Christoph Walser, Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer (m.) gemeinsam mit Stefan Garbislander, Leiter Wirtschaftspolitik, Innovation & Strategie (r.) und Gregor Leitner, Leiter der Außenwirtschaft in der WK Tirol.
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Wirtschafts-Lage bringt Licht und Schatten

Christoph Walser, Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer (m.) gemeinsam mit Stefan Garbislander, Leiter Wirtschaftspolitik, Innovation & Strategie (r.) und Gregor Leitner, Leiter der Außenwirtschaft in der WK Tirol.
© WK Tirol/Die Fotografen

Die WK Tirol zog nach einem Jahr Pandemie Bilanz über die Auswirkungen auf den Standort Tirol und blickte auf die Aussichten für die kommenden Monate.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die damit verbundenen Restriktionen treffen die Tiroler Branchen in unterschiedlichem Ausmaß. Neben vielen massiven Problemen gibt es auch einige Hoffnungsträger und Konjunkturstützen.

In der heutigen Online-Pressekonferenz stellten WK-Präsident Christoph Walser, der Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik, Innovation & Strategie Stefan Garbislander sowie der Leiter der Abteilung Außenwirtschaft Gregor Leitner die Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage der Wirtschaftskammer Tirol und die Folgen der aktuellen Grenzbeschränkungen nach Deutschland und Italien vor.

Bauwirtschaft und Industrie stützen die Konjunktur

Präsident Walser zeigte in einem Rückblick die enormen Herausforderungen für die Betriebe auf, die mit laufend wechselnden Bedingungen und einer Abfolge von Lockdowns zurechtkommen mussten. „Von der Krise sind sämtliche Branchen betroffen, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung“, erklärte Walser. Während im Dienstleistungssektor 39 % der Tiroler Leitbetriebe von einer schlechten wirtschaftlichen Lage ihres Unternehmens berichten, sind es im Produktionsbereich nur 19 Prozent. 38 Prozent der Produktionsunternehmen melden sogar eine gute wirtschaftliche Lage; im Dienstleistungssektor ist es nur jedes vierte Unternehmen. Besonders betroffen ist aufgrund der Betretungsverbote der Tourismus: für 86 Prozent ist die wirtschaftliche Lage schlecht. Konjunkturstützen sind nach wie vor das Gewerbe, die Bauwirtschaft und die Industrie.

WK-Präsident Christoph Walser
WK-Präsident Christoph Walser

Hoffnungsschimmer Sommersaison

Als Lichtblick bezeichnete Walser den massiven Ausbau der Testinfrastruktur und die zu erwartende Entlastung durch zunehmende Impfungen. Die Hoffnung liegt auf einer weitgehenden Durchimpfung bis zum dritten Quartal, was eine normale Wintersaison ermöglichen würde. Der WK-Präsident zählt auch darauf, dass die Rahmenbedingungen eine Sommersaison zulassen werden.

„Die Betriebe brauchen dringend eine zeitnahe Perspektive und müssen wieder Geld verdienen können. Bei vielen sind die Reserven nach einem Jahr Pandemie aufgebraucht“, so Walser. Der Optimismus ist berechtigt, denn auch der Sommer 2020 verlief den Umständen entsprechend erfreulich: „Trotz des Arbeitens unter Corona-Bedingungen und eines verspäteten Starts konnte Tirol im Sommer 2020 15,5 Millionen Nächtigungen verzeichnen. Das kommt immerhin in die Nähe der 22 Millionen Nächtigungen, die Tirol in „normalen“ Sommern zählen kann“, so Walser.

Der Sommer 2020 hat damit gezeigt, dass die Wirtschaft schnell wieder Fahrt aufnehmen kann, sobald die Einschränkungen durch die Pandemie geringer werden. Das erwartet der Präsident auch für den kommenden Neustart. Für Walser hängt alles von der raschen Verfügbarkeit der Impfstoffe ab.  Was das Verhältnis zu Deutschland und insbesondere Bayern betrifft, will Walser nach vorne blicken: „Wir müssen das Gespräch suchen und in Zukunft gemeinsame Lösungen finden – von denen man bei den derzeitigen Einreiseverboten und Quarantäneverpflichtungen nicht sprechen kann“, betont der WK-Präsident.

Deutsche Grenzregelungen klar diskriminierend

Außenwirtschafts-Experte Gregor Leitner erläuterte die aktuellen Regelungen im Detail: „Deutschland spricht zwar von „Grenzkontrollen“ – in der Praxis handelt es sich allerdings um Grenzschließungen für Nordtiroler. Bei allem Verständnis für gesundheitspolitisch notwendige Maßnahmen ist das massive Einreiseverbot unverhältnismäßig und überschießend, da es in der Praxis die allermeisten beruflich notwendigen grenzüberschreitenden Reisen verbietet.“

Das betrifft zum einen die Einreise. Deutschland hat ein grundsätzliches Einreiseverbot für Personen aus Virusvariantengebieten erlassen – Ausnahmen gibt es nur sehr wenige (Deutsche Staatsangehörige, Personen mit Wohnsitz in Deutschland, Personen im Güterverkehr, Gesundheitspersonal, systemrelevante Grenzgänger). Dieses Einreiseverbot widerspricht der EU-Ratsempfehlung. Das bedeutet in der Praxis, dass unter anderem Vertriebstätigkeiten, Kundenbesuche, Montagetätigkeiten, mobile Dienstleitungen oder die Abnahme von Projekten nicht möglich sind.

Außenwirtschafts-Experte Gregor Leitner
Außenwirtschafts-Experte Gregor Leitner

Auch die Durchreise durch Deutschland ist bis auf wenige Ausnahmen untersagt. Das reicht von – beruflichen und privaten – Fahren über das Deutsche Eck über Transitreisen durch Deutschland bis hin zu Flugreisen vom Flughafen München. Zum anderen bestehen Quarantäneverpflichtungen in deutschen Bundesländern. Das führt in Summe dazu, dass beruflich bedingte Reisen bis auf ganz wenige Ausnahmen in der Praxis nicht möglich sind – was für viele Tiroler Firmen zu massiven Schäden führt. Dazu kommt noch eine Ungleichbehandlung: Das französische Département Moselle, das ebenfalls als Virusvariantengebiet in Deutschland gelistet ist, wird nicht mit Einreiseverboten und Grenzkontrollen belegt. Tirol fordert daher das Ende der Diskriminierung seitens Deutschlands.

Entwicklung im Grenzverkehr als entscheidender Faktor

Näher auf die wirtschaftliche Lage ging der Chefvolkswirt der WK Tirol Stefan Garbislander ein: „Der Geschäftsklimawert – das ist der Mittelwert zwischen aktueller Lage und den Erwartungen für das kommende Quartal – verbesserte sich gegenüber dem Sommer 2020 zwar um 5 Prozentpunkte leicht, bleibt aber mit -4 Prozentpunkten im negativen Bereich. Industrie, Gewerbe und Bauwirtschaft bewahren derzeit Tirol vor einem noch massiveren Einbruch der Wirtschaftsleistung.“

Stefan Garbislander, Leiter der Wirtschaftspolitik & Strategie, WK Tirol
Chefvolkswirt der WK Tirol Stefan Garbislander

Eine zentrale Rolle für eine Erholung spielt die Entwicklung beim Grenzverkehr. Sollten die Auswirkungen der Beeinträchtigungen des Grenzverkehrs auf dem Produktionssektor nachhaltig negativ sein, ist mit keinem realen Wirtschaftswachstum für Tirol im Jahr 2021 zu rechnen.

Falls die Beeinträchtigungen mit April 2021 beendet sein sollten und zudem ab Sommer 2021 eine schrittweise Erholung auch im Dienstleistungsbereich ermöglicht wird, scheint ein Wachstum von bis zu 2 Prozent im Jahresdurchschnitt noch erreichbar. „Der durchgreifende Wirtschaftsaufschwung wird erst im Jahr 2022 stattfinden. Dann ist aus heutiger Sicht mit einem realen Wachstum von rund 5 Prozent in Tirol zu rechnen“, schätzt Garbislander die weitere Entwicklung ein.