tourismus ist nicht denkbar. Wir müssen schauen, dass die Nachhaltigkeit zum zentralen Konzept des Tiroler Tourismus wird und die Struktur der Familienunternehmen erhalten bleibt.