WK-Präsident Christoph Walser
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„Wir können nicht bis zum Sommer zusperren“

WK-Präsident Christoph Walser fordert eine ehestmögliche Öffnung der Betriebe, um die heimische Wirtschaft „von der Intensivstation wieder hin zu einem Genesungsprozess zu bringen“.
© Daniel Zangerl

WK-Präsident Christoph Walser erklärt, wo die Tiroler Wirtschaft derzeit steht, wie die Strategie für die kommenden Monate aussehen muss und welche Nachbesserungen es bei den Unterstützungen braucht.

INTERVIEW

wirtschaft.tirol: Das neue Jahr ist jetzt gerade ein Monat alt. Wo stehen wir derzeit und wie sehen die Aussichten für 2021 aus?

WK-Präsident Christoph Walser: Tirol verzeichnete im Jahr 2020 einen Wirtschaftseinbruch von historischem Ausmaß. In Summe ist die Wirtschaftsleistung um zehn Prozent zurückgegangen, deutlich stärker als im Österreichschnitt mit 7,5 Prozent. Die Arbeitslosenquote erreichte im Jahr 2020 mit acht Prozent den höchsten Wert seit 1950.

Eine spürbare Erholung ist für die zweite Jahreshälfte zu erwarten. Insgesamt wird sich für das Jahr 2021 ein leichtes Wirtschaftswachstum von real rund zwei Prozent ergeben – falls es gelingt, die Pandemie im Laufe des Jahres zu beenden. Der durchschlagende Wirtschaftsaufschwung wird dann erst im Jahr 2022 stattfinden; dann ist aus heutiger Sicht mit einem realen Wachstum von rund fünf Prozent in Tirol zu rechnen. Diese Entwicklung führt auch dazu, dass die Arbeitslosigkeit nur sehr langsam sinken wird. Im Jahresdurchschnitt 2021 ist eine Arbeitslosenquote von 7,5 Prozent realistisch.

Was bedeutet es für Tirol. dass die Wintersaison praktisch ausfällt?

Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Reisebeschränkungen noch länger andauern und wir mit einem Totalausfall der Wintersaison rechnen müssen. Ein Nächtigungsrückgang von 90 Prozent würde einen Wertschöpfungsverlust von rund 5,2 Milliarden Euro beziehungsweise 48.000 Vollzeit-Arbeitsplätzen bedeuten; davon sind alleine im Sektor Beherbergung und Gastronomie über 21.000 Vollzeit-Arbeitsplätze betroffen. Das hat in der Folge auch Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit, vor allem im Baubereich.

WK-Präsident Christoph Walser

Welche Folgen hat die aktuelle Verlängerung des Lockdowns?

Das ist eine weitere bittere Pille, welche die Wirtschaft zu schlucken hat. Die Betriebe leisten seit Monaten ihren Beitrag, um die Lage in den Griff zu bekommen. Jeder Einzelne muss jetzt durch die Einhaltung der Corona-Grundregeln mithelfen, damit das nicht umsonst ist und die heimischen Firmen in der zweiten Februarwoche endlich wieder aufsperren können. Das wird nämlich nur dann der Fall sein, wenn sich bis dorthin die Infektionszahlen auf niedrigem Niveau bewegen. Jede Woche weiterer Lockdown ist für die Betriebe und das Staatsbudget eine enorme Belastung. Die aktuelle Verlängerung bedeutet immerhin Planungssicherheit, selbst wenn wir uns eine andere Entscheidung gewünscht hätten. Jetzt wissen die Betriebe, was sie in den kommenden Wochen erwartet. Und wir können über neue Entschädigungsmodelle mit der Politik verhandeln – denn die wird es dringend brauchen.

Um die heimische Wirtschaft von der Intensivstation wieder hin zu einem Gesundungsprozess zu bringen, müssen wir sobald wie möglich öffnen – mit allen Mitteln, die uns derzeit zur Verfügung stehen, auch wenn nichts davon ein Allheilmittel ist: Abstand, Präventionskonzepte, Registrierungen, Contact-Tracing, Tests. Wir können Österreich nicht bis zum Sommer zusperren und müssen uns wohl oder übel in den kommenden Monaten noch mit Corona arrangieren, bevor uns die Durchimpfung von diesem Alptraum befreit.

Bleiben wir gleich beim Thema: Wie bewerten Sie die aktuellen Hilfsprogramme?

Die Politik hat ein international beachtetes Auffangnetz gespannt – auch wenn die jetzigen Lösungen nicht für alle passend sind. Ein Blick in die Nachbarländer zeigt aber, dass die Unterstützung in Österreich weitaus besser ist als in anderen Staaten. Der immer wieder ausgepackte Vorwurf der „sozialen Kälte“ ist bei uns definitiv nicht angebracht. Unsere Wirtschaft ist jedoch sehr vielfältig – da muss noch einiges nachgebessert und adaptiert werden.

Wo liegen die Knackpunkte bei den Förderungen?

Manche Hilfszahlungen fließen zu langsam oder gar nicht. So gibt es teilweise noch keine Auszahlungen des Fixkostenzuschusses 1 und auch der Umsatzersatz für den November ist zum Teil noch ausständig. Die staatliche Finanzierungsagentur Cofag scheint völlig überfordert und die Unternehmer müssen lange Wartezeiten bei Anfragen hinnehmen. Diese Situation ist für die Betriebe nicht zumutbar. Wir brauchen rasche Hilfen, sonst ist es für zahlreiche Firmen zu spät.

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Welche Einzelbereiche machen bei den Hilfszahlungen die größten Probleme?

Der Teufel liegt im Detail. Es hakt beispielsweise im Falle von Betriebsübernahmen beziehungsweise Umgründungen. Sobald es sich nicht um eine Gesamtrechtsnachfolge, sondern um eine Einzelrechtsnachfolge handelt, gibt es massive Probleme. Hier sollte unseres Erachtens nach auf die vergleichbare wirtschaftliche Einheit abgestellt werden. Auch Finanzstrafen sind problematisch, da sie ab einer bestimmten Höhe einen Ausschlussgrund für Unterstützungsleistungen darstellen. Hier stellt sich die Frage der Rechtmäßigkeit einer doppelten Bestrafung. Gar nicht geht, dass dieser Ausschlussgrund auch bei einer Rechtsnachfolge gilt.

Klarstellungen sind auch beim Fixkostenzuschuss im Bereich Hotellerie, bei Umsätzen österreichischer Unternehmen im Ausland und bei Standorterweiterungen nötig. Dringend erforderlich ist zudem die Verlängerung von Fristen und Erleichterungen in Bauverfahren in Zusammenhang mit der Investitionsprämie. Wir warten auch hart auf die ausständige Richtlinie bei den Hilfen für indirekt betroffene Betriebe. Wir sind in all diesen Punkten im laufenden Austausch mit Politik und Behörden und machen Druck auf nötige Nachbesserungen, wie sie uns bereits in den Vormonaten in vielen Fällen gelungen sind.

Wie reagiert die WK auf die besondere Situation?

Nach einer massiven Ausweitung des Serviceangebots im vergangenen Jahr wird die WK Tirol auch heuer der verlässliche Partner für die Betriebe sein. Information, Beratung und Begleitung werden ganz auf die Bedürfnisse der Unternehmen abgestimmt. Und im Bereich Bildung werden digitales Lernen und Online-Angebote zur Berufsorientierung weiter ausgebaut. Der Sommer 2020 hat gezeigt, dass die Wirtschaft schnell anzieht, wenn die Einschränkungen durch Corona verschwinden. Ich bin optimistisch, dass das auch 2021 passieren wird.

Werden auch positive Effekte aus der Krise übrigbleiben?

Es dürfte inzwischen auch den letzten Wirtschaftskritikern klar geworden sein, dass sich Einkommen und Wohlstand nur mit einem starken Standort und gesunden Betrieben erzielen lassen. Was ebenfalls über die Krise hinauswirken wird, ist die Tatsache, dass die Digitalisierung einen massiven Schub erhalten hat. Diese Entwicklung wird uns in den kommenden Jahren helfen. Und schließlich hat die Krise das Bekenntnis „Ja zu Tirol“ gestärkt. Vielen Menschen ist erst durch die Corona-Pandemie richtig bewusst geworden, wie wichtig funktionierende regionale Wirtschaftskreisläufe sind, um Arbeitsplätze im Land zu sichern und neue zu schaffen.

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