Trennend und verbindend zugleich - die Zugspitze kann durchaus als geografisches Sinnbild für die engen Beziehungen zwischen Bayern und Tirol gesehen werden.
Panorama

Bayern und Tirol: Gemeinsamer Spirit

Trennend und verbindend zugleich - die Zugspitze kann durchaus als geografisches Sinnbild für die engen Beziehungen zwischen Bayern und Tirol gesehen werden.
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Aller Corona-bedingter Restriktionen zum Trotz funktioniert das Zusammenspiel in den Grenzregionen relativ friktionsfrei. Die Verbindungen zwischen Bayern und Tirol sind zu stark, als dass sie durch die Krise in eine Krise gestürzt werden könnten.

Seine Sprüche erheitern das Leben. Vor allem, wenn es gerade nicht ganz so heiter ist. „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch“, sagte der legendäre bayerische Komiker Karl Valentin etwa. Oder: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Die Bayern mögen das Erbe ihres genialen Wortkünstlers. Und die Tiroler mögen es auch, ist ihnen die humorige Welt der nördlichen Nachbarn doch viel näher, als jene der Wiener, deren Schmäh im westlichen Bergland nicht wirklich wirkt.

Die geografische Nähe ist wohl ein Grund dafür, dass sich die Tiroler in Bayern oder die Bayern in Tirol nicht fremd fühlen. Vom „Alten Peter“, dem Turm der ältesten Pfarrkirche Münchens aus, kann bei klarem Wetter bis zu den Tiroler Alpen geblickt werden. Umgekehrt gibt es zahlreiche Gipfel der Grenzregion, die den Blick bis zur Hauptstadt des Freistaates Bayern eröffnen, die dem Land Tirol so nah ist, dass die Krümmung der Erde keine Rolle spielen kann. Kein Wunder, grenzt Tirol im Norden doch ausschließlich an Bayern und teilt mit dem Nachbarland Berge, Flüsse, Wälder und noch mehr. „Unsere Mentalität ist ähnlich“, weiß der stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister des Freistaates Bayern, Hubert Aiwanger, der im Interview mit der Tiroler Wirtschaft (siehe unten) zudem festhält: „Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen sind sehr eng – gerade auf lokaler Ebene.“

Sprache der Wirtschaft

Die Verflechtungen, die Aiwanger anspricht, werden durch die Pandemiesituation auf die Probe gestellt und durch politische Querschüsse auch strapaziert. „Dass man auf Ebene der Handelskammern sehr sachlich diskutieren und viele Dinge, die sonst politisch mitschwingen, ausklammern kann, ist ein großer Vorteil“, stellt Christoph Walser fest. Der Präsident der WK Tirol bezieht sich dabei unter anderem auf ein Gespräch, mit dem die Grenzen nach Bayern vor kurzem erst per Videocall übersprungen und wichtige Themen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit behandelt wurden.

Auf bayerischer Seite nahmen Hubert Aiwanger und Manfred Gößl teil. Aiwanger ist Staatsminister im flächengrößten und mit rund 13 Millionen Einwohnern zweitbevölkerungsreichsten deutschen Land. Manfred Gößl ist Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern, die mit rund 400.000 Mitgliedsunternehmen die größte IHK Deutschlands ist.
Auf österreichischer Seite gesellten sich Christoph Walser und der Präsident der WK Salzburg, Peter Buchmüller, in die hochkarätig besetzte Runde.

„Es ist sehr wichtig, dass man auf dieser Ebene im Austausch bleibt und wir werden das regelmäßiger und öfter machen, denn es ist jetzt und in der Zeit nach der Krise besonders wichtig, die guten Verbindungen zu unserem Nachbarland zu pflegen“, so Walser.
Sein IHK-Kollege sieht das ziemlich ähnlich. „Grundsätzlich unterstützen wir alle Initiativen, die uns auf unserem gemeinsamen Weg als Nachbarn voranbringen und in denen auch die in manchen Punkten durchaus verschiedenen Interessenslagen ausgelotet werden können“, sagt Manfred Gößl. Und weiter: „Es ist zum allergrößten Teil wunderbar, wie unsere Regionen vor allem seit dem EU-Beitritt Österreichs 1995 noch enger zusammengewachsen sind. Beide Seiten haben daraus viele Vorteile gezogen und neue Stärke gefunden.“

IHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl
IHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl

Alpenländischer Spirit

Mit dem EU-Beitritt und dem Verschwinden der Grenzbalken wurde das wirtschaftliche Alltagsleben vor allem in den Grenzregionen, wie dem Außerfern, dem Seefelder Plateau, der Achensee-Gegend und natürlich dem Tiroler Unterland, unkomplizierter. Das leichte Prickeln beim Schmuggeln ging endgültig verloren und mit der Einführung des Euro im Jahr 2002 verlernten die Grenzkinder auch das Umrechnen „von Schilling in D-Mark“ – ein Automatismus, der früheren Generationen ins Blut übergegangen war. Parallel zu dieser neuen Unkompliziertheit wurden auf wirtschaftlicher Ebene unzählige Verbindungen geknüpft, die über die Jahre zu starken, pulsierenden Strängen wurden.

„Wir sind froh, dass die IHK München und die WK Tirol mit ihrem permanenten und sehr vertrauensvollen Erfahrungsaustausch zu allen Fachthemen zu diesem Erfolg beitragen konnten, unter anderem bei regelmäßigen Treffen des Außenwirtschaftsforums Bayern-Österreich. Besonders wichtig für den Austausch sind ebenfalls die Euregio-Netzwerke“, verweist Gößl auf eine Ebene, die das Gemeinsame über vermeintlich Trennendes stellt.

In Brüssel wird die dortige Bayerische Landesvertretung seit zehn Jahren auch für gemeinsame Veranstaltungen mit der WKO und WK Tirol genutzt. „Unsere Zusammenarbeit auf EU-Ebene ist so intensiv, dass manche in Brüssel schon scherzhaft von der ‚Alpenländischen Landesvertretung“ sprechen. Was uns da enorm stärkt, sind unsere Gemeinsamkeiten und ähnlichen Wirtschaftsstrukturen. Außerdem hilft uns natürlich die kulturelle Nähe, bis hin zur gemeinsam gelebten, sehr persönlichen Beziehungskultur. Dieser alpenländische Spirit wird uns auch in Zukunft beflügeln, denn es gibt sicherlich Herausforderungen“, spricht Gößl etwa die Verkehrsproblematik an oder die Herausforderung, den grenzüberschreitenden Austausch von Dienstleistungen und Arbeitnehmern möglichst bürokratiefrei zu halten: „Auch der Klimawandel und nachhaltiger Tourismus sind Themen, denen wir uns verstärkt grenzüberschreitend stellen müssen.“

Vollkommen friktionsfrei

Dabei sind die bestehenden Netzwerke von besonderer Bedeutung. „Die Euregio-Akteure vor Ort kennen sich meist seit Jahrzehnten, da richten die Corona-Bedingungen keinen Schaden an“, weiß Fritz Staudigl, Vorstand der Abteilung Südtirol, Europaregion und Außenbeziehungen im Amt der Tiroler Landesregierung. Staudigl kennt die Vernetzungen Tirols mit allen und auch den Bayern wie kaum ein anderer und er hält mit Blick auf die aktuelle Ausnahmesituation fest: „Auf Beamtenebene funktionieren die Kontakte perfekt. Das ist vollkommen friktionsfrei. Wir haben Ansprechpartner, mit denen wir bilateral ständig in Kontakt sind – etwa wenn es darum geht, wer wann wohin fahren darf. Auch im Arge Alp-Bereich funktioniert das total problemlos.“

Die Arge Alp, mit der dem Umstand Rechnung getragen wurde, dass unzählige Folgen ökonomischer, umweltbezogener und gesellschaftlicher Entwicklungen nicht an Staatsgrenzen halt machen und die Alpenländer gemeinsame Probleme gemeinsam lösen sollten, wurde 1972 gegründet. Bayern war Gründungsmitglied. „Nächstes Jahr feiern wir 50 Jahre Arge Alp und arbeiten gerade ein Programm aus“, so Staudigl.

Der „Mister EU“ des Landes sieht in Bayern, das mehr Einwohner hat als Österreich, so etwas wie den großen Bruder Tirols – mit allen emotionalen Problemen, die man mit größeren Geschwistern eben hat. Staudigl: „Sie hängen den großen Bruder aber nicht raus, außer bei politischen Muskelspielen. Wenn man den großen Bruder provoziert, reagiert er halt wie ein großer Bruder, Doch die persönlichen und politischen Beziehungen zu Bayern sind natürlich in Ordnung. Man kann ohne schön zu färben sagen, dass wir gute Nachbarn sind.“

WK-Präsident Christoph Walser
WK-Präsident Christoph Walser

Beispiel Außerfern/Allgäu

In den Grenzregionen hat sich unter der Europäischen Flagge ein quirliges Leben entwickelt. Gerade erst wurde das Kooperationsprogramm Interreg V-A Österreich Bayern 2014-2020 abgeschlossen, in dessen Rahmen 54,5 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung in grenzüberschreitende Projekte geflossen sind. Prioritäten der neuen Förderperiode 2021-2027 sind unter anderem „Gemeinsamer Abbau von Grenzhindernissen“, „Zukunftsfähige und kompetente Unternehmenslandschaft im Programmraum“ oder „Innovatives und zugängliches grenzüberschreitendes Wissenssystem“.

Mit diesen Zielen trifft das Programm punktgenau in den Bedürfniskatalog grenzüberschreitender Wirtschaftsräume. Wie beispielsweise jenem hinter dem Fernpass. Die Außerferner werden von den „Kerntirolern“ oft ein wenig mitleidig betrachtet – gerade so, als würden sich hinter den Grenzen Schluchten auftun oder Drachen hausen. Weder das eine noch das andere ist der Fall. Hinter den Grenzen öffnet sich mit dem Allgäu eine Region mit über 660.000 Einwohnern. „Wir haben einen einzigen ganzjährig befahrbaren Übergang ins Inntal und sieben nach Deutschland“, stellt Wolfgang Winkler klar und sagt: „In meinen Augen liegen wir zentral, nicht Innsbruck. Nach München oder Bregenz fahre ich fast gleich lang, wie in die Tiroler Landeshauptstadt.“

Winkler ist Leiter der WK-Bezirksstelle Reutte und als solcher ein Experte dabei, Grenzen zu überwinden mit dem großen Ziel, dass sie gänzlich verschwinden. Dass die Pandemie mit all ihren Fesseln auch und vor allem das Außerfern trifft, liegt auf der Hand. „Doch wir als Wirtschaft versuchen, die Restriktionen abzubauen“, so Winkler. Für einen Stillstand ist das lebendige Zusammenspiel der beiden Regionen viel zu stark und viel zu alltäglich. Nicht nur in menschlicher, sondern vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Bezirksstellenleiter Wolfgang Winkler

Die Verzahnungen der großen Leitbetriebe des Außerfern und des Allgäu über die Grenzen hinweg sind vielschichtig. In beide Richtungen wird intensiv gependelt. „Auch im Lehrlingsbereich. Bei unserem alljährlichen Lehrlingswettbewerb hat beispielsweise jeder vierte Preisträger die deutsche Staatsbürgerschaft“, lenkt Winkler den Blick auf den Bildungsbereich, an dessen Kompatibilität auf mehreren Ebenen intensiv gearbeitet wird. Ausbildungsinhalte auf die Bedürfnisse der Unternehmen zuzuschneiden steht ganz oben auf der Agenda.

Und mit der HTL Reutte, die 2020 mit 34 Schülern loslegen konnte, wird ein Schultypus angeboten, dessen Abgänger in den grenznahen Betrieben sehr geschätzt werden. Doch es passiert noch viel mehr. Bei der grenzüberschreitenden Messe, der Wirtschaftsmeile Außerfern, sind 10 Prozent der Stände schon traditionell mit Allgäuer Unternehmen „besetzt“. Als Highlight stach 2019 die von der WK Reutte in Kooperation mit der IHK und der Allgäu GmbH organisierte Geschäftskontaktmesse „Topf sucht Deckel“ heraus, bei der die Hälfte der Teilnehmer aus dem Allgäu anreisten. Und neue Kontakte knüpften. Und am gemeinsamen Netzwerk arbeiteten. „Das hat sehr gut funktioniert. Wir wollen das jetzt online probieren“, so Winkler. Die Arbeit an der Intensivierung des grenzüberschreitenden Zusammenspiels läuft weiter auf Hochtouren. Trotz oder sogar wegen Corona.

Doppelt gehegt und gepflegt

„Ich wage die These, dass unsere Verbindungen durch die Corona-Krise sogar noch gestärkt werden können“, blickt IHK-Geschäftsführer Gößl positiv in die Zeit nach der Pandemie. Durch die aktuellen Probleme werde deutlich, wie eng und selbstverständlich die Verflechtungen und die Interdependenz der Regionen bereits sind, weswegen die Wertschätzung dafür zulege und die Verflechtungen nach der Corona-Krise „doppelt gehegt und gepflegt“ werden müssten.

Wirtschaftliche Chancen ortet Gößl beispielsweise in der Tatsache, dass sich Unternehmen eher wieder Lieferanten im engeren Umkreis suchen und zurück in der Gegenwart hält er abschließend fest: „In Sektoren wie dem Tourismus sieht man allerdings besonders deutlich, wie eng wir aufeinander angewiesen sind. Ich kann versichern, dass wir Bayern genauso sehnsüchtig wie die Tiroler Hoteliers und Seilbahnbetreiber auf ein Ende der Corona-Beschränkungen warten und der Nachholbedarf sowie die Freude auf ein Wiedersehen äußerst groß ist.“ Damit spricht er auch den Tirolern aus dem Herzen.

Staatsminister Hubert Aiwanger
Freie Wähler/Hubert Aiwanger
Interview mit Staatsminister Hubert Aiwanger
Staatsminister Hubert Aiwanger
Freie Wähler/Hubert Aiwanger

Im Interview mit der Tiroler Wirtschaft weist Hubert Aiwanger, stellvertretender bayerischer Ministerpräsident und Wirtschaftsminister des Freistaates, auf die engen Verknüpfungen zwischen Bayern und Tirol hin. Er sagt: „Ich bin zuversichtlich, dass die Grenzregionen nach der Pandemie weiter zusammenwachsen.“

Zwischen den Bayern und den Tirolern gibt es – nachbarschaftlich und historisch bedingt – zahlreiche Gemeinsamkeiten. Welche Eigenschaften sind es Ihrer Meinung nach, die die Menschen der beiden Länder auszeichnet und von anderen unterscheidet?

Die Menschen in beiden Regionen leben nach der Maxime „nicht lange reden, sondern anpacken“. Unsere Mentalität ist ähnlich, die Menschen sind fleißig. Traditionen werden hochgehalten, dennoch sind wir offen für Innovationen.

Die grenzüberschreitenden Bande sind in den vergangenen Jahren noch enger geworden. Pendler überschreiten täglich in beide Richtungen die Grenze und es werden zahlreiche kleine Impulse gesetzt, um die Zusammenarbeit zu intensivieren. Wie werden derartige Initiativen von der Bayerischen Staatsregierung bewertet?

Grenzüberschreitendes Leben und Arbeiten ist für viele Bürgerinnen und Bürger dank der europäischen Integration längst selbstverständlich. Gerade deshalb schmerzen alle Einschränkungen aufgrund der aktuellen Pandemiesituation. Als Staatsregierung unterstützen wir grundsätzlich alle Initiativen, die zu einer noch besseren Zusammenarbeit zwischen Bayern und Tirol, aber natürlich auch mit dem Salzburger Land oder Oberösterreich, führen. Es gibt zahlreiche bilaterale und multilaterale Kommissionen, die den Abbau bürokratischer Hürden zum Ziel haben und Lösungen schaffen sollen, das grenzüberschreitende Leben und Arbeiten zu erleichtern.

Was sind – nachdem die Pandemie überwunden wurde und das grenzüberschreitende Leben wieder flüssiger ist – Ihre Erwartungen an die Grenzregionen? Worin steckt Potenzial?

Ich bin zuversichtlich, dass die Grenzregionen nach der Pandemie weiter zusammenwachsen. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen sind sehr eng – gerade auf lokaler Ebene. Zum Einkaufen von Kufstein nach Kiefersfelden oder zur Arbeit von Mittenwald nach Seefeld, das ist längst Normalität. Das wird auch Corona nicht ändern. Und je enger wir auf allen Ebenen zusammenarbeiten, desto besser können wir auch gemeinsame Herausforderungen wie beispielsweise den Güterverkehr über den Brenner angehen.