WK-Präsident Christoph Walser
Kommentar

Das Ende des Inzidenz-Terrors

WK-Präsident Christoph Walser
© WK Tirol/Frischauf

Mehr Testungen führen logischerweise zu höheren Fallzahlen,“ ist Christoph Walser überzeugt.

KOMMENTAR

Täglich starren wir auf die neuesten Inzidenz- Zahlen – wie das Kaninchen auf die Schlange. Die steigende Tendenz ruft Experten auf den Plan, die aus ihrem Tunnelblick heraus das Wort „Zusperren“ ausrufen. Virologen, Epidemiologen und Komplexitätsforscher verstehen natürlich ihr Fach, keine Frage. Aber sie sehen sich nicht die ökonomischen, psychischen und sozialen Folgen von Lockdowns an.

Das ist  auch nicht ihr Job – das ist die Aufgabe der Politik. Die muss in einer ganzheitlichen Sicht eine Abwägung treffen. Dazu gehört zum einen, dass die Inzidenzzahlen nicht das Maß aller Dinge sind. Alle Experten konstatieren, dass mehr Testungen logischerweise auch zu höheren Fallzahlen führen. Österreich ist Test-Weltmeister – aber trotzdem werden die Inzidenzzahlen auf dieselbe Ebene gestellt wie bei Staaten mit spärlicher Testaktivität. Es kommt nicht auf eine abstrakte Zahl an, sondern darauf, ob die Kapazitäten des Gesundheitssystems  gefährdet sind oder nicht.

WK-Präsident Christoph Walser

Zum Glück hat das die Politik endlich erkannt und will sich bei den Öffnungsschritten nach Ostern weniger an der Inzidenz, sondern an der Auslastung der Intensivmedizin orientieren. Das ist wesentlich praxisgerechter als bisher und aufgrund der steigenden Durchimpfung älterer Menschen auch erreichbar. Zum anderen gibt es viele Hinweise darauf, dass die Wirtschaft nur einen kleinen Teil der Infektionen verursacht. Das belegen aktuelle AGES-Clusteranalysen ganz klar: 68 Prozent aller Infektionen passierten zuletzt im Haushalt, 15 Prozent in der Freizeit, Stichwort Corona-Partys, die jetzt an allen Ecken und Enden aufpoppen.

Die Präventionsmaßnahmen und die Eintrittstests funktionieren – und das würden sie nicht nur im Handel und bei den persönlichen Dienstleistern, sondern auch im Tourismus und den Freizeit- und Sportbetrieben. Wir müssen, wie auch die anerkannte Tiroler Mikrobiologin und Hygienikerin Cornelia Lass-Flörl in dieser Ausgabe sagt, lernen, mit dem Virus zu leben. Alles andere ist Inzidenz-Terror. Dieser lässt sich nur noch vom Verhalten unserer deutschen Nachbarn übertreffen: Obwohl Tirol wesentlich niedrigere Zahlen als so manches deutsche Bundesland hat, werden die Grenzschikanen weitergeführt. In Tirol sind 3,5 Prozent der Infektionen der südafrikanischen Variante zuzuschreiben, im Saarland 15 Prozent. Da fehlt jede Verhältnismäßigkeit.

Da es um Existenzen geht und viele Tiroler Betriebe aufgrund der unfairen Praxis wichtige Aufträge und Kunden verlieren, besteht dringender Handlungsbedarf. Wir müssen die Zeit bis zum Sommer mit einem Fokus auf regionale Gegebenheiten überstehen und öffnen, wo es möglich ist. Der Schaden ist bereits riesig – aber ein „jetzt ist’s eh schon wurscht“ ist völlig unangebracht. Wir müssen jeden einzelnen Euro in den kommenden Jahren wieder hereinverdienen. Und das geht nur, wenn die Betriebe einigermaßen heil aus dieser Krise kommen.

E christoph.walser@wktirol.at

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