WK-Präsident Christoph Walser und Stefan Garbislander, Leiter Wirtschaftspolitik & Strategie (v.l.).
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Tirols Wirtschaft am Wendepunkt der Corona-Pandemie

Die Tiroler Wirtschaft im Jahr 2021: WK-Präsident Christoph Walser (li.) und Stefan Garbislander, Leiter Wirtschaftspolitik & Strategie
© WK Tirol/Die Fotografen

Tirol verzeichnete im Jahr 2020 mit einem Minus von 10 Prozent einen Wirtschaftseinbruch von historischem Ausmaß. Für heuer wird ein kleines Plus erwartet.

Tirol verzeichnete im Jahr 2020 einen Wirtschaftseinbruch von historischem Ausmaß. In Summe ist die Wirtschaftsleistung in Tirol im Jahr 2020 um zehn Prozent zurückgegangen, deutlich stärker als im Österreichschnitt (7,5 Prozent). Die Arbeitslosenquote erreichte im Jahr 2020 mit acht Prozent den höchsten Wert seit 1950. Die Tiroler Exporte verringerten sich 2020 um rund fünf Prozent auf 11 Milliarden Euro – das ist aufgrund des starken Pharma-Sektors deutlich weniger als im Österreich-Durchschnitt (11 Prozent).

Tirols Wirtschaft ist überproportional betroffen

Im Gegensatz zur Wirtschaftskrise 2009/2010 ist die Tiroler Wirtschaft dieses Mal überproportional betroffen. 40 Prozent der gesamten Wertschöpfung Tirols in Höhe von 31 Milliarden Euro werden von wirtschaftsbezogenen Dienstleistungen erzielt. Besonderes Beherbergung, Gastronomie, Seilbahnwirtschaft und Handel sind im Vergleich zu anderen Bundesländern in Tirol stark ausgeprägt. „Unsere Struktur erweist sich oft als Vorteil gegenüber anderen Standorten. Diesmal bewirkt sie leider das Gegenteil“, erklärt WK-Präsident Christoph Walser. Bei den Unterstützungen konnte die Wirtschaftskammer in vielen Gesprächen mit der Politik für die Betriebe bestmögliche Lösungen erreichen. Noch unbefriedigend sind für Walser allerdings die Unterstützungen für Zulieferbetriebe. „Vor allem für den Sporthandel ist der geforderte Nachweis der 50-prozentigen Abhängigkeit vom Tourismus in der Praxis schwer zu erbringen“, fordert Walser eine Nachbesserung.

Erholung in der zweiten Jahreshälfte erwartet

Der Ausblick auf 2021 ist aufgrund der gestarteten Impfung vorsichtig optimistisch: „Aus heutiger Sicht werden die massiv nachteiligen Effekte der Covid-19 Pandemie bis zumindest zur Jahresmitte 2021 anhalten. Dies trifft vor allem den Tiroler Tourismus“, erklärt der Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik und Strategie, Stefan Garbislander. Eine spürbare Erholung ist für die zweite Jahreshälfte zu erwarten. Insgesamt wird sich für das Jahr 2021 ein leichtes Wirtschaftswachstum von real rund zwei Prozent ergeben – falls es gelingt die Pandemie im Laufe des Jahres zu beenden. Der durchgreifende Wirtschaftsaufschwung wird dann erst im Jahr 2022 stattfinden; dann ist aus heutiger Sicht mit einem realen Wachstum von rund fünf Prozent in Tirol zu rechnen. Diese Entwicklung führt auch dazu, dass die Arbeitslosigkeit nur sehr langsam sinken wird. Im Jahresdurchschnitt 2021 ist eine Arbeitslosenquote von 7,5 Prozent realistisch.

WK-Präsident Christoph Walser
WK-Präsident Christoph Walser

Betriebe können sicheres Öffnen gewährleisten

Der erweiterte Lockdown ist ein herber Schlag für die Tiroler Betriebe. „Zu lang, zu wenig strikt“, fasst Walser die Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft zusammen. Walser weist darauf hin, dass die Tiroler Betriebe in allen Branchen über professionelle Präventions- und Sicherheitskonzepte verfügen und am 18. Jänner geöffnet werden sollten. Der Präsident setzt große Hoffnung in die Impfung. „Wir müssen hier so rasch und professionell wie möglich vorgehen. Die Impfung ist die einzige Chance, die Krise nachhaltig zu überwinden“, hält Walser fest. Der WK-Präsident fordert vor allem seitens des Gesundheitsministeriums genauere und praxisgerechte Informationen.

„Wir brauchen ein Ende des Zickzackkurses und klare Ansagen. Die wichtigste Aufgabe der Politik in den kommenden Monaten ist es, Vertrauen zu schaffen und die Bevölkerung wieder ins Boot zu holen. Das ist besonders in Hinblick auf die Bereitschaft zur Teilnahme an Testungen und Impfungen entscheidend“, so Walser. Die diskutierten Eintrittstests etwa in der Gastronomie hält Walser für die bessere Alternative als weitere Lockdowns. Aus seiner Sicht ist eine Unterstützung der Betriebe bei den Kontrollen zumutbar.

Szenarien für die Wintersaison

„Dass wir heuer noch eine wirtschaftlich tragbare Wintersaison zustande bringen, ist unrealistisch“, erklärt Walser. Für die Wintersaison 2020/2021 rechnet die WK Tirol mit einem Nächtigungsrückgang von 70 Prozent – falls die Pandemie nennenswerte Nächtigungen aus dem Ausland Ende Februar/Anfang März zulässt. Bei diesem Szenario würde sich ein Wertschöpfungsverlust von rund vier Milliarden Euro ergeben. Insgesamt würden damit über 37.000 Vollzeit-Arbeitsplätze in Tirol verloren gehen. Für den Fall, dass die Reisebeschränkungen bis Ende März 2021 andauern werden, ist ein Nächtigungsrückgang von 90 Prozent für die gesamte Wintersaison zu erwarten, was einem Totalausfall gleichkommt. Das würde einen Wertschöpfungsverlust von rund 5,2 Milliarden Euro bzw. 48.000 Vollzeit-Arbeitsplätzen bedeuten; davon alleine im Sektor Beherbergung und Gastronomie von über 21.000 Vollzeit-Arbeitsplätzen. Ein Ausfall der Wintersaison hat in der Folge auch Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit, vor allem im Baubereich, weist Walser hin.

Lehrlingsausbildung in Corona-Zeiten

Der Einbruch der Konjunktur schlägt sich auch in der dualen Ausbildung nieder – im ersten Lehrjahr sind die Lehrlingszahlen um 9,7 Prozent zurückgegangen. „Ich ersuche die Betriebe, trotz der schwierigen Situation, möglichst Lehrlinge auszubilden. Sobald nach Ende der Pandemie die Wirtschaft wieder anzieht, wird auch das Thema des Fachkräftemangels wieder akut. Unternehmen, die an der Ausbildung ihres Fachkräftenachwuchses dran bleiben, werden hier die Nase vorne haben“, erklärt Walser.

 

Mehr Informationen: Zahlen, Daten & Fakten zum Wirtschaftsstandort Tirol im Winter 2020/21