WK-Präsident Christoph Walser
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„Regeln mit Augenmaß und Hausverstand“

WK-Präsident Christoph Walser zählt auf die Eigenverantwortung und die Solidarität der Tirolerinnen und Tiroler.
© WK Tirol/Andreas Amplatz

Präsident Christoph Walser erklärt im Interview, warum die Wogen hochgegangen sind, wie die Verschärfungen in Tirol zu beurteilen sind und welche Schritte für die Zukunft nötig sind.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Warum waren die Diskussionen der letzten Tage derart emotional?

WK-Präsident Christoph Walser: Es waren turbulente Tage – schließlich war nicht einmal klar, ob die Betriebe, die sich gerade auf das Öffnen vorbereitet haben, wirklich aufsperren können. Das hätte einen riesigen Schaden verursacht und wäre für viele Firmen und Zigtausende Arbeitsplätze existenzgefährdend gewesen. Als Kammerpräsident bin ich den heimischen Betrieben verpflichtet. Mein Ziel war es, die drohende Verlängerung des Lockdowns um einen weiteren Monat für unsere Händler und körpernahen Dienstleister abzuwenden, auch wenn rückblickend betrachtet die eine oder andere Äußerung emotional geraten ist.

Sie haben von einem „Zahlensalat“ gesprochen …

Es gibt leider noch immer unterschiedliche Zahlen und widersprüchliche Aussagen, auch von Experten. Das nährt natürlich die Verunsicherung und reißt Gräben auf. Die in meinem ZiB2-Interview verwendeten Daten wurden ja von der Ages bestätigt. Es gab zu diesem Zeitpunkt 163 vollsequenzierte und damit bestätigte Fälle der Mutation, davon waren acht aktiv positiv. Damit sich Missverständnisse und gegenseitige Vorwürfe in Zukunft nicht laufend wiederholen, brauchen wir unbedingt eine einheitliche Zahlenbasis zwischen Bund, Land und Ages.

WK-Präsident Christoph Walser

Vergangene Woche wurden weitere Verschärfungen für Tirol vorgestellt. Wie beurteilen Sie diese neuen Maßnahmen?

Wir haben seit März letzten Jahres jede einzelne Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie mitgetragen. Das ist auch diesmal so. Viele Maßnahmen sind aber aus Unternehmersicht nicht fertiggedacht und erfolgen extrem kurzfristig. Das erzeugt viel Unverständnis und verlorene Kosten bei Mitarbeitern und Unternehmern. Auch außerhalb unserer Grenzen kommt es laufend zu schwer nachvollziehbaren Entscheidungen.

Wie etwa das Einreiseverbot nach Bayern?

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Berufspendler mit Vorlage eines negativen Tests von Reiseverboten ausgenommen sind. Das sieht auch die EU-Kommission so. Jetzt haben wir eine unglaublich komplizierte Regelung, die Unmengen an Bürokratie und Unsicherheit produziert, was dem Ganzen überhaupt nicht mehr angemessen ist. Wir brauchen einfache, praxistaugliche Regeln mit Augenmaß und Hausverstand. Zum Glück sind in den vergangenen Jahren die Grenzen innerhalb Europas zugunsten des Lebens und Arbeitens in gemeinsamen Wirtschaftsräumen mehr und mehr verschwunden.Bei aller Notwendigkeit, die Pandemie zu bekämpfen, darf diese Errungenschaft jetzt nicht willkürlich zerstört werden.

Warum wollen Sie, dass auch Einreisende aus Deutschland einen negativen Covid-Test vorweisen?

Das soll verhindern, dass symptomfreie Infizierte ins Land kommen, die dann erst bei der Ausreise aus Tirol positiv getestet werden. Denn dann würde es natürlich fälschlicherweise heißen, dass sich diese Personen in Tirol angesteckt haben. Solange an den Grenzen Tests verlangt werden, muss das wohl in beide Richtungen gelten.

WK-Präsident Christoph Walser

Wie soll künftig mit derartigen Situationen umgegangen werden?

Österreich und auch viele andere Länder entscheiden immer völlig unvorbereitet, wenn es neue Entwicklungen gibt. Das führt dann zu hektischen Verhandlungen und unüberlegten Schnellschüssen. Der Komplexitätsforscher Peter Klimek, der dem Covid-Prognose-Konsortium des Gesundheitsministeriums angehört, geht davon aus, dass weitere Mutationen nur eine Frage der Zeit sind. Ich finde seine Forderung einleuchtend, dass wir in diesen Fällen nicht jedes Mal das Rad neu erfinden müssen, sondern einen konkreten Aktionsplan dafür brauchen. Klimek geht hier einen sehr praxistauglichen Weg, indem er nicht am „Auf- und Zusperrrad drehen“ will, sondern auf regionale Maßnahmen setzt. Diese haben wir mit den verpflichtenden Ausreisetests aus Tirol und ergänzenden Maßnahmen im Bezirk Schwaz getroffen.

Wie soll es in den kommenden Wochen weitergehen?

Wir dürfen auf keinen Fall lockerlassen, sonst waren sämtliche Entbehrungen und Verluste der letzten Monate umsonst. Es geht um viel – um unsere Wirtschaft, um unsere Arbeitsplätze, und vor allem um die Gesundheit aller im Land Lebenden.
Ich bitte daher die Betriebe und alle Tirolerinnen und Tiroler, die Corona-Regeln ernst zu nehmen. Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können!

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