Wie bei vielen anderen Baumaterialien gibt es aktuell auch beim Holz eine regelrechte Preisexplosion. Die hohen Preise machen vielen Betrieben ein „normales“ Wirtschaften derzeit kaum möglich.
Panorama

Preiskrise am Bau: Anstoß für mehr Vernunft

Wie bei vielen anderen Baumaterialien gibt es aktuell auch beim Holz eine regelrechte Preisexplosion.
© WK Tirol/Christian Vorhofer

Die Baubranche steht angesichts der hohen Preise bei Baumaterialien Kopf und vor allem die Tiroler Holzbaubetriebe stöhnen unter der Last der extremen Mangel-Situation.

Es ist eine Katastrophe. Ich muss brutale Preissteigerungen schlucken. Das fällt voll auf die Firma zurück“, sagt Andreas Plunser, Gründer und Geschäftsführer von Holzbau Aktiv in Ranggen. Plunser ist nicht allein. So wie ihm geht es jedem Holzbaumeister in Tirol, Österreich, Europa und dem Rest der Welt. Die Preisexplosionen beim Baustoff Holz machen ein „normales“ Wirtschaften derzeit kaum möglich. „Im Jänner habe ich noch eine Preisliste bekommen, auf der ein Kubikmeter Leimbinder 420 Euro kostete. Anfang Mai 2021 lag der Preis schon bei 780 Euro“, erzählt Plunser. Sind die Verträge schon unterschrieben, muss er die gestiegenen Preise „schlucken“, bei neuen Angeboten wird festgehalten, dass die Preise variabel sind: „Das ist nicht lustig und so, als würde ich ein Auto bestellen und den Preis machen wir uns aus, wenn das Auto da ist.“

Verrückte Situation

Die Situation ist verrückt und es ist nicht einfach, sie zu entwirren. Nicht bei den anderen, ebenso rar und teuer gewordenen Baumaterialien – wie etwa Stahl, Dämmstoffe und alle Bitumen-basierte Materialien. Und nicht bei Holzprodukten – von Spanplatten bis zu Dachbalken – deren Verfügbarkeit, Lieferzeiten und Preise die Kalkulationen erschweren. Corona-bedingt ist die Nachfrage in den Baumärkten gestiegen und der professionelle Bauboom verlangt ebenso Futter. Weil einige Betriebe angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten ihre Lager füllten, erhitzt der Toilettenpapier-Effekt die Situation und auch der Borkenkäfer spielt eine Rolle, hat der doch die kanadische Holzindustrie stark angeknabbert und zu Engpässen in den ebenso bauboomenden USA geführt, weswegen die wiederum in Übersee einkaufen.

„Es ist keine Tiroler, keine österreichische und auch keine europäische – sondern eine globale Situation. Alle Preise sind im Steigen begriffen. Es ist ein Mix aus verschiedenen Einflüssen, die man nicht über ein Thema definieren kann“, sagt Simon Kathrein, Landesinnungsmeister Holzbau in der Tiroler Wirtschaftskammer.

Simon Kathrein, Landesinnungsmeister Holzbau
Simon Kathrein, Landesinnungsmeister Holzbau

Dass es den heimischen Holzbau derart ins Mark zu treffen vermag, liegt auch daran, dass „er“ über Jahrzehnte gewohnt war, mit stabilen Preisen zu arbeiten. Das ist jetzt nicht mehr so. Gar nicht. „Man muss ehrlicherweise sagen, dass die Produkte in den letzten 10 bis 15 Jahren fast gar keine Preiserhöhung hatten. Jetzt ist es passiert, dass die Produkte in kürzester Zeit zwischen 30 und 50 Prozent teurer wurden. Das verträgt eigentlich kein System“, weiß Kathrein über die aktuelle Dramatik in den Betrieben zu berichten und hält fest: „Die Preise sind eine große Belastung für die Betriebe. Wir gehen schon davon aus, dass es sich wieder einpendelt, allerdings nicht auf dem niedrigen Niveau wie vor Corona.“

In der Zwischenzeit sind die Unternehmer herausgefordert und sie begegnen dieser Herausforderung etwa dadurch, die Ressource Holz bestmöglich zu nutzen beziehungsweise weniger zu verbrauchen. „Die Betriebe überlegen, wo man sparen kann, wo mit Materialien gearbeitet werden kann, die noch zu besseren Preisen verfügbar sind. Da werden alle Hebel in Bewegung gesetzt“, sagt Kathrein.

Kooperation und Regionalität

Schon vor der Krise wurde von Seiten der Innung die Zusammenarbeit der kleinstrukturierten Holzbaubetriebe angestrebt beziehungsweise angeregt, Kooperationen einzugehen – sei es in Punkto Material, Mitarbeiter oder Abwicklung. Der Komplexität des globalen Marktes, die nun ihre scharfen Zähne zeigt, könne durch regionaleres Denken und Handeln begegnet werden. „Es ist ganz wichtig, dass auch die kleinen Betriebe wieder regionaler denken und die regionale Wertschöpfungskette ausschöpfen, um unabhängiger vom Weltmarkt zu sein. Das ist ein wichtiger Punkt“, ist der Landesinnungsmeister überzeugt, der in dem Zusammenhang auch auf den Wert dieses nachhaltigen und immer beliebter werdenden Baustoffes hinweist.

Nachhaltigkeit – das Leitmotiv des verantwortungsvollen Wirtschaftens – wurde gleichsam „im Wald“ geboren. Im 18. Jahrhundert war das, als der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) eine Form der Holzwirtschaft forderte, bei der immer nur so viel Holz geschlagen wird, wie durch Wiederaufforstung nachwachsen kann. Er sprach von „nachhaltender Nutzung der Wälder“ und Simon Kathrein aktualisiert diesen Gedanken, indem er sagt: „Wenn dieses ökologische, nachwachsende Baumaterial unendlich verspekuliert wird, ist es irgendwann fertig. Die Ressourcen des Holzes sind unerschöpflich, wenn eine nachhaltige Waldbewirtschaftung erfolgt und man es nicht zu leichtsinnig rodet und unnötig vernichtet.“

Der Holzbau hat längst überzeugt, seine Beliebtheit ist so groß wie die Möglichkeiten, die konsequent verfeinert werden. Der Boom kommt nicht von ungefähr und um ihm keinen Dämpfer zu verpassen, appelliert Kathrein an den nachhaltigen Zusammenhalt in der Branche: „Es geht um angemessene Preise entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wir hoffen, dass es schnell geht und die Situation sich normalisiert.“

Helmut Troger, Obmann der Fachgruppe Holzindustrie
Helmut Troger, Obmann der Fachgruppe Holzindustrie

Produzieren Tag und Nacht

„Unsere großen Betriebe produzieren Tag und Nacht. Sie geben alle Vollgas. Aber wenn die Nachfrage immer höher ist, als die Menge, die man produzieren kann, gibt es natürlich einen Engpass und längere Lieferzeiten“, stellt Helmut Troger, Obmann der Fachgruppe Holzindustrie der WK Tirol, fest. Nur im ersten Lockdown – im Frühjahr 2020 – hatte sich die Corona-Bremse auch in den Unternehmen seiner Fachgruppe bemerkbar gemacht, „danach konnten wir gottseidank immer arbeiten und mussten unsere Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken.“

Das bestätigt auch Natalie Binder, Geschäftsführerin der Binderholz GmbH in Fügen. Sie sagt: „Binderholz hat und wird immer zu 100 Prozent produzieren, wir hatten in keinem unserer Werke Kurzarbeit oder ähnliches. Unser Auftragseingang liegt heuer 50 Prozent über dem Vorjahr, Stammkunden unserer Produktpalette werden innerhalb von vier Wochen beliefert.“

Die Holzindustrie boomt parallel zum Bau und sie ist ein entscheidendes Glied der Wertschöpfungskette, die weltweit unter Spannung steht. „Ich weiß, dass die Weiterverarbeiter, die die Holzbauer beliefern, alle dabei sind, noch mehr für den inländischen Raum umzuschichten. Das geht allerdings nicht von 0 auf 100, man hat ja Verträge und auch im Ausland Bestandskunden. Die kannst du nicht auf einen Tuscher fallen lassen. Das tut man nicht“, macht Troger darauf aufmerksam, dass der regionale Gedanke auch in der Industrie entsprechende Hebel in Bewegung setzt.

Heimatmarkt hat Priorität

Und Herbert Jöbstl, Obmann des Fachverbandes Holzindustrie der WKÖ, stellt dazu, zur aktuellen Situation und zur weiteren Entwicklung fest: „Eine weltweit dynamisch gestiegene Nachfrage nach Holzprodukten aller Art und witterungsbedingten Verzögerungen in der Rohstoffversorgung in einigen Regionen Österreichs führen momentan – trotz des hohen Produktionsniveaus der Holzindustrie und klar rückläufigem Export – zu steigenden Preisen und längeren Lieferzeiten. Der Heimatmarkt hat für uns Priorität und wir wollen die Versorgung langjähriger Kunden gemeinsam gewährleisten. Wir gehen davon aus, dass sich die Rohstoffversorgung der Säge- und Holzindustrie verbessern wird. Daher sind wir zuversichtlich, unser hohes Produktionsniveau noch steigern zu können sowie die Liefermöglichkeiten zu verbessern.“

Rund die Hälfte der 10,6 Millionen Kubikmeter Schnittholzproduktion Österreichs verbleibt traditionell im Heimatmarkt. Zusätzlich werden rund zwei Millionen Kubikmeter Nadelschnittholz pro Jahr importiert, um den heimischen Markt abzudecken.

Rund die Hälfte der 10,6 Millionen Kubikmeter Schnittholzproduktion Österreichs verbleibt traditionell im Heimatmarkt. Zusätzlich werden rund zwei Millionen Kubikmeter Nadelschnittholz pro Jahr importiert, um den heimischen Markt abzudecken.
Rund die Hälfte der 10,6 Millionen Kubikmeter Schnittholzproduktion Österreichs verbleibt traditionell im Heimatmarkt. Zusätzlich werden rund zwei Millionen Kubikmeter Nadelschnittholz pro Jahr importiert, um den heimischen Markt abzudecken.
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Gesunkene Holzexporte

Rund die Hälfte der 10,6 Millionen Kubikmeter Schnittholzproduktion Österreichs verbleibt traditionell im Heimatmarkt. Zusätzlich werden rund zwei Millionen Kubikmeter Nadelschnittholz pro Jahr importiert, um den heimischen Markt abzudecken.
Am Heimmarktanteil hat sich auch 2021 kaum etwas geändert, was den im Zusammenhang mit dem Holzengpass laut gewordenen Exportgerüchten widerspricht. Laut Statistik Austria sind die Exportzahlen für Nadelschnittholz Anfang des Jahres, also im Jänner und Februar 2021, im Vergleich zum Vorjahr gesunken.

In Summe nahmen demnach die Exportzahlen für Nadelschnitthölzer um neun Prozent ab. Während die Exporte nach Italien (-3,7%), Slowenien (-34,3%) und Kroatien (-31,9%) nachgaben, stiegen jene nach Deutschland (+14,3%) an. In die USA, die fälschlicherweise oft als die Krise befeuerndes Zielland der heimischen Holzprodukte genannt werden, wurde im Vergleichszeitraum um 13,7 Prozent weniger exportiert. „Das Gesamtvolumen der Exporte ist zurück gegangen“, stellt Helmut Troger klar und sagt: „Der Winter war nicht nur in Osttirol oder Oberkärnten ein Wahnsinn. Auch in Mitteldeutschland war ein Jahrhundertwinter und die Sägewerke hatten einen Rohstoffmangel. Ich hoffe, dass die Situation bis zum nächsten Winter wieder halbwegs passt.“

Wohlfühlsupersicherheits-Vollkaskomentalität

Dass niemand wirklich sagen kann, wann die Achterbahnfahrt auf dem Baustoffmarkt enden wird, ist so unheimlich wie außergewöhnlich. „Wir hoffen, dass es sich in der zweiten Jahreshälfte entspannt. Aber das kann keiner garantieren“, sagt etwa Anton Rieder, WK-Vizepräsident und Landesinnungsmeister Bau. Er hält fest: „Die Welt, in der wir leben, ist dermaßen vernetzt und abhängig – wenn irgendwo ein Rädchen stillsteht oder langsamer dreht, kommt es an ganz anderen Ecken und Enden zu Problemen.“ Die diffizilen Abhängigkeiten machen das System instabil. Der Mangel an Dämmstoffen ist beispielsweise darauf zurück zu führen, dass zur Produktion ein Abfallprodukt der Kerosinherstellung verwendet beziehungsweise zwingend gebraucht wird. Corona hat den Luftverkehr zum Erliegen gebracht, die Kerosinproduktion ebenso und mit ihr die Produktion der Dämmstoffe. Viele Engpässe „am Bau“ lassen sich irgendwie erklären, andere weniger und Rieder weiß: „Es ist ein Blumenstrauß an Gründen.“

Ebenso wenig wie Simon Kathrein geht Rieder davon aus, dass die Preise nach der Krise wieder auf das Niveau zurückgehen, wie zuvor. Und ebenso wie sein Landesinnungsmeister-Kollege vermag Rieder in der Krise auch Chancen zu entdecken – und das weit über die im Akut-Moment oft schwer erträgliche Aussicht hinaus. „Wir sind eine extrem verwöhnte Gesellschaft, die in Echtzeit arbeitet. Wenn ich heute ein Haus will, dann muss es morgen stehen. Vielleicht braucht man wieder einen anderen Vorlauf“, spricht Rieder die „Alles auf Knopfdruck“-Mentalität an, die Bauunternehmen seit Jahren schon schwitzen lässt. Beispielsweise wenn Bauherren von heute auf morgen und von morgen auf übermorgen Änderungen begehrten, die für die Unternehmen einen Rattenschwanz an Mehraufwand mit sich brachten bzw. bringen.

Anton Rieder, WK-Vizepräsident und Landesinnungsmeister Bau
Anton Rieder, WK-Vizepräsident und Landesinnungsmeister Bau

„Vielleicht führen die langen Lieferfristen dazu, dass man sich erst gut überlegt, was man braucht, dann plant und wenn der Plan fertig ist, baut“, so Rieder, der seine Wünsche an die potenzielle neue Bauwelt gerne weiter ausführt: „Wenn die Ressourcen teurer werden, muss man vielleicht wieder mehr das Hirn anstrengen und schauen, wo man Ressourcen sparen kann. Man sollte die Ressourcen schonen, das ist mehr als ein Slogan. Wieder naturwissenschaftlich zu bauen, ist eine Möglichkeit.“ Was Rieder damit anspricht, sind die überbordenden bürokratischen Sicherheits-Normen, die viele Ressourcen sinnlos verschlingen.

Der Landesinnungsmeister nennt den derart zugespitzten Zustand eine „Wohlfühlsupersicherheitsvollkaskomentalität“ und er könnte sehr gut damit leben, wenn diese Vorgaben aber auch die Ansprüche der Bauherren durch die ressourcenschonende Brille entrümpelt würden. Hat ein Wohnraum beispielsweise fünf Meter Spannweite, muss die Decke nicht „dicker“ als 18 Zentimeter sein. „Hat der Raum sieben Meter Spannweite brauche ich 30 oder 35 Zentimeter. Das Bedeutet 50 Prozent mehr Beton und um 100 Prozent mehr Stahl“, rechnet Rieder. Es ist eine Rechnung, die nicht nur in Zeiten der knappen und teuren Baustoffe bestechend wirkt, weswegen der Landesinnungsmeister mit Blick in die Zukunft sagt: „Vielleicht ist die Krise ein Auftakt für mehr Vernunft am Bau und dafür, sich wieder auf die Naturwissenschaft und das Notwendigste zu konzentrieren.“

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