Perspektiven

Teil-Qualifizierung – eine Chance für alle

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Teilqualifizierungen und Lehrverträge mit verlängerter Lehrzeit ermöglichen auch Jugendlichen mit Benachteiligungen die Absolvierung einer dualen Ausbildung.

Seit vielen Jahren ist die Teilqualifizierung fixer Bestandteil des Bildungssystems, nur kaum ein Unternehmer weiß davon. Um Jugendlichen, die nicht in der Lage sind, eine vollständige Lehrausbildung zu absolvieren, eine Berufsausbildung zu ermöglichen, wurden diese entsprechenden Berufsausbildungen entwickelt. „Dieser Ausbildung liegt eine individuelle Ausbildungsplanung zu Grunde. Gemeinsam mit dem Jugendlichen, der Familie und dem Lehrbetrieb wird das Berufsbild des Lehrberufs auf jene Bereiche reduziert, die den Potenzialen des Jugendlichen entsprechen. Hier werden nur bestimmte Teile des Lehrberufes erlernt. Die Ausbildungsziele werden vorher genau festgelegt“, erklärt Karin Heinisch, von der arbas Arbeitsassistenz Tirol gGmbH.

Individuell zugeschnitten

Florian ist 19 Jahre jung und hat eine Teilqualifizierung zum Betriebslogistikkaufmann bei der Frauenthal Service AG in Kematen absolviert „Florian hat bei uns im Lager den vollen Überblick“, erzählt Ausbildnerin Karin Holzhammer. „Das Berufsbild wurde genau auf Florians Bedürfnisse zugeschnitzt. Er weiß genau, wo sein Arbeitsbereich ist und welche Teile sich dort befinden, wie diese versand- und lieferfertig verpackt werden müssen. Er muss gar nicht die ganze Bandbreite des Lehrberufs können, denn er ist fokussiert und seine Aufgaben erfüllt er zu 105 Prozent.“

Je nach Können des Jugendlichen beträgt die Ausbildungszeit ein bis drei Jahre. Am Ende der Ausbildung wird über die erlernten Teile des Berufes eine Abschlussprüfung abgelegt. Betriebslogistikkaufmann ist ein sehr anspruchsvoller Lehrberuf. Der Arbeitstag beginnt um kurz nach 9 Uhr und hört um 18:30 Uhr auf. „Wenn die Logistik nicht funktioniert, wird das sehr teuer. Denn das Material muss bis 7 Uhr früh auf die Baustellen geliefert werden, denn sonst kann dort nicht gearbeitet werden. Florian hat ein unglaublich gutes Raumvorstellungsvermögen. Er hat ein Gefühl dafür, wie groß die verschiedenen Materialien sind und welche Kartons er dafür braucht“, erklärt Karin Holzhammer.

Alles im Überblick. Florian weiß im Lager genau, wo er alles findet. Unterstützung bekommt er von seiner Ausbildnerin Karin Holzhammer (r.) und dem ganzen Team.
Alles im Überblick. Florian weiß im Lager genau, wo er alles findet. Unterstützung bekommt er von seiner Ausbildnerin Karin Holzhammer (r.) und dem ganzen Team.
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TQ = Talentequalifizierung

Die Teilqualifizierung wird bei der Frauenthal Service AG auch gerne „Talentequalifizierung“ genannt, da genau auf diese eingegangen wird. Bevor Florian in der Firma anfangen konnte, wurde dies im Team besprochen und mögliche Unsicherheiten aus dem Weg geräumt. Florian hat im September seine Teilqualifizierungsausbildung abgeschlossen und wurde vom Unternehmen übernommen: „Seit Florian bei uns ist, hat sich das Miteinander geändert. Es ist immer ein höflicher und humorvoller Umgang. Wir sind ein kunterbuntes Team und das macht unseren Charme aus“, freut sich Karin Holzhammer. „Unser Unternehmen hat die Größe, dass wir uns Zeit für eine Teilqualifizierungsausbildung nehmen können. Von der Arbeitsassistenz, der Bildungsabteilung der WK Tirol und auch von den Berufsschulen haben wir große Unterstützung bekommen. Hier braucht es einfach ein Miteinander und es war von Anfang an die richtige Entscheidung.“

Ausgezeichneter Erfolg. Landesinnungsmeister-Stv. Josef Miller (l.) und Fachgruppen-GF Christian Ladner gratulieren Ausbilder Johannes Bair (r.) und Thomas mit einer Urkunde und einem WIFI-Gutschein.
© WK Tirol

Verlängerte Lehrzeit

Alle, die zum Lernen etwas mehr Zeit brauchen, haben die Möglichkeit eine verlängerte Lehre zu absolvieren. Bei der verlängerten Lehre wird die Lehrzeit meist um ein Jahr verlängert. Es wird ein vollwertiger Lehrabschluss erreicht. Thomas Kuprian absolviert seit Mai 2018 eine verlängerte Lehre als Tapezierer und Dekorateur bei der Firma Raumausstattung Johannes Bair in Ötztal-Bahnhof. „Thomas hat Schwierigkeiten im Bereich der visuell-räumlichen Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit. Aufgrund des Corona-Lockdowns musste er zudem, wie viele andere, beide Lehrgänge der zweiten Klasse Berufsschule zur Hälfte im distance learning absolvieren“, erklärt Innungsmeister-Stv. Josef Miller. Mit Unterstützung vom Projekt LernWerk und durch die Begleitung der Berufsausbildungsassistenz der Arbeitsassistenz Tirol konnte er die an ihn gestellten Aufgaben sehr gut bewältigen. „Dank seines Ehrgeizes und Fleißes gelang es Thomas Kuprian, die schulischen Arbeitsaufträge zur größten Zufriedenheit zu erledigen, und konnte so die zweite Klasse Berufsschule mit ausgezeichnetem Erfolg abschließen.“

Weitere Infos zur Ausbildung

Teilqualifizierung

Dabei lernen die Lehrlinge nur Teile eines Lehrberufes. Wie lange die Ausbildung dauert, wird individuell zwischen ein und drei Jahren vereinbart und zuvor in einem Ausbildungsvertrag festgehalten. Am Ende der Lehrzeit legen die Lehrlinge eine Abschlussprüfung ab und erhalten ein Zertifikat der WKO.

Verlängerte Lehrzeit

Wer für den Lehrabschluss mehr Zeit benötigt, für den gibt es die verlängerte Lehre. Dabei wird die Lehrzeit um ein Jahr, in Ausnahmefällen auch um zwei Jahre verlängert. Die Lehrlinge haben dadurch mehr Zeit, die Lehrinhalte zu lernen und die Lehrabschlussprüfung erfolgreich abzuschließen.

Arbas Arbeitsassistenz Tirol GmbH

Arbas ist eine gemeinnützige Organisation im sozialen Dienstleistungsbereich. Sie richtet sich an Menschen, die aufgrund einer Beeinträchtigung Unterstützung im Arbeitsleben suchen. Gefördert wird diese durch das Sozialministeriumservice Tirol.

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