Virtual Reality
Prespektiven

Berufe in der virtuellen Welt hautnah erleben

© stock.adobe.com/goodzone95/Bildungsconsulting/berufsreise.at

Die Wirtschaftskammer hat ein innovatives Virtual Reality Projekt zum Thema Berufsorientierung umgesetzt, das bereits online verfügbar ist. Das Know-how dafür stammt von zwei Tiroler Firmen.

Corona ist auch in Bezug auf die Berufsorientierung ein Spaßkiller. „Viele Betriebsbesichtigungen und Schnuppertage sind aufgrund der Pandemie derzeit nicht möglich“, erklärt der Leiter für Berufsorientierung am Bildungsconsulting der WK Tirol, Markus Abart.

Die Wirtschaftskammer hat dafür eine innovative Lösung parat: „Berufe VR“. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich ein österreichweites Projekt, das mittels modernster Virtual Reality Technologie ein Eintauchen in verschiedene Berufe ermöglicht. „Damit haben Jugendliche auch in Zeiten von Physical Distancing die Möglichkeit, sich ein realistisches Bild verschiedener Berufsfelder zu machen“, erklärt Abart. Die Umsetzung selbst erfolgte durch die beiden Tiroler Hightech-Firmen Mediasquad und VRme.

Mittendrin statt nur dabei

Die Benutzer von „Berufe VR“ surfen „mittendrin statt nur dabei“ in 3D durch unterschiedliche Arbeitswelten: Ob morgens um fünf in der Backstube, hoch oben mit den Dachdeckern, bei der Arbeitsplattenherstellung in der Firma Egger in St. Johann oder der Montage von Wärmepumpen bei der Firma iDM Energiesysteme in Matrei in Osttirol – knapp 80 erlebbare Berufsbilder, davon bisher 21 mit 3D 360° Video, laden dazu ein, im wahrsten Sinne des Wortes den Horizont in Bezug auf eine anstehende Berufswahl zu erweitern.

„Berufe VR“ funktioniert auf allen Endgeräten von der VR-Brille über den Laptop bis hin zum Tablet und dem Smartphone. Damit lässt sich die virtuelle Berufsorientierung auf Berufsmessen und in Berufsinformationszentren genauso erleben wie zuhause auf der Couch. Bei der Nutzung per Laptop, Tablet oder Smartphone können die virtuellen Betriebsbesucher Videos liken, als Favoriten abspeichern und sich detaillierte Informationen über die Berufe vom Tiroler Berufsorientierungsportal berufsreise.at per Mail zuschicken lassen.

Christoph Sitar, Geschäftsführer Mediasquad
Christoph Sitar, Geschäftsführer Mediasquad

„Berufe VR“ bietet damit Jugendlichen und Arbeits- bzw. Ausbildungssuchenden eine barrierefreie Möglichkeit, sich Berufe und ihren Ausbildungsweg in Form eines virtuellen Blicks über die Schulter anzusehen und aus erster Hand – von Lehrlingen der betreffenden Firmen – zu erfahren, wie ein Tag im jeweiligen Beruf aussieht.

Für den Lehrlingskoordinator der WK Tirol, David Narr, ist damit in kürzester Zeit ein Angebot geschaffen worden, das den derzeitigen Anforderungen exakt entspricht: „Mit „Berufe VR“ gelingt es, Jugendlichen und deren Eltern trotz der Corona-Beschränkungen einen realistischen Blick mitten ins Arbeitsleben zu verschaffen“, gibt sich Narr begeistert. Die Plattform wächst ständig weiter und wird laufend durch neue Videos und Informationen ergänzt. „Berufe VR“ ist so aufgesetzt, dass es jederzeit möglich ist, spezifische Inhalte zu kreieren und diese punktgenau auf aktuelle Bedürfnisse abzustellen“, so Narr.

Mittels Spezialkameras gelingt es, die Atmosphäre verschiedener Arbeitsumgebungen einzufangen und den Jugendlichen mit einer VR-Brille ein realistisches Bild zu vermitteln.
Mittels Spezialkameras gelingt es, die Atmosphäre verschiedener Arbeitsumgebungen einzufangen und den Jugendlichen mit einer VR-Brille ein realistisches Bild zu vermitteln.
© VRme/Mediasquad/Berufe-VR

Programmiert für verschiedene Endgeräte

Von allen Endgeräten ist mit Sicherheit das Erlebnis per VR-Brille am spektakulärsten. Der Nutzer ist ab der ersten Sekunde mitten im Geschehen. Mittels Augenbewegungen kann er aus verschiedenen Sparten wählen und immer weiter in einzelne Berufsfelder vordringen. Die Kurzvideos werden von Lehrlingen der jeweiligen Firmen vorgestellt, die User können den 360-Grad-Blick selbst steuern und hautnah erleben, wie es „in Echt“ im Berufsleben zugeht.

Die VR-Brille eignet sich für den Einsatz in Schulen genauso wie für die Berufsberatung am WK-Bildungsconsulting. Im Schnitt beträgt die Nutzungsdauer der VR-Brille fünfzehn Minuten. In dieser Zeit bietet „Berufe VR“ den Jugendlichen ein intensives Erlebnis und ermöglicht das Eintauchen in bis zu zehn Berufsfelder.

Made in Tyrol

Die beiden führenden Firmen bei diesem Projekt sind die Tiroler Firmen VRme und Mediasquad, beide Spezialisten auf dem Gebiet der Virtuellen Realität. Inhaber und Gründer der Innsbrucker Firma VRme Valentin Sysel gründete 2007 eine klassische Filmproduktion – brennweit medienproduktion – mit dem Focus Imagefilm. Beim ersten Aufsetzen eines Prototyps moderner VR-Brillen sah Valentin Sysel ungeheures Potential und beschloss, mit Partnern nicht nur 360° Filme zu drehen, sondern ganze „Experiences“ umzusetzen. VRme inszenierte bisher unter anderem Marken wie Mercedes-Benz, Nikon, Obergurgl/Hochgurgl, St. Anton am Arlberg sowie gemeinsam mit Mediasquad Alpbachtal/Seenland, EGLO Leuchten und Novartis. Mediasquad brennt für Virtual Reality und Augmented Reality.

Valentin Sysel, Inhaber VRme
Valentin Sysel, Inhaber VRme

Mit viel Liebe zum Detail, perfektem User-Experience-Design und gewürzt mit einer Prise Gamification werden dort virtuelle Präsentationen, Trainings, 3D Schauräume und Assessments erstellt. Deshalb vertrauen internationale Unternehmen wie BRP-Rotax, EGLO Leuchten, INNIO Jenbacher, Novartis und Swarovski auf die Expertise und Kreativität von Mediasquad, wenn es um ihre VR/AR Tools geht. Unter der Führung von Geschäftsführer Christoph Sitar konnte Mediasquad unter anderem 2017 den Tiroler Innovationspreis mit dem Projekt „Sandoz Virtual Reality Line-Clearance Training“ und 2020 den internationalen VR Award in der Kategorie „VR Enterprise Solution of the Year“ gewinnen.

Die beiden Unternehmen VRme und Mediasquad haben etwa zeitgleich 2015 ihre Geschäftsfelder auf Virtual Reality erweitert. Das Erfolgsrezept: Storytelling-Power aus Film und Fernsehen trifft Experience Design aus Gaming und 3D Visualisierung. Bei „Berufe VR“ kommen diese Potenziale voll zur Geltung.

Weitere Informationen: www.berufe-vr.at

Valentin Sysel (VRme) und Christoph Sitar (Mediasquad) im Kurzinterview

Inwiefern hat Corona die Entwicklung von „Berufe VR“ beeinflusst?

Sysel: Corona hat die Entwicklung sicher beschleunigt. Die Jugendlichen sind derzeit aufgrund der Kontaktbeschränkungen mit einer Unterbrechung in ihrer Orientierungsphase konfrontiert. „Berufe VR“ kommt jetzt genau richtig und schafft eine Möglichkeit, wie Schülerinnen und Schüler kontaktlos und trotzdem sehr plastisch in Berufswelten eintauchen und damit die Grundlage für ihre Berufs- und Bildungsentscheidung legen können. „Berufe VR“ wird jedoch mit Sicherheit auch nach Corona einen wichtigen Stellenwert in der Berufsorientierung einnehmen!

Welchen Stellenwert hat das Stichwort „Gamification“ bei diesem Projekt?

Sitar: Unsere Projekte beinhalten immer einen gewissen Grad an spielerischen Elementen. Der Anwender wird dadurch motiviert, die Aufgabe mit Spaß zu lösen. Dieser Mehrwert führt dazu, dass speziell Jugendliche „Berufe VR“ mit Begeisterung nutzen.

Was zeichnet die aktuelle VR-Lösung für Betriebsbesichtigungen aus?

Sysel: Wir schaffen es mit einer für den jeweiligen Benutzer sehr einfachen Menüführung in kürzester Zeit verschiedenste Arbeitswelten zu erleben. Wichtig war uns eine realistische Darstellung und keine Hochglanz-Bilder. Auch die Tatsache, dass Lehrlinge ihr Arbeitsleben den zumeist jugendlichen Nutzern präsentieren, macht das Erlebnis authentisch und animiert dazu, einen Blick in unterschiedlichste Arbeitsumgebungen zu werfen.

In diesem Zusammenhang ist folgender Begriff wichtig: Experience. Was steckt hinter diesem Wort?

Sitar: Die virtuelle Betriebsbesichtigung verläuft für jeden Nutzer anders. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich zu entscheiden, in welche Welt man eintauchen will. Dadurch wird „Berufe VR“ für jeden zu einem ganz individuellen.

Welche Überlegungen stecken hinter dem Button „auf gut Glück“?

Sysel: Nur wenige Jugendliche haben schon eine klare Vorstellung, welchen Berufsweg sie wählen möchten. „Auf gut Glück“ lässt sie in eine zufällig ausgewählte Berufswelt eintauchen. Das kann durchaus wertvoll sein. Etwa bei Mädchen, die sich aufgrund ihrer Sozialisation normalerweise nicht typische Männer-Berufe ansehen und so möglicherweise draufkommen, dass das genau das Richtige für sie wäre.

Unterscheiden sich das Erlebnis per VR-Brille und die Webversion sehr?

Sysel: Nicht für den Nutzer. Wir haben versucht, die beiden Welten im Erleben ähnlich zu gestalten. Folglich gibt es große Übereinstimmungen in der Bildsprache und den Wahlmöglichkeiten. Technisch handelt es sich um zwei völlig verschiedene Konzepte, die dahinterstehen. Aber davon merkt der Nutzer nicht viel – und das soll ja auch so sein.

Was raten Sie Jugendlichen: Per VR-Brille oder per Web einzusteigen?

Sitar: Jeder Kanal hat seine Vorteile. Die VR-Brille vermittelt ein extrem realistisches Bild und lädt geradezu zu einer Entdeckungsreise ein. Da VR-Brillen nur bei Institutionen verfügbar sind, die sich mit Berufsorientierung befassen und oft Schulklassen daran teilnehmen, entsteht ein starkes Gemeinschaftserlebnis, über das die Schülerinnen und Schüler auch im Nachhinein diskutieren. In diesem Umfeld ist auch eine direkte Beratung möglich. Die Webversion hat andere Voraussetzungen: „Berufe VR“ lässt sich zu Hause auf der Couch konsumieren. Das kann ein Vorteil für Jugendliche sein, die für ihre Entscheidungsfindung eine ruhige Umgebung und den Einstieg zu jeder Tages- und Nachtzeit bevorzugen. Die Webversion bietet auch die Möglichkeit, Inhalte gemeinsam mit den Eltern anzusehen. Es kommt also auf die Situation an, welches Endgerät gerade das Richtige ist.

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