Gastronomie in Vorarlberg: Eine Dame bekommt im "Rössle Park" in Feldkirch ein Schnitzel serviert.
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Erfahrungen aus der Vorarlberger Gastronomie

Ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept steht auch bei der Braugaststätte „Rössle Park“ in Feldkirch im Vordergrund.
© mauche

Der Obmann der Vorarlberger Gastronomie, Mike Pansi, erklärt im Interview, wie die Gastronomie-Öffnung in der Modellregion zum Erfolgsprojekt geworden ist.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Das Bundesland Vorarlberg ist mit der Öffnung der Gastronomie eine Modellregion. Wie sind die Erfahrungen?

Mike Pansi: Die Öffnung der Vorarlberger Gastronomie ist ein regionales Erfolgsprojekt. Auf diese wiedererlangte Freiheit bekommen wir viele  erfreuliche Reaktionen. Dieses Signal war nach über einem Jahr Pandemie und acht Monaten mehr oder weniger Lockdown dringend notwendig.

Welchen Einfluss haben die Gastrobetriebe auf das Infektionsgeschehen?

Es gibt bislang keinen einzigen nachgewiesenen Corona-Fall aus unserer Gastronomie. Die Sicherheitskonzepte in den Betrieben greifen, die Bereitschaft zur Mitwirkung und die Eigenverantwortung der Bevölkerung in Vorarlberg sind enorm hoch.

Wieviel Prozent der Betriebe haben sich für eine Öffnung entschieden?

Vor allem im städtischen Gebiet und den Hotspots sind derzeit ca. 75 Prozent der Gastronomiebetriebe geöffnet. Je ländlicher die Gegend wird, desto weniger Betriebe sind offen. Jedoch muss man schon noch drauf hinweisen, dass weniger Platz auch weniger Umsatz bedeutet und es sich noch nicht für jeden betriebswirtschaftlich rentiert.

Was gibt es bei den Testungen zu beachten?

Vorarlberg ist das Land mit den meisten Testungen, wir liegen 60 Prozent über dem Österreichschnitt. Keine Region in Europa kann da mithalten. Derzeit werden zwischen 120.000 bis 150.000 Tests pro Woche durchgeführt. Betriebsöffnungen leisten einen wesentlichen Beitrag, die Testungen der Bevölkerung konstant hoch zu halten. Wir sind damit als Branche ein Teil der Lösung und nicht das Problem.

Porträtfoto Mike Pansi
Mike Pansi

Wie stellt sich die Testbereitschaft seitens der Bevölkerung dar?

Sie ist immens hoch. Inzwischen stehen 140 Teststationen in den 96 Gemeinden zur Verfügung. Zudem haben bisher 77 Betriebe mit zusammen 32.360 Mitarbeitenden eine betriebliche Teststraße eingerichtet. Auf Initiative von Land und Wirtschaftskammer Vorarlberg können jetzt zudem Klein- und Mittelbetriebe über die jeweilige Gemeinde GratisSelbsttests für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beziehen. Das hilft dabei, das Virus nicht in die Unternehmen hineinzutragen.

Wie verlief die anfangs skeptisch betrachtete Kontrolle der Eintrittstests?

Natürlich ist damit ein gewisser Aufwand verbunden, aber die Gastronomie ist bereit, einige Hürden auf sich zu nehmen, um dies zu ermöglichen. Wir sind eben Gastgeber, das ist unsere Leidenschaft.

Wie funktioniert das Contact-Tracing?

Durch eine einfache digitale Lösung. Der Gast scannt nur am Eingang oder am Tisch einen QR-Code ab und ist damit im digitalen Gästebuch registriert.

Welche Optimierungen braucht es in Blickrichtung Sommer?

Wünschenswert wäre ein stärkeres Vertrauen der Politik in unsere Branche. In Vorarlberg klappt das wunderbar. Aber es bedarf Richtung Bundespolitik gesprochen Nachschärfungen. Wir fordern die Ausweitung der Ausgangssperre und der Betriebszeiten bis 23 Uhr. Der Abstand „Kopf zu Kopf“ gehört auf einen Meter reduziert und die Selbsttests müssen auch in der Gastronomie anerkannt werden. Auch die Begrenzung der Personen pro Tisch sollte wieder auf zehn Personen und mehr als zwei Haushalte ausgedehnt werden.

Tourismus-Spartenobmann Mario Gerber
Blickfang Photographie
Höchste Zeit zum Aufsperren
Tourismus-Spartenobmann Mario Gerber
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Jetzt müssen nach Ankündigungen endlich Taten folgen, fordern die Branchenvertreter des Tiroler Tourismus, Mario Gerber und Alois Rainer.

Das Beispiel Vorarlberg zeigt in aller Deutlichkeit: Die Betriebe sind nicht die Treiber der Infektionszahlen. Ansonsten wären nach über einem Monat der Öffnung der Vorarlberger Gastrobetriebe die Zahlen längst explodiert. Gespannt warten daher Tourismus-Spartenobmann Mario Gerber und der Obmann der Tiroler Gastronomie, Alois Rainer, auf die für diese Woche angekündigten Öffnungsschritte. Für beide Branchenvertreter führt kein Weg daran vorbei. 

„Wir haben eine stabile Corona-Lage und ausreichend Kapazitäten in der Intensivmedizin“, stellt Mario Gerber fest, „die Wirkung von Lockdowns ist ausgereizt. Umfassende Testungen und professionelle Präventionskonzepte sind in der Lage, mehr Sicherheit als der Privatbereich zu bieten.“

Akribische Vorbereitung auf Öffnung

Alois Rainer betont, dass die Gastronomie sogar als Turbo für die  Testungen dienen kann: „Die Öffnung der Gastronomie in Vorarlberg hat dazu geführt, dass dieses Bundesland bei den Testungen ganz an der Spitze steht. Jeder zusätzliche Test ist eine Chance, asymptomatisch Infizierte zu finden und damit Ansteckungsketten zu unterbrechen.“ Die Erfahrungen aus Vorarlberg bestätigen auch, dass nicht nur die Öffnung von Gastgärten, sondern auch von Innenräumen vertretbar ist. Das gilt für Gerber auch für die Freizeit- und  Sportbetriebe, die sich akribisch auf die Öffnung vorbereitet haben und einen sicheren Betrieb gewährleisten können.

Tirol ist aufgrund des hohen Tourismussektors besonders stark von der Krise betroffen. Es wird jedoch damit gerechnet, dass der heimische Tourismus rasch wieder anspringt: „Der letzte Sommer hat gezeigt, dass die Gäste den  Sicherheitskonzepten vertrauen und sich nach Normalität sehnen. Auch jetzt zeigen Umfragen und Buchungen, dass eine hohe Nachfrage besteht. Auf europäischer Ebene braucht es nun rasch die Wiederherstellung der Reisefreiheit und die Einigung auf den Grünen Impfpass“, fordern die Branchenvertreter.