„Müssen lernen, mit Virus zu leben“

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Reisewarnungen sollten ebenfalls eine akute und kurzfristige Waffe im Kampf gegen Corona sein.
Reisewarnungen sollten ebenfalls eine akute und kurzfristige Waffe im Kampf gegen Corona sein
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Die Hygienikerin und Mikrobiologin Cornelia Lass-Flörl erklärt, wie Öffnungen gelingen können, welchen Stellenwert Testungen einnehmen und wie die Entwicklung weitergehen kann.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Wie stehen Sie zu den Forderungen nach Öffnung seitens Hotellerie, Gastronomie und der Freizeitbetriebe?

Cornelia Lass-Flörl: Ich habe großes Verständnis für diese Forderungen; ich persönlich bin auch dafür, Betriebe schrittweise wieder aufzumachen. Allerdings müssen die begleitenden Hygienemaßnahmen (max. Personenanzahl, Distanz zwischen den Tischen, Lüftung, Kontaktnachverfolgung, …) bestens funktionieren und umgesetzt werden. Wenn nötig, muss auch kontrolliert werden.

Mit dem Wechselspiel (Lockdown-Öffnung) erhält man immer das gleiche Resultat: Auf sinkende Zahlen im Lockdown folgen steigende Zahlen bei Öffnungen. Daher kann der Lockdown nur eine Akutmaßnahme sein (Verhinderung der Überlastung der Krankenanstalten). Wichtig ist, dass wir besser verstehen wo und wann sich die Menschen tatsächlich infizieren – damit wir gezielt selektive Maßnahmen setzen und weitere Lockdowns verhindern können.

Zu Kollateralschäden und „Nebenwirkungen“ der Lockdown-Strategie haben wir auch wenig Fakten; ich bin mir aber sicher, dass wir rasch einen politisch, gesellschaftlich und infektiologisch sinnvollen Weg aus der Pandemie benötigen. Dazu gehören meiner Meinung nach ein transparenter Langzeitplan sowie ein verbindlicher Stufenplan, der vorgibt, was wann lokal zu tun ist.

Wie bewerten Sie die Sicherheitskonzepte der Tourismusbranche im Sommer/Herbst 2020?

Ich kenne das Tiroler-Konzept, und finde dies sehr gut. Allerdings gibt es immer schwarze Schafe, die sich nicht an die Regeln halten und dann das ganze System zum Kippen bringen. Wir müssen an der „Compliance der Maßnahmen“ arbeiten.  Corona wird sich nicht ausrotten lassen. Es braucht pragmatischen Strategien und Lösungsansätze, die festlegen, ab welchen „kombinierten Inzidenzwerten“ etwas zugelassen bzw. wann nachgeschärft werden muss. Dies eröffnet den Menschen eine klare Perspektive und motiviert Corona-Regeln einzuhalten.

Wie bewerten Sie das aktuelle Covid-Konzept der Tourismusbranche?

Das Schlagwort lautet: „Öffnen mit Corona-Konzept“! Die selektiven Maßnahmen fungieren als Sicherheits-puffer und sollten ein vorsichtiges Öffnen ermöglichen.

Ich halte es aber für wichtig, Maßnahmen zu evaluieren; wie zB das Tragen von FFP2 Masken im Alltag. Ich beobachte mit großer Sorge, dass die Menschen diese Masken oft unterhalb der Nase tragen bzw. diese oft mit den Händen nachadjustieren. Beides ist aus der Sicht der Infektionsprävention nicht optimal!

Welchen Einfluss haben die massiv gestiegenen Testungen auf die Inzidenzzahlen?

Die Anzahl der Teste hat einen großen Einfluss auf die Inzidenz. Als Arzt interessiert aber vor allem die Erkrankung! Deswegen ist es wichtig, bei allen Bewertungen und Maßnahmen die stationären und intensivmedizinischen Belegungen einzubeziehen. Die Zahl der Neuinfektionen wird nie zuverlässig vergleichbar sein, weil sie von der absoluten Zahl an Tests abhängt.

Würden intensive Testungen in der Gastronomie auch einen Beitrag zur allgemeinen Sicherheit leisten?

Testen wird Teil von selektiven Maßnahmen sein, um „Öffnungen“ zu ermöglichen.

Aber man müsste diese Maßnahmen auch wissenschaftlich begleiten; es sollte evaluiert werden, was das Testen, Testen, Testen (bei Gesunden) letztendlich für einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen bzw. auf die Infektionsprävention hat.

Hygienikerin und Mikrobiologin Cornelia Lass-Flörl
Hygienikerin und Mikrobiologin Cornelia Lass-Flörl

Was zählt wirklich: Inzidenz 50 (oder gar 35) – oder die Kapazitätsgrenzen des Gesundheitssystems?

Der Grenzwert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner ist wohl eher ein von der Politik definierter Grenzwert. Er wird aber von vielen als ein wissenschaftlicher Grenzwert wahrgenommen – dazu sind mir keine Daten bekannt. Neben Inzidenzwert, R-Faktor, Durchimpfungsrate und Teststrategie muss auch die Auslastung der Krankenhäuser berücksichtigt werden.

Wie sehen Sie die bestehenden Reisewarnungen? Und wie schätzen Sie die weiteren Entwicklungen ein?

Letztes Jahr gegen Ende vom Sommer kam es durch die verstärkte Reisetätigkeit auch zu einer erhöhten Virusaktivität in Österreich; dies ist mit harten Daten und Fakten über die AGES evaluiert worden. Meiner Meinung nach hat dies mit der erhöhten Mobilität der Menschen zu tun. Natürlich kann es dadurch zum Eintrag von Mutanten bzw. neuen Virusvarianten kommen. Eine Reisewarnung soll eine akute und kurzfristige Waffe im Kampf gegen Corona sein.

Aber dabei muss immer die Verhältnismäßigkeit im Fokus stehen. Kann man in einem offenen Europa überhaupt die Verbreitung verhindern? Man soll nicht den Fehler machen, zu glauben, dass man Tirol isoliert sehen kann. Selbst wenn es kurzfristig gelingt, eine Variante fernzuhalten, wird das wahrscheinlich nicht dauerhaft gelingen. Das heißt aber nicht, dass lokale Maßnahmen zur Eindämmung nicht sinnvoll sind.

Gesellschaftlich wird der Umgang mit Corona immer schwieriger, Angst und Spaltung sind im Anmarsch. Dabei müssen wir lernen unser Leben mit dem Virus zu gestalten, denn es wird bleiben. Nur mit Planbarkeit und Perspektiven können wir Zuversicht aufbauen, nebenbei müssen wir weiter impfen! Ich halte ein „lokales Agieren“ für das Um und Auf im Kampf gegen die Pandemie. Das Reisen in Hochinzidenzgebiete sollte unterlassen werden, weil der Erwerb einer Infektion zu groß ist.

Die Gastronomie betont immer wieder, dass die Möglichkeit für Treffen Restaurant und Wirtshaus wesentlich mehr Sicherheit schafft als eine Verschiebung dieser Aktivitäten in den Privatbereich. Wie bewerten Sie dieses Argument?

Ja, Restaurants mit guten Corona-Vorkehrungen könnten sicherer sein als der häusliche Bereich. Ich sehe gewisse Risiken bei überfüllten Lokalen und lautem „Halli-Galli“. Es muss uns gelingen die Menschen von der Wichtigkeit der Maßnahmen zu überzeugen – nur so können wir die Pandemie gemeinsam bekämpfen. Wenn wir das verinnerlichen werden wir einen anderen Umgang mit dem Virus bekommen; ein „Leben mit dem Virus“ muss uns bestmöglich gelingen.

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