Brexit Großbritannien
Panorama

Nach Brexit wird’s für Tiroler Exporteure schwieriger

Großbritannien ist seit 1. Jänner nicht mehr Teil des gemeinsamen EU-Marktes. Tirols Exporteure müssen sich darauf einstellen.
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Großbritannien hat mit 1. Jänner den Binnenmarkt verlassen. Für Tiroler Exporteure ergeben sich dadurch neue bürokratische Hürden, die zwar eine Herausforderung darstellen, aber bewältigbar sein sollten.

Etliche heimische Unternehmer hatten bis zuletzt gehofft, dass ein Freihandelsabkommen zwischen EU und UK alle Austritts-Nachteile reparieren würde. So ist es nun aber nicht, sagt Christian Kesberg: „Wir haben die Unternehmen die letzten vier Jahre lang auf den Worst Case vorbereitet, und der ist jetzt leider eingetreten.“

Das Freihandelsabkommen zwischen EU und Großbritannien ist die Basis für alles Künftige, doch außer Zöllen und Quoten hat es nichts an den Austritts-Schwierigkeiten geglättet. Und jetzt verbinden sich die Austrittseffekte auch noch mit den Schwierigkeiten der Corona-Situation, die in Großbritannien besonders gravierend waren.

Immerhin: Die großen heimischen Großbritannien-Exporteure, die auch für über 90 Prozent der Ausfuhren verantwortlich sind, haben sich gut vorbereitet und sind jetzt auch gut aufgestellt, berichtet Kesberg. Viel schwieriger stellt sich die Situation aber für klein- und mittelständische Unternehmen dar, die nur sporadisch in den UK-Raum exportieren und die vielleicht in ihrer Geschäftstätigkeit überhaupt noch nie den Binnenmarkt der EU verlassen haben.

Christian Kesberg, Wirtschaftsdelegierter in London
Christian Kesberg, Wirtschaftsdelegierter in London

Aber: Die Fußangeln sind bewältigbar, das erfordert jedoch zeitlichen und finanziellen Aufwand, sagt Kesberg: „Das Geschäft mit Großbritannien wird schwieriger und teurer, aber es ist nicht unmöglich oder unlukrativ.“ Vor allem Nischenanbieter, wie sie in Tirol vorhanden sind, haben Chancen, wenn sie in Großbritannien in ihrer Nische nur wenig Konkurrenz haben. Denn die Konkurrenten aus anderen EU-Ländern sind durch den Brexit mit den gleichen Schwierigkeiten belastet wie Unternehmen aus Tirol, gibt Kesberg zu bedenken.

Allerdings: Die neuen finanziellen Aufwendungen vor allem für die Export- und Zollbürokratie reduzieren die Margen der Tiroler Exporteure. Eventuell schaffen es einige mit der Zeit, diese Kosten auf die Preise aufzuschlagen, aber in der aktuellen auch durch Corona belasteten Situation wird das zumeist nur schwer möglich sein, meint Kesberg.

Brexit: die Knackpunkte

Knackpunkt Nummer eins sind seit heuer die Abwicklung des Zollverfahrens, Drittlandsgeschäfte und die Zollvoranmeldung. Nach der zumeist gewählten Liefervariante ist jetzt die Einfuhrabwicklung durch den Exporteur notwendig. Österreichischen Unternehmen, die eine Niederlassung in Großbritannien haben, tut das nicht besonders weh. Andere brauchen aber einen Zollagenten, der nicht nur die Abwicklung übernimmt, sondern auch für die Steuerschuld haftet.

Knackpunkt Nummer zwei ist, dass viele Erleichterungen bei der Umsatzsteuer wegfallen, von der Steuerrückvergütung bei Geschäftsreisen bis zum Reverse-Charge-Verfahren. Dieser Wegfall trifft z. B. den Versandhandel massiv, sagt Kesberg. Auch Dreiecksgeschäfte (wenn der Verkäufer nicht der Lieferant ist) werden schwieriger in der Abwicklung.

Knackpunkt Nummer drei ist für viele große österreichische Unternehmen ein Problem: Die kurzfristige Entsendung von Mitarbeitern zur Montage fand bisher vielfach mit Hilfe von Subunternehmen statt. Das ist nach den Regeln des Immigration Laws jetzt nicht mehr möglich. Möglich ist aber weiterhin, dass etwa ein Tiroler Tischler seine eigenen Leute für bis zu sechs Monate zur Montage schickt. Es sind dabei zwar mehr Zettel auszufüllen als bisher, aber diese Variante geht weiterhin.

Knackpunkt Nummer vier ist die jetzt fehlende Anerkennung von Berufsqualifikationen. Für viele UK-Exporteure, die zum ersten Mal außerhalb des EU-Binnenmarkts operieren, ist das ein Problem, sagt Kesberg.

Ein Spezial-Knackpunkt betrifft Frächter und Spediteure, vor allem die Kleinunternehmen, wie Kesberg sagt: Einige brachte die Komplexität des neuen Papierkriegs an die Grenze ihrer bürokratischen Leistungsfähigkeit.

Online-Info und AC-Kontakt

Kesbergs Ratschlag für alle aktiven oder künftigen Exporteure: gründliche Vorinformation über alle Brexit-Regelungen über die guten Zusammenfassungen auf wko.at/aw/gb bzw. wko.at/brexit. Auf Basis dieser Lektüre können Unternehmen dann mit sehr konkreten Fragen das AußenwirtschaftsCenter (AC) in London kontaktieren.

Dietmar Gratl, Liebherr Telfs
Dietmar Gratl, Liebherr Telfs

Gut vorbereitet

Große Tiroler Exporteure kommen recht gut zurecht mit dem Brexit, wie Dietmar Gratl vom Liebherr-Werk in Telfs zeigt: Das Unternehmen hat dieser Tage bereits einige Raupenfahrzeuge nach England geliefert: „Die Situation im Export ist für uns geklärt“, sagt Gratl. Zwar dauerte es etwas, bis die englischen Zollcodes EDV-mäßig implementiert waren, aber der Export war für Liebherr Telfs kein Problem. Sehr wohl schwieriger wurde der Import, weil die englischen Lieferanten Probleme hatten, die mit dem Brexit neu fällig gewordenen Ursprungsbestätigungen aufzustellen, berichtet Gratl.

Dank der guten Brexit-Vorbereitung glaubt er, dass sich die Zollbürokratie für Liebherr nicht verteuern wird. Sehr wohl sei aber eine Verteuerung der Frachten nach England zu befürchten, weil die Frächter möglicherweise die Kosten für die längeren Warte- und Transportzeiten umwälzen könnten.

Martin Klingler, Egger St. Johann
Martin Klingler, Egger St. Johann

Martin Klingler vom Eggerwerk in St. Johann kann ebenfalls berichten, dass Egger sehr gut auf den Brexit vorbereitet war und heuer auch schon etliche Lieferungen nach Großbritannien abgewickelt hat. Egger ist mit Niederlassungen, aber auch mit Produktionswerken in Großbritannien vertreten, besitzt grenzüberschreitende Bewilligungen für den Export sowohl von Österreich als auch von den deutschen Egger-Werken aus, übermittelt die Zollanmeldungen über einen Zollbroker und sieht sich so für den Brexit bestens gerüstet.

Wo es Probleme gibt: Die nach England geschickten Lkw-Trailer kommen aus England nur zögerlich zurück, denn die britischen Zollbehörden sind nicht nur durch den Brexit, sondern auch noch durch die massive Covid-Situation belastet, wie Klingler berichtet.

Jürgen Hofer vom Innsbrucker Weinhandelshaus Gottardi berichtet, dass man noch vor Weihnachten Lieferungen nach Großbritannien abgewickelt habe. Die Briten fragten damals, also noch vor dem Brexit, schon nach Zollnummern. Wie Gottardi reagieren wird, wenn heuer eine Anfrage aus Großbritannien kommt, werde man dann im Einzelnen besprechen, sagt Hofer: „Aber wenn es sehr aufwändig wird, dann sagen wir lieber ,Danke, Nein‘.“

Die Parameter zur korrekten Ein- und Ausfuhr der Waren für den UK-Export waren erst sehr spät bekannt und mussten teilweise noch adaptiert werden: „Dies hat auf allen Seiten zu einer großen Unsicherheit geführt, vor allem auch weil der Informationsfluss nur eingeschränkt möglich war“, berichtet Tamara Felder von der Felder Group in Thaur. Zollagenten und Lkw-Wartezeiten sorgen für Mehrkosten. Felder hofft aber, die Exportmengen halten zu können.

MEP Barbara Thaler
Pristach
Kolumne von Barbara Thaler: Brexit und weiter?
MEP Barbara Thaler
Pristach

Die Tiroler EU-Abgeordnete Barbara Thaler berichtet direkt aus dem europäischen Parlament über das Abkommen zum Brexit.

Es war der 23. Juni 2016, an dem sich knapp 52 Prozent Prozent der Briten in einer Volksabstimmung für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden haben. Von diesem Tag an war der Brexit real. Viele von uns waren geschockt, dass so etwas in der Geschichte der EU passiert. Unsicherheit darüber, wie es weitergeht machte sich breit. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es beim Brexit keine Gewinner, sondern nur Verlierer gibt. Aber alles der Reihe nach.

Laut EU-Verträgen haben Mitgliedsstaaten für den Austritt zwei Jahre Zeit. Aus diesen zwei Jahren wurden durch viele Fristverlängerungen rund 4,5 Jahre, da eine Einigung zwischen der EU und Großbritannien in vielen Punkten mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Über den Fahrplan, die besondere Situation von Nordirland und die Fischerei wurde viel gestritten. Trennung tut weh. Der 31.12.2020 war dann letztendlich der Stichtag für den Austritt. Vorher herrschte noch langes Zittern, weil ein „Hard Brexit“ im Raum stand, der noch größeren Schaden angerichtet hätte. Das in letzter Minute beschlossene Abkommen regelt die Gestaltung der künftigen Handelsbeziehungen und ist bereits vorläufig in Kraft. Jetzt werden die knapp 1.250 Seiten noch vom EU-Parlament geprüft und voraussichtlich stimmen wir im Februar darüber ab. Das EU-UK Abkommen kam sehr spät, aber besser spät als nie.

Das Vereinigte Königreich hat somit den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion verlassen. Dadurch profitiert Großbritannien nicht mehr vom Grundsatz des freien Warenverkehrs. Das bedeutet, dass wir trotz des Abkommens mit erheblichen Hindernissen rechnen müssen. Die direkten Nachbaren trifft es bereits besonders hart: In den ersten beiden Wochen des Jahres blieben durch Lieferengpässe viele Supermarktregale in Irland leer. Zudem gibt es keinen einheitlichen Verkehrsbinnenmarkt für Transportunternehmer mehr. Das bedeutet nicht nur große Hindernisse für den Warenhandel, sondern auch für die Mobilität. Nicht auszudenken, wenn am Übergang Dover-Calais in Stoßzeiten durchschnittlich bis zu 10.000 Lastwagen am Tag abgefertigt werden sollen. Hier wird das geflügelte Wort „Auf Sicht fahren“ vom Namen zum Programm.

Seit einigen Wochen versuche ich selbst erfolglos ein Weihnachtspacket nach Großbritannien zu verschicken. Ein innereuropäischer Austausch des 21. Jahrhunderts sieht wahrlich anders aus.
Auch in Bezug auf Dienstleistungen wird das Leben nicht einfacher, schließlich gibt es zukünftig keine Erleichterungen bei der Anerkennung von Berufsqualifikationen mehr. Die so lange und hart erstrittene Roaming-Gebühren-Befreiung entfällt ebenso. Ein großer Wermutstropfen ist, dass das Vereinigte Königreich beschlossen hat, nicht mehr an dem Austauschprogramm Erasmus teilzunehmen. Zu allem Überfluss wird bei einem Aufenthalt, der länger als 90 Tage andauert, sogar ein Visum fällig. Ganz zu schweigen von den Kosten für Arbeitsvisa.

Insgesamt wird es die Reisefreiheit, wie wir sie innerhalb der EU kennen, nach Großbritannien so nicht mehr geben. In Zukunft werden sich also viele gewohnte Dinge ändern. Zusätzlich spüren wir den Austritt Großbritanniens beim EU-Bruttoinlandsprodukt und das hat Auswirkungen auf die wirtschaftliche Bedeutung der Europäischen Union.

Für mich zeigt sich, dass wir uns noch stärker bewusst sein sollten, wie wichtig und bereichernd – bei all den Problemen die es zu lösen gibt – eine vereinte Europäische Union ist. Damit es in Zukunft wieder mehr Gemeinschaftsgefühl, statt Trennungsschmerz heißt.

E barbara.thaler@europarl.europa.eu

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