Taschenlampe als Reserve bei Blackout
Taschenlampe als Reserve bei Blackout
Panorama

Blackout-Gefahr: Mit Vorsorge Risiko minimieren

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Am 8. Jänner 2021 konnte ein europaweiter Blackout verhindert werden. Trotzdem bleiben folgenschwere Stromausfälle ein reales Szenario. Unternehmer sollten diese Gefahr im Auge haben und eine gewisse Autarkie herstellen.

Beinahe. Knapp. Haarscharf. Die Worte, mit denen die Situation beschrieben wurde, die Europa am 8. Jänner 2021 erlebte – oder eben nicht erleben musste – weisen allesamt auf eine Gratwanderung hin. Eine gefährliche. „Europa ist an diesem Tag nur sehr knapp einem großflächigen Blackout entgangen“, erinnert sich Erich Entstrasser, Vorstandsvorsitzender der Tiroler Wasserkraft AG – Tiwag – an diesen zweiten Freitag im Jänner, an dem der Puls der Energie- und Netzverantwortlichen in höchst ungesunde Höhen schnellte. Immer wieder war das europäische Stromnetz in den vergangenen Jahren ins Wanken geraten, immer mussten die Situationen als brenzlig beschrieben werden, doch war die jüngste Störung im europäischen Netz die bisher größte seit 2006.

Strom. Ein kleiner Blick in die unmittelbare Umgebung reicht, um die offensichtliche Abhängigkeit des alltäglichen Lebens und Arbeitens von elektrischem Strom ein wenig bewusster zu machen. Wecker, Heizung, Licht, Rasierer, Kaffeemaschine, Toaster, Radio, Türklingel, Handy, E-Auto, Verkehrsampel, Bankomat, automatisches Türsystem, Aufzug, Computer, Bohrmaschine, Fräsmaschine, Spülmaschine, Drucker und so weiter und noch mehr.

Komplette Abhängigkeit

„Unsere moderne Gesellschaft ist komplett abhängig davon, dass all diese Systeme, die im Hintergrund längst völlig automatisiert laufen, reibungslos funktionieren. Tun sie das nicht, stürzen wir binnen kürzester Zeit zurück ins Mittelalter. Das finde ich eine beängstigende Vorstellung“, erklärte der österreichische Autor Marc Elsberg einen dramaturgischen Hintergrund für seinen Bestseller „Blackout – Morgen ist es zu spät“. Der Thriller ist eine Fiktion, die auf Fakten basiert. Und dass neben zahlreichen Experten auch Tiwag-Chef Entstrasser das Buch „prinzipiell, also was die Auswirkungen eines Blackouts betrifft, für durchaus realistisch“ hält, rückt auch das jüngste Stromnetz-Drama in ein spannendes Licht. Zurecht. Schon ein paar Stunden nach einem so genannten Power-Blackout funktioniert so gut wie gar nichts mehr.

Mobilnetz, Internet, Schienenverkehr und Industrie kommen sofort zum Erliegen – wie auch die Wasserversorgung, wenn sie mit Pumpen funktioniert. Geschäfte schließen, Bankomaten fallen aus und Tankstellen funktionieren nicht mehr, wodurch der private wie öffentliche Verkehr nach kurzer Zeit stillsteht. Die Kommunikationsmöglichkeiten für die Allgemeinheit gehen erstens mit den sich leerenden Akkus zur Neige und fallen zweitens ganz aus, wenn auch den Mobilfunkanbietern der Saft ausgeht. Chaos und Anarchie sind greifbar, weil ein paar Tage nach dem Zusammenbruch der Überlebenskampf beginnt, hungrige Menschen verzweifelt auf Nahrungsmittelsuche gehen und die Seuchengefahr ansteigt. Unheimlich rasch wird die unterste Stufe der Maslow’schen Bedürfnispyramide erreicht. Es geht nur noch darum, die Grundbedürfnisse befriedigen zu können: Essen, Trinken, Schlafen.

Notwendige Vorsorge

Beinahe, knapp und haarscharf schrammte Europa am 8. Jänner 2021 an dieser apokalyptisch anmutenden Möglichkeit vorbei. Weil es zu keinen Stromausfällen kam, legte sich die Gänsehaut recht rasch. „Alles, was nicht passiert, steht nicht so stark im Fokus. Man beschäftigt sich damit, sichert sich aber nicht in diese Richtung ab“, kennt Manfred Pletzer, Vizepräsident der WK Tirol und Mitglied des Tiwag-Aufsichtsrates, diese menschlich nachvollziehbare, wenn auch nicht konsequente Folge des Aufatmens. Pletzer hält fest: „Unabhängig davon, dass wir in Tirol in der glücklichen Lage sind, über ein ausreichend ausgebautes Stromnetz und einen entsprechenden Kraftwerkspark zu verfügen, ist es für Unternehmer ratsam, mit PV-Anlagen oder Batterien eine gewisse Autarkie herzustellen. Mit einer PV-Anlage kann das ganze Jahr über ein Teil der Energie selber produziert werden und im Fall eines Blackouts ist sie eine Risikoabsicherung.“

WK-Vizepräsident Manfred Pletzer
WK-Vizepräsident Manfred Pletzer

Es gibt viele gute Gründe, sich mit den Folgen eines Blackouts zu beschäftigen. Auf der Homepage des österreichischen Blackout- und Krisenvorsorgeexperten Herbert Saurugg – www.saurugg.net – stehen entsprechende Informationen und Leitfäden zur Verfügung. „Das Chaos wird derart schlimm, dass man es sich nicht vorstellen kann“, ist Herbert Saurugg überzeugt. Er weiß, dass ein Stromausfall von ein paar Stunden gewisse Produktionsanlagen zerstören und zu monatelangen Betriebsunterbrechungen führen kann. Auch die Vorstellung, dass die gerade bearbeiteten Daten aufgrund eines Stromausfalles verloren gehen können, müsste etwa die Bereitschaft, die IT mit einer Batterie abzusichern, befeuern. „Die großen Unternehmen und Institutionen sind auf einen Blackout in der Regel gut vorbereitet. Bei kleineren Unternehmen fehlt hier noch teilweise das Problembewusstsein und damit auch die entsprechende Vorsorge – wie beispielsweise unterbrechungsfreie Stromversorgung für betrieblich wichtige Einrichtungen und Datensicherung“, sagt Tiwag-Vorstandsvorsitzender Entstrasser.

Selbst wenn das Land Tirol bis zu einem gewissen Grad privilegiert ist, die Speicherkraftwerke der Tiwag „schwarzstartfähig“ sind und die Stromversorgung in Tirol im Ernstfall in einem Inselbetrieb zumindest weitgehend wiederhergestellt werden kann, betont Entstrasser: „Ein großflächiger Stromausfall wird auch Tirol betreffen, denn bis zum erfolgreichen Netzwiederaufbau werden auch für die Tiroler Bevölkerung und Wirtschaft die Stromversorgung unterbrochen und wesentliche Infrastrukturen wie Gebäudetechnik, Informationstechnik, Lebensmittelversorgung etc. nicht in Betrieb sein.“ Österreichweit werden die Kosten eines flächendeckenden Stromausfalls derzeit mit 1,18 Milliarden Euro geschätzt. Täglich.

Netz-Säule Wasserkraft

Das europäische Strom- und Netzsystem ist mit dem Bekenntnis zum Ausbau beziehungsweise der Integration anderer erneuerbarer Energien wie Windkraft oder Photovoltaik so komplex wie anfällig für Störungen geworden. „Das Blackout-Risiko ist da und es wird auch in Zukunft zunehmen. Im europäischen Kontext spielen die Tiroler Speicherkraftwerke eine entscheidende Rolle und sie haben im aktuellen Fall Enormes für die europäische Netzstabilität geleistet“, sagt Manfred Pletzer, der in dem Zusammenhang die Notwendigkeit für den weiteren Ausbau der Wasserkraft unterstreicht und betont: „Jeder, der mehr Windkraft und Photovoltaik fordert, muss auch mehr Speicherkraftwerke in den Bergen fordern. Das eine bedingt das andere. Das geht Hand in Hand.“

Erich Entstrasser, Vorstandsvorsitzender TIWAG
Die Fotografen
TW-Interview mit Erich Entstrasser, Vorstandsvorsitzender TIWAG
Erich Entstrasser, Vorstandsvorsitzender TIWAG
Die Fotografen

Im TW-Interview erklärt Erich Entstrasser, Vorstandsvorsitzender der Tiwag, was am 8. Jänner 2021 passiert ist, als ein flächendeckender, europaweiter Stromausfall gerade noch verhindert werden konnte.

Am 8. Jänner 2021 ist Europa knapp an einem Blackout vorbeigeschrammt. Es war die bisher größte Störung im europäischen Stromnetz seit 2006. Wie beschreiben Sie die Situation, welche die europäischen Strom- und Netzverantwortlichen an diesem Tag meistern mussten?

Europa ist an diesem Tag nur sehr knapp einem großflächigen Blackout entgangen. Dieses Ereignis stellte tatsächlich die bisher zweitgrößte Störung im europäischen Verbundsystem dar. Um 14:05 Uhr sank aufgrund eines Ausfalls einer Leitungsverbindung und einer daraus resultierenden Netzstörung in Südosteuropa die Netzfrequenz im synchronisierten europäischen Stromnetz unter den zulässigen Wert ab.

Was waren die Folgen?

In dieser sehr kritischen Situation wurde das europäische Netz in zwei Netzinseln – Südosteuropa und Zentral-/Mitteleuropa – zerteilt. Nur durch verschiedene europaweit gesetzte Maßnahmen konnte in der Folge ein großflächiger Stromausfall, also ein Blackout, vermieden werden. So wurden einerseits in Frankreich und in Italien Kunden mit einer Bezugsleistung von in Summe rund 2.300 Megawatt abgeschaltet. Andererseits konnte in flexiblen Großkraftwerken, insbesondere in Österreich und Deutschland, die Leistung kurzfristig und entscheidend erhöht werden.

Welche Rolle haben die Tiwag-Kraftwerke bei der Abwendung dieser Gefahr gespielt?

Die Tiwag hat mit ihren flexiblen Groß-Wasserkraftwerken einen wesentlichen Beitrag zur Beherrschung der Situation in Europa geleistet, indem die vereinbarte Primärregelleistung zur Netzstabilisierung unverzüglich und vollumfänglich erbracht wurde. Alle in Betrieb befindlichen Tiwag-Maschinen, wie Kraftwerk Kaunertal, Kraftwerk Imst, Kraftwerk Jenbach und so weiter, wurden automatisch zur Netzstabilisierung eingesetzt. Eine im Stillstand befindliche Maschine im Kraftwerk Silz wurde durch einen vollautomatisierten Unterfrequenz-Start binnen zwei Minuten ans Netz gebracht und hat zur Netzstabilisierung im europäischen Übertragungsnetz beigetragen. Der Tiwag-Konzern hat damit seine zentrale Aufgabe, eine sichere Stromversorgung für Tirol zu gewährleisten, vollumfänglich erfüllt.

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